22.07.2011 – Gerhard H. Kock für die Westfälischen Nachrichten Zum Weinen schön . . .

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22.07.2011 – Gerhard H. Kock für die Westfälischen Nachrichten
Zum Weinen schön . . .

Wer Alexis Fernández und Caterina Varela tanzen gesehen hat, der kann spüren, dass er noch Tränen hat. Vor der Hinterhof-Fassade vom Stadthaus 1 rangen, sprangen und umfingen sich die beiden Spanier von „La Macana“, dicht umringt von Zuschauern auf dem Pflaster. Gewalt und Zärtlichkeit dieser zwei Menschen ereigneten sich zu Musik der apokalyptischen Prophezeiungen aus „Die Befindlichkeit des Landes“ der „Einstürzenden Neubauten“. Politischer Tanz mit einer Präzision, dass der Zuschauer keine Angst um die Finger haben musste, wenn der andere auf sie zu springen scheint – schon eher um seinen Gemütszustand.

22.07.2011 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Tanzende Politessen

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22.07.2011 – Gerhard H. Kock für die Westfälischen Nachrichten
Tanzende Politessen

Eine Kolonne französischer Landpolizisten machte gestern am späten Nachmittag die Innenstadt unsicher. Politessen zeigten Bein, Gendarmerie mit reichlich Schatten um die Augen trillerte das Volk auseinander, und inmitten des Publikums tanzte die muntere Schutzmann-Truppe eine Art Tarantella. 
Das war mal eine Staatsgewalt zum Liebhaben – respektlos, aber sympathisch. Ähnlichkeiten mit wirklichen Polizisten aus Frankreich sind vermutlich rein zufällig – möchte man annehmen?.?.?.

20.07.2011 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Traumhafte Welten erscheinen

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20.07.2011 – Gerhard H. Kock für die Westfälischen Nachrichten
Traumhafte Welten erscheinen

Als Kind hat Uwe Köhler noch die Elefanten und das gestreifte Haus gesehen. Das sind nur noch vage Erinnerungen. Konkrete Erscheinungen inszeniert der Münsteraner jetzt zusammen mit Raschid D. Sidgi an gleicher Stelle. Theater Titanick lässt am Alten Zoo seinen traumwandlerischen Spaziergang „Sonnambulo“ Wirklichkeit werden. 

Schädel von Mensch und Tier liegen bereits herum, Stahlgerüste mit Rost und Wattebäuschen harren auf Feuer, gigantische Maden hängen in Bäumen – Titanick hat das Areal zwischen Himmelreichallee und Promenade in Höhe der heutigen Musikschule komplett belegt. Schließlich sollen hier an zwei Abenden jeweils mindestens 2000 Leute durchflanieren. Die (kostenlosen) Karten sind zwar alle schon weg. Aber für jeden Besucher, der das Ereignisgelände vor Mitternacht wieder verlässt, darf wieder einer rein – eine Chance für die Geduldigen unter den Glücksrittern.

Da die Inszenierung, die aus Bildern von Bosch undBreughel sowie Dantes Göttlicher Komödie aussoziiert ist, keine Chronologie hat, lässt sie sich schnell oder langsam erlaufen und erleben. Es gibt zwar einen Musiker, der wie ein Zeiger den Kreislauf durchwandelt. Wem aber das eine Bild, die eine Szene besonders gut gefällt, der kann stehen bleiben und den Rest später erwandeln.

Es gibt acht Szenen und sieben Welten. In einer Welt sucht eine blinde Sängerin in einer Trauerweide den Partner, in einer anderen liebt der Knochenmann das Spiel und den Tod; es gibt die Welt des Klingenschleifers, des Ballonisten, der Regenmacherin, der Leichenwäscherin und des Energieträgers. In Szenen wird aus der weißen Frau eine schwarze Spinne, Liebende finden sich in der Folter wieder . . .

Die Sequenzen dieser „performativ kinetischen Installation“, wie Köhler sie nennt, sind zwischen drei und sechs Minuten lang. Sie wiederholen sich ständig (wegen der Anwohner nur bis Mitternacht) – wie Erscheinungen in einem Traum.

» Das „Flurstücke“-Festival beginnt am heutigen Mittwoch um 17.30 Uhr auf der Ludgeristraße mit „Mamas Beerdigung“ von Cacahuète. Eröffnet wird es um 18.30 Uhr im Festivalzentrum am Alten Steinweg. Um 19 Uhr tanzt dort „La Macana“, um 19.30 Uhr spielt dort Jan Klares „The Dorf“.

11.07.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Kaspar-Hauser-Variante mit satirischem Einschlag

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11.07.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Kaspar-Hauser-Variante mit satirischem Einschlag

Das Publikum kichert, wenn er vorwitzig den Kopf aus der Tonne streckt. Nicht wie einst Diogenes, denn seine Tonne ist für den Müll. Er springt behände rein und raus, und wenn er etwas Essbares in die Finger kriegt, wird es sofort verspeist. Fragt man den Jungen nach seinem Namen, sagt er nur: „Ich war eine Ratte.“

Die Inszenierung des Schrägstrichtheaters verarbeitet einen Stoff von Philip Pullman – eine Variation über die Geschichte vom „Wolfsjungen“, der in der menschlichen Gesellschaft zum Außenseiter verdammt ist. Dass die Hauptfigur hier gar behauptet, von Ratten abzustammen, macht ihn noch drastischer zum Underdog. Unter der Regie von Annette Knuf und Manfred Kerklau traten im Pumpenhaus überwiegend Darsteller mit geistiger Behinderung auf. Mit so viel Spielfreude, dass diese eigentlich traurige Kaspar-Hauser-Variante ein satirisches Augenzwinkern bekam, das seine Wirkung im begeisterten Publikum nicht verfehlte. Es spielten Kai Ackermann, Kirsten Buldermann, Sebastian Dosche, Pia Humborg, Tom Kaven, Melanie Nicolaysen und andere.

Der „Rattenjunge“ wird von wohlmeinenden Bürgern zunächst „Paul“ getauft, dann aber von Nachbarskindern gehänselt und gemobbt. „Geh doch zurück in die Kanalisation!“ Technokratische Weißkittel vermessen, studieren und katalogisieren das sensationelle Findelkind. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Giftige Stimmen flüstern aus dem Off über diffuse Ängste, deren symbolischer Bezug zur „Rattenplage“ offensichtlich ist. Bernd Kortenkamp und sein bizarrer „Wachtelrealisator“ malen die bedrohliche Klangkulisse, als Bösewichte vom Zirkus den „Rattenjungen“ für ihre Freakshow kidnappen. Zum Glück entkommt Paul am Ende seinem Käfig. „Das ist doch ein Junge!“, ruft eine Frau.

01.07.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Blaulicht und Ganoven-Walzer

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01.07.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Blaulicht und Ganoven-Walzer

„Einszweipolizei“: Szenen-Mix des jungen Theaters Cactus wurde begeistert aufgenommen

Tatort Pumpenhaus. Auch wenn man die berühmten Augen im Fadenkreuz nicht sieht – die ebenso berühmte „Tatort“-Musik rennt los, stolpert über „Derrick“, braust durch die „Straßen von San Francisco“ und schunkelt am Ende gemütlich übers „Großstadtrevier“. Da heißt es „Action!“ für acht Sessel mit Blaulicht, die wie beim Autoscooter umeinander wuseln und sich dann träumerisch zu Derricks Ganoven-Walzer wiegen. 
Fette Beats und harte Schnitte, Originalzitate und getanzte Szenen – das Motto der neuen Cactus-Theater-Produktion hieß einmal mehr: Es lebe die Collage! Ein rasanter Szenen-Mix rund um Freunde und Helfer in Uniform, der im vollen Pumpenhaus begeistert aufgenommen wurde.

Die Basis von „Einszweipolizei“ (Regie: Alban Renz) sind Interviews, die Jugendliche mit Polizisten geführt haben. Bis auf wenige Ausnahmen gehen alle Texte darauf zurück. Die acht jungen Akteure (fünf Frauen, drei Männer) schlüpfen hier nicht in Uniformen, sie spüren den Individuen nach, die sie tragen. „Manche interessiert der Mensch überhaupt nicht“, sagt einer. Man fühle sich in Uniform immer beobachtet. Und: „Man ist Repräsentant des Staates.“

Dialogszenen kreisen um die Kernfragen: Hast du Vorurteile gegen Schwarze? Glaubst du wirklich an alle Gesetze? Und: Wann ist Gewalt unvermeidlich? Plötzlich verschanzen sich alle hinter einem, der nicht mehr Herr der Lage ist, gestoßen und getrieben von der Menge. Die Polizisten fallen zu Boden, werden wie Mordopfer mit Kreide ummalt.

Ein tolles Ensemble: Andreas Strietzel, Shaun Fitzpatrick, Fabio Gunnemann, Meike Katthöfer, Lisa Kessler, Nicola Schiefel, Marie Heiderich und Sara Ranjana Häuser. Ein männlicher Darsteller mehr hätte der Authentizität gut getan. Aber auch wenn das Collage-Prinzip mittlerweile die Regel ist: Hier sind doch alle Zutaten stimmig. Da gibt es eine grimmige Choreografie (Sara Ranjana Häuser), die aus den Posen des Kampfsports entwickelt scheint. Da werden Szenen aus dem Al-Capone-Film „The Untouchables“ von 1987 mit Schattenspiel auf der Leinwand verballhornt. Und das Wichtigste kommt nicht zu kurz: Die Angst der Polizisten – vor Einsätzen, vor dem Töten und der Schuld, die man auf sich laden könnte. Am Ende erinnert sich einer an seinen Amtseid, und dazu blinkt ein einsames Rotlicht.

01.07.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung Mit Blaulicht am Sessel

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01.07.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Mit Blaulicht am Sessel

Theater Cactus beleuchtet mit „Einszweipolizei“ den Polizeiberuf

Die meisten Menschen kennen Polizisten nur aus dem Streifenwagen oder vom Anstehen an der Dönerbude. Näheren Kontakt bekommt man erst, wenn man etwas falsch gemacht hat.

Oder wenn einem etwas gestohlen worden ist. Das Fahrrad zum Beispiel. Dann erstattet man Anzeige und sieht, wie sie Schreibmaschine schreiben. Auch betrunken Auto fahren ist eine Sache die sie nicht mögen. Aber sonst weiß man wenig von ihnen. Abhilfe schafft das Junge Theater Cactus.

Für „Einszweipolizei“ haben drei Jungen und fünf Mädchen unter der Regie von Alban Renz einige Hüter von Recht und Ordnung ausführlich interviewt. Herausgekommen ist eine spritzige, manchmal ernste, oft erheiternde Collage aus Musik, Tanz und Schauspiel, in der die verschiedenen Aspekte des Polizistenberufs beleuchtet werden. Am Mittwochabend hatte das Stück im ausverkauften Pumpenhaus Premiere.

Freund und Helfer?

Es ist die Uniform, die den Privatmenschen zum Dienstmenschen macht. Verändern sich nach dem Umkleiden nicht gleich Gang und Haltung? Wie sieht der Bürger den Polizisten? Ist er der Freund und Helfer, wie gerne propagiert wird? Oder doch nur jemand, der stets dann auftaucht, wenn man gerade so richtig Spaß hat? Wann darf ein Polizist eigentlich Gewalt anwenden? Wie darf diese Gewalt aussehen? Und warum nennt er seine Waffe „Susi“?

Das sind Fragen, die das Ensemble durchexerziert und dabei eine gehörige Portion Fantasie und Spielfreude an den Tag legt. Mit auf Rollen geschraubten und mit Blaulicht versehenen Polstersesseln tanzen sie Streifenwagen-Ballett, simulieren Einsätze oder stellen per Schattenspiel einschlägige Hollywoodfilme nach. Im Mittelpunkt aber stehen die Interviews, die zum Teil eins zu eins, also mit allen Versprechern und Denkpausen, nachgesprochen werden.

Erster Einsatz

In einem Interview erzählt ein Beamter von seinem ersten Einsatz – wegen einer Bahnleiche. Den Schock verarbeitet er am Abend, indem er sich Mettbrötchen schmiert. Die Schauspieler stellen die Situation auf der Bühne nach, verteilen Brötchen ans Publikum.

Meist aber geht es lustig zu. Gefragt, was er machen würde, wenn er nicht Polizist geworden wäre, antwortet einer: „Ich hätte gern Theater gespielt“. Eine sehenswerte Inszenierung, bei der Bürger und Polizisten einiges lernen können.