05.03.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Das Leben – ein Fest

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05.03.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Das Leben – ein Fest; Folkwang Tanzstudio Essen beeindruck im Pumpenhaus mit zwei Choreografien von Mark Sieczkarek

Eine Blumentapete bildet die Kulisse, ein kleines Stück Idyll, mitten im dunklen Bühnenraum. Im Zentrum steht eine menschliche Silhouette; herausgeschnitten aus der grün gemusterten Wand, dient sie den Tänzern doch als Tor zur Welt – ins Dies- wie ins Jenseits. Die schwarze Öffnung stört die Harmonie, wie Regentropfen an einem perfekten Junitag.

Mark Sieczkarek hat „Drops of Rain in Perfect Days of June“ 1995 choreografiert, um sich mit dem Tod seines Lebenspartners, des brasilianischen Schriftstellers Caique Ferreira, auseinanderzusetzen. Im Pumpenhaus feierte das Stück jetzt Premiere, neu einstudiert mit dem durch Pina Bausch berühmt gewordenen Folkwang Tanzstudio. Am Anfang und Ende steht die Ruhe: Ein Tänzer sitzt auf dem Boden, lässt seine angewinkelten Arme langsam kreisen und bringt so eine Kette von Menschen in Bewegung. Spirituell, wie ein Yoga-Meister, wirkt das Individuum im Gewühl der tanzenden Gruppe: Bald formieren sich die Figuren zum Pulk, lassen mit den Fingern Regen tröpfeln, dann wiederum begeistern sie als Ensemble durch virtuosen Tanz. Faszinierend, wie im Gewirr fliegender Jacketts, wirbelnder Arme und Beine synchrone Bewegungsmuster entstehen. Mal atemlos, mal rührend wirken die Szenen, wenn Tänzer gegen imaginäre Widerstände kämpfen oder, verspielt wie Kinder, über die blumige Bühne hopsen. Wenn sie am Ende selbst zu Silhouetten werden, schließt sich der Kreis. Ein melancholisches Stück, als poetischer Abgesang auf das Leben. Die zweite Choreografie des Abends, „July“, sprüht vor Lebensfreude. Mark Sieczkarek lässt die Männer in kurzen Hosen und knallroten Hüten, die Frauen in knappen Rüschenröcken barfuß auftreten. Assoziationen von Sonne und Sand drängen sich auf, wenn die Kompanie zu afrikanischen Rhythmen über die Bühne wirbelt, mal im Solo, mal zu zweit oder in der Gruppe. Wie gelöst wirkt dieses strahlende Ensemble, wenn die Tänzer ihre Hüften schwingen lassen oder sich glücklich miteinander im Kreis drehen. Hier, so scheint es, hat sich der Choreograf der Tanzfreude ergeben, befreit von Dramatik oder negativen Emotionen. Das Leben, ein Fest – schön.

05.03.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Folkwang Tanzstudio zwischen Liebe und Tod

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05.03.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Folkwang Tanzstudio zwischen Liebe und Tod

Die hintere Wand ist mit Blüten und Blättern bemalt und hat in der Mitte ein Loch in Form eines aufrecht stehenden Menschen. Durch diese Aussparung strömen die Tänzer nach und nach zu einer Art Requiem auf die Bühne.

Das Andenken gilt dem brasilianischen Schriftsteller Caique Ferreira, der Mitte der 1990er Jahre an Aids starb. Er war der Freund des Choreografen Mark Sieczkarek und hat ihm eine Sammlung von Gedichten hinterlassen, die sich mit dem Leben, der Liebe und den Tod auseinandersetzen. Auf Grundlage dieser Texte entwickelte Sieczkarek 1995 seine Choreografie „Drops of Rain in Perfect Days of June“, die jetzt in einer Neuinszenierung mit dem brillanten Ensemble des Folkwang Tanzstudios im ausverkauften Pumpenhaus in Münster zu sehen war.

Das Stück besticht durch eine große Bandbreite an Stimmungen. Von zärtlich verspielt über todtraurig bis hin zu Komik reicht das Spektrum, mit dem das 13-köpfige Ensemble das Publikum in Atem hält. In einer Szene liegen zwei Tänzer parallel auf dem Boden und bewegen synchron Arme und Beine. Aber kurz darauf verwandelt sich die Harmonie in Hektik. Der Strudel des Lebens erfasst die Tänzer und treibt sie in heftigen Zuckungen über die Bühne.

Als sie schließlich erschöpft zu Boden sinken, wird ein Tänzer aufrecht über die Liegenden getragen, während er mit den Beinen Gehbewegungen macht – eine schaurig-schöne Szene, die Assoziationen an Gespenstergeschichten weckt. Aber auch diese Stimmung wird wieder gebrochen, wenn die Protagonisten den Tanz mit slapstickhaften Bewegungen ins Groteske steigern oder wenn sie mit flatternden Händen wild durcheinander laufen und so an einen Schwarm aufgescheuchter Vögel erinnern.

Zug in die Unterwelt

Die stärkste Wirkung erzielt die facettenreiche Meditation über Liebe und Tod aber in der Schlussszene. Alle Tänzer haben die Bühne verlassen und bewegen sich in einer langen Kette hinter der Aussparung in der Wand vorbei. Wie durch ein Schlüsselloch beobachtet der Zuschauer den Zug in die Unterwelt und erkennt, dass der Tod etwas ist, das man akzeptieren muss, weil er sich naturgemäß und damit völlig folgerichtig aus dem Leben ergibt.

Nach der Pause stand Sieczkareks neuste Arbeit auf dem Programm. „July“ erweist sich als kurze, aber äußerst temperamentvolle Choreografie, die mit lateinamerikanisch und afrikanisch beeinflusstem Tanz das Leben feiert. Ethno, Erotik und Ritual verschmelzen hier zu einer ausgelassenen Party, bei der klug gesetzte Momente der Verzögerung die Stimmung nur noch stärker anfachen. Das Ergebnis ist gute Laune pur, die schnell auf das Publikum übergreift und so einen herrlich unbeschwerten Gegenpol zum ersten Teil des Abends bildet.

02.03.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Wunderbar, wie das Leben selbst

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02.03.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Wunderbar, wie das Leben selbst – Mark Sieczkares ausdrucksstarkes Tanzstück „Symphonia“ im Pumpenhaus

Die Bühne wirkt wie ein Tempel der Vergänglichkeit: Vorn stehen getrocknete Blumen; Papierbahnen aus Blüten und Blättern bilden die Kulisse. Eine Tänzerin tritt auf, bleibt lange ruhig im offenen Eingang stehen. Ihr Blick scheint nach innen zu gehen, wenn langsam Bewegung in den Körper kommt, sie die Hände wie zum Schutz über Kopf und Augen legt oder den Oberkörper meditativ nach vorn beugt, so, als wolle sie sich vor diesem heiligen Ort verneigen.

„Symfonia“ ist der Titel von Mark Sieczkareks neuer Choreografie, die er mit vier Tänzern im Pumpenhaus ausdrucksstark auf die Bühne brachte. Musikalische Grundlage ist die 3. Sinfonie des polnischen Komponisten Henryk Górecki, katholisch gefärbte Todesvariationen für Sopran und Orchester, die auf grandiose Weise Melancholie und Trauer transportieren. Im Zusammenspiel mit den Tänzern entfaltet die Musik tatsächlich die im Programm beschriebene, „universelle Kraft“, denn Sieczkarek entwickelt hier eine ganz eigene Spiritualität, jenseits konkreter Glaubensrichtungen. Zwei junge und zwei ältere Tänzer setzen die Musik in poetischen, emotionalen Tanz um. Neben Tsutomu Ozeki begeistert vor allem Ruth Amarante durch herausragenden, tänzerischen Ausdruck. Am Ende der Sinfonie scheint sie sämtliche Höhen und Tiefen erlebt und durchlitten zu haben, mit einer konzentrierten Spannung, die keine Ruhe kennt. Eine fantastische Tänzerin, die nicht ohne Grund auch in Pina Bauschs legendärem Wuppertaler Tanztheater engagiert ist. Mark Sieczkarek gelingt es in seinem einstündigen Tanzabend, neben Wehmut und Abschied, auch die Liebe zum Leben darzustellen. Wie von unsichtbarer Hand geleitet, scheinen die Individuen ihre Wege zu gehen, wenn sie, dicht nebeneinander, in einer Reihe Kreise ziehen, einander behutsam die Richtung weisen oder mit schwingenden Armen und fliegenden Röcken Schönheit zelebrieren. Harmonisch, geradezu organisch, verbindet sich Siecz­kareks ästhetischer Tanz mit Góreckis Musik, fließt ohne Unterlass dahin – wunderbar, wie das Leben selbst.

27.02.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Düsterer Beginn des Tanzfrühlings im Pumpenhaus

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27.02.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Düsterer Beginn des Tanzfrühlings im Pumpenhaus

Zwei Tänzer rennen gegen Wände, rotieren horizontal in der Luft, fliegen durch den Raum: Kraftvolle Dynamik zeichnet die Choreografie von Alexis Fernandez und Julio César Iglesias aus, Bewegungen, die mitunter auch an Breakdance erinnern. Wer Wim Vandekeybus und seine Kompanie „Ultima Vez“ kennt, wird unweigerlich an den kompromisslos waghalsigen Tanzstil des berühmten Belgiers erinnert. Iglesias war bis vor kurzem in seinem Ensemble engagiert, wie Fernandez stammt er aus Kuba, und beide sind seit Jahren in der europäischen Tanzszene aktiv. Im Pumpenhaus hat das Duo eine trashige Tanzproduktion auf die Bühne gebracht, düster in der Grundstimmung, witzig in Details, virtuos im Tanz.

„Drown the Road“ („Überflute die Straße“) ist der Titel ihrer Uraufführung, die, produziert von Samir Akikas Kompanie „Unusual Symtoms“, den Tanzfrühling im Pumpenhaus eröffnete. Elf Arbeiten hochkarätiger Kompanien sind hier bis Mai zu sehen, Alexis Fernandez begeisterte bereits im vergangenen Sommer, als er mit Caterina Varela (La Macana) eine betörend schöne Kurzchoreografie auf die Bühne brachte. Die neue Tanzproduktion macht es dem Publikum nicht so leicht. Julio Iglesias verbreitet Endzeitstimmung, wenn er auf düsterer, leerer Bühne das menschliche Dasein als nichtig und unbedeutend erklärt. Ausgestattet mit Motorradhelmen schwanken die Tänzer über die Bühne, kriechen mit verdrehten Gliedern über den Boden oder sitzen einander wie Babys in Windelhosen gegenüber und hauen grobmotorisch aufeinander ein. Die Spezies Mensch: lächerlich, skurril und dem (Größen-)Wahn nahe. Irre wirkt Iglesias, wenn er sich mit grellen Scheinwerfern blendet oder sich für Jesus, ja Gott selbst hält. Der chilenische Surrealist Alejandro Jodorowsky hat sie inspiriert zu solchen Szenen, in denen es auch darum geht, einen sinnvollen Weg durchs Leben finden, etwa in Nähe und Zuneigung. Es hat etwas Anrührendes, wenn Alexis Fernandez seinen Kopf in Julio Iglesias’ Bauch bohrt, sich durch seine Beine schlängelt, ihn umkreist und beide in fließend-dynamischen Bewegungen miteinander vereint sind. Starke Momente, in denen sich die beiden wüsten Gestalten als poetische Tänzer erweisen.

27.02.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Tanz mit dem Motorrad

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27.02.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Tanz mit dem Motorrad

Der Anfang gestaltet sich eher unheimlich. Aus den Boxen erklingt schaurige Musik, und das Licht wirft gespenstige Schatten an die Wand. Langsam steigt einer der Tänzer die Treppe herauf, die vom Keller auf die Bühne führt – fast nackt.

Auf seinem Kopf hat er einen Motorradhelm, der ihn wie eine Figur aus einem Science-Fiction-Film aussehen lässt. Perry Rhodan in Unterhosen? Oder ein intergalaktisches Insekt, das einen Blick auf den seltsamen Planeten Erde wirft? Wie auch immer. Was er sieht, scheint ihm nicht zu gefallen. Denn kaum hat er das Ende der Treppe erreicht, macht er umgehend wieder kehrt. Ein ebenso kurzer wie skurriler Auftritt, den sein Kollege mit einer an spastischen Bewegungen orientierten Tanzeinlage beantwortet.

Bei ihrer 50-minütigen Tanzperformance „Drown the road“ haben sich Julio César Iglesias und Alexis Fernandez von den Arbeiten des chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky beeinflussen lassen. Herausgekommen ist eine Reise durch das Leben, die sie mit einem innovativen Mix aus zeitgenössischen Tanzstilen in Szene setzen – ein Motorradtrip auf einer „fucking road“, wie Iglesias es an einer Stelle formuliert. Die Uraufführung fand am Freitagabend im Theater im Pumpenhaus statt.

Dieser Trip wird nicht ohne Witz umgesetzt. Zum Lachen reizt vor allem der Part, in dem sich die beiden Tänzer in Windeln gegenübersitzen und mit Händen und Füßen auf den behelmten Kopf des anderen einschlagen, tapsig wie Babys. Dann wechselt die Stimmung, wird auf eine gewisse Weise fast zärtlich, wenn Fernandez sich wie eine Schlange um den sich ankleidenden Iglesias scharwenzelt und ihm so seine Aufwartung zu machen scheint.

Der Tanz der beiden ist kraftvoll, akrobatisch an einigen Stellen, und führt die Gangart des Streetdance in Kunst über, ohne ihm seinen anarchischen Impetus zu nehmen. Vieles spielt sich dabei erdnah ab. „I’m in love with the floor“, schreit Iglesias und schmeißt sich auf die Bühnenbretter, als wolle er sie begatten. Dann wieder wirken die Bewegungsabläufe merkwürdig gehemmt, als würden die Tänzer gegen etwas anrennen, das sie in ihrer Freiheit behindert. Insgesamt eine sehenswerte Inszenierung des Lebens als Kampf, die vom Publikum mit langanhaltendem Applaus bedacht wurde.

18.02.2012 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Abenteuer nach der Pubertät

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18.02.2012 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Abenteuer nach der Pubertät – „Artig“-Ensemble der Marienschule zeigte „Alice hinter den Spiegeln“

Am Donnerstagabend hat „Artig“, das Ensemble der Marienschule, seine neuste Produktion im Pumpenhaus uraufgeführt, das im Rahmen des Kooperationsprojekts „Push“ (Pumpenhaus und Schule) entstanden ist. Auf dem Programm stand „Alice hinter den Spiegeln“, der ebenfalls vom Schriftsteller Lewis Carroll verfasste Nachfolger von „Alice im Wunderland“ – in einer wilden, sehr abgedrehten Adaption auf schräger Bühne.

Es ist ein Stück gegen die Langeweile, gegen die des Publikums und gegen die der erwachsen gewordenen Alice. Der Trip ins Wunderland ist fast sechs Jahre her, seitdem hat sich scheinbar vieles geordnet, ist aber auch alles ein bisschen öde geworden, der Stress des post-pubertären Alltags, dem Alice im Traum zu entfliehen scheint.

Die Schülerinnen haben sich unter der Regie von Lehrer Christian Reick nah am Original gehalten, präsentierten den Stoff aber auf noch absurdere Weise, egal ob es um das berühmte Nonsensgedicht „Jabberwocky“, das Ei auf der Mauer Humpty Dumpty oder die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum ging, die auftauchen, während Alice es vom Bauern bis zur weißen Königin schaffen muss, und immer wieder gegen die schwarze Königin antritt.

Ein überdrehtes, bisweilen sehr düsteres Stück, das kurzweilig statt langweilig ist – und Alice locker aus dem Schlaf gerissen hätte.

10.02.2012 – Westfälische Nachrichten: „Finnland“ begeistert im Pumpenhaus

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10.02.2012 – Westfälische Nachrichten
„Finnland“ begeistert im Pumpenhaus

Münster – Vier Schauspieler sitzen vor einer schäbigen Wand und verkörpern ein und dieselbe Person. Jeweils zwei leihen Rolf im Wechsel ihre Stimme, mal ist er fast neun, mal knapp 55. Rolf ist der kleine Bruder von Stiefschwester Lena, die Mutter Sabine nach dem Zweiten Weltkrieg aus Finnland zurück nach Deutschland nahm. Seit Jahren wird das Mädchen von Vater Günther missbraucht, und der Junge leidet mit, hört nachts im Bett ihr Keuchen, Schreien und sein pochendes Herz.

„Finnland“ ist eine Theaterproduktion des Bonner Fringe Ensembles in Kooperation mit Phoenix 5 aus Münster. Regisseur Frank Heuel hat ein spannendes Experiment gewagt: Er gab vier Autoren – Ivo Briedis, Jens-Martin Eriksen, Lothar Kittstein und Andreas Vonder – den Auftrag, auf Basis einer realen Familiengeschichte voneinander unabhängige Texte zu schreiben, die je eine Figur in den Mittelpunkt rücken. Entsprechend lässt sich die Handlung wie ein Puzzle zusammensetzen: Da ist der kriegsgeschädigte Vater und Kinderschänder Günther, der sich seine Verbrechen schönredet und immer verrückter wirkt. Die Mutter flüchtet sich ins Reinemachen, Rolf träumt sich in den Weltraum hinein. Die traumatisierte Lena schließlich bringt ihren Peiniger mit 20 um, und lebt noch 40 Jahre später in der Psychiatrie; für das gemeinsame Kind konnte sie nie sorgen. Der Enkel leidet unter der unbewältigten Vergangenheit. Eine harte Geschichte, die Frank Heuel mit originellen Regieeinfällen, guten Texten und einem versierten Ensemble facettenreich auf die Bühne bringt. Der Regisseur hält sein Publikum auf Distanz, indem er die Figuren mehrfach besetzt, Verfremdungseffekte einbaut und auch Komik immer wieder zulässt. So etwa in der Realsatire zur Familienaufstellung am Anfang, mit einer wunderbaren Justine Hauer als Psychotherapeutin. Oder in der Darstellung von Mutter Sabine: Bettina Marugg spielt die Frau fantastisch, wenn sie den Wahnsinn ihres Mannes beschreibt, mit dem Rücken zum Publikum, wild auf die Tasten einer Orgel einhämmernd, als sei sie selbst verrückt. Ein weiterer Kunstgriff sind Szenen, die live, schwarz-weiß gefilmt, auf eine Leinwand projiziert werden: Die Stimmung der Nachkriegszeit könnte kaum besser auf die Bühne kommen in diesem spannenden, vielschichtigen Stück, das man nicht so leicht vergisst.

23.01.2012 – Arndt Zikant / Westfälischen Nachrichten: Adam Riese feierte das fünfjährige Bestehen seiner Prominenten-Show im Pumpenhaus

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23.01.2012 – Arndt Zikant für die Westfälischen Nachrichten
Adam Riese feierte das fünfjährige Bestehen seiner Prominenten-Show im Pumpenhaus

Süß ist das kleine Törtchen mit fünf Kerzen, das die Assistentin Isabelle am Schluss überreicht. Der Schlaks im Smoking wirkt ganz gerührt, als er alle Fünfe feierlich auspustet. Doch wer Adam Riese heißt, eine Talkshow gleichen Namens hat und ein wandelndes Lexikon für Münster-Nostalgie ist, darf schon nach fünf Jahren feierlich werden.

Am Sonntag war alles wie immer und doch ein bisschen besser. Wie ein Kindergeburtstag für die Großen, der im rappelvollen Pumpenhaus viel Laune machte. Ratespiele, Dönekes und tolle Songs, begleitet von Markus Paßlick und seinen „Original Pumpernickeln“. Special Guest Star: Professor Dr. Götz Alsmann, Paßlicks sonstiger Bandleader und Rieses Spezi aus alten „Odeon“-Zeiten.

Aber Adel verpflichtet – so gehörte das erste Wort Lo Graf von Blickensdorf. Als Kind wollte er Picasso werden, später hieß sein Motto: „Werden Sie doch einfach Graf!“ Wie das geht, hat der Wahl-Berliner in seinem gleichnamigen Buch beschrieben. Echter Adel ist in Deutschland eh abgeschafft. Falscher aber kann Türen öffnen und Kassen klingeln lassen, wie der Silberstock-Benutzer grinsend erzählte. Bis 1983 hat er in Münster gemalt und an der Weseler Straße eine Galerie gehabt. Dort kaufte Peter Maffay das einzige Bild seines Lebens. Ein Schenkelklopfer aber war Blickensdorfs Korrespondenz mit Guido Westerwelle 2005, in dessen Partei er (damals arbeitslos) einzutreten begehrte, um Minister zu werden und die stolze „FDP-Grafen-Tradition“ fortzusetzen.

Die Berliner Radio- und Fernsehmoderatorin Silke Super ist in Münster aufgewachsen. Sie plauderte frisch vom Musik- und Mediengeschäft und konnte mit unfassbarer Treffsicherheit die Berufe ihr unbekannter Münster-Promis erraten.

Und sie sang ein Duett mit Götz Alsmann, der natürlich zum Finale auf die Couch kam. Auch hier schwärmte er wieder von dem legendären Pariser Tonstudio, wo seine neue Platte aufgenommen wurde. Wo noch das verschlissene Gainsbourg-Sofa seht, wo Charles Aznavours Flügel vor sich hin staubt. Die Alsmann-Band gab sich dem Savoir-vivre hin („Austern bis zum Eiweiß-Schock!“). Nun musste der Bonvivant zwischen Münster und Seine-Metropole im Showtest entscheiden: Prinzi oder Champs-Elysées? („Nur füllige Touristinnen in Leggings“) Töttchen oder Frosch-Schenkel? Riese- oder Gainsbourg-Sofa? Auch wenn’s wehtat: Der Sieg der Heimat war für den Berufsmünsteraner Pflicht.

22.01.2012 – Heiko Ostendorf / Münstersche Zeitung: Cactus Junges Theater feiert 20. Geburtstag

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22.01.2012 – Heiko Ostendorf für die Münstersche Zeitung
Cactus Junges Theater feiert 20. Geburtstag: „Wie eine Entkalkungstablette“

Party, Party Party: Das Cactus-Theater feierte den 20. Geburtstag im Pumpenhaus. Es gab dreieinhalb Stunden lang Show und Talk. Und die Erklärung, warum sich Cactus eigentlich mit „C“ schreibt.

Sie sind an berühmten Schauspielschulen, schlagen sich als freie Schauspieler durch oder drehen erfolgreich Filme. Wer in jungen Jahren seine ersten Bühnenschritte beim Cactus Junges Theater absolviert hat, findet durchaus den Weg in die professionelle Ausübung der darstellenden Künste.

Wie Marlena Keil, die mittlerweile am Max-Reinhardt-Seminar in Wien studiert. Darauf kann Cactus-Gründerin Barbara Kemmler bei der Geburtstagsfeier am Freitagabend im Pumpenhaus zum 20. Geburtstag von Cactus besonders stolz sein.

Geburtstagshütchen

Es gibt an diesem Abend nicht nur Talkrunden – sympathisch moderiert von Theaterpädagogin Judith Suermann und Sarah Häuser. Fast drei Stunden lang zeigen die „Kakteen“, was sie können: rappen, tanzen, singen, schauspielern. „Alte Kakteen“ wie Tilman Rademacher stellen in einer schelmischen Performance ihr unter Kemmlers Führung entwickeltes Bühnentalent unter Beweis. Der münstersche (Film-)Regisseur und Darsteller erheitert zum Beispiel scheinbar angetrunken in einem Kakteen-Kostüm die Zuschauer – wobei die Stacheln Geburtstagshütchen sind. Die Tanzformation Notik von Bruno de Carvalho „fliegt“ über die Bühne. Ausschnitte aus dem aktuellen Stück „Die Frau, die Reverend Kreon erschoss“ und „2+X Welten“ bieten einen Eindruck von der hochwertigen Arbeit. Aber auch lang gehegte Fragen werden beantwortet: Warum schreibt sich Cactus mit „C“? „Weil es besser aussieht“, flachst Kemmler und fügt hinzu: „Das wirkt internationaler.“

Leidenschaft und Herzblut

Denn schließlich ist Cactus in der ganzen Welt unterwegs, von Nordnorwegen bis zum Kongo. Und die internationalen Kooperationen gehen weiter, verspricht die Leiterin, die sich 2004 Alban Renz an die Seite geholt hat. „Leidenschaftliche Hingabe“ attestiert Bettina Milz vom Ministerium für Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, dem Führungsduo. Und Dr. Andrea Hanke, Münsters Kulturdezernentin, spricht vom Herzblut, mit dem Kemmler und Renz ihre Arbeit machen und immer wieder um finanzielle Unterstützung werben.

Einig sind sich die Festredner, dass Kemmler „Pionierarbeit“ geleistet hat, indem sie Jugendliche aus allen sozialen Schichten erreicht. Dass das Ergebnis dieser Arbeit frischen Wind ins Pumpenhaus bringt, findet auch Theaterchef Ludger Schnieder: „Cactus funktioniert wie eine Entkalkungstablette in einem Heißwasserbereiter.“

16.01.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Western „Reverend Kreon“: Frauen schießen schärfer

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16.01.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Western „Reverend Kreon“: Frauen schießen schärfer

In der griechischen Mythologie geht es nicht zimperlich zu. Am schlimmsten treibt es wohl Medea, die ihre eigenen Kinder umbringt, um sich an ihrem treulosen Gatten Jason zu rächen. Modernes Regietheater inszeniert diese Tat gerne als Schlachthaus. Nicht so das Junge Theater Cactus.

Regisseur Alban Renz und sein zwölfköpfiges Ensemble machen aus dem klassischen Stoff einen feministisch angehauchten Mädchenwestern, bei dem zwar geballert wird, aber kein Tropfen Blut fließt. „Die Frau, die Reverend Kreon erschoss“ heißt die rundum gelungene Inszenierung, für die Regina Laudage die Textvorlage lieferte. Am Samstag hatte das Stück im Pumpenhaus Premiere. Auftakt eines kleinen Festivals zum 20-jährigen Bestehen von Cactus.

Grausame Rache

Grob zusammengezimmerte Bretter und alte Whiskyfässer markieren eine Westernstadt, in der Reverend Kreon das Sagen hat. Medea betreibt den örtlichen Saloon, der deutlich ins Bordellhafte lappt, während Jason sich bei Kreon als Sheriff verdingt. Als er mit dessen Tochter Aphrodite anbandelt, wird Medea sauer und ersinnt mit Hilfe eines Orakels einen grausamen Racheplan.

Die jungen Darstellerinnen bringen die Geschichte mit farbenfrohen Kostümen (Bettina Zumdick), eindrucksvollen Tanzeinlagen (Choreografie: Jennifer Ocampo) und einer guten Portion Ironie auf die Bühne. Sprachduktus und Gestik sind an die raue Gangart des Westerns angelehnt, und natürlich fällt mit den Worten „Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide“ irgendwann auch der Satz, der in diesem Genre nicht fehlen darf. Als inszenatorischen Kontrapunkt setzt Renz dem cowboymäßigen Treiben einen klassischen griechischen Chor entgegen oder lässt die Huren im Saloon Tango tanzen.

Keine Angst vor starken Worten

Alle Rollen sind weiblich besetzt, auch die der Männer. Das führt anfangs zu leichten Irritationen, aber bald gewöhnt man sich daran und hat seine Freude am großspurigen Getue, mit dem die Mädchen die Eitelkeiten des starken Geschlechts entlarven. Allen voran Hannah Neffgen, die Kreon zuweilen wie Hitler schnarren lässt, sodass sich sein Gottesdienst wie eine Mischung aus Reichsparteitag und Monty Python ausnimmt. Mareike Fiege legt als Medea überlegenes Temperament an den Tag und kann auch mal ausfallend werden, wenn sie von der Geliebten ihres Mannes sagt, sie sei „dumm wie vollgepisstes Stroh“.

Knapp zwei Stunden dauert die höchst unterhaltsame Inszenierung, die den klassischen Stoff in ein fremdes Genre überführt, ohne ihn zu entfremden, und kurz vor Schluss sogar noch die Wende von der Komödie zur Tragödie schafft. Zweifellos eine der originellsten Medea-Adaptionen zwischen Texas und Tecklenburger Land.