02.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: “Glas” im Theater: Prinz Porno und die Ätzpunkte des Erwachsenwerdens

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02.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
“Glas” im Theater: Prinz Porno und die Ätzpunkte des Erwachsenwerdens

Ein besonders mutiges Theaterstück hatte im Pumpenhaus Premiere: Acht junge Frauen im Alter von 18 und 19 Jahren erzählen von der Pubertät. Nicht aus einem erfundenen Leben, sondern aus ihrem eigenen.

Verbal geht es gleich unverblümt zur Sache. Eine der Darstellerinnen liegt auf dem Boden und erzählt ein Märchen, in dem der Prinz mit seinen geschickten Fingern schnell die Stellen am Körper der Frau findet, an denen er ihr höchste Lust verschaffen kann. Der Text erinnert stark an Dornröschen und gleichzeitig an die kruden Fantasien einschlägiger Seiten im Internet. Ist es das, wovon Mädchen heute träumen? Offenbar schon. Aber nicht nur, wie der weitere Verlauf von „Glas“ zeigt.

Am Montag hatte die neue Produktion des Theaterlabels kunst.stoff im Pumpenhaus in Münster Premiere. Unter der Regie von Johannes Fundermann und Pitt Hartmann thematisieren acht junge Darstellerinnen spielend, tanzend und singend ihr Erwachsenwerden und das Aufkeimen der Sexualität. Dabei geben sie auch Einblick in ihre Tagebücher, in denen der „Ätzpunkt Nummer eins“, die Schule, bald von Einträgen über den ersten Freund abgelöst wird. Wie sie ihn erst nur von Ferne anschmachtet, wie sie endlich zusammenkommen und wie er sich schließlich wieder abwendet. „Er hat sich getrennt“, heißt es dann lapidar. Und ein paar Zeilen weiter: „Hoffentlich sterbe ich nicht.“

Künstlerisch und differenziert

Im Unterschied zum letzten Stück „Tote Schmetterlinge raus“, das den Zuschauer mit seiner Dynamik schier überrannte, geht das Ensemble hier ästhetisch differenzierter, quasi künstlerischer an die Sache heran, wodurch freilich auch etwas an Schwung verloren geht. Dafür gibt es zwischendurch immer wieder Szenen voller Symbolkraft, die das Geheimnis der Liebe in vorsichtiger körperlicher Annäherung und deren Fragilität in poetisch anmutenden Texten zum Ausdruck bringen.

Die innere Unsicherheit der Mädchen auf dem Weg zur Frau spiegelt sich in ständigen Stimmungswechseln. Harte Techno-Klänge werden von sanfter Ballettmusik abgelöst, lieblicher Gesang verwandelt sich in ein Streitgespräch in stakkatohaftem Telegrammstil. Einmal bewegen sich die Darstellerinnen, als würden sie esoterische Gymnastik absolvieren, ein andermal flattern sie wie aufgescheuchte Vögel über die Bühne, bis sie am Ende wieder Halt finden in der Freundschaft, die sie höchst originell definieren: „den Vibrator tauschen und sich allen überlegen fühlen“.

28.02.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Ein Leben der unerfüllten Sehnsucht

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28.02.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Ein Leben der unerfüllten Sehnsucht

“Die Kleider der Frauen”: Drei Geschichten von Brigitte Kronauer mit Ursina Lardi im Pumpenhaus

Sie sitzt am Tisch, zerschneidet ein Schnitzel in große Stücke, beißt herzhaft hinein, strahlt ins Publikum. Dann steckt sie sich eine Zigarette an, raucht, isst trotzdem weiter, spießt ein großes Stück Fleisch auf und sagt: „Ein Schwein ist verunglückt.“
So wunderbar grotesk und spöttisch geht es bei Brigitte Kronauers Geschichten „Die Kleider der Frauen“ mitunter zu. Thorsten Lensing und Jan Hein vom Theater T1 haben die „sehr lückenhafte Biografie in autobiografischer Form“, wie die Autorin ihre Sammlung selbst beschreibt, jetzt erstmals auf die Bühne gebracht, allerdings stark gekürzt. Von den insgesamt 26 Geschichten waren im Pumpenhaus nur drei zu sehen: „Im Dunkeln“, „Vierzehn“ und „Krähen“. 

Dargestellt werden sie allein von Ursina Lardi, die sich als Rita lebhaft erinnert und fantastisch von Kindheit und Jugend erzählt. Mit dieser großartige
Darstellerin und einer Regie, die auf pures Spiel und reinen Text setzt, gelingt
Theater, das anrührt, amüsiert, letztlich begeistert. Etwa, wenn Ursina Lardi die Geschichte des Kindes Rita darstellt, das im Dunklen Erwachsene belauscht.Wenn sie mit Hilfe von Scherben, Fleisch und Ketchup die Grausamkeit des Tötens plastisch darstellt, alle Rollen selbst spricht, einen Scheinwerfer kurzerhand zum Mann macht oder die Tischdecke zur Bettdecke. Dabei spiegelt die Schauspielerin auf beeindruckende Weise, wie beängstigend kindliche Fantasien sein können und wie beklemmend, wenn sie sich zu Schuldgefühlen auswachsen. 

Dabei geht es eigentlich um unerfüllte Sehnsüchte. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch alle drei Erzählungen, am deutlichsten in der Mitte, wenn die 20-jährige Rita im beheizbaren Schrebergarten – Alltags-Banalitäten und plumpem Gerede trotzend – von der großen Liebe träumt und doch nur von einem 14-Jährigen verehrt wird. 

Ideenreich ist die Inszenierung, wäre da nicht die dritte Geschichte als über 90-Jährige. Obgleich sowohl die Langsamkeit der Rede als auch die wenig modulierte Stimme zu Siechtum und Misanthropie der Alten passen, zieht sich die eine Stunde dauernde, beinahe unbewegt dargestellt Szene doch allzu sehr in die Länge. Mut zur Lücke hätte da gut getan.

28.02.2011 – Sabine Müller / münstersche Zeitung: Schnitzelessen mit Rita

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28.02.2011 – Sabine Müller für die münstersche Zeitung
Schnitzelessen mit Rita

Wie Rita ein Schnitzel isst: Sie schüttet eine halbe Flasche Ketchup darüber und zündet sich eine Zigarette an. Sie raucht und kaut gleichzeitig, hält schließlich dem Publikum ein aufgespießtes Stück Fleisch hin: „Ein Schwein ist verunglückt.“

Es ist unerhört, bitter und rabenschwarz, wie Schauspielerin Ursina Lardi „Die Kleider der Frauen“ spielt. Lardi ist eine Attraktion. Die Schauspielerin provoziert Mitgefühl und Hass für diese Rita, lässt die Zuschauer in das Leben und die Seele dieser Frau eindringen. Das fast zweistündige Solo trägt Lardi ganz mühelos allein, spielt mit einer Perfektion und einer solchen Intensität, dass man den Blick keine Sekunde von ihr nehmen mag. Selbst wenn sie einfach nur sitzt und schaut und damit das Nervenkostüm der Zuschauer schier zerfetzt.

Onkel Wanja ist unvergessen

Das Regie-Duo Thorsten Lensing und Jan Hein vom Theater T1 glänzte in Münsters Pumpenhaus vor drei Jahren bereits mit der Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja“ – neben Ursina Lardi spielte auch Devid Striesow. Unvergessen. Vor einem knappen Jahr haben die Regisseure drei der 26 Geschichten aus Brigitte Kronauers Sammlung „Die Kleider der Frauen“ für die Bühne bearbeitet. Als szenische Lesung kam das Experiment damals im Pumpenhaus auf die Bühne. Am Samstag gab es jetzt an gleicher Stelle die Uraufführung des Stücks.

Viel geändert hat sich in dem Jahr nicht. Lensing und Hein haben nur Nuancen verschoben, Rhythmen gewechselt. Sie inszenieren äußerst spartanisch, die Stimmung ist düster, Lardi auch. Sie kippt recht rasch den Tisch mit dem Schnitzelteller um: ein gewaltsamer Akt voller Gleichgültigkeit. Ein Fahrrad, ein paar Takte Musik und ein Wasser spritzender Rasensprenger reichen danach, um die Liebe versiegen zu lassen. Letztlich reicht Lensing und Hein sogar Ursina Lardi, die versteinert einfach auf einem Stuhl sitzt. Das ist Theater, an dem man sich verletzen kann, so scharf ist es.

Der Tod schwingt immer mit

Rita erzählt zwar drei Geschichten aus ihrem Leben, doch in allen schwingt der Tod mit. Selbst bei „Im Dunkeln“, als sie sich als Kind sieht: Von der Mutter geschlagen und gedemütigt lauscht das kleine Mädchen abends im Bett den Stimmen der Erwachsenen, die vom Tod der Schweine und vom Tod des Nachbarkindes erzählen. Die Liebesgeschichte „Vierzehn“ erzählt hauptsächlich vom Sterben der Liebe. Die 20-jährige Rita wird von einem 14-Jährigen verehrt. Sie findet dafür nur Verachtung. Das Wasser des Rasensprengers hat nicht nur ihre Schminke, sondern auch ihr Herz weggespült.

In der letzten Geschichte „Krähen“ ist Rita 90 Jahre alt, hat ihren Mann lange verloren und wartet auf den Tod. Schief sitzt sie auf einem Stuhl, in unscheinbares Schwarz gehüllt, die lockige Kurzhaarperücke mehr grau als blond, die Augen rot, als verweigerten sich selbst die Tränen dieser traurigen Gestalt. Angewidert von der Welt spuckt Lardi Worte aus. Ihr Tonfall ist wie eine Blase, die sich bläht und wieder zusammenfällt. Dieser monotone Rhythmus macht erst nervös, dann mürbe. Das Zuhören wird zur Qual. Weil der Zuschauer dem Sterben beiwohnt. Lardi lamentiert nicht nur Rita, sondern auch die Zuschauer aus dem Leben heraus. Und das ist auf der Bühne noch unerhörter als Ritas Schnitzelessen.

27.02.2011 – Christian Rakow für nachtkritik.de: Die Kleider der Frauen

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27.02.2011 – Christian Rakow für nachtkritik.de
Die Kleider der Frauen – Ursina Lardi bringt drei Geschichten von Brigitte Kronauer als Solo

Bedeutsamkeitsartistik

Münster, 25. Februar 2011. Unter den renommierten Produktionshäusern der Freien Szene in Deutschland ist es vermutlich die intimste Spielstätte: das Pumpenhaus in Münster. Etwas abseits der Innenstadt gelegen, ist das Haus mit seinen Fachwerkgiebeln ein Ort für Laiengruppen und regionale Profis. Aber nicht nur. Regelmäßig kommen hier Künstler vom Kaliber eines Howe Gelb (Giant Sand) zum Konzert, oder es gastieren überregional angesagte Off-Gruppen wie andcompany&Co. Mitunter findet man sich beim After-Show-Bier im Wintergarten neben Devid Striesow wieder.

Vor drei Jahren war das so, als Striesow gemeinsam mit Josef Ostendorf, Ursina Lardi und dem Regieduo Thorsten Lensing und Jan Hein (Theater T1) einen kolossal verausgabungsbereiten Onkel Wanja in die kahle Pumpenhalle zauberte. Es ist eine der bleibenden neueren Tschechow-Produktionen geworden.

Voyeurin im Pappkarton

Jetzt kehren Lensing/Hein zurück ins Pumpenhaus, zur Vorpremiere eines Soloabends, der im März auf Kampnagel Hamburg und an die Berliner Sophiensaele kommt: “Die Kleider der Frauen”, nach einem Erzählzyklus von Brigitte Kronauer. Wie üblich bei den beiden Regie-Akribikern hat die Arbeit einen langen Vorlauf. Vorstudien waren bereits im April letzten Jahres in Münster zu sehen. Vom Tschechow-Triumvirat ist Ursina Lardi erhalten geblieben, und allein für die schneidend klare Lardi lohnt sich dieses Solo.

Kronauers Zyklus von Prosatexten erinnert aus einem ungenannten Jenseits heraus lose die Lebensgeschichte einer fiktiven Frau namens Rita. Rita ist eine stille Beobachterin, mitunter eine Voyeurin. Distanziert und ausschnitthaft registriert sie ihr Umfeld, ganz so, als sitze sie beständig in jenem Pappkarton, der einer der ersten Erzählungen ihr Motiv vorgibt. Aus Blitzeindrücken von fremden Frauen und ihren Accessoires, die Rita in dieser Horch- und Guckperspektive unterkommen, fügt und spiegelt sie ihre eigene Biographie.

Lensing/Hein fokussieren mit einer Auswahl von drei der 26 Prosastücke stärker auf das Ich des Zyklus als auf die Umgebung. Frivolitäten, die es bei Kronauer durchaus auch gibt, werden gedimmt zugunsten einer düster eingefärbten Existenzbesinnung. Trübsal ist Trumpf. In rotem Kleid mit blonden Zöpfen führt uns Lardi imaginativ in eine Kindheit voll Strafe und Gewalt (“Im Dunkel”). Schweine werden geschlachtet, Kinder misshandelt, hört man. Das Szenario begründet eine Liebe zu den Tieren und eine latent misanthropische Grundstimmung der Protagonistin. Auf einem Fahrrad mit T-Shirt und Rock bestreitet sie den zweiten Teil als Studentin (“Vierzehn”). Einen Liebhaber hat sie da noch nicht. Im anschließenden Finale (“Krähen”) ist Lardis Rita unter einer graublonden Perücke auf 90 Jahre gealtert und hat ihren Mann bereits verloren. As time goes by.

Mehr Glücksstrom, bitte schön

Lardi ist eine Virtuosin im Spiel mit Distanzen. Kühl durchwandert sie Ritas Erinnerungen, lässt Nebenfiguren schlaglichtartig aufflackern und schüttelt den einen oder anderen garstigen O-Ton aus ihrer Kehle in ein Mikrophon. Derbe Stimmen einer derben Zeit. Vereinzelt umspielen kräftige Bildakkorde dieses Kammerkonzert einer Identitätsverstimmung: So wird für den zweiten Teil ein Rasensprenger angestellt, was mindestens eine schöne Reminiszenz an den Gartenschlauch im “Onkel Wanja” ist. Auch kommt Liebeskummer selbstredend am besten, wenn die Heldin bis auf die Haut durchnässt dasteht.

Die atmosphärischen Kabinettstückchen und der souveräne Grundrhythmus verhindern allerdings nicht, dass der Abend ob des beträchtlichen Bedeutsamkeitsballasts mit zunehmender Dauer (er bringt es auf gute eindreiviertel Stunden) ins Grundeis absinkt. “Es ist der Glücksstrom, der senkrechte Einfall des Himmels, der fehlt”, möchte man dem Text mit seinen eigenen Worten zurufen, während man spürt, wie Kronauer einen jeden Satz der Ewigkeit abgerungen und zurückgegeben hat: “Manchmal gingen mir Verse durch den Kopf. Ich konnte dann fast hineinsterben in diese Sätze, in die Unendlichkeit hineinsterben: ‘in tiefster Herzenstiefe’.” Bei Don DeLillo heißt es: Warum ist es so schwer, ernst zu sein, und so einfach, zu ernst.

21.02.2011 – Isabel Steinböck / Westfälischen Nachrichten – Club Guy & Roni: Trashig und selbstironisch

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21.02.2011 – Isabel Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Club Guy & Roni: Trashig und selbstironisch

Schultern und Kopf sind ständig in Aktion, der Tänzer zuckt über die Bühne, gleitet weich auf den Boden, kommt mit flinken Bewegungen wieder hoch. Mit Pelzmütze und Sonnenbrille ausstaffiert, stellen zwei andere ihm nach, skurril wie in einem Kaurismäki-Film. Oben an der Wand das Bild von einem Astronauten, an einer Seite der Bühne ein Panoramaposter Marke „kitschiger Sonnenuntergang“, an der anderen ein Wohnzimmer mit leeren Schnapsflaschen; eine tätowierte Blondine macht sich auf dem Sofa breit.

In der Inszenierung trashig und wunderbar selbstironisch, im Schauspiel gekonnt, atemberaubend schön im Tanz: Vor zehn Jahren kam das Tänzer- und Choreografenpaar Guy Weizman und Roni Haver aus Israel nach Groningen, um den „Club Guy & Roni“ zu gründen. Im Pumpenhaus feierte die Company jetzt die Deutschlandpremiere von „Alpha Boys“.

Zu Jens Boutherys Schlagzeug-Schlägen springen die Tänzer virtuos über die Bühne, gleiten wie am Fließband in den Handstand, springen mit Tempo übereinander. Kraftvoll, kantig und dynamisch ist ihr Tanz, exakt aufeinander abgestimmt und so rasant, dass man die Zeit zurückdrehen möchte, um alles noch einmal zu sehen. Unterhaltsam und komisch ist die Inszenierung, etwa, wenn sich ein Tänzer im Schottenrock der Unterhose entledigt und das pikante Kleidungsstück mit großer Geste ins Publikum wirft, um mit „quietschenden“ Füßen im Spagat zu enden.

Als seien sie auf der Probe, versuchen sich die Tänzer in kleinen Szenen, stellen sich mit grotesken Gesten als hilflose Machos dar. Gnadenlos klischeebeladen und doch mit Tiefgang ist dieses Tanztheater über die Alpha-Männchen der Gattung Mensch. Stehende Ovationen gab´s dafür am Ende!

21.02.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Höhenflug der Alpha Boys

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21.02.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Höhenflug der Alpha Boys: Premiere im Pumpenhaus

Der erste Eindruck ist der einer etwas angegammelten Gemütlichkeit. In der rechten Ecke steht ein altes Sofa mit Couchtisch und Fernseher. Die gemusterte Tapete, die dieses Arrangement vom Rest der Bühne abtrennt, sieht auch nicht mehr ganz frisch aus.

Ebenso die Gestalten, die auf dem Sofa lümmeln, als wollten sie es nie wieder verlassen. Nur das Schlagzeug in der linken Ecke deutet darauf hin, dass es bei der Gemütlichkeit nicht bleiben wird.

Tatsächlich geht es dann auch schnell zur Sache bei den „Alpha Boys“. Sechs hervorragende Tänzer und einen versierten Musiker haben die Choreografen Guy Weizman und Roni Haver aufgeboten, um das Pumpenhaus in einen brodelnden Kessel aus Eitelkeiten, Platzkämpfen und exhibitionistischen Aktionen zu verwandeln. Das Ganze ist eine auf männlich gekrempelte Version des erfolgreichen Frauenstücks „Language of Walls“, mit dem der Club Guy & Roni seit Jahren international tourt.

Der Gender-Ansatz schlägt sich in den Kostümen nieder, wenn zwei der Männer in karierten Röcken über die Bühne fegen und ein anderer mit Stöckelschuhen und blonder Lockenperücke die Bardame mimt. An der behaarten Brust eines Tänzer werden Enthaarungspflaster ausprobiert. Aber das Ketchup, das dann als Blut zu fließen beginnt, dient seinem Kollegen nur dazu, seine Pommes darin einzutauchen. Krude Sexgeschichten werden erzählt, schmelzende Lovesongs zum besten gegeben, und irgendwann fliegt eine Unterhose ins Publikum.

Aber diese ironisch gefärbten Einlagen sind nur eine Seite. Die andere ist hochdynamischer und perfekt in Szene gesetzter Tanz, bei dem sich Solisten und Ensemble wunderbar ergänzen. Immer wieder brechen einzelne Tänzer aus der Riege aus, um mit Breakdance und akrobatischen Einlagen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einmal quetschen sich die Protagonisten sogar in die Fächer eines Wandschranks und agieren dort wie zu groß geratende Puppen eines Marionettentheaters.

Ebenfalls gelungen ist der Aufbau eines Spannungsbogens. Nach dem furiosen Auftakt folgt eine quasi dämpfende Passage, bei der sich die Tänzer traumwandlerisch geben, um dann im Finale förmlich auszuflippen und wie eine wildgewordene Affenhorde die Bühne zu stürmen. Eine eindruckvolle Leistung, die vom Publikum zu Recht mit stehenden Ovationen bedacht wurde.

18.02.2011 – Brigitte Heeke / Westfälischen Nachrichten: Statt Kitsch harsche Kritik

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18.02.2011 – Brigitte Heeke für die Westfälischen Nachrichten
Statt Kitsch harsche Kritik

Atlantis: Ein Mythos vom besseren Leben? Von wegen! Eine Kriegsgeschichte hat Platon in seinem Fragment über die versunkene Stadt erzählt, als Mahnung an die Eliten Athens, sich nicht gehenzulassen und sich auf ihre Traditionen zurückzubesinnen. In der Regie des Kainkollektivs aus Bochum wird daraus ein Antikriegsstück. Die dicht gepackte und absolut sehenswerte Performance „Altneuatlantis“ wurde jetzt im Pumpenhaus gezeigt.

Despoten aller Epochen, aber auch die Unterhaltungsindustrie haben das untergegangene Inselreich bereits für ihre Zwecke vereinnahmt. Das Kainkollektiv, bestehend aus Alexander Kerlin, Fabian Lettow und Mirjam Schmuck, bürstet den Mythos gleich doppelt gegen den Strich, indem es nicht auf solche Zuschreibungen der Vergangenheit hereinfällt, sondern daraus ein eigenes Stück destilliert – mit zum Teil drastischen Mitteln.

 Das Regie-Team lässt zudem die Kitschfalle „Unterwasserwelt“ links liegen. Ihre Schlussfolgerung heißt eher: Unter Wasser, im Krieg, in einer globalisierten Konsumgesellschaft ist das Leben hart. Rätselhafte Krankheiten nehmen zu, Menschen sterben oder fallen dem Wahnsinn anheim, die Gesellschaft wird habgierig und vergisst ihre Wurzeln.

Die Regisseure lassen die Bilder und Assoziationen wuchern, um diese Entwicklung zu dokumentieren. Elemente aus Tanz, Improvisation, Videokunst (Nils Voges) und Musik fluten die Bühne und verleihen den ohnehin eindrucksvollen Zitaten aus alten und neuen Texten zusätzliches Gewicht. Alles unterliegt einer ständigen Veränderung. Die Tische vom Gelage der atlantischen Elite (keine Manieren, aber überheblich bis zum dorthinaus) werden zu Lehrtafeln umfunktioniert. Aus umherliegenden Steinen entsteht eine Mauer. Aus Masken (Kostüme: Sigrid Trebing) werden Gesichter. Das Lippenbekenntnis zur Demokratie schlägt bald um in zynische Kriegsverherrlichung, ein Soldatenlied steigert sich grotesk zur verzweifelt-fröhlichen Polka.

Julia Dillmann, Randolph Herbst, Andreas Maier, Rasmus Nordholt, Mirjam Schmuck und Anna Weißenfels bilden das fantastische Ensemble von „Altneuatlantis“. Die Schauspieler sind Mehrfachbegabungen. Sie tanzen, spielen Instrumente, singen mehrstimmige Bach-Choräle und das „Dies irae“ aus dem Mozart-Requiem.

„Altneuatlantis“ ist die aktualisierte Wiederaufnahme einer Produktion von 2009. Das nächste Projekt des Kainkollektivs beschäftigt sich mit der Haut und Identität des Menschen. Grundlage ist die Beobachtung, „dass eigentlich alle ständig dabei sind, ein Bild von sich selbst zu erschaffen“, wie Regisseur Fabian Lettow sagt. Das neue Stück wird voraussichtlich im Herbst in Münster zu sehen sein.

14.02.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Golden Girls erzählen aus ihrem Leben

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14.02.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Golden Girls erzählen aus ihrem Leben

Das neue Stück des Paradeiser-Produktions-Teams baut auf Erzählungen von Rentnerinnen auf: Alte Damen erzählen aus ihrem Leben. Was öde klingt, ist auf der Bühne extrem unterhaltsam. Die alten Damen sind hier nämlich jung.

Früher war alles anders: schöner, besser, intensiver. Davon ist Frau Kempermann überzeugt. Die Dame hat die 80 rüstig überschritten und ist eine von drei Kandidatinnen, die sich einer Talkshow der Erinnerungen gestellt haben. Die beiden anderen sind nicht viel jünger, haben ebenfalls einiges zu erzählen und machen davon auch tüchtig Gebrauch.

„Team Time & die Golden Girls“ heißt die neue Paradeiser-Produktion, die am Freitag im Pumpenhaus in Münster Premiere feierte. Die Truppe aus Essen und Münster, die sich nach einer österreichischen Tomate benannt hat, erzählt hier keine zusammenhängende Geschichte, sondern webt aus den Erinnerungsfetzen der Protagonistinnen ein ebenso unterhaltsames wie nachdenklich stimmendes Patchwork, das künstlerisch auf vielfache Weise gebrochen ist.

Akustisches Gebäude
Zum einen durch die Besetzung. Denn die alten Damen werden hier von den jungen Schauspielerinnen Elmira Bahrami und Jessica Garbe und der ebenfalls jungen Tänzerin Ursina Hemmi gespielt. Hinzu kommen Simon Breuer als merkwürdig wortkarger Talkmaster und „Ohrpilot“ Kai Niggermann, der mit seinem E-Bass eine Art akustisches Gebäude um das Ganze herumbaut.

Kindheit in Henrichenburg, Frauenfachschule in Dortmund, Landverschickung, dann alle zehn Geschwister die Krätze. Der Bruder, Drogist in Haltern, wird tot in seiner Wohnung gefunden. Beengte Verhältnisse, bis endlich der eigene Bungalow fertig ist. Ehe, Kinder, Enkel, plötzlich der Mann weg. Einsamkeit, erster Herzinfarkt. Das sind einige der Stationen, die hier thematisiert und mit viel Lokalkolorit umgesetzt werden.

Interviews mit alten Damen

Die Inhalte stammen aus Interviews, die Regisseurin Ruth Schulz und ihr Team mit älteren Damen geführt haben. Die Form ist Paradeiser-Werk. Und das kann sich sehen lassen. Etwa wenn die Damen dem Talkmaster das Mikro klauen und damit herumalbern, wenn sie „Winter adé“ anstimmen und dabei immer schriller werden, wenn sich die Tänzerin kunstvoll in das Mikrokabel verwickelt, wenn die Darstellerinnen von projizierten Textfetzen aus ihren Lebensläufen über die Bühne gejagt werden. „Die Erinnerung ist eine Näherin“, heißt es einmal sehr treffend. Und das Kleid, das hier geschneidert wird, ist schön. Und kein bisschen altmodisch.

14.02.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Talkshow dreht die Zeit zurück

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14.02.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Talkshow dreht die Zeit zurück

“Team Time & Die golden Girls”

Drei junge Frauen in knielangen, mit Goldfäden durchwirkten Röcken sitzen auf der Bühne des Pumpenhauses wie die Hühner auf der Stange und lächeln in eine imaginäre Kamera. Sie sind die „Golden Girls“ in einer Talkshow, die die Zeit zurückdreht und drei Leben Revue passieren lässt. Schein und Sein stimmen mitunter kaum überein, wenn die jungen Darstellerinnen Elmira Bahrami, Jessica Garbe und Ursina Hemmi drei über 80-Jährige mimen, doch ihren Lebens-Geschichten, die Original-Interviews entstammen, kann man sich nur schwer entziehen.

Bombardierung im Krieg, Enge in kinderreichen Haushalten und harte Arbeit kommen in dem von Simon Breuer und Kai Niggemann moderierten, satirisch durchsetzten Talk „Team Time & die Golden Girls“ ebenso zur Sprache wie die schmerzhafte Trennung vom Ehemann oder skurrile Grenzerfahrungen als klinisch Tote. Trauer und Wut überwiegen im Rückblick, Liebesglück und Kindersegen gleichen aus; „Das war schlimm“ ist dennoch ein häufiges Zitat. Regisseurin Ruth Schultz von „Paradeiser productions“ fügt den zweiSchauspielerinnen mit Ursina Hemmi eine Tänzerin bei, die Gefühle mit rudernden Armen und wiederholt heftigen Oberkörper-Bewegungen ausdrückt, letztlich allerdings durch jugendlichen Charme für sich einnimmt.

Plätschern die Erzählungen der Damen bisweilen vor sich hin, so sind es einerseits die komischen andererseits die emotional-starken Szenen, die das Stück bemerkenswert machen. Witzig, wenn sich die drei hochbetagten Damen, auf imaginären Fahrrädern sitzend, über Gefahren beim Radfahren auslassen, wenn sie brav „Winter ade“ trällern oder mit beim Kaffeekränzchen Gemeinsamkeit demonstrieren. Und erschütternd, wenn sie sich heute als „Luxusobjekte“ fühlen, die Geld kosten. Wenn sie sich schon jetzt für ein Rasengrab entscheiden, weil es den Angehörigen wenig Arbeit macht. Dann wird es auch schon mal laut in der ansonsten ruhigen Inszenierung, die durch authentische Sprechweise wiederholt lebensnah wirkt.

01.02.2011 – Ulrike Merten / Der Westen: Am Pulsschlag der Ärzte

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01.02.2011 – Ulrike Merten für Der Westen
Am Pulsschlag der Ärzte

Eben erst ist er vom 24-Stunden-Dauer-Dienst nach Hause gekommen und holt sich gegen die Müdigkeit noch schnell einen Kaffee ans Telefon. Tugsal Mogul ist Mediziner, Anästhesist an einem Münsteraner Krankenhaus. Und ebenso Schauspieler (Theater in Bonn, Berlin und Hamburg ect., wie TV), Regisseur und Gründer der Gruppe Theater Operation. Dieser gelebten Schizophrenie verdankt der Zuschauer auf der Juta-Bühne des FFT am 4. und 5. Februar tiefe Einblicke in den OP, die Intensiv-Station, die Faulstellen des Gesundheitssystems und die widersprüchliche Seelenlage von Klinikärzten zwischen Leben und Tod, Mensch und Management, Ideal und Zeitdruck, Selbstzweifeln, aber auch schönen Momenten.

Das kranke System

„Ein Stück aus dem Alltag der Medizin, das ist bislang einmalig“, versichert Mogul, Sohn türkischer Einwanderer und setzt sich entschieden gegen Kittel-Klischee-Arien im TV-Serienformat ab. Eigene Erfahrungen als Arzt und die Geschichten, die ihm Kollegen „schenkten“, flossen in die Diagnose „Halbstarke Halbgötter“ ein.

Seit der Premiere 2008 im Münsteraner Pumpenhaus wurde das tragikomische Doku-Drama 31 Mal auch an anderen Bühnen gezeigt. „Immer ausverkauft“, sieht der Theaterleiter die Relevanz bestätigt. „Die Zuschauer nehmen das als Spiegel an.“ Und diskutieren heftig bei den anschließenden Publikumsgesprächen. Warum geht es ihm? Ist es das Werben um mehr Verständnis für die Situation der Ärzte? Oder vielmehr eine Attacke gegen die krank machende Gesundheitspolitik? „Die Zuschauer ziehen selbst die Kritik daraus“, sagt der Chef der Theater-Operation sibyllinisch .

Dass es auf der Bühne ums wirkliche (Über-)Leben geht, unterstreichen die vier EKG-Elektroden, die den aktuellen Puls, die Herzfrequenz der vier Bühnen-Ärzte auf einer Großleinwand aufzeichnen. Moguls Schauspieler-Kollegen und Freunde, Bettina Lamprecht, Carmen Dalfogo, Stefan Otteni und Dietmar Pröll, mit denen er vor drei Jahren die Theater Operation gründete, schlüpfen aber nicht nur in grüne Kittel, Netzhaube und Mundschutz. Mogul hatte ihnen zuvor bei Hospitationen im Krankenhaus das Sezieren des Systems ermöglicht. Und es sind vor allem Menschen, Charaktere, die die Schauspieler aus der Arzt-Rolle, unter der sie leiden, heraus schälen.

Das Authentische Material

Für die beiden Düsseldorfer Aufführungen wird Mogul übrigens auch selbst spielen, weil Dietmar Pröll eine andere Auftrittsverpflichtung habe.

Ein Op-Tisch steht im Zentrum des Bühnengeschehens um die halbstarken Halbgötter, und Mogul lacht. „Der stammt aus der Gynäkologie. Darauf sind mindestens 1200 Kinder zur Welt gekommen.“

Apropos Geburt: Die authentische Material-Schöpfung des Arztes Mogul hat bereits zu einem weiteren Stück geführt. Diesmal aus der Patienten-Perspektive. „Somnia“ heißt die zweite Produktion der Theater-Operateure, die im vergangenen November in Münster das Bühnenlicht erblickte. Diesmal kommen Menschen zu Wort, die auf der Intensiv-Station künstlich beatmet wurden und von ihren Eindrücken, Erlebnissen und Träumen erzählen. Eineinhalb Jahre haben Mogul und seine Kollegen für das Eintauchen in diese eigene Welt zwischen Schlaf und Tod recherchiert. Und wenn die halbstarken Halbgötter ankommen, könnte auch „Somnia“ ins mit dem Münsteraner Pumpenhaus kooperierende FFT folgen…