28.06.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Über Kisten und Kästen zum Kick

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28.06.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Über Kisten und Kästen zum Kick

Die Bühne wirkt wie eine Mischung aus Klassenraum und Turnhalle: Zahlreiche Tische sind aufgestellt, dazwischen sieht man Kästen und dicke Matten. An einer Seite steht ein Baugerüst, passend zur Projektion im Hintergrund aus wechselnden Häuserfassaden und Straßenszenen. Mauern, Dächer, Brücken sind Orte, die Jugendliche, wie Hewad Miraky, Befahr Iranmanesh und Robert Ihns magisch anziehen. Sie gehören zur „Fly Society“ aus Hamburg, jugendliche Parkour-Aktivisten, die Hindernisse wie Stuntmen überwinden und dabei die eigene Angst hinter sich lassen, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick, der Freiheit bedeutet.

„Fly Society: Das Leben kennt mich“ ist eine Produktion von Rica Blunck und Nic Baginsky, die im Rahmen des 1. Festivals für Junges Theater, „Exit to Full Screen“, am Sonntagabend im Pumpenhaus zu sehen war. Viele Jahre gehörten die beiden zu den erfolgreichsten freien Tanztheatergruppen Deutschlands. Nun haben sie sich wieder zusammengefunden, um in einem Multi-Kulti-Projekt mit 27 Jugendlichen zu arbeiten. 

Junge Mädchen sind dabei, wie Sevgim Canay, die mit strahlendem Ausdruck, tänzerisch erstaunlich versiert, auf der Bühne steht. Und Jungs wie Lukas Vie­ring, der erzählt, wie gerne er auf Dächer und Brücken klettert, um meterhohe Tiefen zu überwinden, bevor er in rasanter Akrobatik über Tische, Kästen und Stufenbarren jagt. „Parkouring“ ist eine maskuline, Kräfte fordernde Disziplin. Gerade mal ein Mädchen ist dabei, das Flickflack und große Sprünge meistert und auf den Händen läuft. Aber nicht so flink wie die Jungs.

Faszinierend, wie sie übereinanderhechten, die Körper um die eigene Achse drehen und in verschiedenen Positionen durch die Luft fliegen. Den roten Faden bildet „Robi“, der mit eckigen Bewegungen und geschwellter Brust mal eine Art „Terminator“-Verschnitt auf die Bühne bringt, mal als Barbies Ken dasteht, um den anderen die Klamotten „abzuziehen“. Angstfigur für die einen, Fleisch gewordenes Hindernis für die anderen. Denn letztlich geht es nur darum, den eigenen Weg durchs Leben zu finden.

28.06.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Alle Hindernisse werden übersprungen

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28.06.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Alle Hindernisse werden übersprungen

Theater: „Fly Society“ im Pumpenhaus

Sie definieren es als Freiheit und sich selbst als „Freiheitskämpfer der anderen Art“. Dabei besteht ihre Kunst im Wesentlichen darin, von A nach B zu kommen. Allerdings auf die effektivste Art. Und wenn ihnen dabei etwas im Weg steht, wird es einfach übersprungen, überklettert oder sonst wie überwunden. Wie das in der Praxis aussieht demonstrieren sie anhand von Podesten, Gerüsten und künstlichen Hindernissen, die sie rasant überspringen und dabei eine akrobatische Geschmeidigkeit an den Tag legen.

Die Rede ist von COAX, einer Hamburger Formation aus 27 Jugendlichen unter der Leitung von Rica Blunck und Nic Baginsky, die am Sonntag beim Festival „Exit to full Screen“ im Pumpenhaus gastierte. Ihr Stück „Fly Society: Das Leben kennt mich“ basiert auf der urbanen Trendsportart Parkour, die sie mit Elementen modernen Tanzes verbinden. Auf diese Weise entsteht eine mitreißende Show, die in sportlicher Hinsicht ebenso überzeugt wie in ästhetischer.

Parkour oder seine Spielart Free Running wird normalerweise im öffentlichen Raum praktiziert und hat zum Ziel, diesen neu zu definieren. Entsprechend philosophisch unterfüttert ist das Ganze. Der Weg ist das Ziel und Konkurrenz findet nicht statt, denn „Konkurrenz ist Illusion“, wie einer der Protagonisten erklärt. Es gilt, der Intuition zu folgen und so die eigene Balance zu finden. Überhaupt sei das Leben nichts weiter als “ eine endlose Probe für eine Vorstellung die niemals stattfindet“.

Salto aus dem Stand

Nun, die Vorstellung findet bei COAX sehr wohl statt. Und sie kann sich sehen lassen. Wenn die Traceure (wie sich die Parkour-Aktivisten selbst nennen) in spektakulären Sprüngen durch die Luft fliegen, aus dem Stand heraus Saltos machen oder bei ihren Aktionen die historische Dachstuhlkonstruktion des Pumpenhauses miteinbziehen, dann hält auch das Publikum den Atem an. Zwischendurch erzählen die Protagonisten von ihrem Leben und davon, was die Kunst für sie bedeutet, so dass neben den Sinnen auch der Kopf angesprochen wird.

27.06.2011 – Heike Eickhoff / Westfälischen Nachrichten: So klingen die Gefühle

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27.06.2011 – Heike Eickhoff für die Westfälischen Nachrichten
So klingen die Gefühle

Unter der coolen Oberfläche der jungen Gesichter auf der Leinwand steckt eine Menge Gefühl. Sehnsucht, Enttäuschung, Liebe, Einsamkeit und fast noch kindliche Zärtlichkeit kommen schüchtern in sehr ehrlich wirkenden Statements hervor. Im Video, in kleinen Häppchen serviert, flimmern die Bilder über den Fransenvorhang, der als Leinwand dient und durch seine bewegliche Struktur den Bildern Unwirklichkeit verleiht.

Dazu erschaffen drei Musiker live auf der Bühne Klänge und Beats mit Elektronik und akustischen Tonerzeugern. Gitarre, kleine Steine und meterlange Seile, die wie ein archaisches Monochord tiefe Basstöne hervorbringen, werden von der Elektronik aufgenommen, verstärkt und verfremdet bis Original und Variation eine enge Symbiose eingehen. Zwei Installationen auf Holzstellwänden sind clever erdachte Musikinstrumente. Von oben nach unten laufen durch die Röhren, Handschuhe und Leisten kleine Kugeln, landen am Ende gar auf einer Trommel und fügen weitere Sounds ins bizarre Spiel. So entsteht ein ständig nach vorn drängendes Tongeflecht zu den Videos der Schüler aus Düsseldorfer Haupt- und Gesamtschulen, die für die Produktion „Unter der Haut“ sensibel und freimütig Auskunft gaben. Heutige Gefühlswelten junger Menschen, fast noch Kinder, sollen aufgezeigt werden. Und genau dies gelingt.

Ingo Toben, Regisseur aus Düsseldorf und spezialisiert auf die Arbeit mit Jugendlichen, hat ein eindringliches multimediales Gesamtkunstwerk geschaffen. Dabei geht es weder um sprachliche Virtuosität der interviewten jungen Menschen noch um die strenge Einhaltung von musikalischen Formen. Letztere bestimmt der Film, und so geht die Musik von Christoph Grothaus häufig den Impulsen des Videos nach, entpuppt sich also bei aller Improvisationsfreude als gut gemachte Filmmusik.

Zu sehen war das interessante Werk im Rahmen des Festivals für Junges Theater „Exit to Full Screen“ im Pumpenhaus, das noch bis zum 10. Juli läuft. Die Termine finden sich auf der Website des Pumpenhauses

27.06.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Selbst Liebe ist nicht privat

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27.06.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Selbst Liebe ist nicht privat

Theater: „Unter der Haut“

Bei der Bühne waren eindeutig Bastler am Werk. Merkwürdige Konstrukte von herrlicher Sinnlosigkeit stehen darauf herum. An die hintere Wand hat man einen komplizierten Hindernisparcour genagelt, durch den sich später eine Stahlkugel ihren Weg durch die Schwerkraft suchen wird. Auf dem Boden liegt ein Keyboard, das mit Computer und Mischpult verbunden ist. Damit erzeugen die drei Akteure eine Kakofonie elektronischer Klänge, während auf einer großen Leinwand Videos von Jugendlichen zu sehen sind, die über Liebe reden.

Die Bilder und Vorstellungen, die wir von Liebe haben, sind nicht privat, sondern gesellschaftlich vermittelt. Das in etwa ist der Denkansatz im Stück „Unter der Haut“, das am Freitag beim Jugendtheater-Festival „Exit to Full Screen“ im Pumpenhaus zu sehen war.

Es ist nicht so sehr Theater was Regisseur Ingo Toben hier mit Düsseldorfer Haupt- und Gesamtschülern auf die Bühne bringt, sondern viel eher eine Videoinstallation mit Musik und Apparaturen. Ob das Ganze wirklich unter die Haut geht, darüber mag man streiten. Eindringlich ist es auf jeden Fall, allein schon durch die permanente elektronische Klangattacke.

Besser man konzentriert sich auf die Videos, die in ihrer Nachdenklichkeit einen wirksamen Kontrast zum Musikgetöse bilden. Ein Mädchen erzählt von den Problemen, die sie mit ihrem Freund hat, ein anderes davon, wie sie Jungs kennenlernt. Ein drittes sinniert, wie es geschehen kann, dass sich Liebe immer mehr in Hass verwandelt. Sogar ein Junge redet über seine Gefühle, die er für seine Freundin hegt, und wundert sich, warum diese Gefühle bei ihr nachgelassen haben, obwohl er sie doch nicht schlecht behandelt hat.

Beeindruckend intim

Das beeindruckende an der Inszenierung ist die Intimität, mit der Jugendliche ihre Geschichten erzählen. Hier wirkt nichts konstruiert oder für die Öffentlichkeit geglättet. Dieser Eindruck von Wahrhaftigkeit verstärkt sich noch, wenn die Kamera ganz nah an die Protagonisten herangeht. Die Großaufnahmen blicken hinter die Fassade und zeigen, wie verletzlich Liebe macht, wie sehr sie unter die Haut gehen kann. Da stimmt der Titel dann wieder.

10.06.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Tanzender Mime aus Tokio

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10.06.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Tanzender Mime aus Tokio

Eine weiße Tasse nebst Unterteller schwebt in der Luft, dahinter positioniert sich der Tänzer und Choreograf Jun Takahashi, probiert diverse Szenen. Mal scheint er das Geschirr servieren zu wollen, mal wehrt er es ab, dann wiederum setzt er sich schmunzelnd darunter. „Science Fiction“ ist der Titel von Jun Takahashis ausdrucksvoller Tanzproduktion, die im Pumpenhaus Deutschlandpremiere feierte. Es ist die zweite, große Choreografie des Abends.
Zuvor zeigten drei Tänzerinnen seiner Compagnie„JunJun Science“ aus Tokio das 15-minütige Tanzstück „Anagram“, ebenfalls zum ersten Mal in Deutschland. Gleich den Buchstaben eines Anagramms stellen Verena Kutschera, Gesa Piper und Asayo Hisai wechselnde Dreierkonstellationen dar, bis hin zu synchronem Tanz; dynamische Momente wechseln mit statischen Positionen.

„Anagram“ und „Science Fiction“ sind als Benefiz-Vorstellung organisiert; um so bedauernswerter, dass die Zuschauerreihen nur spärlich besetzt waren. Alle Einnahmen der Tänzer, die ohne Gage auftraten, fließen in engagierte Projekte japanischer Tänzerinnen und Tänzer, die mit und für die Bewohner von Notunterkünften in der Region Tohoku arbeiten. Dieses Gebiet wurde im März am stärksten von Erdbeben und Tsunami zerstört. 

Fliegendes Teegeschirr, ein Buch, das sich verselbstständigt, Gliedmaßen, die ein Eigenleben führen. Jun Takahashi spielt diverse Szenen durch, virtuos im Tanz, oft mit einem Schmunzeln auf den Lippen oder mit vielsagenden Blicken. Nicht umsonst vergleichen Kritiker seinen Stil mit früheren Arbeiten Saburo Teshigawaras, der als Tänzer wie auch als Mime berühmt geworden ist.

Dabei versteht es Takahashi, klassische Musik und mitunter skurrile Tanzszenen ästhetisch zu vereinen. Faszinierend, wie es ihm gelingt, seinen Kopf schwer und scheinbar leblos werden zu lassen, wie sich der Körper dem Willen zu widersetzen scheint, und der Arm tanzt, wie er will. Oder wenn er einem Buch nachjagt, bis hin zum fantastischen Pas de deux mit dem Requisit. 

Am Ende dann scheint der Tänzer selbst schwerelos geworden zu sein. Hinter einer Leinwand, mit einer Lampe ausgestattet, verwischen sich seine Konturen tatsächlich wie in einem Science- Fiction-Streifen.

10.06.2011 – Manuel Jennen / Münstersche Zeitung: Theatermann Tugsal Mogul: „Ich habe viele Alis gespielt“

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10.06.2011 – Manuel Jennen für die Münstersche Zeitung
Theatermann Tugsal Mogul: „Ich habe viele Alis gespielt“

Tugsal Mogul schickt die Menschen ins Reich der Träume. Auf zwei ganz verschiedene Arten. Als Anästhesist der Raphaelsklinik sorgt er für die richtige Dosierung des Narkosemittels. Als Schauspieler und Regisseur bringt er mit seinem „Theater Operation“ das Leben im Krankenhaus auf die Bühne.

Sein Stück „Somnia“ über Menschen auf der Intensivstation ist in der nächsten Woche wieder im Pumpenhaus zu sehen.

Doppeltes Studium

Das allein wäre schon eine fesselnde Geschichte. Welcher Arzt hat neun Jahre lang Medizin und Schauspiel parallel studiert? Ist am berühmten Berliner Maxim Gorki Theater in Goethes „Clavigo“ ebenso aufgetreten wie in der ZDF-Serie „Soko 5113“?

Doch noch bewegender ist die Antwort auf die Frage, warum Tugsal Mogul überhaupt bei der Medizin geblieben ist. Warum hat er die Bühne nicht zu seinem alleinigen Beruf gemacht?

„Weil ich nicht immer nur den Türken spielen wollte“, sagt er. Wie bitte? Tugsal Mogul ist ein moderner, attraktiver Mann mit viel Ausstrahlung und makelloser Aussprache. Seine Eltern kamen 1967 aus Istanbul nach Beckum, er wurde zwei Jahre später geboren. Warum sollte er nur „den Türken“ spielen? Wer denkt heute noch in solchen Schubladen, während koreanische Tenöre an jedem Opernhaus italienische Liebhaber verkörpern?

„In der Oper ist das etwas anderes“, sagt Mogul. „Im Schauspiel wird viel stärker nach dem passenden Typen besetzt. Und dann sagt der Regisseur beim Vorsprechen im Stadttheater: Danke, aber einen Türken haben wir schon im Ensemble. Noch einen brauchen wir nicht.“

Mit rollendem R

Er habe im Fernsehen „viele Alis und Hüseyins gespielt“, sagt der Künstler. In der Soko-Folge „Mord auf der Wiesn“ war er zuletzt ein türkischer Vater: „Da habe ich mich sehr gefreut, als der Regisseur sagte: Sprechen Sie einfach normal Deutsch! Viele wollen hingegen, dass ich das R rolle. Oder ich werde als armenischer Asylant besetzt und darf nur ,Gut, gut, danke, danke‘ sagen.“

Mogul beschwert sich nicht über diese Rollen: „Ich mache das gern, das ist schon o.k. Aber mir wurde bald klar, dass ich nur damit nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.“ Im Krankenhaus arbeitet er heute auf einer halben Stelle, dort gebe es überhaupt keine Vorurteile.

Umso mehr genießt Tugsal Mogul, dass es im Theater Operation überhaupt nicht ums Türkischsein geht. Im Pumpenhaus wird er für einen Kollegen einspringen und neben der Regie auch eine Rolle übernehmen.
Der Arzt lebt mit seiner Frau in Münster. Was wünscht er sich hier? „Ich vermisse eine richtige türkische Community, Cafés, in denen sich alle Altersgruppen begegnen, und richtig guten Börek.“

09.06.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Auf der „Reeperbahn“ von Abidjan

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09.06.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Auf der „Reeperbahn“ von Abidjan

Die „Kindertänzer“ von einst im Pumpenhaus: Breakdance, Salto mortale und viel Schelmerei

 Am Ende geht die Post ab. Genug geschäkert, genug im Nähkästchen der eigenen Kindheit gekramt. Hier geht´s nicht um Betroffenheit, die Tänzer wollen zeigen, was sie draufhaben – und das Publikum im Pumpenhaus geht mit. Zwei Mädels aus der ersten Reihe haben den korrekten Hüftschwung sofort imitiert. Die Lautsprecher wummern, der Sänger beschwört durchs Mikro die „Seele Afrikas“: Alles habe mit Kunst zu tun, mit Stolz und mit Tanz. 
Kein Zweifel, diese früheren „Kindertänzer“ auf der Bühne sind dem harten Wettbewerb auf derAmüsiermeile von Abidjan entwachsen. Längst erfolgreiche Performer, imitieren sie die Kinder, die sie einst waren. Das Duo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen (Berlin) hat „die Kindertänzer“ mit Laune auf die Bühne gebracht. So selbstbewusst, wie die Afrikaner (drei Tänzer und ein Sänger) auftrumpfen, ist das sympathisch, birgt jedoch die Gefahr, dass Armut und Schmerz in Ironie versickern.

Alles beginnt in der Rue Princess, der „Reeperbahn“ von Abidjan, wo die Kindertänzer um Aufmerksamkeit buhlen. So wie Prince Kreol und Anelka Chanel, die nun im Pumpenhaus cool auf Französisch plaudern, den Simultan-Übersetzer Hauke Heumann im Schlepptau. Am Anfang drucksen sie zum Schein herum: „Mann, ganz schön viele Leute hier! Man schämt sich total.“ Scham ist das Stichwort. Denn vor Publikum zu tanzen, ist wohl nicht das natürliche Bestreben der Jungen. „Aber wenn manche damit Geld verdienen, sagst du dir: Warum mach´ ich das nicht auch?“ So mühten sich die Knirpse um den rechten Hüftschwung – und halten nun der ersten Pumpenhaus-Reihe die Bettelhand unter die Nase: „Gib! Gib!“ Auch ein persönlicher Stil war ein Muss. Da gab es zum Beispiel „Magicien“, den Zauberer, einen echten Star. Oder „Bébé sans os“, das Baby ohne Knochen. Und natürlich Produzenten-Scharlatane, die das Blaue vom Himmel versprechen. 

Plötzlich gesellt sich Franck Edmond Yao (alias „Gadoukou la Star“) hinzu. Der Muskelmann entwickelt mit den heimischen Kids die Tanzprojekte. Im Pumpenhaus ist´s eine Mischung aus Breakdance, laszivem Hüft-schwung, Salto mortale und vielSchelmerei.

09.06.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Kindertänzer gehen auf Tuchfühlung

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09.06.2011 – Manuel Jennen für die Münstersche Zeitung
Tanz in der Todeszone

Jun Takahashi lädt zu einem ungewöhnlichen Benefizprojekt für Japan ins Pumpenhaus

Was hat die „Gabel“ mit dem „Belag gemeinsam? Die beiden Wörter sind Anagramme, die durch Umstellung der Buchstaben aus dem jeweils anderen Wort gewonnen werden können. Doch nun die Preisfrage: Klappt das auch mit japanischen Schriftzeichen?

Ja, sagt Asayo Hisai. Die japanische Tänzerin steht heute und morgen in einem Stück mit dem Titel „Anagramm“ auf der Bühne des Pumpenhauses. Choreographiert hat es ihr Kollege Jun Takahashi, der auch sein eigenes Tanzsolo „JunJunScience“ zeigt.
Das spannende Gastspiel der Japaner hat einen traurigen Hintergrund. Pumpenhaus-Chef Ludger Schnieder hat schon lange Kontakte nach Japan, vor allem zu der Tanztheater-Produzentin Junko Hanamitsu. Als Schnieder im Fernsehen die Bilder des Tsunamis und der Atomkatastrophe in Japan sah, war sein erster Gedanke: „Ich muss den Künstlern helfen, da rauszukommen.“ Doch Hanamitsu lehnte das Angebot ab und sagte: „Wir bleiben hier, wo wir gebraucht werden.“ Stattdessen wies sie Schnieder auf Jun Takahashi hin, der ohnehin gerade mit einem Stipendium der japanischen Regierung in Berlin arbeitet. Ludger Schnieder lud Takahashi und seine Mitstreiter ein, und so gibt es nun heute und morgen zwei Benefizaufführungen im Pumpenhaus.

 Der Erlös kommt einem ungewöhnlichen Projekt zugute. Noch immer leben mehr als 100 000 Menschen zusammengepfercht in Notunterkünften in der Krisenregion 350 Kilometer nordöstlich von Tokio. Tänzer gehen in die Schlafhallen und arbeiten mit den Bewohnern, verschaffen ihnen Bewegung und ein bisschen Lebensqualität. Die Programme der Tänzer sind ganz auf das Alter der Menschen zugeschnitten.

Jun Takahashi hat selbst keine Freunde oder Verwandte verloren, aber die schrecklichen Tage der Katastrophe, an denen er in Berlin auf keinem Weg mit der Heimat Verbindung aufnehmen konnte, stecken ihm noch in den Knochen. Er tritt in Münster ohne Gage auf und will nach seiner Rückkehr selbst an dem Tanzprojekt in Japan mitarbeiten.

09.06.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Kindertänzer gehen auf Tuchfühlung

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09.06.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Kindertänzer gehen auf Tuchfühlung

Tanz: Innovatives von Gintersdorfer/Klaßen

Am Anfang war die Scham sich vor so vielen Leuten zu produzieren. Aber je öfter sie tanzten, desto besser wurden sie. Und die Scham verwandelte sich in jenes latent aggressive Selbstbewusstsein, mit dem sie jetzt im Pumpenhaus auf der Bühne stehen, sich in den Hüften wiegen und mit den Füßen Trommelwirbel auf den Bretterboden schlagen.

Anelka Chanel und Prince Kreol sind enfants danseur, Kindertänzer. Ihre Welt ist die Partymeile von Abidjan an der Elfenbeinküste. Wo sich ein Open-Air-Club an den anderen reiht, tanzen sie zwischen den Tischen der Erwachsenen. Und wenn man sie an einer Stelle vertreibt, tauchen sie an einer anderen wieder auf. Denn das Leben kostet Geld, und das muss irgendwie verdient werden.

Die Berliner Theatermacher Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen haben die beiden Kindertänzer für ihr gleichnamiges Stück nach Deutschland geholt. Zusammen mit dem Choreografen Franck Edmond Yao und einem ivorischen Sänger schildern die Jungs ihren Werdegang. Das fängt mit den ersten zaghaften Tanzschritten an.  Dann formiert man sich zu einer Gruppe, wird von einem windigen Produzenten übers Ohr gehauen und schließlich von einem Profi unter die Fittiche genommen. Der drillt sie so lange, bis sie ihren Tanz zur Perfektion gebracht haben.

Dass „Die Kindertänzer“ trotz des Themas nicht in Sozialromantik ausarten, dafür sorgt der rastlose Tanz, der sich Couper Décaler nennt und modernen Hip Hop mit traditionellen afrikanischen Rhythmen verbindet. Vorgestellt werden unterschiedliche Tanzstile vom geschmeidigen „Baby ohne Knochen“ bis hin zur zappeligen „Vogelgrippe“. Als Bühnensprache dient ivorisches Französisch, das Hauke Heumann synchron übersetzt, und zwar so, dass die Übersetzung zu einem zusätzlichen inszenatorischen Element wird.

Was das Ensemble hier betreibt, ist intensive Selbstdarstellung. Und sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Offensiv und stolz präsentieren sich die Tänzer und gehen dabei mit dem Publikum auf Tuchfühlung. Gleichzeitig wird das Ganze aber ironisch wieder so geschickt gebrochen, dass man sich schwer tut, es in eine Schublade zu stecken. Außer man hat eine, auf der „innovativ, eindrucksvoll, mitreißend“ steht.

08.06.2011 – Lukas Speckmann / Westfälischen Nachrichten: Holt die Autos von der Leine…

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08.06.2011 – Lukas Speckmann für die Westfälischen Nachrichten
Holt die Autos von der Leine…

Festival „Flurstücke o11“

Die Parkplatznot rings um den Dom treibt seltsame Blüten. Jetzt werden die Autos sogar schon an die Leine gehängt…
Das muss man sich mal vorstellen: Sieben Autos wiegen ungefähr sieben Tonnen. Wie dick muss ein Seil sein, um dieses Gewicht zu tragen? Wie viel Gegengewicht, wie viel Organisation ist vonnöten? Und vor allem: Was soll das.

Es ist Kunst. Erdacht von den schrägen Vögeln der französischen Gruppe „Générik Vapeur“, die damit den allgemeinen Autowahn veräppeln wollen. Die ganze Aktion beginnt am Servatiiplatz, wo sieben schneeweiße Autos von einem Schlepper an die Leine genommen und durch die Fußgängerzone gezogen werden. Unterwegs kommt Farbe an die Wagen, bis sie zum Schluss vor dem Dom an die Leine kommen. Vor dem Dom, weil es doch drinnen doch den großen Christophorus gibt, und der ist der Schutzpatron der Autofahrer.

Das Projekt heißt wirklich „Drôles d´Oiseaux“ („schräge Vögel“) und ist vermutlich die spektakulärste Aktion des Festivals „Flurstücke 011“, das Ende Juli gefeiert wird. Das Theater Titanick, das Theater im Pumpenhaus, die Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst und die Filmwerkstatt sind die Macher dieses internationalen Festivals für darstellende Kunst, und die ganze Stadt ist ihre Bühne. Neun Gruppen zeigen an drei Tagen etwa 24 einzelne Aktionen im öffentlichen Raum.

Titanick beispielsweise inszeniert auf dem ehemaligen Zoogelände eine Traumwelt zwischen Schein und Wirklichkeit. „Sonnambulo“, Schlafwandler, heißt die Produktion, die von Dantes „Göttlicher Komödie“ inspiriert ist. Die französische Gruppe „Fanfare Le S.N.O.B“ bespielt die Aaseeterrassen mit einem feierlichen Tanz, und die Filmwerkstatt hat das Amsterdamer „Medialab“ eingeladen, die Fassade der Diözesanbibliothek multimedial zu beleuchten.

Dabei ist die Stadt nicht nur Kulisse. Die internationalen Künstler versuchen zwischen Produktion, Ort und Publikum zu vermitteln. Die Zuschauer haben wiederum die Chance, unbekannte Orte zu entdecken. Insofern steht das Ganze in der Tradition der Skulptur-Projekte.