04.06.2011 – Lisa Meierkord / Westfälischen Nachrichten: Atemberaubende Aufklärungsaktion

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04.06.2011 – Lisa Meierkord für die Westfälischen Nachrichten
Atemberaubende Aufklärungsaktion

Mutoto Chaud startet im Pumpenhaus seine Deutschlandtournee

Das Auge hat viel zu tun. Es weiß nicht, wo es zuerst hinsehen soll, wenn die 15 Kinder und Jugendlichen von Mutoto Chaud die Bühne in einen „Waldbrand“ („Feu de Brousse“) verwandeln. So lautet der Name des Theaterstücks aus Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo, das im Pumpenhaus die Bühne zum Beben bringt.

Vor der Silhouette eines Hauses spielen Trommler, Kalindula- und Banjospieler, die dazu mehrstimmig im Chor singen und einen vollen Klang erzeugen. Verschiedene Tanztechniken, vom perfekten Moonwalk bis hin zu Akrobatikeinlagen machen den Anfang des Stücks aus. Darin geht es um die junge Anna, die seit ihrer Geburt Aids hat und Medikamente dagegen nimmt, von ihrer Krankheit jedoch nichts weiß. 

Eine Geschichtenerzählerin erklärt jede Szene kurz, da die Darsteller das kongolesische Französisch sprechen. Dadurch, dass ihre Eltern ihr nie von ihrer Krankheit erzählt haben, steckt Anna drei weitere Menschen an. Ihre ebenfalls an Aids erkrankte Mutter Maria ermuntert bereits Erkrankte: „Nehmt Eure Medikamente, und Ihr könnt ein normales Leben führen.“

Zum einen bringt das Stück dem Publikum nahe, dass ein normales Leben mit Aids möglich ist; aber auch Schutzmaßnahmen um die Krankheit zu vermeiden werden gezeigt. „Wir treten hier nicht nur auf, um die Probleme im Kongo zu thematisieren, sondern auch deutsche Jugendliche für das Thema Aids zu sensibilisieren“, so Richard Nawezi, Künstlerischer Leiter des Stücks.

Der zweite Teil der Show heißt „Mutoto Anasimama“, in dem die Jugendlichen – soeben noch Schauspieler – zu Akrobaten werden. Menschenpyramiden in luftiger Höhe, das Balancieren und Jonglieren einer Flasche mit einem Stab im Mund – die sechs bis 26-jährigen jungen Künstler rauben dem Publikum den Atem. Dafür gibt es am Schluss Standing Ovations. Münster ist für Mutoto Chaud der Auftakt der bereits dritten Deutschlandtournee.

04.06.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Rasantes Theater aus dem Kongo

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04.06.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Rasantes Theater aus dem Kongo

Mutoto Chaud spielt rau und authentisch

Die demokratische Republik Kongo ist ein Land mit vielen Gesichtern. Manche davon sind schön: das Klima, die Flora und Fauna, das Nebeneinander verschiedener Sprachen und Kulturen. Andere sind hässlich: die Korruption, die Armut, die militärischen Übergriffe, die vielen Aids-Toten. Alle diese Aspekte finden sich im Stück “Waldbrand” wieder, mit dem die Theater-Akrobatikgruppe Mutoto Chaud aus Lumbashi derzeit im Pumpenhaus gastiert, um anschließend auf eine dreimonatige Deutschlandtournee zu gehen.
Im Mittelpunkt der geschichte steht die junge Anna, die seit ihrer Geburt Aids hat, ohne es zu wissen. Als ihre Eltern sie über die Krankheit aufklären, hat sie bereits andere Leute angesteckt – einen LKW-Fahrer, ihren Schulfreund und einen Polizisten.

Situation im Land

In einer temperamentvollen Mischung aus Musik, Tanz und Schauspiel entwerfen die Darsteller ein Bild von der Situation in ihrem Land. Armut treibt Anna in die Arme des Lastwagenfahrers. Das korrupte System lässt es zu, dass der Polizist sich an ihr vergeht. Über allem steht die Scham. Statt sich behandeln zu lassen, versuchen die Betroffenen, ihre Krankheit zu verbergen. Der Kampf zwischen einem Arzt und einem Patienten bringt diese Problematik zum Ausdruck. Es ist eine handfest ausgeführte Szene, die mit ihren akrobatischen Einlagen gleichzeitig einen Vorgeschmack auf den zweiten Teil des Abends gibt.

Tanz und Akrobatik

Denn nach der Pause steht mit “Mutoto Anasimame” (“Das Kind soll aufstehen”) eine rasante Tanz- und Akrobatik Show auf dem Programm. Zu traditionellen Gesängen, die von Trommeln und Banjo begleitet werden, tanzen die Akteure über die Bühne, springen durch Reifen und schlagen waghalsige Saltos. Dann bauen sie schwindelerregende menschenpyramiden, die bis zum Schnürboden hinaufreichen. Von der Spitze lassen sich die Jüngsten herabstürzen, um im lezten Augenblick von den Älteren aufgefangen zu werden.

Mutoto Chaud ist im Rahmen eines Sozial-Projekts entstanden. In der 15-köpfigen Truppe trainieren ehemalige Straßenkinder mit Künstlern. Das merkt man den Autritten an, die nicht glatt und gefällig daherkommen, sondern das rauhe Leben spiegeln, aus dem heraus sie entstanden sind. Das verleiht ihnen Kraft und Authentizität, die man auf hiesigen Bühnen selten erlebt.

27.05.2011 – Sabine Müller / Münstersche Zeitung – Mutoto Chaud: Die Akrobaten aus dem Kongo

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27.05.2011 – Sabine Müller für die Münstersche Zeitung
Mutoto Chaud: Die Akrobaten aus dem Kongo

Akrobatik, Theater und Musik aus dem Kongo: “Mutoto Chaud” zeigt im Pumpenhaus ein neues Bühnenprogramm. Es ist der Auftakt zu einer dreimonatigen Tournee durch Deutschland.

Die Kinder und Jugendlichen türmen sich zu Pyramiden, schlagen Salti. Einige trommeln, singen, tanzen. Ein junger Mann balanciert eine Flasche auf einem Stock, den er nur mit dem Mund hält. Das ist „Mutoto Chaud“.

Die Energie der Akrobatik- und Theatergruppe ist körperlich spürbar. Die 15 Akrobaten sind zwischen sechs und 26 Jahre alt, kommen aus dem Kongo, genau: aus Lubumbashi. Sie sind Ex-Straßenkinder. Die meisten haben ihre Eltern durch die Kriege und Unruhen im Land verloren, leben in einem Internat, das mit Hilfe des münsterschen Vereins Mutoto gebaut wurde. „Mutoto Chaud“ tourt jetzt zum dritten Mal durch Deutschland. Drei Monate lang zeigen sie ihre Künste in 25 Städten zwischen Sylt und Stuttgart. Tourstart ist Münster. Am 1. Juni ist im Theater im Pumpenhaus Premiere.

Körperkunst und Jonglage

„Das sind nicht nur ein paar Straßenkinder, die ein bisschen Theater machen“, sagt Richard Nawezi, Vorsitzender des Trägervereins Mutoto, der seit elf Jahren Kinder im Kongo mit kulturellen Projekten unterstützt. „Die haben richtig was drauf.“ Sie trainieren täglich auf dem Internatsgelände, wollen eine Akrobatikschule bauen.
Ihr neues Programm besteht aus der 40-minütigen Show „Mutoto Anasimama“ (Das Kind ist aufgestanden) mit Körperkunst, Jonglage, Tanz, Gesang und Musik sowie aus dem 40-minütigen Theaterstück „Waldbrand“, das ein ernstes Thema behandelt.

Erzählt wird die Geschichte von Anna, die seit ihrer Geburt Aids hat. Ihre Eltern verschweigen die Krankheit, Anna nimmt Medikamente, ohne zu wissen warum. Als sie 16 Jahre alt ist, wird sie sexuell aktiv, steckt andere an. Ihre Eltern wissen davon nichts.

Aufklären über Aids

Die Schauspieler sprechen auf der Bühne Swahili, es wird simultan übersetzt, doch auch ohne Sprachkenntnisse erschließt sich die Handlung. Basis des Stücks sind Interviews, unter anderem mit Aidskranken, Sozialarbeitern und Ärzten. „Das Stück will sensibilisieren für das Thema“, erzählt Nawezi. „Aids ist eine Krankheit wie jede andere auch, man muss darüber reden und offen damit umgehen“, sagt er.

In Nachbarstaaten des Kongos liegt die Quote der Erkrankten bei 25 Prozent, im Kongo wird es ähnlich sein, doch Krankheit und auch Sexualität sind tabu. „Aids ist aber nicht nur ein afrikanisches Problem“, sagt Nawezi. Auch in Deutschland tut Aufklärung Not. Bei einem Film- und Diskussionsabend im Cinema mit „Mutoto Chaud“ sollen sich Gespräche zwischen Jugendlichen aus dem Kongo und Deutschland entwickeln.

24.05.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Fröhliches Fläzen auf der Couch

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24.05.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Fröhliches Fläzen auf der Couch

Gut gelaunte Gäste in der Adam-Riese-Show im Pumpenhaus

„Münster gilt als Asi-freie Zone.“ Danke, das hören wir gern. Simon Gosejohann kennt sich aus mit „Asi-freien“ und sonstigen Zonen, die er fürs Privatfernsehen unsicher machte. Für seine Sendung „Comedystreet“ ging er in vielen Städten auf Kamerajagd nach ahnungslosen Passanten – um sie mit einer krausen Geschichte aufs Glatteis zu führen.
Zu sehen auf Adam Rieses Show-Leinwand. Und in Münsters guter Stube? Da hielt Simons Gefährt mit der Aufschrift „Stammzellenforschung“, in das hektische Weißkittel ein vermeintliches Opfer hineinzerrten. Und die Münsteraner guckten dumm aus der Wäsche . . .

Auf Adam Rieses Sofa waren auch dieses Mal Stories zu hören, die man sonst nirgends hört. Kein Wunder, dass 200 Leute das Pumpenhaus füllten – halb so viele, wie Einlass begehrten. Der Promi-Faktor der Gäste war bei Gosejohann am höchsten, der als Letzter dran war – und sich schon Sorgen machte, nicht genug Witziges erzählen zu können. Denn der Spaßfaktor war bereits von den genialen Kabarett-Kämpen Funke und Rüther hochgetrieben worden. 

Die hefteten sich singend an die Fersen gedopter Radrennfahrer, welche sich Urinbeutel an den Strumpf tackern. Da wird aus Pippi Langstrumpfs Fernsehmelodie „Pippi am Strumpf“. Und auf der Couch erzählen Harald Funke und Jochen Rüther, wie aus „Kleinen Mäxen“ große Schelme wurden, dass Marathon-Student Funke „so ziemlich alles“ studiert hat und wie Rüther in peinlicher Pose den Gaszug bediente, während Funke den Wagen im Schneckentempo über die A43 bugsierte.

Witzig, doch immer seriös gab sich Thomas J. Kramer, Fernsehjournalist mit 20 Jahren ZDF auf dem Buckel. Der ist ein alter Münster-Kumpel des Moderators, und so schwelgte man in alten „Odeon“-Zeiten – mit Pils an der Theke, Punkrock auf der Bühne und Pizza auf dem Boden. Kramer wusste aber auch interessantes Journalisten-Garn zu spinnen, so etwa seine Reportage als einziger Radfahrer auf den Straßen Istanbuls („Jahresdosis Feinstaub!“). 

Beim Melodienquiz gewann der Journalist haushoch gegen Ex-Viva-Mann Gosejohann. Das Publikum summte „Let it be“ und anderes unter Leitung von Nicola Materne, die schöne, leichtfüßige Jazz-Lieder in Deutsch mit Markus Paßlicks „Original Pumpernickeln“ interpretierte. Eine tolle Show, bislang noch immer ohne Kameras.

24.05.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: “Onkel Willi ist eine Pommesbude”

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24.05.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
“Onkel Willi ist eine Pommesbude”

Talk Show: Adam Riese entlockt seinen Sofa-Gästen manche Kuriosität

Adam Riese lädt gern Gäste ein, die mit Musik zu tun haben und das Show-Programm bereichern. Weil das bei der letzten Show nur partiell der Fall war, hatte er zur Verstärkung die Sängerin Nikola Materne zu sich gebeten. Die Jazz-Vokalistin eröffnete den Abend im ausverkauften Pumpenhaus mit einem Gute-Laune-Lied aus ihrer neuen CD und stellte damit die Weichen für den weiteren Verlauf.

Zunächst nahm Thomas J. Kramer auf dem Sofa Platz. Der Vize-Chef des ZDF-Verbrauchermagazins WISO stammt aus Nottuln und hat in Münster studiert, bevor er zum WDR ging und dort mit Friedrich Küppersbusch über Schweinefleischpreise diskutierte. In seiner Zeit als langhaariger Jugendlicher hatte er im Odeon Bands gefilmt. “Um kostenlos in die Konzerte zu kommen”, wie er jetzt zugab. Die Entdeckung eines Kriegsverbrechers aus Lettland, den Kramer in Coerde ausfindig gemacht hatte, trieb seine Journalisten-Karriere entscheidend voran.

Harald Funke und Jochen Rüther starteten ihre Kabarettistenlaufbahn bei den “Kleinen Mäxen”. Ein schrecklicher Name, wie Rüther nun einräumte. Aber immerhin hatte er dort Funke kennen gelernt, nachdem dieser in 33 Semestern alle Fächer der Geisteswissenschaften durchprobiert hatte und dann mit einer wenig überzeugenden Selbstmorddarstellung durch die Schauspielprüfung gefallen war: “Ich habe mich erhängt, und die haben gelacht.”

TV-Zuschauer kennen Simon Gosejohann aus Sendungen wie “Comedystreet” oder “Elton vs. Simon”. Zusammen mit seinem Bruder Thilo hat der gelernte Industriekaufmann aber auch Trash-Filme gedreht, unter anderem das beachtliche Low-Budget-Movie “Captain Cosmotic”. Bei Adam Riese erzählte der gelernte Industriekaufmann aus Gütersloh-Niehorst, wie er bei seinen Einsätzen mit versteckter Kamera eine Beziehung gesprengt und beinahe verprügelt wurde. Da verzieh man ihm beim anschließenden Münster Quiz gern, dass er Onkel Willi für eine Pommesbude hielt. Immerhin erkannte er Dr. Ring Ding aber einwandfrei als Musiker.

20.05.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Gegensätze eines Egomanen

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20.05.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Gegensätze eines Egomanen

Stehende Ovationen für osé Navas im Pumpenhaus

José Navas hat seine Garderobe hinten auf der dunklen Bühne platziert. Routiniert und gelassen wechselt der Tänzer seine Kostüme, während das Publikum darauf wartet, dass er in die nächste, kurze Rolle schlüpft. Sechs verschiedene, eigene Choreografien zeigte der in Venezuela geborene Tänzer an seinem Soloabend „Personae“. Im Pumpenhaus kam die Produktion zur Deutschen Erstaufführung, nur drei Tage nach der Uraufführung in Brügge. 
Eine künstlerische Heimat hat José Novas mit seiner Compagnie Flak in Montréal (Kanada) gefunden, im Pumpenhaus war der Tänzer und Choreograf bereits mit „Miniatures“ vertreten. Auch „Personae“ scheint aus Miniaturen zu bestehen. José Navas stellt in Kurzchoreografien Figuren dar, die zusammenhanglos scheinen, wobei sich der Sinn nicht immer erschließt.

Der Tänzer überrascht durch Gegensätze: Mal tritt er als romantische Dame in hochhackigen Schuhen auf, mal als selbstverliebter Mann im Anzug. José Navas zeigt eine ästhetische, abstrakte Choreografie, die inhaltlich Rätsel aufgibt, ebenso wie ein Solo, in dem er, schwarz-weiß gekleidet wie ein Priester, die heilige Maria anzubeten scheint.

Darauf wiederum folgt ein trashiges Tanzstück, das vor Aggression und Antipathie nur so sprüht. Mit einem Hundekopf tänzelt José Navas in Unterhose über die Bühne, kriecht hechelnd auf allen Vieren, und ballert schließlich mit einer imaginären Pistole durch die Gegend; dazu tönt Patti Smiths Song „Spell“, der von einer Welt handelt, in der „alles“ heilig ist. 

José Navas zeigt Solostücke, die ihn als eigenartigen Egomanen darstellen, wäre da nicht die letzte Choreografie zu Maurice Ravels „Boléro“. Zeichnete sich der Soloabend bis dahin bereits durch gelungene Interpretation von Musik durch Tanz aus, der sich vor allem auf Armbewegungen bezieht, so ist die Kunst hier zur Perfektion getrieben.

Bis in die Fingerspitzen interpretiert José Navas die Komposition, in einer Choreografie, der sich zum Finale hin derart schnell und virtuos steigert, dass der Tänzer zu Ravels wunderbar-mitreißender Musik wie in Trance scheint. In seinem punktgenauen, hochenergetischem Tanz ist jede Eitelkeit vergessen.

Das Publikum dankte mit stehenden Ovationen.

23.05.2011 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Verwirrspiel mit der Identität

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23.05.2011 – Gerold Marius Glajch für die Westfälischen Nachrichten
Verwirrspiel mit der Identität

Miriam Yung Min Stein ging in “Black Tie” auf die Suche nach dem “Ich”

Eine grazile Frau steht inmitten des großen Saals im Pumpenhaus. Auf dem Bühnenboden liegt ein überdimensionaler Ausdruck ihres komplett sequenzierten Genoms als Folie. Im Raum verteilt ist moderne Computertechnik. Von der Decke herab hängt eine große Leinwand. Im hinteren Bereich hat sich der Musiker „Ludwig“ eine eigene kleine Studiolandschaft aufgebaut. Mit sphärischen Klängen und live gespielten Balladen zur E-Gitarre wird er die gut 70-minütige Inszenierung „Black Tie“ musikalisch begleiten. 
Die junge Frau auf der Bühne stellt sich vor als Miriam Stein. Verwirrspiel mit der Identität: Genau darum geht es an diesem Abend im Pumpenhaus. Miriam, die 1977 im Alter von neun Monaten als Park Yung Min ihren deutschen Adoptiveltern in Osnabrück übergeben wurde, wird 276 Mal im Verlaufe des Stücks „Ich“ sagen – „ und doch nie wissen, wer damit gemeint ist.“

„Black Tie“ ist eine Produktion des Labels „Rimini Protokoll“, hinter dem die Berliner Theatermacher Helgard Haug und Daniel Wetzel stecken. Miriam Yung Min Stein, die Journalistin, tritt mit „Black Tie“ seit zweieinhalb Jahren in Theatern überall in der Welt auf, zuletzt in Yokohama, 14 Tage vor dem großen Erdbeben. 

Sie berichtet im routinierten Plauderton von ihrer Adop­tion, ihren Adoptiveltern und ihrer beinahe schon aggressiven Einstellung zur Adoptionswelle. Trotz der oft intimen Einblicke, die sie dem Publikum gewährt, wirkt sie kühl-distanziert, so als spreche sie über ein ihr fremdes Wesen. „Du bist niemals ganz in – und du passt niemals ganz nach außen“, sagt sie. 

Miriam Yung Min Stein vermeidet aber die kalkulierte Nabelschau. Mit Fotos und Dokumenten, die sie wie eine Magierin mittels Datenhandschuh auf die Leinwand projiziert, setzt sie ihre Berichte in einen historischen, ethnischen und wissenschaftlichen Zusammenhang. Sie gibt Nachhilfe in der Geschichte Koreas, sie zeigt ein aktuelles Video von der Übergabe eines koreanischen Kindes an die Adoptiveltern, und sie führt einen Ausschnitt aus einer koreanischen Fernsehshow vor, in der eine junge Frau aus Deutschland erstmals auf ihre leiblichen koreanischen Eltern trifft. Bizarre Szenen. 

Miriam erzählt von ihren Erfahrungen, als sie 2006 erstmals in Korea war – und über die widersprüchlichen Ergebnisse ihrer beiden Erbgut-Analysen. Mit der Koreanerin Hye-Jin Choi präsentiert sie eine mögliche Alltagsvariante von sich, wäre sie in Korea aufgewachsen.

Und der Zuschauer? Der geht mit dem Kopf voller Fragen über die eigene Identität nach Hause.

23.05.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Suche nach dem Ich

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23.05.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Suche nach dem Ich

Theater: “Black Tie” im Pumpenhaus

Es gibt Kinder die kommen aus dem Bauch und es gibt Kinder, die kommen aus dem Flugzeug. Park Yung Min gehört zu letzteren. Gefunden hat man sie als Baby in Südkorea. In einer Schachtel wie es heißt. Was aber nicht stimmt, wie sie später erfährt. Adoptiert wird sie dann von einem Paar in Osnabrück. Jetzt ist sie Miriam Stein und wächst als Deutsche auf, sieht aber nicht aus wie eine Deutsche. Später wird sie ihr Geburtsland besuchen. Dann sieht sie aus wie eine Einheimische, wird aber kein Wort verstehen von dem was die sagen. Irgendwann fängt sie an darüber nachzudenken, wer sie eigentlich ist.

Miriam Stein bzw. Park Yung Min ist keine Schauspielerin, sondern Journalistin. Sie spielt auch keine Rolle, sondern hält eine Art Vortrag in der Doku-Performance “Black Tie”, mit der die Berliner Theaterformation Rimini Protokoll im Pumpenhaus gastierte. Das Thema ist die Suche nach ihrer Identität. Dazu hat sie sich ihre DNA auf den Boden gelegt. Sie besteht aus drei Milliarden Zeichen und unterscheidet sich von der des amerikanischen Genforschers Craig Venter nur um 0,1 Prozent.

Hilft ihr das weiter? Offenbar nicht. Wenn sie sich mit der Taschenlampe in dem Buchstaben- und Zeichengestrüpp auf die Suche nach ihrem Ich macht, findet sie zwar ein Gen, das für ihre Laktose-Intoleranz verantwortlich ist, und eines, das sie als rastlose Person auszeichnet. Aber das war´s dann auch schon. Also Geschichte. Die von Korea steht zur Debatte und die deutsche. Und natürlich ihre eigene, die sich irgendwo dazwischen befindet und ständig um das Thema Adoption kreist. Ist es eine gute Tat, wenn ein Paar ein Baby adoptiert, um sich damit einen Kinderwunsch zu erfüllen?

Rationales Vorgehen

Miriam Stein geht bei ihrer Ich-Suche streng rational vor. Sie arbeitet mit Bildern und Videos, die sie per Datenhandschuh steuert, und reduziert ihre Rolle zeitweise auf die einer Versuchsanordnung. Einen Kontrapunkt zu dieser quasi wissenschaftlichen Methode setzt Hey-Jin Choi. Als Alter ego der Protagonistin liefert sie einen Entwurf, wer diese hätte sein können, wenn sie in Korea aufgewachsen wäre.

Natürlich wird so das Geheimnis der Identität nicht gelüftet. Aber der Versuch – und was soll “Black Tie” in erster Linie wohl sein – gestaltet sich spannend, obwohl er auf all das verzichtet, was sich Theater über die Jahrhunderte ausgedacht hat, um in die Herzen der Zuschauer zu dringen.

20.05.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Mensch wird zur Skulptur

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20.05.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Mensch wird zur Skulptur

Tanz: Choreografien von José Navas im Pumpenhaus

Wer das Publikum bei der Stange halten will, muss einen gewissen Spannungsbogen aufbauen. Das ist nicht immer einfach. Vor allem dann nicht, wenn man keine zusamenhängende Geschichte erzählt, sondern Momentaufnahmen liefert, die zudem noch sehr persönlich und nicht immer leicht zu deuten sind. Und genau das macht José Navas in seinem Solo “Personae”, das am Mittwoch im ausverkauften Pumpenhaus Deutschlandpremiere feierte.

Zu klassischer Musik von Vivaldi, Lara, Verdi, Rachmaninoff und Ravel und einem Song von Patti Smith hat er sechs Choreografien entwickelt, die alle nur wenige Minuten dauern, aber eine große Bandbreite an Ausdrucksformen zeigen. So beschränkt sich das erste Solo im Wesentlichen auf die Darstellung des Körpers als Bild.Verschiedene Posen nimmt Navas dabei ein, während das Licht jeden einzelnen Muskel herausarbeitet. Dann zieht er sich wieder auf seinen Stuhl am hinteren Bühnenrand zurück und kleidet sich in aller Ruhe um.

In den folgenden Szenen tanzt er in roten Pumps einen wunderbar minimalistischen Tango. Oder er rollt, sich selbst liebkosend, über die Bühne und lässt sich dabei zu immer eindeutigeren Bewegungen hinreißen. Ein Auftritt verleiht ihm eine geradezu religiöse Aura. Mit schlangenhaft sich windendem Körper und weit ausholenden Armen scheint er alles segnen zu wollen, was ihm über den Weg läuft.

Die sakrale Stimmung wird anschließend mit einer dämonisch anmutenden Hundemaske gebrochen und einem Tanz, der an eine außer Kontrolle geratene Comic-Figur erinnert.

Alle Darbietungen werden von Navas mit Virtuosität und großem Ernst ausgeführt. Einige wollen vor Bedeutung schier zerbersten, andere wirken in ihrer Zurückhaltung fast schüchtern. Leicht zu deuten sind sie jedoch nie, obwohl man durch die integrierten Umkleidepausen reichlich Zeit dazu hätte. Der hohe künstlerische Anspruch des Tänzers fordert dem Zuschauer auch einiges an Konzentration ab.

Aber am Ende wird er belohnt durch eine fulminate Interpretation von Ravels “Bolero”. Navas begleitet das Stück zunächst nur mit Armen und Händen, als müsste er das Orchester dirigieren. Doch dann steigert er sich immer mehr hinein, bis er am Ende eins wird mit der Musik und dafür donnernden Schlussapplaus erhält.

17.05.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Beeindruckend poetisch

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17.05.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Beeindruckend poetisch

Mit “Oblivion Suave” der Sieczkarek-Company endete im Pumpenhaus das Landesfestival “Tanz NRW 11”

Im Takt zur Musik heben acht Tänzerinnen und Tänzer die Arme, lassen ihre Hände zur Seite klappen; indische Sitar verbreitet meditative Stimmung. Die Mark Sieczkarek Company teilt den Bühnenraum in exakte Diagonalen, formiert sich zu Paaren, bildet mit abgezirkelten Bewegungen gerade Linien. Der Choreograf arbeitet präzise und sein erfahrenes Ensemble versteht die Kunst zeitgenössischen Tanzes genau.
Das münsterische Publikum sieht erfreulicher Weise bekannte Tänzer wieder auf der Bühne: Tsutomu Ozeki ist dabei wie auch Eun-Sik Park-Wacker, beide ehemalige Ensemblemitglieder von Daniel Goldins Tanztheater. In der Company des ehemaligen Pina Bausch-Tänzers stellen sie erneut ihre Virtuosität unter Beweis. „Oblivion Suave“ ist die zweite Premiere, die Mark Sieczkarek im Pumpenhaus im Rahmen des Festivals „tanz nrw 11“ präsentierte, das mit dieser Vorstellung in Münster endete.

Ähnlich wie sein Solo „In Person“ ist die Atmosphäre ruhig. „Oblivion Suave“ allerdings zeigt auch technisch-anspruchsvollere, schnelle Bewegungssequenzen, die mitunter reizvolle Kontraste zur kontemplativen Grundstimmung bilden.

Der „rote Faden“ des Stückes lässt sich im Thema Lotusblume als Symbolgewächs finden. Auf Papier gemalt, von Sieczkarek selbst in Kleinarbeit mit Tusche gefertigt, entsteht aus diesen Zeichnungen, unter- und nebeneinander geheftet, ein fragiles Bühnenbild. Tänzerinnen und Tänzer laufen mit angewinkelten Armen, verschwinden hinter dem Vorhang aus Lotus, zeigen einzelne Blumen-Bilder. Ihre Beine sind gebeugt, die Bewegungen Boden zentriert; im Fokus steht für Sieczkarek einmal mehr die großartige Tänzerin Jeong Lee.

Der Lotus steht für den Neuanfang, weitere Attribute, die man der asiatischen Blume zuschreibt, sind Selbstlosigkeit und Reinheit, Ewigkeit und Schönheit. Mark Sieczkareks Company bringt dies mit Leichtigkeit auf die Bühne. Höhen und Tiefen sind ausgespart, dafür kann sich das Publikum fallen lassen. Nichts erstaunt oder befremdet, alles fließt in schönster Harmonie. Bis zur Perfektion durchdacht, wirkt die ästhetisch-poetische Choreografie asiatischer Schlichtheit. Ein beeindruckender Kreislauf niemals endender Bewegungen, in einer ewigen Welt aus Werden und Vergehen.