27.02.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Tanz mit dem Motorrad

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27.02.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Tanz mit dem Motorrad

Der Anfang gestaltet sich eher unheimlich. Aus den Boxen erklingt schaurige Musik, und das Licht wirft gespenstige Schatten an die Wand. Langsam steigt einer der Tänzer die Treppe herauf, die vom Keller auf die Bühne führt – fast nackt.

Auf seinem Kopf hat er einen Motorradhelm, der ihn wie eine Figur aus einem Science-Fiction-Film aussehen lässt. Perry Rhodan in Unterhosen? Oder ein intergalaktisches Insekt, das einen Blick auf den seltsamen Planeten Erde wirft? Wie auch immer. Was er sieht, scheint ihm nicht zu gefallen. Denn kaum hat er das Ende der Treppe erreicht, macht er umgehend wieder kehrt. Ein ebenso kurzer wie skurriler Auftritt, den sein Kollege mit einer an spastischen Bewegungen orientierten Tanzeinlage beantwortet.

Bei ihrer 50-minütigen Tanzperformance „Drown the road“ haben sich Julio César Iglesias und Alexis Fernandez von den Arbeiten des chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky beeinflussen lassen. Herausgekommen ist eine Reise durch das Leben, die sie mit einem innovativen Mix aus zeitgenössischen Tanzstilen in Szene setzen – ein Motorradtrip auf einer „fucking road“, wie Iglesias es an einer Stelle formuliert. Die Uraufführung fand am Freitagabend im Theater im Pumpenhaus statt.

Dieser Trip wird nicht ohne Witz umgesetzt. Zum Lachen reizt vor allem der Part, in dem sich die beiden Tänzer in Windeln gegenübersitzen und mit Händen und Füßen auf den behelmten Kopf des anderen einschlagen, tapsig wie Babys. Dann wechselt die Stimmung, wird auf eine gewisse Weise fast zärtlich, wenn Fernandez sich wie eine Schlange um den sich ankleidenden Iglesias scharwenzelt und ihm so seine Aufwartung zu machen scheint.

Der Tanz der beiden ist kraftvoll, akrobatisch an einigen Stellen, und führt die Gangart des Streetdance in Kunst über, ohne ihm seinen anarchischen Impetus zu nehmen. Vieles spielt sich dabei erdnah ab. „I’m in love with the floor“, schreit Iglesias und schmeißt sich auf die Bühnenbretter, als wolle er sie begatten. Dann wieder wirken die Bewegungsabläufe merkwürdig gehemmt, als würden die Tänzer gegen etwas anrennen, das sie in ihrer Freiheit behindert. Insgesamt eine sehenswerte Inszenierung des Lebens als Kampf, die vom Publikum mit langanhaltendem Applaus bedacht wurde.

18.02.2012 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Abenteuer nach der Pubertät

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18.02.2012 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Abenteuer nach der Pubertät – „Artig“-Ensemble der Marienschule zeigte „Alice hinter den Spiegeln“

Am Donnerstagabend hat „Artig“, das Ensemble der Marienschule, seine neuste Produktion im Pumpenhaus uraufgeführt, das im Rahmen des Kooperationsprojekts „Push“ (Pumpenhaus und Schule) entstanden ist. Auf dem Programm stand „Alice hinter den Spiegeln“, der ebenfalls vom Schriftsteller Lewis Carroll verfasste Nachfolger von „Alice im Wunderland“ – in einer wilden, sehr abgedrehten Adaption auf schräger Bühne.

Es ist ein Stück gegen die Langeweile, gegen die des Publikums und gegen die der erwachsen gewordenen Alice. Der Trip ins Wunderland ist fast sechs Jahre her, seitdem hat sich scheinbar vieles geordnet, ist aber auch alles ein bisschen öde geworden, der Stress des post-pubertären Alltags, dem Alice im Traum zu entfliehen scheint.

Die Schülerinnen haben sich unter der Regie von Lehrer Christian Reick nah am Original gehalten, präsentierten den Stoff aber auf noch absurdere Weise, egal ob es um das berühmte Nonsensgedicht „Jabberwocky“, das Ei auf der Mauer Humpty Dumpty oder die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum ging, die auftauchen, während Alice es vom Bauern bis zur weißen Königin schaffen muss, und immer wieder gegen die schwarze Königin antritt.

Ein überdrehtes, bisweilen sehr düsteres Stück, das kurzweilig statt langweilig ist – und Alice locker aus dem Schlaf gerissen hätte.

10.02.2012 – Westfälische Nachrichten: „Finnland“ begeistert im Pumpenhaus

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10.02.2012 – Westfälische Nachrichten
„Finnland“ begeistert im Pumpenhaus

Münster – Vier Schauspieler sitzen vor einer schäbigen Wand und verkörpern ein und dieselbe Person. Jeweils zwei leihen Rolf im Wechsel ihre Stimme, mal ist er fast neun, mal knapp 55. Rolf ist der kleine Bruder von Stiefschwester Lena, die Mutter Sabine nach dem Zweiten Weltkrieg aus Finnland zurück nach Deutschland nahm. Seit Jahren wird das Mädchen von Vater Günther missbraucht, und der Junge leidet mit, hört nachts im Bett ihr Keuchen, Schreien und sein pochendes Herz.

„Finnland“ ist eine Theaterproduktion des Bonner Fringe Ensembles in Kooperation mit Phoenix 5 aus Münster. Regisseur Frank Heuel hat ein spannendes Experiment gewagt: Er gab vier Autoren – Ivo Briedis, Jens-Martin Eriksen, Lothar Kittstein und Andreas Vonder – den Auftrag, auf Basis einer realen Familiengeschichte voneinander unabhängige Texte zu schreiben, die je eine Figur in den Mittelpunkt rücken. Entsprechend lässt sich die Handlung wie ein Puzzle zusammensetzen: Da ist der kriegsgeschädigte Vater und Kinderschänder Günther, der sich seine Verbrechen schönredet und immer verrückter wirkt. Die Mutter flüchtet sich ins Reinemachen, Rolf träumt sich in den Weltraum hinein. Die traumatisierte Lena schließlich bringt ihren Peiniger mit 20 um, und lebt noch 40 Jahre später in der Psychiatrie; für das gemeinsame Kind konnte sie nie sorgen. Der Enkel leidet unter der unbewältigten Vergangenheit. Eine harte Geschichte, die Frank Heuel mit originellen Regieeinfällen, guten Texten und einem versierten Ensemble facettenreich auf die Bühne bringt. Der Regisseur hält sein Publikum auf Distanz, indem er die Figuren mehrfach besetzt, Verfremdungseffekte einbaut und auch Komik immer wieder zulässt. So etwa in der Realsatire zur Familienaufstellung am Anfang, mit einer wunderbaren Justine Hauer als Psychotherapeutin. Oder in der Darstellung von Mutter Sabine: Bettina Marugg spielt die Frau fantastisch, wenn sie den Wahnsinn ihres Mannes beschreibt, mit dem Rücken zum Publikum, wild auf die Tasten einer Orgel einhämmernd, als sei sie selbst verrückt. Ein weiterer Kunstgriff sind Szenen, die live, schwarz-weiß gefilmt, auf eine Leinwand projiziert werden: Die Stimmung der Nachkriegszeit könnte kaum besser auf die Bühne kommen in diesem spannenden, vielschichtigen Stück, das man nicht so leicht vergisst.

23.01.2012 – Arndt Zikant / Westfälischen Nachrichten: Adam Riese feierte das fünfjährige Bestehen seiner Prominenten-Show im Pumpenhaus

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23.01.2012 – Arndt Zikant für die Westfälischen Nachrichten
Adam Riese feierte das fünfjährige Bestehen seiner Prominenten-Show im Pumpenhaus

Süß ist das kleine Törtchen mit fünf Kerzen, das die Assistentin Isabelle am Schluss überreicht. Der Schlaks im Smoking wirkt ganz gerührt, als er alle Fünfe feierlich auspustet. Doch wer Adam Riese heißt, eine Talkshow gleichen Namens hat und ein wandelndes Lexikon für Münster-Nostalgie ist, darf schon nach fünf Jahren feierlich werden.

Am Sonntag war alles wie immer und doch ein bisschen besser. Wie ein Kindergeburtstag für die Großen, der im rappelvollen Pumpenhaus viel Laune machte. Ratespiele, Dönekes und tolle Songs, begleitet von Markus Paßlick und seinen „Original Pumpernickeln“. Special Guest Star: Professor Dr. Götz Alsmann, Paßlicks sonstiger Bandleader und Rieses Spezi aus alten „Odeon“-Zeiten.

Aber Adel verpflichtet – so gehörte das erste Wort Lo Graf von Blickensdorf. Als Kind wollte er Picasso werden, später hieß sein Motto: „Werden Sie doch einfach Graf!“ Wie das geht, hat der Wahl-Berliner in seinem gleichnamigen Buch beschrieben. Echter Adel ist in Deutschland eh abgeschafft. Falscher aber kann Türen öffnen und Kassen klingeln lassen, wie der Silberstock-Benutzer grinsend erzählte. Bis 1983 hat er in Münster gemalt und an der Weseler Straße eine Galerie gehabt. Dort kaufte Peter Maffay das einzige Bild seines Lebens. Ein Schenkelklopfer aber war Blickensdorfs Korrespondenz mit Guido Westerwelle 2005, in dessen Partei er (damals arbeitslos) einzutreten begehrte, um Minister zu werden und die stolze „FDP-Grafen-Tradition“ fortzusetzen.

Die Berliner Radio- und Fernsehmoderatorin Silke Super ist in Münster aufgewachsen. Sie plauderte frisch vom Musik- und Mediengeschäft und konnte mit unfassbarer Treffsicherheit die Berufe ihr unbekannter Münster-Promis erraten.

Und sie sang ein Duett mit Götz Alsmann, der natürlich zum Finale auf die Couch kam. Auch hier schwärmte er wieder von dem legendären Pariser Tonstudio, wo seine neue Platte aufgenommen wurde. Wo noch das verschlissene Gainsbourg-Sofa seht, wo Charles Aznavours Flügel vor sich hin staubt. Die Alsmann-Band gab sich dem Savoir-vivre hin („Austern bis zum Eiweiß-Schock!“). Nun musste der Bonvivant zwischen Münster und Seine-Metropole im Showtest entscheiden: Prinzi oder Champs-Elysées? („Nur füllige Touristinnen in Leggings“) Töttchen oder Frosch-Schenkel? Riese- oder Gainsbourg-Sofa? Auch wenn’s wehtat: Der Sieg der Heimat war für den Berufsmünsteraner Pflicht.

22.01.2012 – Heiko Ostendorf / Münstersche Zeitung: Cactus Junges Theater feiert 20. Geburtstag

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22.01.2012 – Heiko Ostendorf für die Münstersche Zeitung
Cactus Junges Theater feiert 20. Geburtstag: „Wie eine Entkalkungstablette“

Party, Party Party: Das Cactus-Theater feierte den 20. Geburtstag im Pumpenhaus. Es gab dreieinhalb Stunden lang Show und Talk. Und die Erklärung, warum sich Cactus eigentlich mit „C“ schreibt.

Sie sind an berühmten Schauspielschulen, schlagen sich als freie Schauspieler durch oder drehen erfolgreich Filme. Wer in jungen Jahren seine ersten Bühnenschritte beim Cactus Junges Theater absolviert hat, findet durchaus den Weg in die professionelle Ausübung der darstellenden Künste.

Wie Marlena Keil, die mittlerweile am Max-Reinhardt-Seminar in Wien studiert. Darauf kann Cactus-Gründerin Barbara Kemmler bei der Geburtstagsfeier am Freitagabend im Pumpenhaus zum 20. Geburtstag von Cactus besonders stolz sein.

Geburtstagshütchen

Es gibt an diesem Abend nicht nur Talkrunden – sympathisch moderiert von Theaterpädagogin Judith Suermann und Sarah Häuser. Fast drei Stunden lang zeigen die „Kakteen“, was sie können: rappen, tanzen, singen, schauspielern. „Alte Kakteen“ wie Tilman Rademacher stellen in einer schelmischen Performance ihr unter Kemmlers Führung entwickeltes Bühnentalent unter Beweis. Der münstersche (Film-)Regisseur und Darsteller erheitert zum Beispiel scheinbar angetrunken in einem Kakteen-Kostüm die Zuschauer – wobei die Stacheln Geburtstagshütchen sind. Die Tanzformation Notik von Bruno de Carvalho „fliegt“ über die Bühne. Ausschnitte aus dem aktuellen Stück „Die Frau, die Reverend Kreon erschoss“ und „2+X Welten“ bieten einen Eindruck von der hochwertigen Arbeit. Aber auch lang gehegte Fragen werden beantwortet: Warum schreibt sich Cactus mit „C“? „Weil es besser aussieht“, flachst Kemmler und fügt hinzu: „Das wirkt internationaler.“

Leidenschaft und Herzblut

Denn schließlich ist Cactus in der ganzen Welt unterwegs, von Nordnorwegen bis zum Kongo. Und die internationalen Kooperationen gehen weiter, verspricht die Leiterin, die sich 2004 Alban Renz an die Seite geholt hat. „Leidenschaftliche Hingabe“ attestiert Bettina Milz vom Ministerium für Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, dem Führungsduo. Und Dr. Andrea Hanke, Münsters Kulturdezernentin, spricht vom Herzblut, mit dem Kemmler und Renz ihre Arbeit machen und immer wieder um finanzielle Unterstützung werben.

Einig sind sich die Festredner, dass Kemmler „Pionierarbeit“ geleistet hat, indem sie Jugendliche aus allen sozialen Schichten erreicht. Dass das Ergebnis dieser Arbeit frischen Wind ins Pumpenhaus bringt, findet auch Theaterchef Ludger Schnieder: „Cactus funktioniert wie eine Entkalkungstablette in einem Heißwasserbereiter.“

16.01.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Western „Reverend Kreon“: Frauen schießen schärfer

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16.01.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Western „Reverend Kreon“: Frauen schießen schärfer

In der griechischen Mythologie geht es nicht zimperlich zu. Am schlimmsten treibt es wohl Medea, die ihre eigenen Kinder umbringt, um sich an ihrem treulosen Gatten Jason zu rächen. Modernes Regietheater inszeniert diese Tat gerne als Schlachthaus. Nicht so das Junge Theater Cactus.

Regisseur Alban Renz und sein zwölfköpfiges Ensemble machen aus dem klassischen Stoff einen feministisch angehauchten Mädchenwestern, bei dem zwar geballert wird, aber kein Tropfen Blut fließt. „Die Frau, die Reverend Kreon erschoss“ heißt die rundum gelungene Inszenierung, für die Regina Laudage die Textvorlage lieferte. Am Samstag hatte das Stück im Pumpenhaus Premiere. Auftakt eines kleinen Festivals zum 20-jährigen Bestehen von Cactus.

Grausame Rache

Grob zusammengezimmerte Bretter und alte Whiskyfässer markieren eine Westernstadt, in der Reverend Kreon das Sagen hat. Medea betreibt den örtlichen Saloon, der deutlich ins Bordellhafte lappt, während Jason sich bei Kreon als Sheriff verdingt. Als er mit dessen Tochter Aphrodite anbandelt, wird Medea sauer und ersinnt mit Hilfe eines Orakels einen grausamen Racheplan.

Die jungen Darstellerinnen bringen die Geschichte mit farbenfrohen Kostümen (Bettina Zumdick), eindrucksvollen Tanzeinlagen (Choreografie: Jennifer Ocampo) und einer guten Portion Ironie auf die Bühne. Sprachduktus und Gestik sind an die raue Gangart des Westerns angelehnt, und natürlich fällt mit den Worten „Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide“ irgendwann auch der Satz, der in diesem Genre nicht fehlen darf. Als inszenatorischen Kontrapunkt setzt Renz dem cowboymäßigen Treiben einen klassischen griechischen Chor entgegen oder lässt die Huren im Saloon Tango tanzen.

Keine Angst vor starken Worten

Alle Rollen sind weiblich besetzt, auch die der Männer. Das führt anfangs zu leichten Irritationen, aber bald gewöhnt man sich daran und hat seine Freude am großspurigen Getue, mit dem die Mädchen die Eitelkeiten des starken Geschlechts entlarven. Allen voran Hannah Neffgen, die Kreon zuweilen wie Hitler schnarren lässt, sodass sich sein Gottesdienst wie eine Mischung aus Reichsparteitag und Monty Python ausnimmt. Mareike Fiege legt als Medea überlegenes Temperament an den Tag und kann auch mal ausfallend werden, wenn sie von der Geliebten ihres Mannes sagt, sie sei „dumm wie vollgepisstes Stroh“.

Knapp zwei Stunden dauert die höchst unterhaltsame Inszenierung, die den klassischen Stoff in ein fremdes Genre überführt, ohne ihn zu entfremden, und kurz vor Schluss sogar noch die Wende von der Komödie zur Tragödie schafft. Zweifellos eine der originellsten Medea-Adaptionen zwischen Texas und Tecklenburger Land.

05.01.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Premiere im Pumpenhaus: Das Kirschgarten-Ereignis

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05.01.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Premiere im Pumpenhaus: Das Kirschgarten-Ereignis

In den 1960ern gab es den Begriff des Theaters als Baustelle. Das muss bei dem Berliner Regieduo Thorsten Lensing und Jan Hein irgendwie gezündet haben. Für ihre Inszenierung von Robert Walsers „Schneewittchen“ vor sechs Jahren kippten sie eine Fuhre Kies auf die Bühne des Pumpenhauses. Bei Tschechows „Kirschgarten“ sind es jetzt Ziegelsteine.

Aus denen errichten die Schauspieler mit handwerklichem Eifer eine mannshohe Mauer, die sie dann im zweiten Akt mit viel Getöse wieder zum Einsturz bringen. So brachial der Umgang mit den Requisiten auch sein mag – dem Stoff selbst nähert sich das hochkarätig besetzte Ensemble des Theaterlabels T 1 äußerst behutsam und mit viel Gespür für die einzelnen Charaktere. Mehr als drei Stunden nimmt es sich dafür Zeit. Aber das ist keine Minute zu viel, weil jedes Wort, jede Geste stimmt und sich zu einem aussagekräftigen Ganzen fügt. Und man nimmt Tschechow beim Wort, wenn er das Stück als Komödie bezeichnet. Interessanterweise ist es der sonst eher introvertiert agierende Joachim Król, der hier am deutlichsten für Komik sorgt, wenn er als Kontorist Epichodow slapstickartig über Stühle fällt oder auf der Gitarre den Kirschgarten-Blues anstimmt.

Momente der Unbeherrschtheit

Der eigentliche Konflikt spielt sich aber zwischen der Gutsbesitzerin Ranjewskaja und dem Kaufmann Lopachin ab. Sie, die ihr Gut nicht mehr halten kann, verkörpert den dekadent gewordenen Adel, der sich auf überkommene Privilegien stützt. Er, der ehemalige Leibeigene, der das Gut schließlich kauft und den Kirschgarten für den Bau von Wochenendhäusern abholzen lässt, steht für das aufkommende Bürgertum, das sich seine gesellschaftliche Stellung selbst erarbeitet hat. Ursina Lardi und Devid Striesow liefern sich hier einen Kampf, der nie offen geführt wird. Wie sehr man die Einstellung des jeweils anderen missbilligt und zu hintertreiben versucht, wird hier nur in kurzen Momenten der Unbeherrschtheit und im Verhalten Dritten gegenüber offenbar – ein schauspielerischer Drahtseilakt, den beide mit Bravour meistern.

14-köpfiges Ensemble

Aber auch der Rest des 14-köpfigen Ensembles kann sich sehen lassen. Aenna Schwarz spielt Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin, mit einer raffinierten Mischung aus kindlicher Fügsamkeit und pubertärem Aufbegehren. Peter Kurth als ihr Onkel sorgt durch Geschwätzigkeit und betont legeres Auftreten für Komik, während Lars Rudolph als „ewiger Student“ Trofimow den Wert der Arbeit preist, ohne auch nur einen Finger zu rühren.
Überhaupt ist die Inszenierung bis in die letzte Nebenrolle hinein geradezu verschwenderisch gut besetzt und ausgearbeitet. Man muss sie wohl als ein Ereignis werten – was das Publikum mit lang anhaltendem Applaus auch getan hat.

21.09.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Der Horror, den das Leben liefert

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21.09.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Der Horror, den das Leben liefert – Cactus Junges Theater serviert einen „Schrecklichen Abend“ im Pumpenhaus

Es ist dunkel auf der Bühne, ein polterndes Geräusch kommt langsam näher. Plötzlich geht das Licht an: Mit verrenkten Gliedern und verzerrten Mündern sitzen die Darsteller halbnackt auf kleinen Tischen. Dann begeben sich die Kreaturen mühsam zum Tatort: Übereinander geschichtet, bilden sie einen Berg aus Armen, Beinen, Köpfen – leblose Körper, wie im Völkermord.

Cactus Junges Theater zeigt Horror, der zwar selten erschreckt, dafür mitunter beängstigend realistisch wirkt. Unter der Regie von Alban Renz kamen im Pumpenhaus fünf Kurzgeschichten auf die Bühne; Edgar Allan Poe ist dabei und Howard Phillips Lovecraft, außerdem Fragmente aus moderner Horrorliteratur, verwoben mit eigenen Texten. Der Titel dieser knapp zweistündigen Produktion: „Ein schrecklicher Abend“. Ausgehend von Poe und Lovecraft zieht sich die amerikanische Geschichte wie ein roter Faden durch das Stück, dargestellt in großformatigen Bild-Projektionen, jeweils als Einleitung zu den Gruselstücken, die das sechsköpfige Ensemble als Hommage an das Pariser „Theatre du Grand Guignol“ (1897-1962) mit Bravour auf die Bühne bringt. Zum Auftakt beeindruckt Fabio Gunnemann als Mann mit zwei Gesichtern: Im beigen Anzug, die Knie zusammengepresst, wirkt er verklemmt. Doch bald rauscht es ihm in den Ohren; der Wahnsinnige wird zum Mörder. Überzeugend steht Gunnemann auch als brutaler Handlanger von US-Senator Joseph McCarthy auf der Bühne; auf der Jagd nach Kommunisten kennt er im Verhör keine Gnade. Eine große schauspielerische Leistung auch von Shaun Fitzpatrick, der zitternd, lautlos weinend, alles über sich ergehen lässt. Rica Hellige als Psychotherapeutin und Andy Strietzel als ihr Klient halten die Spannung im Gespräch um ein sogenanntes Schreckgespenst. Der Clou: Die Therapeutin mutiert am Ende selbst zum Monster. Surreal wird es in Lovecrafts Geschichte um eine Schiffbrüchige, ausdrucksstark dargestellt vom Ensemble, darunter auch Hannah Neffgen. Eine Horror-Persiflage rundet den Abend ab. Andy Strietzel amüsiert als übereifriger Schauspieler in einer Hörspiel-Produktion und reißt alle mit; sogar die genervte Regisseurin, gespielt von Julia Hoffmann, verspritzt schließlich hemmungslos Blut.

17.09.2012 – Jennifer von Glahn / Westfälischen Nachrichten: Der Traum vom großen Hafen

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17.09.2012 – Jennifer von Glahn für die Westfälischen Nachrichten
Der Traum vom großen Hafen – »Dicke Pötte« auf der Aa

Künstler Ludger Schnieder ließ die Besucher der Aa zwischen Spiegelturm und Spiekerhof am Samstag den Traum von einem Hafen in Münster träumen. Seine Schiffsbegrüßungsanlage hieß alle fünf Minuten imaginäre Container- und Kreuzfahrtschiffe aus der ganzen Welt mit ihrer Nationalhymne willkommen.

„Wann kommt denn endlich das nächste Schiff vorbei?“, fragen Besucher staunen und bleiben stehen. Mitten auf der Aa, zwischen den Aa-Brücken am Spiegelturm und am Spiekerhof, warteten sie am Samstag auf große Kähne.

Alle fünf Minuten lief ein großer Frachter oder ein großes Clubschiff durch die neue Schiffsbegrüßungsanlage des münsterischen Flüsschens. Gemütliche babyblaue Liegestühle, Kaffee, Musik und hübsche Matrosinnen in Uniform luden Passanten und Bummler zum Bleiben ein und einen genaueren Blick auf die Aa zu werfen.

Oder die Augen am besten für eine Weile ganz zu schließen, denn die großen Tanklaster, Dampfer, Frachter und Co kamen vom Band. Der Künstler, Initiator der Aktion und Leiter des Pumpenhauses, Ludger Schnieder, hatte dafür gesorgt, dass Münster eine eigene Schiffsbegrüßungsanlage bekommt. Die Aufnahmen dafür stammten original vom Willkomm-Höft am Schulhauer Fährhaus bei Hamburg. Dort werden die Schiffe der Welt verabschiedet und begrüßt werden, und ausgebildete Kapitäne können den Gästen Details zu jedem einzelnen Ozeanriesen nennen.

Das Tuten, das Rauschen der Wellen und Wogen sowie das Schreien und Rufen der Möwen war auch in Münster zu hören. Die Fahne der Stadt wehte im lauen Wind, während vom Band die Nationalhymnen des jeweiligen Schiffes dem Aa-Ufer eine einmalige Atmosphäre verliehen. „Es ist eine alte Tradition, die dicken Pötte im Hafen willkommen zu heißen. Wir bringen die kleine schnuckelige Aa so augenzwinkernd der großen weiten Welt nahe“, so Ludger Schnieder über die Aktion. Der Traum vom großen Hafen käme Münsters Traum gleich, eine große Stadt sein zu wollen.

Träumen war an der Schiffsbegrüßungsanlage am Samstag definitiv erwünscht. Während man in Hamburg schon mal mehrere Stunden auf ein ein- oder auslaufendes Schiff warten muss, kam in Münster gleich alle fünf Minuten eins auf der Aa vorbei. Kaffee, Kähne und große Pötte – ein einmaliges Erlebnis im Rahmen der Aktion „1 Aa – Münster im Fluss“.

14.09.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Unterwegs mit zwei Killern

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14.09.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Unterwegs mit zwei Killern

Neunundzwanzig haben sie schon. Einen pro Woche seit April. Der letzte liegt noch im Kofferraum. In Salzwasser eingelegt, damit es wie ein Unfall aussieht. Schiffbruch oder so. Welche Augenfarbe er hat? Keine Ahnung. Wer sieht sich einen Moro schon genau an, bevor er ihn umbringt.

Moros sind illegale Einwanderer aus Nordafrika. Und die beiden Herren, die sich da so ungeniert über ihren Job unterhalten, sind Auftragskiller. Bezahlt von der spanischen Regierung, was sie aber nicht sonderlich zu stören scheint – außer der Tatsache vielleicht, dass ihr Vorgesetzter („irgend so ein Sesselfurzer“) für einen Stempel genau so viel Geld bekommt wie sie für eine Leiche.

Man ist also doch wieder mal auf der Verliererseite gelandet. Aber diese Erkenntnis kommt spät, kurz vor Ende des Stückes erst, auch wenn sie in den Dialogen die ganze Zeit schon mitschwingt.

Über Gott und die Welt

Das Stück „Abgesoffen“, das am Mittwoch unter der Regie von Paula Artkamp im Foyer des Pumpenhauses Premiere hatte, ist eine ebenso makabre wie enthüllende Bühnenadaption des gleichnamigen Romans von Carlos Eugenio López.

Zwei namenlose Männer durchqueren nachts mit dem Auto die Mancha, eine Landschaft im Zentrum Spaniens, um die Leiche des ermordeten Afrikaners zu entsorgen. Dabei kommen sie ins Reden. Über Gott und die Welt, über Frauen natürlich, über Sex, über den Job, der zwar lästig ist, aber den „irgendjemand ja machen muss“.

Dass Killer auch nur Menschen sind, weiß man spätestens seit „Pulp Fiction“. Hier kriegt man es noch einmal serviert, und der Humor ist nicht weniger schwarz, wenngleich man in der rund 60-minütigen Vorstellung insgesamt ein bisschen den Spannungsbogen vermisst.

Banalität des Bösen

Dafür ist es eine Freude, den beiden Schauspielern zuzuschauen. Konrad Haller gibt sich als der Coole, der aber doch immer wieder aufbraust, wenn er sich missverstanden fühlt. Im Gegensatz dazu mimt Stefan Naszay (Foto) den Nachdenklichen, der seine Bedenken eher ausspricht und irgendwann zu dem Schluss kommt, dass etwas nicht stimmen kann, wenn es Leute wie sie gibt.

Die meiste Zeit besteht ihr Gespräch aber aus aufgeschnappten Halbwahrheiten, die deshalb so gefährlich sind, weil sie für komplexe Probleme einfache Lösungen suggerieren. Was hier zum Ausdruck kommt, dürfte ziemlich genau das sein, was Hannah Arendt mit der „Banalität des Bösen“ gemeint hat.