21.09.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Der Horror, den das Leben liefert

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21.09.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Der Horror, den das Leben liefert – Cactus Junges Theater serviert einen „Schrecklichen Abend“ im Pumpenhaus

Es ist dunkel auf der Bühne, ein polterndes Geräusch kommt langsam näher. Plötzlich geht das Licht an: Mit verrenkten Gliedern und verzerrten Mündern sitzen die Darsteller halbnackt auf kleinen Tischen. Dann begeben sich die Kreaturen mühsam zum Tatort: Übereinander geschichtet, bilden sie einen Berg aus Armen, Beinen, Köpfen – leblose Körper, wie im Völkermord.

Cactus Junges Theater zeigt Horror, der zwar selten erschreckt, dafür mitunter beängstigend realistisch wirkt. Unter der Regie von Alban Renz kamen im Pumpenhaus fünf Kurzgeschichten auf die Bühne; Edgar Allan Poe ist dabei und Howard Phillips Lovecraft, außerdem Fragmente aus moderner Horrorliteratur, verwoben mit eigenen Texten. Der Titel dieser knapp zweistündigen Produktion: „Ein schrecklicher Abend“. Ausgehend von Poe und Lovecraft zieht sich die amerikanische Geschichte wie ein roter Faden durch das Stück, dargestellt in großformatigen Bild-Projektionen, jeweils als Einleitung zu den Gruselstücken, die das sechsköpfige Ensemble als Hommage an das Pariser „Theatre du Grand Guignol“ (1897-1962) mit Bravour auf die Bühne bringt. Zum Auftakt beeindruckt Fabio Gunnemann als Mann mit zwei Gesichtern: Im beigen Anzug, die Knie zusammengepresst, wirkt er verklemmt. Doch bald rauscht es ihm in den Ohren; der Wahnsinnige wird zum Mörder. Überzeugend steht Gunnemann auch als brutaler Handlanger von US-Senator Joseph McCarthy auf der Bühne; auf der Jagd nach Kommunisten kennt er im Verhör keine Gnade. Eine große schauspielerische Leistung auch von Shaun Fitzpatrick, der zitternd, lautlos weinend, alles über sich ergehen lässt. Rica Hellige als Psychotherapeutin und Andy Strietzel als ihr Klient halten die Spannung im Gespräch um ein sogenanntes Schreckgespenst. Der Clou: Die Therapeutin mutiert am Ende selbst zum Monster. Surreal wird es in Lovecrafts Geschichte um eine Schiffbrüchige, ausdrucksstark dargestellt vom Ensemble, darunter auch Hannah Neffgen. Eine Horror-Persiflage rundet den Abend ab. Andy Strietzel amüsiert als übereifriger Schauspieler in einer Hörspiel-Produktion und reißt alle mit; sogar die genervte Regisseurin, gespielt von Julia Hoffmann, verspritzt schließlich hemmungslos Blut.

17.09.2012 – Jennifer von Glahn / Westfälischen Nachrichten: Der Traum vom großen Hafen

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17.09.2012 – Jennifer von Glahn für die Westfälischen Nachrichten
Der Traum vom großen Hafen – »Dicke Pötte« auf der Aa

Künstler Ludger Schnieder ließ die Besucher der Aa zwischen Spiegelturm und Spiekerhof am Samstag den Traum von einem Hafen in Münster träumen. Seine Schiffsbegrüßungsanlage hieß alle fünf Minuten imaginäre Container- und Kreuzfahrtschiffe aus der ganzen Welt mit ihrer Nationalhymne willkommen.

„Wann kommt denn endlich das nächste Schiff vorbei?“, fragen Besucher staunen und bleiben stehen. Mitten auf der Aa, zwischen den Aa-Brücken am Spiegelturm und am Spiekerhof, warteten sie am Samstag auf große Kähne.

Alle fünf Minuten lief ein großer Frachter oder ein großes Clubschiff durch die neue Schiffsbegrüßungsanlage des münsterischen Flüsschens. Gemütliche babyblaue Liegestühle, Kaffee, Musik und hübsche Matrosinnen in Uniform luden Passanten und Bummler zum Bleiben ein und einen genaueren Blick auf die Aa zu werfen.

Oder die Augen am besten für eine Weile ganz zu schließen, denn die großen Tanklaster, Dampfer, Frachter und Co kamen vom Band. Der Künstler, Initiator der Aktion und Leiter des Pumpenhauses, Ludger Schnieder, hatte dafür gesorgt, dass Münster eine eigene Schiffsbegrüßungsanlage bekommt. Die Aufnahmen dafür stammten original vom Willkomm-Höft am Schulhauer Fährhaus bei Hamburg. Dort werden die Schiffe der Welt verabschiedet und begrüßt werden, und ausgebildete Kapitäne können den Gästen Details zu jedem einzelnen Ozeanriesen nennen.

Das Tuten, das Rauschen der Wellen und Wogen sowie das Schreien und Rufen der Möwen war auch in Münster zu hören. Die Fahne der Stadt wehte im lauen Wind, während vom Band die Nationalhymnen des jeweiligen Schiffes dem Aa-Ufer eine einmalige Atmosphäre verliehen. „Es ist eine alte Tradition, die dicken Pötte im Hafen willkommen zu heißen. Wir bringen die kleine schnuckelige Aa so augenzwinkernd der großen weiten Welt nahe“, so Ludger Schnieder über die Aktion. Der Traum vom großen Hafen käme Münsters Traum gleich, eine große Stadt sein zu wollen.

Träumen war an der Schiffsbegrüßungsanlage am Samstag definitiv erwünscht. Während man in Hamburg schon mal mehrere Stunden auf ein ein- oder auslaufendes Schiff warten muss, kam in Münster gleich alle fünf Minuten eins auf der Aa vorbei. Kaffee, Kähne und große Pötte – ein einmaliges Erlebnis im Rahmen der Aktion „1 Aa – Münster im Fluss“.

14.09.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Unterwegs mit zwei Killern

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14.09.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Unterwegs mit zwei Killern

Neunundzwanzig haben sie schon. Einen pro Woche seit April. Der letzte liegt noch im Kofferraum. In Salzwasser eingelegt, damit es wie ein Unfall aussieht. Schiffbruch oder so. Welche Augenfarbe er hat? Keine Ahnung. Wer sieht sich einen Moro schon genau an, bevor er ihn umbringt.

Moros sind illegale Einwanderer aus Nordafrika. Und die beiden Herren, die sich da so ungeniert über ihren Job unterhalten, sind Auftragskiller. Bezahlt von der spanischen Regierung, was sie aber nicht sonderlich zu stören scheint – außer der Tatsache vielleicht, dass ihr Vorgesetzter („irgend so ein Sesselfurzer“) für einen Stempel genau so viel Geld bekommt wie sie für eine Leiche.

Man ist also doch wieder mal auf der Verliererseite gelandet. Aber diese Erkenntnis kommt spät, kurz vor Ende des Stückes erst, auch wenn sie in den Dialogen die ganze Zeit schon mitschwingt.

Über Gott und die Welt

Das Stück „Abgesoffen“, das am Mittwoch unter der Regie von Paula Artkamp im Foyer des Pumpenhauses Premiere hatte, ist eine ebenso makabre wie enthüllende Bühnenadaption des gleichnamigen Romans von Carlos Eugenio López.

Zwei namenlose Männer durchqueren nachts mit dem Auto die Mancha, eine Landschaft im Zentrum Spaniens, um die Leiche des ermordeten Afrikaners zu entsorgen. Dabei kommen sie ins Reden. Über Gott und die Welt, über Frauen natürlich, über Sex, über den Job, der zwar lästig ist, aber den „irgendjemand ja machen muss“.

Dass Killer auch nur Menschen sind, weiß man spätestens seit „Pulp Fiction“. Hier kriegt man es noch einmal serviert, und der Humor ist nicht weniger schwarz, wenngleich man in der rund 60-minütigen Vorstellung insgesamt ein bisschen den Spannungsbogen vermisst.

Banalität des Bösen

Dafür ist es eine Freude, den beiden Schauspielern zuzuschauen. Konrad Haller gibt sich als der Coole, der aber doch immer wieder aufbraust, wenn er sich missverstanden fühlt. Im Gegensatz dazu mimt Stefan Naszay (Foto) den Nachdenklichen, der seine Bedenken eher ausspricht und irgendwann zu dem Schluss kommt, dass etwas nicht stimmen kann, wenn es Leute wie sie gibt.

Die meiste Zeit besteht ihr Gespräch aber aus aufgeschnappten Halbwahrheiten, die deshalb so gefährlich sind, weil sie für komplexe Probleme einfache Lösungen suggerieren. Was hier zum Ausdruck kommt, dürfte ziemlich genau das sein, was Hannah Arendt mit der „Banalität des Bösen“ gemeint hat.

11.09.2012 – Nina Holdijk / Westfälischen Nachrichten Adam-Riese-Show im Pumpenhaus….

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11.09.2012 – Nina Holdijk für die Westfälischen Nachrichten
Adam-Riese-Show im Pumpenhaus mit Sopranistin, Olympionikin und Insekten

Dass es bei der „Adam-Riese-Show“ kulturelle Köstlichkeiten gibt, ist kein Geheimnis. Dass das aber auch kulinarische Erlebnisse der besonderen Art nicht ausschließt, zeigte sich am Sonntagabend im voll besetzten Pumpenhaus. Auf dem Speiseplan: Heuschrecken in Sojasoße aus dem Wok, zubereitet von „Chefkoch“ Markus Paßlick. „Schmeckt wie Hühnchen“, befanden Riese und seine Assistentin Isabelle Bettmer, die gemeinsam mit den Gästen, der Leichtathletin Tatjana Pinto und der Opernsängerin Henrike Jacob das knackige Getier an die Besucher verteilte.

Zu verdanken hatte man den Gaumenschmaus einem weiteren Talkgast. Heiko Werning, Reptilienforscher, Liedermacher und Geschichtenerzähler, hatte die Heuschrecken beim Händler seines Vertrauens erworben: Bei „Bugs International“. Launig begrüßte Riese sein Publikum zu „einer vierstündigen Podiumsdiskussion zum Thema Schlossplatz“?.?.?. Den Anfang des gemischten Talk-Marathons machte Henrike Jacob, die von den Anfängen ihrer Karriere als Opernsängerin erzählte und ihrer Zeit in Frankreich, wo sie 17 Jahre lebte. „Als Opernsängerin ist man immer am Lernen, am Versuchen“, sagte Jacob, die studierte Lehrerin ist. Ihre Berufung als Sängerin erfüllt sie mit Begeisterung: „Das ist wie die Lizenz zur Verwandlung“, freute sich die sympathische Sängerin, die natürlich auch Kostproben ihres Könnens gab. Nicht nur etwas Klassisches wie „Habanera“ aus Carmen, sondern auch eine Jazznummer, die ebenfalls toll beim Publikum ankam. Für Lacher sorgten Bilder aus ihrer Schulzeit, denn da hatte man der jungen Schülerin eine Brille verpasst, die lange Zeit im deutschen Fernsehen zu bewundern war: „Deine Eltern waren Derrick-Fans, oder?“ warf Riese ein. Dann wurde es sportlich: Tatjana Pinto, Olympiateilnehmerin aus Münster, berichtete von ihrer Zeit in London. „Mit 80?000 Besuchern im Stadion, das war schon eine super Atmosphäre“, blickte die 20-jährige Sprinterin zurück. Und auch, dass die Teilnahme für sie überraschend kam: „Ich hatte ja den Trainer gewechselt und nicht erwartet, dass es so schnell geht. Ich habe mit der Teilnahme 2016 in Rio geliebäugelt.“ Den Abschluss der heiteren Talkshow bestritt Werning, der Lieder zum Besten gab und einen seiner Texte vorlas – und dies bewusst: „Ich habe in der Schule lesen gelernt. Diese Fähigkeit will ich auch ausspielen.“ Dabei wurde deutlich, dass Werning ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Brotbackautomaten und Mineralwasserbereitern hat, vor allem aber zu Rollkoffern. Und er gab einen Einblick in das Paarungsverhalten des Nasenfroschs, bei dem sich vor allem das Weibchen als nicht zimperlich erweist: „Die treten den männlichen Vertreter kräftig mit dem Hinterbein, um die Standfestigkeit des Partners zu testen. Starke, moppelige Männchen kommen da einfach besser an?.?.?.“ Wie immer sorgten Markus Paßlick und seine Original Pumpernickel für den passenden musikalischen Rahmen.

11.09.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Skurriles in der Riese-Show

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11.09.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Skurriles in der Riese-Show: Maden aus dem Automaten

Von Hiltrup in den Berliner Wedding hat ihn 1991 eine Reise geführt. Seitdem lebt er in der Hauptstadt, und wenn Besuch aus der alten Heimat kommt, zeigt er den Gästen die Attraktion vom Kiez – einen Maden-Automaten, aus dem man für zwei Euro eine Handvoll dieser Tierchen ziehen kann.

Das ist praktisch, zumindest für Heiko Werning. Der ist Reptilienforscher und Besitzer von 40 Leguanen, und da braucht man wohl öfter entsprechendes Futter. Das Publikum der Adam-Riese-Show im Pumpenhaus zeigte sich amüsiert. Doch das mit den Reptilien ist nur eine von Wernings zahlreichen Professionen.

Nach seinem Studium, Fachgebiet Technischer Umweltschutz, das er nach 40 Semestern erfolgreich abgebrochen hat, machte er sich auf Berliner Lesebühnen mit herrlich komischen Geschichten einen Namen.

Gebratene Heuschrecken

Seit kurzem singt Werning auch noch. Über das Älterwerden zum Beispiel, während sich die Welt um ihn herum immer jugendlicher gibt. Eine Demonstration seines musikalischen und erzählerischen Talents lieferte er live, während Showband-Chef Markus Paßlick in einer Bratpfanne Heuschrecken brutzelte – skeptisch beäugt vom Publikum, das anschließend kosten durfte.

Ist Werning einst von Münster weggezogen, um sein Glück zu suchen, ist Henrike Jacob den umgekehrten Weg gegangen. Die aus dem Saarland stammende Opernsängerin kam vor vier Jahren an die Städtischen Bühnen, wo sie seitdem in zahlreichen Rollen brillierte.

Tierschutz statt Traviata?

Dabei wollte sie ursprünglich Tierschützerin werden und in Afrika Elefanten retten. Dann ging sie aber erst einmal nach Frankreich, wo sie ihren Mann kennen lernte. Dass die Entscheidung, Gesang zu studieren, richtig war, bewies sie in der Show mit der Habanera aus „Carmen“ – begleitet von Bongos, Bass und Vibrafon.

In Sachen Gesang ist von Tatjana Pinto nichts überliefert. Dafür ist die 20-jährige Leichtathletin so schnell, dass sie 2012 mit der 4 x 100-Meter-Staffel Europameisterin wurde und bei den Olympischen Spielen einen respektablen fünften Platz belegte.

London sei „ein Hammer“ gewesen, erklärte sie auf jugendlich-charmante Art und demonstrierte ihren neuen Laufstil, der sie noch ein paar hundertstel Sekunden schneller macht. Auch ihr Weg war nicht ganz geradlinig. Vor der Leichtathletik habe sie Ballett, Schwimmen und Volleyball ausprobiert.

10.09.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Fließende Energie

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10.09.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Fließende Energie

Animalisch pirscht sich der Tänzer an, jagt pfeilschnell, mit kleinen Schritten, über die Bühne, zeigt atemberaubende Sprünge. Das Objekt seiner Begierde ist eine Frau, die wie ein kleines Tier neben einem Baum hockt, ihre Arme weich und fließend wie Vogelschwingen, die Hände kunstvoll gehalten wie zum chinesischen Tanz. Seiner wilden Zuneigung begegnet sie mit Ablehnung; zu unterschiedlich scheint ihr Wesen zu sein.

Sébastien Ramirez und Hyun-Jung Wang aka Honji setzen ihr Thema um Identitätssuche und Annäherung in Tanz um, der so kunstvoll wirkt, dass man kaum fassen kann, weshalb die beiden in der internationalen Tanzszene nur als Geheimtipp gehandelt werden. Für das „Pumpenhaus“ hätte es kaum eine stärkere Premiere zur Saison-Eröffnung geben können als diese herausragende Produktion der Kompanie Sébastien Ramirez, „Monchichi“. Vielleicht liegt es an der außergewöhnlichen Tanz­ästhetik, die sich zwischen B-Boying, klassischem und zeitgenössischem Tanz bewegt, an Sébastien Ramirez und Monji Wangs Choreografie, die sich jedem Schubladendenken verweigert. „Monchichi“ steht für die Exotik des Einzelnen, das Unverständnis zwischen den Kulturen. Ein streitlustiger Nachbar, erzählt Ramirez mit ironischem Unterton, habe ihn einmal so genannt. Ein Ex-DDRler, der auf seine Mittagsruhe pochte und über den unkonventionellen Künstler nur den Kopf schütteln konnte. Auf der Bühne setzt das Paar mit seinen koreanisch-deutschen Wurzeln auf der einen, sowie der spanisch-französischen Herkunft auf der anderen Seite Ablehnung und Unverständnis in furiosen Tanz um. Aufregend, wie Sébastien Ramirez seiner Partnerin an den Hals springt, in den Kopfstand gleitet oder auf einem Arm balanciert. Mit seinem außergewöhnlichen Tanzstil, den er als „sachte und kontrolliert“ beschreibt, gelingt es dem Tänzer, B-Boying die Härte zu nehmen, Ecken und Kanten abzuschleifen, bis hin zu einer Leichtigkeit, die vergleichbar ist mit klassischem Tanz. Im Tango übernimmt dennoch sie die Führung, manipuliert seine Schritte, tritt ihn weg. Umso stärker Momente, in denen die Körper zueinander finden, als seien sie eins, verbunden über wellenförmig tanzende Arme, wie Energie, die von einem in den anderen Körper fließt – großartig!

10.04.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Die Frau als Freiwild?

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10.04.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Die Frau als Freiwild?

Eine weiße, rechteckige Fläche gestaltet die Bühne als Raum der Begrenzung. Vier nackte Tänzerinnen bewegen sich darin wie in einem Bilderrahmen, drehen sich Arm in Arm im Kreis, bilden mit ihren Körpern ästhetische Figuren. Parallel dazu sind Filmaufnahmen zu sehen, die das Geschehen von oben abbilden. Mal simultan, mal zeitversetzt aufgenommen, dient diese Technik auch der Multiplikation von Körpern, in einem Tanzstück, das mitunter wie eine Kunst-Performance wirkt.

„The Dry Piece“ ist der Titel von Keren Levis neuer Produktion, die im Pumpenhaus als „Work in Progress“ zu sehen war. Seit Mitte März arbeitet die gebürtige Israelin im Probezentrum Hoppengarten an ihrer Video-Performance. Koproduziert mit dem Pumpenhaus soll das Stück im Mai das „Festival a / d Werf“ in Utrecht eröffnen und Anfang kommenden Jahres dann auch in Münster zu sehen sein. Eine gute Stunde ließ die Choreografin, die ihre künstlerische Heimat schon lange in den Niederlanden gefunden hat, Einblick nehmen in den derzeitigen Stand ihrer Produktion. Bedauerlicherweise fanden sich zum anschließenden Gespräch gerade einmal knapp eine Hand voll Zuschauer bereit. Anders als in Publikumsgesprächen sonst stellte die Choreografin die Fragen und machte deutlich, dass sie hier nicht nur Ästhetik, sondern auch Ethik thematisiert. Dabei geht es ihr räumlich um ein Zentrum, als Mittelpunkt der Choreografie. Gegen Ende des Stücks etwa ist eine Zielscheibe auf den Gazevorhang projiziert. Die Frau als Freiwild? – Vielleicht. Keren Levi hat sich für ihre Performance von Filmemacher Busby Berkely inspirieren lassen – in den 1930er Jahren inszenierte er Musicals mit weiblichen Körpern auf großartige Weise – und von Naomi Wolf, die in ihrem Buch, „The Beauty Myth“, das Frauenbild westlicher Gesellschaften kritisch hinterfragt. Provokant wirkt Levis Arbeit trotz Nacktheit (noch) nicht, dazu scheint die Inszenierung zu distanziert und schematisch, wenn auch spannend, in fließendem Gleichklang der Individuen, die sich hinter ihrer auf Nacktheit reduzierten Körperlichkeit selbst aufzulösen scheinen.

25.03.2012 – Ursula Decker-Bönniger / Online Musik Magazin: Keine Angst vor Demenz

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25.03.2012 – Ursula Decker-Bönniger für das Online Musik Magazin
Keine Angst vor Demenz

Helena Waldmann ist Tanzregisseurin. Ihr vorletztes Stück aus dem Jahre 2010 „Revolver besorgen“, war kürzlich im Theater im Pumpenhaus in Münster zu sehen. Es ist eine beeindruckende ästhetische Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz – ein Kunstwerk aus Licht, Musik, O-Ton-Einspielungen und virtuosem Solotanz, für den Brit Rodemund von der Zeitschrift Tanz als Tänzerin des Jahres 2011 ausgezeichnet wurde.

Bis auf die linke Ecke, in der sich ein Berg aus luftig aufgehäuften, transparent orangefarbenen Plastiktüten befindet, ist und bleibt die Bühne leer. Bis auf eine Vergrößerungsscheibe, die dem Körper in einer Szene zerrspiegelartig immer neue Gesichter verleiht, gibt es keine Requisiten. Was an mitreißenden Bildern zu sehen ist, lebt ganz von der unglaublichen, Stepptanz, Pantomime und klassisches Ballett gleichermaßen beherrschenden Verwandlungskunst der Solistin. Sie führt uns das irritierend widersprüchliche, selbstvergessene Spiel mit Erinnerungsmotiven und dem eigenen Körper vor Augen, lässt erahnen, wie nahtlos Erinnern und Vergessen, Leid und Freud, Schmerz und Lust etc. beieinander liegen.

So wird bspw. zu Beginn das am Boden Robben im nächsten Moment mit soldatischem Stechschritt, militärischem Gruß, freundlichem Blick und lärmenden Gewehrsalven beantwortet. Nach einem kurzen Innehalten folgt unerwartet ein Spiel mit sich verselbstständigenden  Körpergliedern, ein pantomimisches Gespräch mit ausgezogenen Schuhen. Sie unterhalten sich, fangen an zu streiten, werden handgreiflich, schlagen auf Oberschenkel und Hand ein. Dazu erklingt Gustav Mahlers romantische Sehnsucht verkörpernde Rückert-Vertonung „Ich bin der Welt abhanden gekommen, mit der ich sonst so viele Zeit verdorben“ Und in der dritten und letzten Strophe heißt es: „Ich bin gestorben dem Weltgetümmel (…) Ich leb’ allein in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied.“

Oft stellt Helena Waldmann in ihrem einfallsreichen Stück dieser romantischen Sehnsucht nach Entgrenzung eine Art triebhafter Selbstzerstörung gegenüber. Bilder überschwänglicher Lebensfreude und kindlicher, grenzüberschreitender Fantasiewelten kontrastieren mit Bildern körperlichen Verfalls und Kontrollverlust. Walzerseligkeit und swingende Jazzklänge im Dialog mit stepptänzerischen Einlagen wechseln mit dem rauschenden Kratzgeräusch einer abgelaufenen Platte oder etwa den medizinisch nüchternen Beschreibungen der anatomischen Gehirnveränderungen bei Demenz.

Und doch überwiegt der positive Blick auf das ständig wechselnde, neue Gesicht des Körpers. Ähnlich der Episode, in der Brit Rodemund sich mit kindlicher Neugier und Fantasie die Welt der Plastiktüte erobert, sie betrachtet, zerknüllt und wieder wachsen sieht, dem knirschenden Geräusch lauscht, sie wie einen Ball hüpfen lässt und zum Revolver formt, lebt das Erforschen und Versinken in die eigene Innenwelt von der durch Transformation, die unvermittelt eintritt und vorübergeht. In der letzten Szene hören wir Kinderlachen, der Körper krümmt sich und zieht sich in den Plastiktütenhaufen zurück, um vergraben unter Tüten in einem letzten Zucken zu ersterben.

16.03.2012 – Arndt Zikant / Westfälischen Nachrichten: Das Paradeiser-Stück „Hobophobia“….

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16.03.2012 – Arndt Zikant für die Westfälischen Nachrichten
Das Paradeiser-Stück „Hobophobia“ konfrontiert die Zuschauer mit dem Wegschau-Reflex

Mit allen Sinnen im Rinnstein-Milieu

Wer hat Angst vorm armen Mann? Eine abgründige Frage, der viele von uns gern ausweichen. Im Kellergewölbe des Pumpenhauses gab es am Mittwoch keine Chance wegzuschauen. Die zwangsläufig kleine Zuschauerschar wurde buchstäblich mit allen Sinnen ins Rinnstein-Milieu geworfen. Dorthin, wo die Bettelbüchse klingt. Dorthin, wo es stinkt. Dorthin, wo dich der Blick des Obdachlosen trifft und dir zuraunt: „Ich bin du.“

Mit Verve und bitterem Humor konfrontierte das Stück „Hobophobia“ das Publikum. Als „Live-Hörspiel“ betitelt, räumte es dem Sound viel Bedeutung ein. Musiker Kai Niggemann saß wie ein Laptop-Schamane am Keyboard, spielte Geräusche ein oder verfremdete das, was die Schauspieler ins Mikro sprachen, zu kalten Roboter-Arien. Und die Münzen im Becher wurden zur klimpernden Rhythmus-Studie. Ebenfalls gut war die Bildprojektion (Lea Tenbrock) von endlosen Häuserfluchten, die klaustrophobische Großstadt-Atmosphäre schufen. Regie führte Ruth Schultz („Paradeiser-Productions“). Man mag bemängeln, dass hier einmal mehr viele gute Einzel-Ideen zur Collage vermengt wurden. Getragen wurde die Performance von den starken Schauspielern, die schier eruptiv den Raum in Beschlag nahmen. Philip Gregor Grüneberg, Harald Redmer und die Tänzerin Leena Keizer gingen ganz dicht ran. Hielten einem die Bettelbüchsen vors Gesicht. Rannten wie in Panik im Kreis. Die zierliche Tänzerin wirkte neben den schlaksigen Hünen wie ein Kind. Wie Rotkäppchen umschlich sie die weißen Säulen – und Redmer und Grüneberg verfielen in wildes Werwolfgebrüll. So prall war die sinnliche Ebene – doch das Stück wollte mehr. Die Textcollage reichte von Eichendorffs romantisch verbrämtem „Taugenichts“ bis zum EU-Bericht über Obdachlose. Vom zynischen Vergnügen an Armut ist die Rede, von Jugendlichen, die sich am „Penner-Spotting“ ergötzen. Und überhaupt, so fragt Redmer: Was kann unsereins schon tun? „Soll ich etwa Pennern Obdach geben, vielleicht gar mit Bier-Flatrate?“ Statements vom Marktapostel Friedrich von Hayek kommen vom Band. Das ist dicht an der Sozial-Reportage und übt jene wohlfeile Kritik an der „Marktgesellschaft“, auf die heute kaum eine Kunstproduktion verzichtet. Doch den schmerzvollen Widerspruch will das Stück nicht auflösen. „Penner“ Grüneberg grinst den Betrachter eisig an. Wie ein aggressives Flirten, das sagt: Gib mir Kohle – ich bin du.

11.03.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: „The Kitchen“ im Pumpenhaus

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11.03.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
„The Kitchen“ im Pumpenhaus

Getränke-Kisten dominieren auf der verspielt wirkenden, originellen Bühne. An der Decke sind sie fixiert, auf dem Boden gestapelt; dem Musiker Stefan Kirchhoff dienen sie als Podium für Schlagzeug und Gitarre. Mit seiner dynamischen Sound-Collage gibt er der Company den Takt vor: In großen Sprüngen jagen zwei Tänzer über die Bühne. An improvisierten Tischen und Stühlen vorbeilaufend, schnappt sich Gabrio Gabrielli Kakao, eine Schüssel und ein Ei, bis er schließlich auf Andy Zondags Schulter sitzt, mit den Zähnen eine Milchpackung aufreißt wie ein Tier, und alles zu einem Teig anrührt – skurrile Tänzer-Köche, reif für den Zirkus.

„The Kitchen“ (Die Küche) ist die erste eigene Produktion von Alexandra Morales. Seit Jahren arbeitet die Tänzerin erfolgreich mit Samir Akikas Kompanie „Unusual Symptoms“ zusammen. Im Pumpenhaus hat sie mit sechs Darstellern ein Tanztheater auf die Bühne gebracht, das so jung und schräg wirkt, wie man es von Akika kennt. Dabei gelingt es der Choreografin, die verschiedensten Facetten um Küche und Essen zu beleuchten, in einem energiegeladenen, dramaturgisch stringenten Stück. Bemerkenswert, dass hier, in „der Küche“, nur die Regisseurin weiblich ist, und „Mama“, die liebevoll zitiert wird. Vor dem Hintergrund von Tierquälerei, Gentechnik und Nahrungsmanipulation bereitet das Essen geradezu albtraumhafte Szenen. Zuckend und grimassierend liegen die Darsteller auf dem Boden. Johannes Fundermann lässt sich, nackt und mit roter Farbe beschmiert, an den Füßen kopfüber aufhängen wie ein totes Schwein und singt später in salbungsvoller Flower-Po­wer-Manier, dass er lieber Blumen isst als Fleisch. Komisch und ironisch wirken die Szenen, wenn Tänzer in Tierfellen eine Party feiern, einen Stoffleoparden einrahmen oder wie Prediger davon sprechen, dass jeder der Koch seines eigenen Lebens sei. Der kritische Anspruch ist dennoch unmissverständlich und nimmt für sich ein, ebenso wie die sympathischen, lebensnahen Erzählungen der Darsteller, die ihre Küche zum Schauplatz privater Geschichten machen. Erlebnisse, die geprägt sind von Liebe und Schmerz, so intim inszeniert, als säße man gemeinsam mit ihnen zwischen Kühlschrank und Herd – großartig.