07.11.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Parodie der Gierigen

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07.11.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Parodie der Gierigen

Fünf Performer stehen nebeneinander auf der Bühne; mit gewollt bedeutungsvoller Attitüde treten sie auf der Stelle, breiten die Arme aus, hüpfen. Infantil und komisch kommt diese Compagnie aus schwarzen und weißen Darstellern daher; vor allem Hauke Heumann, der das Französisch der Afrikaner übersetzt, ihre Bewegungen nachahmt, wirkt in seinem Übereifer wie eine Parodie afrikanischer Machos, die sich bald als Politiker, Geistliche oder charismatische DJs entpuppen. Und alle wollen manipulieren, gieren nach Macht und Geld. 

„Erleide meine Inspiration“, eine Produktion der preisgekrönten Regisseure Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, eröffnete die dreiwöchige Reihe imPumpenhaus „Jenseits der Gleichgültigkeit: Performing black Africa“. Die Künstler aus Berlin und Abidjan haben in Münster schon mehrfach Themen der Elfenbeinküste auf der Bühne gebracht, begeisterten stets durch ihre Art, politische und gesellschaftliche Konflikte ironisch überzeichnet und dennoch authentisch darzustellen. So unterhaltsam war es allerdings selten, auch wenn der Tanz diesmal nur am Rande eine Rolle spielte. 

„Hier ist zu viel Inspiration“ übersetzt Heumann den afrikanischen Performer SKelly, der mit knallrotem Outfit und orange gefärbtem Haar schon optisch eine skurrile Erscheinung ist. „Ich bin gekommen, euch Idioten zu retten“, brüstet er sich als Präsident und gibtAngela Merkel gönnerhaft Tipps in Sachen Griechenland-Krise. Große Reden schwingen, nur nicht an Selbstbewusstsein verlieren; Abidjans Politiker machen „müde im Kopf“, sagt SKelly in einem ernsthaften, faszinierend ehrlichen Augenblick, bevor sich das Stück auf den nächsten Höhepunkt zuspitzt. Diesmal steht Gotta Depri als Priester und Teufelsaustreiber im Rampenlicht. „Hallelujah“ brüllend, tobt das Improvisationstalent über die Bühne und hat im Publikum bald ein Opfer gefunden, dem er Absolution für Steuerhinterziehung erteilt – unter der Bedingung, dass alles der Kirche gespendet wird. 

Die Sinnlosigkeit von Gewalt demonstriert Franck Edmond Yao in einer eindringlichen Westernszene. Wie im Film, so konnte es auch real an der Elfenbeinküste nur einen Präsidenten geben. „Stirb für mich“, fordert Yao als Machthaber – menschenverachtender geht es kaum.

06.11.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Theater von Gintersdorfer und Klaßen: Dämonen an der Macht

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06.11.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Theater von Gintersdorfer und Klaßen: Dämonen an der Macht

Gleich zweimal rüttelte das Regieduo Gintersdorfer/Klaßen am Wochenende die Zuschauer im Pumpenhaus auf. Die Doppelpremiere am Freitag und Samstag hatte es sich: Es wurde laut, ironisch und düster.

In roter Hose und Jacke tänzelt er herum und schleudert Versprechungen ins Publikum. Ein kleiner Springteufel, der den Präsidenten seines Landes mimt und für alle Probleme eine Lösung weiß. Und Probleme gibt es nach Bürgerkrieg und Teilung reichlich in der Republik Elfenbeinküste. So viele, dass das Volk von der Politik in die Party und von dort in die Religion flüchtet.

Mit „Erleide meine Inspiration“ eröffnete das Berliner Regieduo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen am Freitag im Pumpenhaus die Reihe „Jenseits der Gleichgültigkeit: Performing Black Afrika“. Es ist eine kraftvolle und mitreißende Performance aus Gesang, Tanz und lautstarker Agitation, die das deutsch-ivorische Ensemble auf die Bühne bringt. Und trotz der Missstände, die dabei verhandelt werden, gestaltet sich das Ganze höchst unterhaltsam und beißend ironisch.

16 Frauen braucht der Mann

16 Frauen braucht der Mann an der Elfenbeinküste, heißt es. Eine für zuhause und 15 zum Ausgehen. Weil ihn das in die Sünde treibt, flüchtet er nach einer durchgefeierten Nacht in die Arme der Kirche, die sich praktischerweise auch auf Teufelsaustreibung versteht. Das Publikum wird aufgefordert, ordentlich Lärm zu machen, damit die Dämonen mitkriegen, dass es ihnen an den Kragen geht. Und weil Deutschland auch seine Probleme hat, wird die Theologie mit der Eurokrise vermengt, die man nach einem Telefonat mit der Kanzlerin gleich mit austreibt. Mit einer pseudophilosophischen Auslassung über das „Ende des Westerns“ endet das Spektakel und leitet gleichzeitig auf das Stück am Samstag über, das eben diesen Titel trägt.

Am Ende des Westerns

Als die Elfenbeinküste im Oktober 2010 ihren Präsidenten wählte, muss was schiefgelaufen sein. Jedenfalls beanspruchten beide Kandidaten den Sieg für sich: Laurent Gbagbo, der amtierende Präsident, und Alassane Ouattara, sein Herausforderer. Die Doppelherrschaft dauerte sechs Monate und stürzte das Land in Chaos und Anarchie, bis mit Hilfe der Vereinten Nationen, der USA und Europas der Machtkampf schließlich zugunsten Ouattaras entschieden wurde. Den fatalen Zustand nach der Wahl thematisiert das Regieduo Gintersdorfer/Klaßen in „Am Ende des Western“.

War die Herangehensweise am Freitag noch stark von Ironie geprägt, verzichtet das Ensemble hier fast völlig auf komische Effekte, die dem Konflikt Schärfe nehmen würden. Aggressiv brüllen die Kombattanten aufeinander ein und übertragen die Auseinandersetzung auf das Publikum, das sie auf die Bühne holen und auf Patriotismus einschwören. Eine Hälfte der Darsteller agiert hinter einer Wand, die andere davor, und keine Seite weiß, was die andere im Schilde führt. Bis es wie im Western zum großen Showdown kommt, bei dem die Zuschauer in der Rolle des Volkes aufgefordert werden, ihr Leben für ihren Kandidaten zu opfern.

Standpauke fürs Publikum

„Sechs Monate, in denen Dämonen die Macht übernommen haben“ – so wird die Zeit beschrieben und mit beängstigender Realität in Szene gesetzt. Selten hat Theater so mitgenommen. Aber auch danach herrscht alles andere als Harmonie. Als das Publikum wieder auf seinen Stühlen Platz nimmt, bekommt es eine Standpauke zu hören, bei der es um Deutschlands Rolle in dem Konflikt und um die Europäische Union geht, der man keine große Zukunft prophezeit. „In 15 Jahren sehen wir uns wieder“, heißt es zum Schluss. Und es klingt wie eine Drohung.

02.11.2011 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Was Zombiefilme und Politik gemeinsam haben

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02.11.2011 – Maria Berentzen für die Westfälischen Nachrichten
Was Zombiefilme und Politik gemeinsam haben

Abwärts geht es nicht nur in die Abgründe der eigenen Seele, abwärts geht es auch im Pumpenhaus. Etliche Stufen hinab in den Keller, um die Ecke und hinein in den kleinen Saal, in dem sofort das Licht verlischt. Stockdunkel. Dichte Finsternis, die plötzlich dadurch lichter wird, dass eine Gestalt sich eine Taschenlampe vors Gesicht hält: Das Gruseln beginnt und wird an diesem Abend nicht enden . . .

Was Zombiefilme und internationale Politik gemeinsam haben, ist eine Kernfrage des Stücks „Pandaemonium“, das am Dienstag im Pumpenhaus Premiere feierte. Das Konzept stammt von Ruth Schultz und Philip Gregor Grüneberg, der selbst mitspielt. 
„Ich kann nicht atmen, alles wird anders“, raunt Grüneberg über die Taschenlampe hinweg. Im Hintergrund schleicht sich die Tänzerin Jennifer Ocampo Monsalve aus einer Mauernische und nähert sich unbemerkt. Das Licht der Taschenlampe wirft flackernde Schatten. „Ihr werdet nicht mal mehr zum Schreien kommen“, stimmt Grüneberg das Publikum ein.  

Dass das Grauen den immer gleichen Prinzipien folge, lernen die Zuschauer an diesem Abend ebenso wie sie die produktive Kraft des Bösen begreifen sollen. „Nightmare on Elm Street“ steht hier neben der internationalen Politik; der Film „The Fog“ neben dem Ex-US-Verteidigungsminister Rumsfeld, der vor dem Verteidigungsausschuss über das Unbekannte sinnierte. 

Mit drei Tests „von anerkannten amerikanischen Psychologen“ testen die Schauspieler das Publikum: Wer hat das Zeug zum Massenmörder? Wer ist ein echterPsychopath? Es gilt, den Buchstaben F in einem Satz zu zählen und die Lösung für einen Kriminalfall zu finden. Und tatsächlich: Sieben potenzielle Psychopathen befinden sich unter den Zuschauern in der ausverkauften Veranstaltung. „Sehr gut, die Gesellschaft braucht kriminelles Potenzial“, freut sich Grüneberg.

Bald wälzt sich Ocampo Monsalve minutenlang in Todesqualen auf dem Boden, bald fragt Grüneberg nach dem Geschmack von Menschenfleisch. Schließlich mutieren die Schauspieler gar zu Zombies: Steife Glieder lassen sich kaum mitschleppen, ungelenk stolpern sie mit starrem Blick aufs Publikum zu. Dem gefiel die absurd-schräge Produktion so sehr, dass alle minutenlang applaudierten, trappelten und pfiffen.

31.10.2011 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Als Ärzte noch dem Klagen lauschten

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31.10.2011 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Als Ärzte noch dem Klagen lauschten

Als nach 26 Tagen der Lebensprozess von Frau K. nicht mehr aufrecht erhalten werden kann und die Maschinen abgestellt werden, sieht sich der behandelnde Arzt den Fall noch einmal genau an, um einen Kommentar zu schreiben. Er hatte mit Frau K., die noch bei Bewusstsein gewesen war, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nie wirklich geredet. Er weiß fast nichts über die Frau, und das muss er auch nicht, schließlich hat er ja die Kostenaufstellungen – und vor allem die Daten der Tests, die eine klare Sprache sprechen. Viel zu viele Tests im Übrigen, worüber er sich jetzt ärgert. Und viel zu teuer.
Barbara Duden lehnt an einem Stehtisch auf der Bühne im Pumpenhaus und erweitert den „Traum der Medizin“, das interdisziplinäre Festival, um eine historisch-soziologische Perspektive. Die Professorin gilt als „Pionierin der Körpergeschichte“ und benutzt den Fall der Frau K., um darzustellen, wie sich die Medizin verändert hat. Und um einen krassen Kontrast zu erzeugen. Denn den Blick auf die Moderne gewährt sie erst, nachdem sie zuvor aus den Akten des Eisenacher Arztes Johann Storch gelesen hat, der zwischen 1715 und 1750 praktizierte, als Medizin noch keine Wissenschaft und der Körper noch nicht zu einem reinen Objekt geworden war, wie Duden sagt.

Es gebe einen Abgrund zwischen der eigenen Wahrnehmung und der diagnostischen Ebene, der beinahe unüberbrückbar sei, meint Barbara Duden. „Es ist fast unmöglich geworden zu klagen“, sagt sie, weil es den Arzt, der ruhig zuhöre, weil es das Zwiegesprächzwischen ihm und dem Patienten kaum mehr gebe. 

Von Klageliedern der Opernsängerin Sandra Mangini unterbrochen, liest Duden aus den Aufzeichnungen des Eisenacher Arztes, der pedantisch protokollierte, was ihm zu Ohren gekommen war – „und nicht, was er sah“, wie sie betont. Da geht es um eine ältere Dame, die Angst hat, im „Innern zu versteinern“, um ein Hoffräulein mit Herzflattern und um ein Frauenzimmer von 17 Jahren, das nicht essen, nicht schlafen könne, kalte Füße habe, kurzen Atem und Taubheit in den Gliedmaßen. Der Medicus redet mit der jungen Frau, die offensichtlich an Liebeskrankheit leidet. Es ist eine Zeit, in der außer Frage steht, dass Herzen zerfließen, Menschen Blut schwitzen, vollen Herzens und voller Trauer sein können.

Und heute? Besteht laut Barbara Duden „eine Riesenkluft zwischen Fleisch und Wort“. Der Arzt von damals „behandelte keine Körper, sondern erzählte Geschichten, während heute der Patient nicht mehr gehört, sondern abgehört wird“.

28.10.2011 – Hilmar Riemenschneider / Westfälischen Nachrichten: Warmer Segen für freie Theater

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28.10.2011 – Hilmar Riemenschneider für die Westfälischen Nachrichten
Warmer Segen für freie Theater

Der Satz geht runter wie Honig. „Die freie Szene ist für die gemeinsame Zukunft einer vielfältigen Theaterlandschaft so wichtig wie unsere Schauspielhäuser und Tanzensembles, die Orchester und Opernhäuser.“ NRW-Kulturministerin Ute Schäfer schüttete dieses Lob gestern zusammen mit 1,6 Millionen Euro weiteren Fördermitteln über die freien Theater aus. Der jährliche Etat für die Unterstützung der freien Künstler wächst damit auf 6,4 Millionen Euro an. „Das ist keine Eintagsfliege“, versprach Schäfer, auch wenn der Haushalt 2012 noch nicht feststeht.

Der warme Geldregen prasselt mit einem um je 100 000 Euro erhöhten Jahreszuschuss auf fünf Produktionsstätten nieder, darunter das Pumpenhaus in Münster. Die anderen vier Theater finden sich in der Rhein-Ruhr-Region: In Düsseldorf profitieren das Forum Freies Theater und das Tanzhaus NRW, in Mülheim der Ringlokschuppen und in Essen das PACT Zollverein. Schäfer will „damit deutlich machen, dass sie „Spitzenhäuser bleiben sollen“

Das überarbeitete Förderkonzept legt einen Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendtheater. Dafür erhalten vier Produktionszentren je 40 000 Euro zusätzlich alsLandeshilfe: Theaterlabor Bielefeld, Consol Theater Gelsenkirchen, Helios Theater Hamm und Comedia theater Köln. Für weitere Projekte der Kinder- und Jugendarbeit stehen 100 000 Euro bereit, mit der gleichen Summe wird auch die Nachwuchsförderung bedacht.

Noch unentschieden ist Schäfer zufolge die Vergabe derSpitzenförderung für vier von einer Jury auszuwählenden Ensembles, die drei Jahre lang je 65 000 Euro erhalten. Die Kooperationen von festen und freien Ensembles unterstützt das Land mit einem auf 300 000 Euro aufgestockten Etat. 

Dass die Förderung der freien Theater ausgebaut werden soll, haben SPD und Grüne im Koalitionsvertrag vereinbart. Schäfer betonte, damit trage das Land auch der international gewachsenen Bedeutung der freien Szene Rechnung. Ohnehin habe diese viele Impulse für die großen Theater gegeben.

21.10.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Fragen an sich selbst

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21.10.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Fragen an sich selbst

Vier große Leinwände, vier große Gesichter. Zu sehen als Dia-Projektion in Schwarzweiß, von vorn und der Seite. Es sind drei junge Frauen und mittendrin Pitt Hartmann. Mimisch macht er, was auch die andern machen – und doch ist er anders, herausgehoben. Zum Beispiel, wenn ihm ein Käfer unbehelligt übers Gesicht krabbelt und Hartmanns kahle Stirn erklimmt. Der knautscht gequält seine Mimik, aber verjagen kann er das Insekt offenbar nicht. Irgendwie ist er in sich selbst gefangen – und erzählt davon aus dem Off.
„What the Hell is going on?“, fragt Hartmanns Stimme sich selbst. Immer wieder fragt sie´s während der Erzählung, die eine wunderliche Verzweiflung atmet und doch von flapsiger Coolness durchsetzt ist. Ein Mensch, der sich fragt, ob Gevatter Tod ihn im TÜV-geprüften Wagen abholt. Der sich gegen beschwichtigende Ärzte behaupten will. Der sich seine altvertraute Wohnung wie ein Puzzle zusammensetzen muss. Den autobiografischen Text schrieb Pitt Hartmann vor 20 Jahren, in einer Situation, in der für den Schauspieler das Zeitgefüge und sein Gesellschaftsbegriff zusammenbrachen.

Was unter Regie von Johannes Fundermann und Lea Bullerjahn ins Pumpenhaus gebracht wurde, ist eine Versinnlichung des Textes. Die vier Personen sind irgendwie alle Hartmann; er und das Trio Nele Koops, Victoria Mletzko und Milena Weber bewegen sich während der 50 Minuten stumm und roboterhaft über die Bühne und projizieren Bilder an die Wand.

Schöne analoge Welt: Wo heute sonst Laptops und Beamer dominieren, sind sinnlich ratternde Projektoren hier am Werk, und die vertraute Mechanik schrappt ein Dia vors andere – ein Bilderregen von 400 an der Zahl, der vom Comic-Superman bis zum berühmten Nacktfoto Marylin Monroes reicht. Und damit mehr Beliebigkeit erzeugt, als dem Stück guttut.

Illustration ist der Regie natürlich zu wenig. Die fast autonome Performance menschlicher Maschinen setzt der Textebene so viel entgegen, dass die Aufmerksamkeit sich spaltet. Und: Die weibliche Bühnen-Gesellschaft lässt den Akteur Hartmann eben nicht so isoliert erscheinen, wie es sein Text-Ego aus dem Lautsprecher behauptet. Diesem gelingen gute Sprachbilder von Zeit und Tod. Wie etwa das von der Friedhofs-Witwe, deren Zeitmaß vom Gattengrab bestimmt wird: „Sie lebt für den Tod und ist tot fürs Leben.“

21.10.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Festival Theater und MedizinÖffentliche Operationen

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21.10.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Festival Theater und MedizinÖffentliche Operationen

2008 hat der Arzt und Schauspieler Tugsal Mogul das „Theater Operation“ gegründet, um Bühnenwerke an der Schnittstelle von darstellender Kunst und Medizin zu entwickeln.

„Halbstarke Halbgötter“ befasst sich mit dem Klinikalltag von Ärzten; in dem Stück „Somnia“ geht um die Träume und Bewusstseinzustände von Intensivpatienten. Beide Produktionen wurden bundesweit aufgeführt – nicht nur im Theater, sondern auch in Kliniken und auf Ärztekongressen. „Die Stücke kommen an, weil wir die Welt der Medizin auch unter kritischen Gesichtspunkten betrachten“, meint Agnieszka Barczyk, die in „Somnia“ eine überforderte Krankenschwester spielt.

Theater wird Klinik

Jetzt spannt das „Theater Operation“ den Bogen noch weiter. Beim interdisziplinären Festival „Der Traum der Medizin“, das vom 27. bis 30. Oktober im Pumpenhaus stattfindet, kommen Philosophen, Soziologen, Architekten, Filmemacher und bildende Künstler zu Wort – und das Publikum, das im Anschluss an die Vorträge und Lesungen Gelegenheit zur Diskussion hat. „Wir verwandeln das Theater in eine Klinik und werfen dabei einen frischen Blick auf Kranke und Gesunde“, so Produktionsleiterin Judith Schwellenbach.

Das Programm ist breit gefächert. Unter anderem beschäftigt sich der Philosoph Stephan Meier-Oeser mit dem Verhältnis von Traum und Realität in der Wahrnehmung. Der Künstler Timm Ulrichs setzt sich mit der Frage auseinander, ob Schmerz sein muss. Die Historikerin Barbara Duden bringt in einer Lecture-Perfomance das Verhältnis von Arzt und Patient im Wandel der Jahrhunderte zur Sprache und wird dabei von einer Sängerin begleitet.

Becketts Bewusstseinsstörungen

Henrik Wels referiert über „Quantitative Bewusstseinsstörungen im Werk Becketts, und Katarina Peters dokumentiert in einem Film den Krankheitsverlauf bei ihrem Mann. Außerdem führt das „Theater Operation“ seine beiden Erfolgstücke wieder auf. Am Samstag bei der „Langen Nacht der Medizin“ sogar im Doppelpack mit anschließendem therapeutischen Feiern im „Koma-Klub“.
Intensivmedizin

An die Veranstaltung im Pumpenhaus angeschlossen ist am 29. und 30.10. ein Symposium im Franz-Hitze-Haus, bei dem es um Intensivmedizin aus ethischer Sicht und um Nahtod-Erlebnisse geht.

17.10.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Sündige Abenteuer in Afrika

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17.10.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Sündige Abenteuer in Afrika

Theater: „Freetown“ im Pumpenhaus

Die Bühne im Pumpenhaus ist knöcheltief mit leeren Bierdosen bedeckt, die einen Höllenlärm machen, wenn sich Pam, Liese und Nadja ihren Weg zu den Liegestühlen
bahnen. Das Ganze nennt sich „Venus Beach“ und stellt ein Touristen-Resort in Afrika dar, in dem erfolgreiche Singlefrauen aus Europa „Kultururlaub“ machen und sich dabei von einheimischen
Männer verwöhnen lassen. Von Sex ist im Reiseprospekt zwar nicht direkt die Rede, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, weiß, was Sache ist. Also nehmen die drei auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie nach dem Frühstück von ihren nächtlichen Erlebnissen erzählen.

Jagd nach Liebe In „Freetown“ lehnt sich die holländische Theatergruppe Dood Paard thematisch an
den Kinofilm „In den Süden“ von Laurent Cantet an, nur dass hier nicht die äußeren Handlungen im Mittelpunkt stehen, sondern die inneren Beweggründe der Frauen.
Pam will die fremde Welt verstehen. Liese will mit ihren Verehrern ein Kind unter Kindern
sein. Nadja verliebt sich in einen Jungen, von dem sie glaubt, dass sie ihn nach ihrem Erziehungsideal formen kann. Im Wirklichkeit sind sie aber alle auf der Jagd nach Liebe, die ihnen zuhause beim Geldverdienen irgendwie abhanden gekommen ist. Aber das wollen sie sich nicht eingestehen – deshalb werden sie am Ende auch enttäuscht. Mit Ellen Goemans, Lies Pauwels und Manja Topper
sind hier drei hervorragende Darstellerinnen am Werk. In knappen Strandkleidern, die viel Haut zur
Schau stellen, legen sie wortreich die Gefühlswelten der Protagonistinnen offen. Die pointierten Dialoge (Text: Rob de Graaf) wabern um das Rollenverständnis von Mann und Frau, um die Unterschiede zwischen erster und dritter Welt und um die Zusammenhänge zwischen Sexurlaub
und Entwicklungshilfe. Das hat zunächst stark kabarettistische Qualitäten, geht dann aber immer
mehr in die Tiefe, bis sich am Ende die Frage stellt, welchen Wert Zuneigung noch haben kann,
wenn ihr Preis von den wirtschaftlichen Verhältnissen diktiert wird.

Mit „Freetown“ ist Dood Paard ein kluges, hellsichtiges und erfrischend witziges Stück über die Jagd
nach Liebe in Zeiten der Globalisierung gelungen. Auch wenn bei der Aufführung im Pumpenhaus die
deutsche Übertitelung den Blick oft von den wunderbaren Schauspielerinnen ablenkte.

14.10.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Harmonie trägt ein jeder in sich

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14.10.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Harmonie trägt ein jeder in sich

Ein weiß gekleideter Tänzer sitzt auf einem kugelförmigen Gefäß, blickt entrückt in die Ferne. Wenn er seinen Oberkörper nach hinten biegt, ein Bein angewinkelt über das andere kreuzt oder den nackten Fuß heranzieht, wirkt er wie ein Yoga-Meister; seine Attitüde hat etwas Göttliches. Der Tänzer, der hier im Pumpenhaus steht, ist Jayachandran Palazhy. Der Titel seiner Produktion: „MeiDhwani“, übersetzt: „Echo des Körpers”.

Vor sechs Jahren war die indische „Attakkalari“-Tanzcompagnie das letzte Mal in Deutschland, jetzt sind die sieben Tänzerinnen und Tänzer mit ihrem Chef erneut auf Tournee. Jayachandran Palazhy, der in seinem Centre for Movement Arts in Bangalore zeitgenössischen, indischen Tanz auf beispiellose Weise fördert, spiegelt das Individuum zwischen unverfälschter Natur und rasanter Technologie, gebeutelt von Umweltzerstörung und Krieg.

Anmutige, junge Frauen treten mit runden Silbertöpfen auf, halten sie, wie zur Geburt, zwischen die gespreizten Beine, lassen sie in fließend-schnellem Tanz um die Körper kreisen oder transportieren die Gefäße auf ihren Köpfen. Drahtige Männer kriechen animalisch über den Boden oder jagen mit großartigen Sprüngen über die Bühne, ihre hohen Beine schnellen wie zur Verteidigungnach vorn. 

Ursprüngliches findet sich Elementen wie Feuer und Wasser oder in der Paarkonstellation: Mann – Frau. Die choreografische Handschrift dieses spannungsreichen Tanzstücks ist zeitgenössisch, auch wenn manches unverkennbar klassisch, indisch erscheint, wie etwa die schmalen, angewinkelten Hände der ausdrucksstarken Tänzerinnen. 

Männer und Frauen attackieren einander, bis sie regungslos am Boden liegen; die Musik wird cineastisch, emotional und dramatisch. Die spirituelle Figur des Anfangs läuft verstört über die Bühne. Dann lässt sie sich nieder, zeigt noch einmal seine ruhige Choreografie: Harmonie trägt jeder in sich.

14.10.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Frauen für Anmut, Männer für die Action

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14.10.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Frauen für Anmut, Männer für die Action

Tanz: Kompanie aus Indien im Pumpenhaus

Bangalore im SüdenIndiens ist die Softwareschmiede des Landes. Aber die Millionenstadt hat auch inSachen Kultur einiges zu bieten.
Mit dem Attakkalari Centreof Movement Arts zum Beispiel, einer führenden Einrichtung für zeitgenössischen indischen Tanz. Am Mittwoch war dessen Leiter Jayachandran Palazhy mit seiner Kompanie im Pumpenhaus zu Gast und stellte seine neue Produktion vor.

„MeiDhwani“ bedeutet „Echo des Körpers“ und setzt sich mit dem Verhältnis von
Individuum und Gesellschaft in Indien auseinander, wobei historische Gegebenheiten
ebenso mit einbezogen werden wie spirituelle. Konkret sieht das bei dem achtköpfigen
Ensemble so aus, dass die Frauen für die Anmut und die Männer für die Action zuständig sind.

Weich und fließend bewegen sich die Tänzerinnen durch den Raum und lassen
dabei bauchige Vasen über Arme und Beine wandern, nehmen sie wie Babys in den
Arm oder schwingen sie als kleine Weltkugeln durch einen imaginären Kosmos.
Dann übernehmen die Männer mit einen dynamischen Tanz, der Elemente asiatischer
Kampfkünste einbezieht und bei dem sie mit metallenen Röhren wie mit Waffen
hantieren. Auffällig ist dabei, dass selten beide Geschlechter gleichzeitig auf der Bühne sind. Wenn die Männer auftreten, weichen die Frauen – und umgekehrt.

Erst als sich Jayachandran Palazhy kurz vor Schluss als eine Art Zeremonienmeister
ins Spiel bringt, findet direkte Interaktion zwischen den Geschlechtern statt. Anmut
auf der einen und Kraft auf der anderen Seite verbinden sich zu einem dynamischen
und harmonischen Gruppentanz, der östliche Tradition mit zeitgenössischen westlichen Bewegungsmustern in Einklang bringt – untermalt von einer Musik, die diese Fusion nachvollzieht. Eine beeindruckende Choreografie, die im voll besetzten Pumpenhaus großen Beifall
fand.