16.12.2011 – Wolfgang Halberscheidt / Westfälischen Nachrichten: Der Bestseller aus dem Pumpenhaus

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16.12.2011 – Wolfgang Halberscheidt für die Westfälischen Nachrichten
Der Bestseller aus dem Pumpenhaus

Früher, in besten Tagen, gab er den Verführer. Mittlerweile reicht´s eher dazu, auf Kaffeefahrten als schleimiger Conférencier den Omis Rheuma-Decken unterzujubeln. Doch im Advent überkommt den Provinz-Mimen Theo Stolze-Stadelmann die Leidenschaft. Dann treibt es ihn raus – raus auf die Bretter. Gemeinsam mit dem treuen Helfershelfer Bernhard erzählt er die gefühlsselige Geschichte vom Jesulein. 

Na bitte: „Der Messias“, ein Bestseller aus dem Pumpenhaus, ist zurück. Am Mittwoch feierte das himmlische Vergnügen dort wieder Premiere, im 23. Jahr hintereinander. Beifallumrauscht – auch wenn jetzt, zu Beginn der aktuellen Staffel, Sitzreihen leer blieben. Regisseur Martin Jürgens hatte die originelle Komödie Ende der Achtziger bei Berliner Avantgardisten aufgespürt, anschließend für das münsterische Transittheater in Szene gesetzt.

Seitdem entwickelte sich die Produktion zum Zuschauermagneten – obwohl sich, abgesehen von Seitenhieben auf den politischen Zeitgeist, nie etwas ändert. Eigentlich ist alles wie immer: Texte, Bühnenbild, Requisiten, Glockengeläut und Orgelklang zum Auftakt. Ins Outfit von damals passen die Akteure auch. Dennoch lockt der Klassiker scharenweise neue Besucher an. Diesmal ließen sich Achtklässler der Friedensschule – Frischlinge im bunt gemischten Auditorium – von dem Weihnachts-Spaß begeistern. 

Was den derart anziehend macht? Bei dem Versuch, die Geburt im Stall von Bethlehem authentisch nachzuempfinden, geraten Theo und Co. in mancherlei missliche Lage, da sie aus Kostengründen sämtliche Rollen selbst übernehmen. Da sind die Pannen, die Streitigkeiten programmiert. Als schließlich Frau Timm, ein abgetakelter Opernstar, ihre Arien schmettern will, droht zusätzliches Wirrwarr. Den Frieden auf Erden gibt´s bei den Dreien aber trotzdem.

Weil es von Anfang bis Ende unter ihnen richtig menschelt: Krach – Versöhnung, Krach – Versöhnung. Autor Patrick Barlow gelang mit der Vorlage das Kunststück, die Geheimnisse zum Kind in der Krippe dem Publikum anhand der Vorfälle innerhalb der Looser-Truppe mit viel schrägem, britischem Humor nahe zu bringen – ohne sich jedoch ins Pietätlose zu verlieren. 

Dass der Kassenschlager vor Ort längst Kult-Charakter erlangte, ist zweifellos Pitt Hartmann und Benedikt Roling, den beiden quasi alterslosen Hauptdarstellern, zu verdanken. Mimik, Gesten, Präsenz – einfach grandios. Zwei versierte Routiniers, die ihre Parts, spielfreudig wie eh und je, glänzend meistern. Zusammen mit Partnerin Gabriele von Groote, der Dritten im Bunde, bilden sie das reinste Dreamteam. Als wäre das Script eigens nur für sie geschrieben worden.

09.12.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Hip hop weg von der Straße

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09.12.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Hip hop weg von der Straße

Schlapp und frustriert hängt der Tänzer auf seinem Stuhl, lässt den Kopf hin und her pendeln, rutscht immer weiter hinunter. Erst die Musik von James Brown bringt Bewegung in den jungen Mann; zum berühmten Song „Get up, I feel like a sexmachine“ zeigt Kentaro virtuosen Hip Hop, mit flinken Füßen, fließend-schön, bevor er wieder auf seinen Stuhl zurückkehrt. So mitreißend sein Tanz auch war, zur „sexmachine“ hat es anscheinend nicht gereicht.
Es ist bemerkenswert, wie der Tänzer und Choreograf aus Tokyo mit dem Streetdance umgeht. Wird Breakdance international vor allem als Wettbewerbsdisziplin in „Battles“ zur Schau gestellt, so bringt Kentaro Hip Hop und comic-artiges Locking in abendfüllenden Choreografien auf die Bühne, wie man sie sonst nur vom zeitgenössischen Tanz kennt. Was beeindruckt: dass er es versteht, dynamischen Streetdance mit lyrischen Momenten zu vereinen. Dabei tritt er sympathisch unprätentiös, mitunter selbstironisch auf.

Zwei Deutsche Erstaufführungen hat der mehrfach ausgezeichnete Künstler im Pumpenhaus auf die Bühne gebracht, „Send it, Mr. Monster“ mit seiner Company „Electrock Stairs“ und das Solo „Do you know a friend of fate?“.

Scheint sich Kentaro im Solo selbst zu finden, bis er unter buntem Konfetti tanzt wie auf Wolken, so geht es in der Gruppe um rasanten Hip Hop als Antwort auf Aggression und Gewalt in einer Gesellschaft, die Mord und Totschlag hervorbringt. „Sayonara my shit life“ steht auf den T-Shirts der sechs Tänzerinnen und Tänzer, die erschossen werden, und die doch immer wieder aufstehen. In rasanten, auf den Punkt genauen Gruppenchoreografien beweisen sie sich als großartige Künstler, wenn sie Kentaros Hip-Hop-Musik akzentuiert umsetzen, Akrobatik zeigen oder sich mechanisch bewegen wie Puppen. Gefühle wollten sie vermitteln, Menschlichkeit, wenn nicht heute, dann morgen, liest einer der Tänzer in gebrochenem Deutsch vor und spricht vom Glück, tanzen zu können. Tanz wird hier zurÜberlebensstrategie, dient der willkommenen Ablenkung, in eindrucksvollen Szenen, die man nicht so leicht vergisst.

05.12.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Gnadenlos verstreicht die Zeit

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05.12.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Gnadenlos verstreicht die Zeit

In hochhackigen Stiefeln und knappem Mini-Kleid stakst Ljuba durch ihr ehemaliges Kinderzimmer; vor dem Fenster blüht der geliebte Kirschgarten, etwas weiter rauscht der Fluss, in dem ihr Kind vor Jahren ertrank. Damals flüchtete die adlige Gutsbesitzerin, ging der Liebe wegen nach Paris, wurde arm und noch unglücklicher. Jetzt sollen Haus und Hof versteigert werden, die Vergangenheit holt sie wieder ein. 

Anton Tschechow schrieb den „Kirschgarten“ 1903 als tragische Komödie über den Umbruch der Gesellschaft und den Triumph des Geldes über die Tradition. In der Inszenierung von Thorsten Lensing und Jan Hein, die das Stück im Pumpenhaus zur Vorpremiere brachten, geht es vor allem um gnadenlos verstreichende Zeit. Die Schönheit des Kirschgartens bleibt der Fantasie vorbehalten; die Bühne besteht aus Ziegelsteinen, als rohe Mauer nimmt sie die Zerstörung des Guts vorweg.

Ursina Lardi spielt die Ljuba fantastisch, mal dominant, mal hilflos, zwischen Lachen und Weinen schwankend, immer kurz vor dem nächsten Zusammenbruch. Wenn sie glaubt, ihre tote Mutter zu sehen, oder das Drama um den toten Sohn heraufbeschwört, wird Vergänglichkeit zum Greifen nah. Ihr zur Seite stehen die mitfühlende, schöne Tochter Anja, überzeugend dargestellt von Aenne Schwarz, und der verschwenderische, schwatzhafte Bruder, dem Peter Kurth mit Temperament und Humor Profil verleiht. Das Stück lebt von den Figuren, die teils tragisch, teils grotesk und komisch auf die Bühne kommen; in dieser hochkarätigen Besetzung ist das Schauspiel ein Genuss. 

Joachim Król widerfährt als ewiger Tollpatsch ein Missgeschick nach dem anderen, Rik van Uffelen amüsiert als hilflos-gefräßiger Gutsbesitzer, Horst Mendorch, der ad hoc die Rolle der Gouvernante Charlotta übernahm, ist die groteske Figur schlechthin. Dem gegenüber stehen Anna Grisebach als fleißige, ewig einsame Pflegetochter oder Maria Hofstätter als liebeshungriges, verträumtes Dienstmädchen. Devid Striesow spielt den gesellschaftlichen Aufsteiger Lopachin facettenreich, erst nervös und unsicher, schließlich machtgierig. Am Schluss wird der finanzkräftige Bauernsohn als neuer Besitzer denKirschgarten abholzen lassen, nach mehr als dreistündigem Theatervergnügen – keine Minute zu lang. 

» Am Samstagmorgen wurde bekannt, dass einer der Schauspieler schwer erkrankt ist. Das Pumpenhaus sagte die Aufführungen am Samstag und Sonntag ab. Ob weitere Aufführungen in Berlin und Hamburg stattfinden können, steht nach Informationen vom Wochenende noch nicht fest.

05.12.2011 – Achim Lettmann / Westfälischen Anzeiger: „Der Kirschgarten“ Tschechows….

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05.12.2011 – Achim Lettmann für den Westfälischen Anzeiger
„Der Kirschgarten“ Tschechows von Thorsten Lensing und Jan Hein im Pumpenhaus Münster inszeniert

MÜNSTER–Grazil, stolz, und kühl schreitet Ljuba ins Haus ihrer Kindheit: „Ich bin zuhause!“ Die Gutsbesitzerin trägt einen orangeroten Einteiler, der ganz knapp auf ihre Oberschenkel stößt. Französischer Chic bedeutet das in Anton Tschechows „Kirschgarten“. Die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein fokussieren auf die langen Beine von Ursina Lardi, die die Femme fatale abgibt, eine Frauenfigur, die Männerfantasien beschleunigt.

Olala, dieser Auftritt sorgt seit jeher für Spannung, wenn Tschechows letztes Stück „Der Kirschgarten“ gespielt wird. Im Pumpenhaus Münster hatte ein Projekt der Off-Theater-Szene Premiere, das nach „Onkel Wanja“ (2008) wieder erstklassige Schauspieler (wie David Striesow, Joachim Król, Peter Kurth…) vereint. Die Produktion vom Theater T1 wird von sechs freien Bühnen getragen. Auf das Schöne der Kulturlandschaft wird verzichtet. Nicht ein Baum, nicht eine Kirschblüte ist im Pumpenhaus zu sehen. Dafür macht das Regieduo Lensing/Hein einen Begriff aus Tschechows feinsinnigem Diskurs greifbar: Arbeit. Die Schauspieler packen an, schieben Bühnenbretter aneinander und schichten Hohlziegel zu einer Mauer auf. Arbeit, das Stockmaß sozialistischer Gesellschaftsanalyse, wird in Münster zum Prolog des Menschseins. Denn das Figurentableau spreizt sich danach in egozentrischen Studien. Wer ist wer? Oder, wie weit kann ich gehen, ohne zu arbeiten?

Lensing/Hein nehmen Tschechow beim Wort, der wusste, dass die sprichwörtliche Melancholie zur atmosphärischen Beschreibung Russlands auch Komik vertragen kann. So fiebert Lopachin, Geschäftsmann und späterer Käufer des Kirschgartens, auf die Ankunft der Ljuba hin, wie ein kleiner Junge. Devid Striesow bietet eine Typenshow, so intensiv führt er den Neureichen, den Emporkömmling, den jungen Mann vor, der diese Ljuba verehrt, vielleicht liebt, aber nie bekommen wird. Der Sohn eines Leibeigenen spürt die Herabsetzung noch immer. Da hilft auch kein Geld. Striesow plustert sich auf, spricht geharnischt, tempo- und risikoreich – amüsiert, ohne uns die Figur nahe zu bringen.

Lensing/Hein setzen auf die Rollenextrema. Dabei geht das Bild des zaristischen Russlands verloren, das Erzählerische Tschechows. Hier wird die Mauer umgeworfen und jeder behauptet sich zwischen den Ziegelresten. Warja (Anna Grisebach) reißt sich die Klamotten vom Leib, weil Ljuba einem Landstreicher Gold gibt, trotz eigener Misere. Gegen Verschwendung kann die umsichtige Frau nicht an. Am Rande gelingt Joachim Król ein komischer Kontorist, der stolpert, stürzt und von Liebe stammelt. Seine angebetete Dunjascha wird von Maria Hofstätter als geile Dienstmagd in Stellung gebracht, die sich dem Schnösel Jascha (Philipp Richardt) anbietet. Die Moral ist dahin. Selbst Ljuba lässt sich vom Landstreicher wegtragen, den Willi Kellers als einsilbigen Bettler mit Plastiktüte zeigt. Peter Kurth bläst Lonja, Ljubas Bruder, zum selbstgefälligen Tagedieb auf, der seinen Kopf rot anschwellen lässt wie eine Billardkugel. Es ist auch viel Darstellerroutine, die in Münster sichtbar wird.

Lars Rudolph (Petja) und Aenne Schwarz (Anja) sind die jungen Leute, die etwas versponnen, aber noch mit Visionen für ein bisschen Zukunft stehen. Hoffnung hat der alte Firs nicht, den Valentin Jeker am Ende ablegt, während Lensing/Hein ihr Konzept im letzten Akt überdehnen. Das Regieduo hat sich zu sehr auf gute Schauspieler verlassen.

05.12.2011 – Sabine Müller / Münstersche Zeitung: Kirschgarten im Pumpenhaus fällt aus

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05.12.2011 – Sabine Müller für die Münstersche Zeitung
Kirschgarten im Pumpenhaus fällt aus

Schauspieler schwer erkrankt

Die Premiere vom “Kirschgarten” am Freitagabend (2. Dezember) ging perfekt und hochbejubelt über die Bühne, am Samstagmorgen dann der Schock: Einer der Schauspieler des hochkarätig besetzten Ensembles erkrankte schwer. Das Pumpenhaus sagte die Aufführungen am Samstag und Sonntag ab.

Wer aus dem Ensemble erkrankt war, wollte Theaterleider Ludger Schnieder auf Nachfrage unserer Zeitung nicht sagen. Es sei eine ernste, aber keine lebensbedrohliche Erkrankung, beruhigte er.

Weitere Aufführungstermine ungewiss

Es ist ein Schlag ins Kontor für das glänzende Projekt. Drei Jahre lang hat das Regieduo Thorsten Lensing und Jan Hein an der Inszenierung von Anton Tschechows “Kirschgarten” gearbeitet. Die Premiere unter anderem mit Joachim Król, Devid Striesow, Ursina Lardi und Lars Rudolph lief am Freitagabend (2. Dezember) im Pumpenhaus perfekt. Ob die sechs Termine in den kommenden zwei Wochen in den Sophiensälen Berlin und die Januar-Termine auf Kampnagel in Hamburg eingehalten werden können, sei noch ungewiss, so Schnieder.

Nachholtermine?

Schnieder erklärte, man setze alles daran, die Termine in Münster nachzuholen. Die drei Aufführungen am Freitag, Samstag und Sonntag waren komplett ausverkauft. Der Ansturm war extrem groß.

Beteiligt am Kirschgarten-Projekt sind Benjamin Eggers, Anna Grisebach, Maria Hofstätter, Valentin Jeker, Willi Kellers, Joachim Król, Peter Kurth, Ursina Lardi, Philipp Richardt, Lars Rudolph, Aenne Schwarz, Devid Striesow und Rik van Uffelen.

29.11.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Faszinierend beklemmend

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29.11.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Faszinierend beklemmend

Die Bühne sieht aus wie ein überdimensional großer Kasten, darin stecken, aus dem Boden und der Decke ragend, zwei lange Baumstümpfe, die von surreal anmutenden Figuren gehegt und gepflegt werden. Die Haare mit einem langen Hut bedeckt, trägt die Dicke eine Schweinsnase im Gesicht, die dünne Schafshörner auf dem Kopf. Groß ist die Aufregung, als aus dem einen Baum Mehl staubt und mindestens ebenso groß der Neid, als der andere eine milchige Flüssigkeit abgibt. 

Grotesk, komisch, fantastisch und beklemmend wie ein Albtraum ist das „Frustrierende Bilderbuch für Erwachsene“, das Kuro Tanino aus Tokyo mit seiner Compagnie Niwagekidan Penino auf Einladung des Pumpenhauses im ehemaligen Bahnhofskino derKulturschiene zeigte. Tanino ist nicht nur Regisseur, sondern auch ausgebildeter und praktizierender Psychiater, sonst hätte er solch freudianisch aufgeladenen Szenen wohl kaum kreieren können.

Es geht um einen Schüler, der für die gefürchtete Aufnahmeprüfung an der Uni lernen muss. Wie Gulliver gefesselt, findet sich der junge Mann in einer Miniaturlandschaft wieder, die sich im Keller von Schaf und Schwein befindet. Wenn Frau Schwein ihren Baumstamm – eine Art Phallus, der über lange Wurzeln mit dem Geschlecht des Mannes verbunden ist – befühlt, bekommt der Schüler einen Samenerguss. Für das Schwein kann es nichts Köstlicheres geben.

Von seiner Libido wie vom Erfolgs-Druck der Familie gleichermaßen geplagt, leidet der junge Mann Qualen, reagiert sich am Schwein ab und steht schließlich seinem Alter Ego in Miniformat gegenüber. Als er zusehen muss, wie sich sein anderes Ich mit Hilfe einer Puppe selbst befriedigt, sitzt er zitternd und klein in der Ecke eines Raumes. Die Türen sind geschlossen, Flucht ist ausweglos.

Kuro Tanino ist ein kleines Meisterwerk gelungen. Die bildgewaltigen Szenen sind von ganz eigener Ästhetik und so emotional, dass man meint, in die Seele des Gepeinigten blicken zu können. Dabei gelingt es dem Regisseur, durch Übertreibung und Witz Distanz zu wahren, so dass das durchaus ernst zu nehmende Stück immer wieder ironisch gebrochen wird. Ein außergewöhnliche Theaterproduktion, die man nicht so leicht vergisst.

22.11.2011 – Sabine Müller / Münstersche Zeitung: Mit 15 schwanger: “Mutter:Glück” gewinnt Preis in Berlin

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22.11.2011 – Sabine Müller für die Münstersche Zeitung
Mit 15 schwanger: “Mutter:Glück” gewinnt Preis in Berlin

Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht zu heulen. Nur nicht so was wie bei den Oscar-Verleihungen. Und sie schaffte es: Die münstersche Regisseurin Silvia Jedrusiak (Foto) nahm den Brüder-Grimm-Preis in Berlin bewegt, aber ohne Tränen in Empfang. Im Zuschauerraum saßen ihre Schauspielerinnen. Ihre Mädchen. Und weinten.

Verständlich. Der Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ist eine hohe Auszeichnung, 10 000 Euro wert und wird an ganz besondere Kinder- und Jugendtheater verliehen. In diesem Jahr entschied sich die Jury für „Mutter:Glück“, eine Produktion von Cactus Junges Theater aus Münster, das vor zwei Jahren im Pumpenhaus Premiere hatte. Die jungen Frauen erzählen auf der Bühne von fünf ganz unterschiedlichen Teenagerschwangerschaften – glücklichen, stressigen, traurigen. Sie spielen und tanzen.

Zehn Monate lang hatte Silvia Jedrusiak zusammen mit „ihren Mädels“ das Stück erarbeitet. „Das war selbst wie eine Schwangerschaft“, erinnert sich die Regisseurin. Die jungen Darstellerinnen, zwischen 15 und 18 Jahre alt, führten Interviews mit jungen Müttern, besuchten eine Hebamme und ein Mutter-Kind-Wohnheim. „Anfangs waren alle überzeugt, ihnen könne so etwas nicht passieren“, erzählt Jedrusiak, „schwanger mit 15 – das sei ein Problem in den unteren Schichten.“ Doch die Recherche erwies: Das kommt in jeder Schicht vor. Nur wird in höheren Bildungsschichten häufiger abgetrieben. „Das Stück hatte für die Mädchen eine unheimliche Bedeutung, sie verteidigen und achten bis heute die Schicksale der jungen Mütter.“

Abbau von Vorurteilen

Die Jury beschrieb das Stück unter anderem auch als „aufklärerisches Projekt“: „Es trägt zum Abbau von Vorurteilen bei – und es macht Mut.“ Jedrusiak war es wichtig, nicht moralisierend zu werden, nichts schwarz-weiß zu malen. „Ich wollte ein Gegenwartsthema auf die Bühne bringen und den Zuschauer damit berühren.“ Es gibt bei ihr die Gymnasiastin, die abtreibt, ein Mädchen, das in der Mutterrolle aufgeht, eine überforderte Teenagerin, eine Schulabbrecherin und eine junge Mutter, die von ihrer Mutter bevormundet wird.

Zwölf Mal war das Stück in Münster zu sehen, es war immer ausverkauft. Und doch traute sich Jedrusiak anfangs nicht, die Bewerbung abzuschicken. Der Respekt vor der renommierten Konkurrenz war groß: Da tauchten Namen wie das Grips-Theater, das Theater Rote Grütze und der Autor Paul Maar in der Bewerberliste auf. Jedrusiaks Darstellerinnen dagegen waren Laien. Doch das Selbstbewusstsein siegte. Immerhin war das Stück zuvor schon für das Theatertreffen in Berlin nominiert.

Emotional überwältigt

Drei Wochen vor der Brüder-Grimm-Preisverleihung kam dann die Nachricht: Sie hatten sich gegen 55 andere Stücke durchgesetzt. „Das hat mich emotional total überwältigt“, sagt Jedrusiak. Die eigentlichen Preisträger seien jedoch die Mädchen. Und vor allem Jennifer Ocampo. Die Tänzerin und Choreografin fand für die Momente, „wo Worte fehlen“, die richtige Körpersprache.

Anderthalb Monate nach der Uraufführung brachte Jedrusiak selbst ein Kind zur Welt. „Das hat mir noch einmal mehr Respekt für die Teenagermütter gebracht“, sagt sie. Ein Theaterprojekt musste sie gar wegen mangelnder Kinderbetreuung absagen. „Ich lebe in sicheren Verhältnissen und finde alles schon sehr schwierig. Wie schafft man das nur in so jungen Jahren?“

18.11.2011 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Der König entpuppt sich als Diktator

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18.11.2011 – Maria Berentzen für die Westfälischen Nachrichten
Der König entpuppt sich als Diktator

Oberhoff/Mousseka zeigen “King Kongo” im Pumpenhaus

Wie ein Theaterstück beginnen, wenn der Erzähler fehlt? Eine Möglichkeit: Humor und die Zugabe vorziehen. Verständigungsprobleme hatten den Erzähler von „King Kongo“ statt nach Münster in den Schwarzwald verschlagen. Schließlich rief Regisseurin Stefanie Oberhoff sogar den Fehlenden an und ließ die Zuschauer per Lautsprecher wie bei einer Reportage an der Anreise teilhaben. Nach 20 Minuten war der Erzähler im Theater, und es ging los . . .

Die insgesamt zwölf Darsteller ließen sich von jenen Ereignissen nicht verunsichern. Unbeirrt führten sie ihr Stück „King Kongo“ auf, das sie gemeinsam mit Oberhoff und Lambert Mousseka, die selbst mitspielten, inKinshasa entwickelt hatten. Das Stück erzählt im Märchengewand die Geschichte von König Leopold II, der 1884/85 den Kongo als Privatbesitz zugeschlagen bekam.

Es ist ein Stück voller Gewalt und Gräuel: Entpuppt sich der weiße König doch schon bald als Despot, der unter dem Deckmantel der Menschlichkeit Hände abhacken und Frauen entführen lässt.

„Wir haben einen König, er ist weiß“, lautet die Nachricht, die alle in dem kleinen Dorf aufhorchen lässt. Doch zunächst besteht Hoffnung, schließlich „leckt auch der Leopard alle seine Flecken, egal ob schwarz oder weiß“.

Kurzerhand laden die Dorfbewohner den neuen König in ihr Dorf ein, um ihn willkommen zu heißen. Doch bereits die Proben für den Besuch laufen aus dem Ruder: Das Töten eines Darstellers als Kautschuk-Baum erinnert daran, wie Leopold II das Volk für den Rohstoff ausbeutete; sinnlose Machtdemonstrationen wie das Küssen der Füße und Spiel mit Feuer mahnen an die vergangenen Zeiten, die der halben Bevölkerung des Kongo das Leben gekostet haben. Die Musik von „Zehn kleine Negerlein“, die die Brassband „Fanfare Masolo“ spielt, passt hier ins Bild.

Doch damit nicht genug: In Windeseile verwandelt sich Leopold II in den Diktator Mobutu, der das Land ab 1965 drei Jahrzehnte lang als Diktator führte. Auf dem Kopf eine Leopardenmütze, das Gesicht von einer großen Sonnenbrille verdeckt, mordet Mobutu auf der Bühne seine Darsteller, lacht schrill. 

Bei allem schreitet das Stück langsam voran. Immer wieder gibt es „Freeze“-Momente, ein kurzes Innehalten. Die Musik das Brassband trägt dazu bei, das auch wörtlich gewaltige Stück zu entschleunigen. Die Zuschauer spendeten viel Applaus.

13.11.2011 – Westfälische Nachrichten: Produktion des Cactus Junges Theater Münster erhält Brüder-Grimm-Preis

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13.11.2011 – Westfälische Nachrichten
Produktion des Cactus Junges Theater Münster erhält Brüder-Grimm-Preis

Münster/Berlin – Die Regisseurin und Autorin Silvia Jedrusiak ist am Sonntag mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet worden.

Jedrusiak erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Preis im Theater an der Parkaue für die Inszenierung des Stückes «Mutter:Glück», einer Produktion des Cactus Junges Theater Münster. Der Preis des Berliner Senats wurde in diesem Jahr zum 25. Mal vergeben und soll das Kinder- und Jugendtheater fördern.

Die Jury begründete ihre Entscheidung mit dem «stimmigen Einsatz theatraler Mittel», der die Inszenierung zu einem herausragenden Erlebnis mache. Auch beeindrucke der souveräne, zu Toleranz und Respekt auffordernde Umgang mit dem Thema Teenagerschwangerschaft.

11.11.2011 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Energie für zwei Heimaten

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11.11.2011 – Maria Berentzen für die Westfälischen Nachrichten
Energie für zwei Heimaten

Die Stimmen werden lauter. Energisch und fordernd, dröhnen wie ein Schiffsmotor über die Bühne: Ein Chauffeur! Ein eigenes Kino mit Popcorn-Maschine! Ein Fitnessstudio – und nicht zu vergessen Schnee, der nach Zucker schmeckt: Die Erwartungen an Deutschland sind groß, als die jungen Afrikaner aus ihrer Heimat aufbrechen. Es ist eine Reise ins Ungewisse, denn hinter dem Horizont lauern viele Fragezeichen.

Wie ist es, sich zwischen zwei Welten zu bewegen, in zwei Heimaten zu Hause zu sein? In zwei Sprachen zu denken, in zwei Kulturen zu leben? Diesen Fragen geht das Stück „2 + X Welten“ von Cactus Junges Theater in der Regie von Barbara Kemmler und Dramaturgie von Kabasia Chuwa-Moliki nach. Am Mittwoch war Uraufführung im Pumpenhaus.

Die Jugendlichen stammen aus Ghana, Guinea, Kenia, Simbabwe, Somalia und Ruanda. „Ich bin ein Produkt zweier Welten“, sagt einer von ihnen auf der Bühne.

Die letzten Tage in Afrika leben wieder auf: Einer hat nur gegessen, „rice, stew and chicken“, also Reis, Eintopf und Hühnchen, bis ihm im Flugzeug schlecht wurde. Ein anderer erinnert sich: „Wir haben Fußbälle selbst gebaut, indem wir sie aus zerplatzten Luftballons gewickelt haben.“

An die neue Heimat Deutschland sind viele Wünsche geknüpft; viele entpuppen sich als Illusion, denn das vermeintlich schöne Leben stellt sich bald als harter Kampf heraus: Die Jugendlichen ringen mit der Sprache, kämpfen um ihre Schulnoten, fechten mit ihrer Zukunft, reiben sich an ihren Familien und spüren manchmal so viel Druck, dass es sie zu Boden presst und sie nur noch kriechen können. 

Das Stück versprüht bei allem eine unbändige Kraft, eine ungestüme Freude. Dies liegt mit an den selbst geschriebenen Raps und Tanzeinlagen (Choreographie: Gotta Depri), die das Publikum mitreißen. Mal springen die Jugendlichen bei Liegestützen übereinander her, mal wälzen sie sich kämpfend auf der Bühne. Mit „My city“ haben sie sogar ein Münster-Lied selbst geschrieben.

Doch das Theaterstück hat auch einen traurigen Beiklang: Takunde Masika, der die Musik „Sehnsucht“ für „2 + X Welten“ schrieb, starb in Simbabwe drei Wochen vor der Aufführung, weil er nicht rechtzeitig Geld für seine Behandlung im Krankenhaus in Harare aufbringen konnte.

Nach einem furiosen Finale mit einem Freestyle-Tanz hält es das Publikum nicht mehr auf den Plätzen, viele springen auf, klatschen, pfeifen und fordern so lange eine Zugabe, bis die Jugendlichen ihr Lied „My city“ wiederholen – Energie pur.