18.11.2010 – Isabel Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Spekulant lässt alle bluten

Pressespiegel

 

18.11.2010 – Isabel Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Spekulant lässt alle bluten

Rohe Holzbretter machen den Bühnenboden aus, der Vorhang ist mit weißer Plastikplane verhängt, vor schwarzen Kacheln sitzen Arbeiter in Schlachtermontur. Regisseur Frank Heuel führt sein Publikum direkt an den blutigen Ort des Geschehens und macht den Ekel auch im weiteren Verlauf nahezu greifbar. Bildgewaltig und konsequent ist seine Inszenierung von Bertold Brechts Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die er als Regisseur des fringe ensembles / phoenix5 auf die Bühne des Pumpenhauses bringt.

Vor 80 Jahren, unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, schrieb Brecht dieses heute frappierend aktuelle Stück. Es geht um Überlebenskämpfe im seelenlosen Kapitalismus; seine Johanna zieht als gläubiges Mitglied der „Schwarzen Strohhüte“ alias Heilsarmee in Chicago gegen die Ausbeutung der Arbeiter zu Felde, will dem Niedergang der Moral die Stirn bieten und scheitert dennoch kläglich. Am Ende ist sie zur Gewalt „bekehrt“ und wird noch im Sterben von den Wirtschaftsbossen als Heilige instrumentalisiert – kein Ausweg, nirgends.

Frank Heuel bleibt sich selbst treu, indem er die klassische Besetzungsliste ignoriert. Bis auf Johanna, überzeugend und verletzlich dargestellt von der schwangeren Justine Hauer, spielen seine vier Schauspieler nebst Bettina Marugg, die in der Rolle des skrupellosen Unternehmers Swift brilliert, mühelos sämtliche Rollen. Im Eifer des Gefechts wird das Publikum als Gesellschaft mit einbezogen; wo es allzu undurchsichtig wird, sorgen Zettel mit Rollenzuweisungen für Klarheit. Die Requisiten sind so einfach wie genial: Eiswürfel verbreiten Kühlhausatmosphäre, machen den Hungerwinter spürbar. Assoziationen an abgezogene Rinderhälften werden geweckt, wenn sich die Darsteller selbst splitternackt auf Eis legen. Und um auch die olfaktorischen Sinne zu bedienen, brät man ein Steak, um es anschließend mit der Gabel an die Wand zu rammen. Die Handlung eskaliert, als das Geschehen an der Börse immer gnadenloser wird. Fleischkönig Mauler lässt sie alle bluten, bevor sie sich am Ende im Dreck suhlen wie die Schweine.

Frank Heuel wahrt ironisch Distanz, amüsiert in kurzen Momenten, bis er wieder Szenen auf die Bühne bringt, die wie ein Schlag in die Magengrube wirken – fantastisch.

» „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ ist im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, zu sehen am Freitag und Samstag (19. und 20. November) um 20 Uhr. Karten gibt es im WN-Ticket-Shop, Prinzipalmarkt, oder unter ‘ 23 34 43.

12.11.2010 – Heike Eickhoff / Westfälischen Nachrichten Zwischen: Galgenhumor und bösem Spiel

Pressespiegel

 

12.11.2010 – Heike Eickhoff für die Westfälischen Nachrichten
Zwischen Galgenhumor und bösem Spiel

Szenen voller sanfter Ironie, dann fast ekelerregende Bilder im Wechsel. Lose Assoziationen, eine Frau, die ihren Mann fernsteuern will (um ihn komplett zu beherrschen), ein Mann, der die Macht um ihrer selbst willen wünscht. Die Frau (durchaus als entfernte Verwandte der machthungrigen Lady Macbeth erkennbar) und der Mann (Macbeth in seinem Ehrgeiz nicht unähnlich) waren die beiden etwas genauer schraffierten Charaktere der Inszenierung „Die Gesellschaft des Bösen – La sociéte du mal“.

Gewollt abstraktes Spiel in bewegten Bildern, bewusster Verzicht auf eine verbindende Handlung, weder Kulissen noch Kostüme, statt dessen die leere, ziemlich helle Bühne des leider nur wenig besuchten Pumpenhauses – eine hochexpressive, verblüffende Inszenierung, die viele Bilder und Rätsel im Kopf des Zuschauers zurücklässt.

 Das Regieduo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen arbeitet seit längerem mit afrikanischen und deutschen Künstlern. Die kulturelle Spannung, die daraus erwächst, führte zu einer Umdeutung und Verlagerung von Shakespeares sagenhaften Hexenstaat in „Macbeth“ zu tatsächlichem afrikanischem Zauberkult und realer diktatorischer Machtbesessenheit.

Das Quartett Gotta Depri, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Hauke Heumann und Melissa Logan führt eine oberflächlich betrachtet untänzerische Choreografie auf, gespickt mit lautem Stampfen. Fast scheinen sie sich zu bewegen wie sie wollen. Doch der Schein trügt. Hinter allem steht ein wohl überlegtes Konzept, und das scheinbare Chaos mündet in ein gesungenes Finale.

Texte (von den afrikanischen Tänzern in Französisch gesprochen) gibt Heumann in Deutsch wieder. Logan erzählt in amerikanischem Englisch, so dass drei Sprachen gleich stark beteiligt sind. Angedeuteter Kannibalismus, schwarze Magie, die mit einem extrahierten Phallus ausgeübt werden muss, und das fröhlich klingende Schlusslied mit beißend bösem Text über den ehemaligen Diktator des Kongo taumeln zwischen Galgenhumor und bösem Spiel. Eindrucksvoll und sehr sehenswert.

09.11.2010 – Bernd Liesenkötter / Westfälischen Nachrichten: Kuddelmuddel mit Feuerwerk

Pressespiegel

 

09.11.2010 – Bernd Liesenkötter für die Westfälischen Nachrichten
Kuddelmuddel mit Feuerwerk

Eine sprechende Wand, die im Stückverlauf wieder und wieder großflächig bemalt wird, Tiermasken von Gockeln, blauen Elefanten und roten Ameisen  dazu schwarzweiße Masken berühmter Persönlichkeiten von Papst bis Che Guevara, live Musik brasilianischer (sehr schön: Jorge Peña)  und deutscher (Sascha Sulimma) Provenienz sowie ein kleines Glöckchen, das ähnlich wie im Boxkampf immer neue Runden einleitet. Dramaturgisch (Regieassistenz Annette Ramershoven und Dagan Bayliss) und vom Szenenbild (Jan Brokof, João Loureiro) her haben die Macher von Fatzerbraz, die Berliner andcompany&Co, ein richtiges kleines Feuerwerk losgelassen.

Das Stück Fatzerbraz, das am Donnerstagabend einmalig im Pumpenhaus zu Gast war, nimmt sich der „Fatzer“-Fragmente von Bertold Brecht an. In den Versen von Brecht geht es um vier Deserteure im Ersten Weltkrieg, die sich von der Truppe wegschleichen und in einem Keller in Mühlheim verstecken, um dort auf die vermeintlich kommende sozialistische Revolution zu warten. Fatzerbraz geht allerdings weiter als lediglich die Brechtschen Fragmente in eine Bühnenfassung zu bringen, sondern startet gleich den Versuch das Ganze Dilemma der im Keller wartenden Deserteuere in einen interkulturellen Kontext zu lagern. Und so wird Fatzerbraz, das bilingual in deutsch-portugiesisch aufgeführt wurde und zusammen von andcompany&Co sowie dem Goethe Institut in Sao Paolo entstanden ist, zu einem großen Kuddelmuddel.

 Es gibt brasilianischen Tanz, der zwischen Zuckerhut-Lebenslust und tiefgründiger Morbidität changiert, es gibt ein flexibles Kartonbühnenbild, das mal zur Stadt New York, bald zum krachenden Kriegsschauplatz und dann wieder zum engen Keller der vier Deserteure wird. Dazwischen wird die Geschichte der vier Deserteuere erzählt. Erst sind sich alle sicher, der Fatzer hat etwas drauf, „der muss uns durchhelfen“. Doch nach einer beschwerlichen Tour im Plastikpanzer kommen die vier im Keller an und dort wird die Zeit doch arg lang. Wo bleibt denn die sozialistische Revolution? Die vier haben Hunger und der Fatzer ist immer öfter weg aus dem Versteck, geht in Mühlheim und die sitzen im Keller. Da konstituiert sich langsam im Keller – zu den Tönen der „Internationalen“ – ein kleiner „Sowjet“. Die vielen – als hier die drei – entscheiden über das Schicksal der wenigen – hier Fatzer. Und so kommt es wie es bei Fatzer kommen muss – er wird zum Tode verurteilt und ein großes rosa Gesicht mit riesigen Zähnen verspeist ihn und einige andere wie Bracht oder Papst gleich mit. Dazu tanzen alle locker zu brasilianischen Rhythmen.

Die ganze Nummer ist schon ziemlich aufgeladen mit Assoziationen zu südamerikanischen Revolutionen, zu Stadtguerilla und so weiter. Eine fast 90 Minuten lange Revue: Tanzen,  Malen, Singen, Licht an und Licht aus. Dazu wechseln sich deutsch und brasilianisch stetig ab. Da bleibt die Kerngeschichte der vier Deserteure doch arg versteckt in dem Assoziations- und Sprachdickicht. Vor dem Pumpenhaus bringt es eine Besucherin, die einen durchaus theaterzugewandten Eindruck macht, auf den Punkt: „Das war ja ganz interessant, aber worum es eigentlich ging, habe ich nicht verstanden.“ Nicht, dass Theater nicht zuweilen auch unverständlich bleiben dürfte, es bleibt aber die Frage, ob Fatzerbraz das wollte.

08.11.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Korea tanzt traditionell und modern

Pressespiegel

 

08.11.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Korea tanzt traditionell und modern

Fünf weiß gekleidete Tänzerinnen und Tänzer halten ebenso weiße Tafeln in die Höhe, geben sie mit fließenden Bewegungen weiter, sprechen mit den Händen. Gesten und Tempo sind exakt aufeinander abgestimmt, ihr Tanz wirkt exotisch. Der Eindruck steigert sich noch, wenn für Europäer unbekannte Symbole folgen und auf Koreanisch gesprochen wird. Oder wenn eine ältere, traditionell gekleidete Tänzerin auftritt, die im übrigen wie ein Buddha im Schneidersitz Beobachterposition einnimmt. Mal ist sie noch mit einer Strohpuppe zu sehen, mal mit einem Blütenast. Bedeutungen kann man nur erahnen.

„3 Nights 3 Days“ ist der Titel dieser Produktion aus Korea. Im Rahmen des Festivals „Kore – A – Moves“, das bis Ende des Monats in acht europäischen Städten Tanz aus Südkorea zeigt, trat die „Now Dance Company“ im Pumpenhaus auf. Young Sohns Choreografie ist von einem buddhistischen Bestattungsritual inspiriert, das drei Tage und drei Nächte dauert. In wechselnden, traditionellen Gewändern treten acht Tänzer auf, zeigen Tanz mit angewinkelten Füßen und hohen Beinen oder kurzen Schritten, in der Bewegung eingefroren, bis die nächste Szene beginnt. Es geht um den Lauf des Lebens, einfach, aber prägnant dargestellt, wie etwa im Prozess des Alterns, wenn eine Tänzerin immer wieder aufs Neue verkleidet wird und so wesentliche Stationen ihrer Vergangenheit abbildet. Der große Zusammenhang erschließt sich leicht, Details werden allerdings nur Eingeweihte verstehen.

Ganz anders das zweite Tanzstück des Abends der koreanischen Company „Sung Soo Ahn Pick-Up Group“. „Rose – The rite of spring“ ist auf die berühmte Strawinsky-Musik „Le sacre du printemps“ choreografiert, die einst schon den legendären Nijinsky zur Choreografie in­spirierte. Mit wirbelnden Armen und schnellen Beinen bringen fünf Tänzerinnen und Tänzer beeindruckende Kraft und Dynamik auf die Bühne. Ihr virtuoser Tanz vereint zeitgenössische Bewegungen mit Akrobatik und Streetdance, ist symbolträchtig und ausdrucksstark. Dabei spielt Sung Soo Ahn mit den Erwartungen des Publikums, indem er erst den Anschein erweckt, das Frühlingsopfer sei in der kleinsten Tänzerin gefunden, um dann damit zu überraschen, dass die beiden einzigen Männer des Ensembles dem Tod geweiht sind.

04.11.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Getanzter Probendrill

Pressespiegel

 

04.11.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Getanzter Probendrill

Patricia Noworol Dance aus New York begeisterte im Pumpenhaus

Mit wehenden Röcken fliegen die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne, zeigen große Sprünge, werfen einander in die Arme, rollen, springen übereinander und fallen immer wieder hart zu Boden. Stakkato bestimmt das Tempo dieser rasanten, mitreißenden Choreografie; die Musik besteht aus Geräuschen, Tönen oder monotoner Sprache. Es geht um pure Ästhetik in diesem Tanzstück, um die Virtuosität des Tänzers und um den Drill, der diese fantastische Performance hervorgebracht hat.

Patricia Noworol aus New York, die mit ihrer Company im Pumpenhaus gastierte, lässt das Publikum hinter die ernüchternden Kulissen der schönen Welt des Tanzes blicken. “Circuits” ist ein Mix aus Choreografie auf der einen Seite und Improvisation auf der anderen. Es geht um Probensituationen, wie sie wohl jeder im professionellen Tanzbereich schon erlebt hat. Die Stimmung ist angespannt; es wird wiederholt, kritisiert, ausprobiert. Der Ton ist noch nicht so, wie er sein soll, das Licht ist improvisiert, Laptops laufen, ein Handy klingelt. Die Choreografin benutzt ihre sechs Tänzerinnen und Tänzer, lässt sich inspirieren, lobt, straft sie ab und fordert sie zu Höchstleistungen heraus – ohne Rücksicht auf Müdigkeit oder Schamgefühl.

Da müssen sich Darstellerinnen ausziehen, über körperliche Defizite sprechen, auf Knopfdruck witzig oder charmant sein, tanzen bis zum Umfallen, und das, ohne von der Gage leben zu können. Patricia Noworol spielt ihre Rolle gut, inszeniert sich in diesem zu Recht preisgekrönten Abend als eine Art Domina, eine Primadonna, die sich selbst beweihräuchert, während sie den Tänzern über den Mund fährt, sie bloßstellt oder aussortiert.

Die Company widersetzt sich zaghaft, um dann doch folgsam zu sein. Jeder Einzelne lässt sich überzeugen von der Tatsache, dass er eben nur zweite Besetzung ist oder hofft, auf der Bühne entdeckt zu werden, wenn er nur alles gibt. Dafür rennen, tanzen, springen sie sich die Seele aus dem Leib, bis sie nur noch schwanken.

Und Patricia Noworol gelingt der Kunstgriff, die hässlichen Seiten des Tanzes zu zeigen, aber das Publikum dennoch zu verzaubern.

03.11.2010 – Isabell Steinböck / Wesffälischen Nachrichten: Pumpenhaus: Alter Punker humpelt

Pressespiegel

 

03.11.2010 – Isabell Steinböck für die Wesffälischen Nachrichten
Pumpenhaus: Alter Punker humpelt

Ein alter Mann mit langem, weißen Haar sitzt am Rand der Bühne und betrachtet seine Darsteller. Es ist Jan Decorte, ein „Urgestein der flämischen Avantgarde“, so die Ankündigung des Pumpenhauses, in der das Stück der Truppe Campo Deutschlandpremiere feierte. „Tanzung“ ist Decortes erste Produktion, die nicht rein vom Text, sondern von der Bewegung lebt. Dafür hat er unter anderen die Rosas-Tänzerin Taka Shamoto auf die Bühne gebracht. Choreografisch anspruchsvoll wird es allerdings nie.

Es geht um Liebe, so ein Hinweis im Programmzettel. Tatsächlich zitiert Taka Shamoto wiederholt Liebesgedichte, nachdem sie zuvor, einem Ritual gleich, immer wieder dieselben Posen zeigt. Teils ernsthaft, teil ironisch betet die Tänzerin den Geliebten auf Knien an, den Oberkörper nackt, die Hände schützend vor die Brust gehalten. Dazwischen treten Jan Decorte selbst und seine Frau Sigrid Vinks auf. Der alte Regisseur zeigt sich als skurrile, komische Figur, indem er zu Punk-Musik über die Bühne humpelt, aggressiv ins Leere tritt oder seinen Kopf in den Boden bohrt, bis er endlich vergnügt auf Haré Krishna-Musik tanzt.

Sigrid Vinks mimt dagegen das kleine Mädchen, das gefallen möchte, auch wenn es nichts so recht kann. Ihre Ballettposen sind wacklig, Hebungen mit Taka Shamoto wirken gewollt unprofessionell, dazu passt ihr hilflos-schüchternes Lächeln und bemüht elegantes Laufen auf halber Spitze.

Man hat den Eindruck, dass es Decorte hier um persönliche Entwicklungen geht: den Vergleich von gestern und heute, als junger wie als alter Mensch. Die jungen Jahre sind längst Vergangenheit, jetzt suchen die gealterten Figuren Trost und Zuneigung. Nach skurrilen, witzigen Szenen, in denen Decorte sich auch selbst nicht ganz ernst nimmt, folgen Momente der Umarmung. Wenn dann am Ende alle vergangene Ideale verschwunden sind, hat das schon etwas Verletzliches, ja Anrührendes. Für eine 70-minütige Vorstellung ist das allerdings etwas dünn, zumal in der langsamen Inszenierung dramaturgisch auf Wiederholung gesetzt wird. Künstlerisch-ästhetische Momente sind dagegen selten. So fragt man sich am Ende, ob Jan Decorte nicht besser bei seinem Sprechtheater geblieben wäre.

31.10.2010 – Heike Eickhoff / Westfälischen Nachrichten: Zurück bleibt ein Trümmerhaufen

Pressespiegel

 

31.10.2010 – Heike Eickhoff für die Westfälischen Nachrichten
Zurück bleibt ein Trümmerhaufen

Ein kleiner Tisch, die Fläche ist auffallend schief. Vorsichtig stellt Miet Warlop ein paar Sektgläser darauf – klar, die rutschen alle zur tiefer liegenden Seite. Ein Experiment in Sachen Erdanziehungskraft. Das Ergebnis überrascht nicht. Doch am Ende auf der Leinwand die Umsetzung als Video: Die Kamera steht ebenfalls schief, und der Betrachter sieht den Tisch als gerade Fläche, auf der Gläser wie von Geisterhand gesteuert wandern. Ein hübscher, aber doch schon etwas angestaubter Trick aus der filmtechnischen Schatzkiste der Stummfilmzeit. 
Miet Warlop und Hilde D´haeyere, die sich mit dem Projekt „Talkshow“ dem Slapstick verschrieben haben, kombinierten einen informativen und umfangreichen Text über Slapstick mit lebendigen Beispielen des Slapstick. So wurden die vielen Worte zu den stummen Filmen zur – zugegeben amüsanten – wissenschaftlichen Vorlesung. Mancher Gag wurde allerdings erst mit Aha-Erlebnis im Video deutlich, manchmal knallte und rauchte es auch sofort.

Da gab es beispielsweise leere Eierkartons mit einem blinkenden Rotlicht, neben denen eine Hand im Affenkostüm eine weiße Kunststoffstange in einer Flüssigkeit am Boden auflöste. Abgefilmt sah man den Riesenaffen King Kong ein ganzes Hochhaus in den Boden drücken, während das flackernde Licht im Eierkarton und zugespielter Lärm eine Stadt in Panik suggerierten.

Die Sache mit dem 200 Meter langen roten Schlauch, mit Luft aufgebläht, war vielleicht technisch nicht perfekt gelungen, denn er wollte sich nicht in ganzer Länge zeigen. Aber schließlich wurde die Darbietung doch zu einem imposanten Schluss. Der Schlauch füllte den Raum unter einem wacklig anmutenden Holzgestell, auf dem Miet Warlop, begleitet von Knall und Blitz, nach unten auf den Schlauch kippte. Ein berühmter Filmsturz Buster Keatons wurde damit nachgestellt.

Am Ende entschwanden die Künstlerinnen, nachdem sie die Zuschauer großzügig mit Sekt versorgt hatten, überraschend von der Bühne – ohne den Beifall abzuwarten. Dem Publikum blieb nur der Blick auf den zurückgelassenen Trümmerhaufen.

29.10.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Junge Liebe – nicht nur für Jugendliche

Pressespiegel

 

29.10.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Junge Liebe – nicht nur für Jugendliche

Samir Akias “Linie 69” im Pumpenhaus

Die Bühne ist hell beleuchtet und ebenso improvisiert ausgestattet wie der Zuschauerraum des Pumpenhauses, in dem die Stühle durch Matratzen ersetzt sind – „Sit In“ für alle, es lebe die Jugend! Leitern stehen herum, Videos von Straßenansichten bei Nacht sind an die Wand projiziert. In einem Fenster blinkt „Sex“ – in Rosa darüber hängt „Liebe“.

„Linie 69 – under construction“ ist der Titel eines Tanztheaterstücks von Samir Akika, Alexandra Morales und Robert Kaltenhäuser, das junger Liebe auf den Grund geht. Gemeinsam mit 14 Darstellern des Jungen Schauspielhauses Bochum bringen die drei Regisseure ein Kaleidoskop der Gefühle auf die Bühne, das durch Witz und Tempo besticht. Eine Szene reiht sich schlaglichtartig an die nächste, und gleich, ob die Jugendlichen Schillers „Kabale“, Loriot oder „Casablanca“ zitieren, stets ist es zugleich ernst und ironisch distanziert. Kraftvolles Tanztheater zu wummernden Bässen überträgt Stimmungen in Bewegung, dazwischen wird erzählt, pantomimisch dargestellt, karikiert.

Da laufen „Barbies“ und „Kens“ steifbeinig und mit Dauergrinsen im Gesicht über die Bühne, Liebesschwüre sind zu hören (natürlich kniend) und Szenen, in denen „Schluss gemacht“ wird. Die Sprache ist so jung wie die Darsteller selbst, die auch gern mal „Dr. Sommer“ bei Verhütungsproblemen kontaktieren oder zum Schreien komische Discoszenen nachstellen.

Dabei kann man „Linie 69“ nicht den Vorwurf machen, oberflächlich zu sein. Wenn die Jugendlichen von sich erzählen, kommt auch Trauriges zum Vorschein, etwa die Trennung der Eltern, zerstörte Familien. Doch auch hier greift eine große Portion Selbstironie. Das macht die Produktion bei aller Tiefe und Authentizität unterhaltsam, nimmt dem Ernst die Bitterkeit. Ein schönes Stück Theater, nicht nur für Jugendliche.

22.10.2010 – Torben Zimmermann / Westfälischen Nachrichten: Mann ist eben auch nur ein Mensch

Pressespiegel

 

22.10.2010 – Torben Zimmermann für die Westfälischen Nachrichten
Mann ist eben auch nur ein Mensch

“Sycorax” stellte Bruno im Pumpenhaus vor

„Du warst ein schreckliches Kind!“ So einen Satz hört niemand gern. Auch Bruno nicht. Dass es das letzte ist, was sein Vater ihm mitzuteilen hat, macht die Sache nicht besser – und wirft Fragen auf.

Hat Bruno nichts aus sich gemacht, sein Leben weggeworfen, Chancen verspielt? Die bitterböse Schlussszene von Martin Heckmanns Stück „Kommt ein Mann zur Welt“, das gestern im Pumpenhaus Premiere feierte, lässt die Fragen unbeantwortet. Tochter und Enkel stehen an Brunos Grab, können sich aber für keinen passenden Spruch entscheiden. Sie schwanken zwischen „Im Rahmen seiner Möglichkeiten“ und „Er war auch nur ein Mensch“.

Die beiden haben Recht. Bruno war einer von vielen. Immerhin wurde sein Leben auf die Bühne gebracht. Das zehnköpfige Ensemble in der Regie von Paula Artkamp und Manfred Kerklau spielt Brunos fiktive Biografie im Schnelldurchlauf – von seinem ersten Sturz vom Apfelbaum bis zur letzten Waschung im Seniorenheim.

Dazwischen liegt sein durchschnittliches Leben: Großeltern, die es „doch nur gut mit ihm meinen“, Party-Exzesse, die Suche nach der eigenen Identität und der großen Liebe. Eigentlich hatte er Künstler werden wollen. Doch der Kunstprofessor nimmt seine Bilder nicht ernst. Das käme ihm alles sehr bekannt vor.

Obwohl es den meisten Zuschauern mit Brunos Geschichte ähnlich gehen dürfte, fühlen sie sich hervorragend unterhalten. Das liegt zum einen am überzeugenden Spiel der Darsteller. Zum Anderen sind es die Überraschungsmomente. Als Bruno entlassen wird – er war wegen unerlaubten Waffenbesitzes in den Knast gekommen – gibt der Gefängnisdirektor ihm noch eine Botschaft mit auf dem Weg, damit er sich draußen wieder zurechtfindet: „Ich empfehle ihnen . . .“ – alles wartet auf die Lebensweisheit schlechthin – „. . .gehen Sie doch mal so richtig shoppen, HAHA!“ Bruno tut, wie ihm befohlen. Doch nicht alles gibt es im Laden zu kaufen.

Vor allem keine verpassten Chancen. Entsprechend verbittert resümiert Bruno: „Ich hätte vielleicht noch . .

16.10.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Illusionslos unglücklich

Pressespiegel

 

16.10.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Illusionslos unglücklich

Die drei haben sich fein gemacht. In Abendgarderobe treten sie einander gegenüber, schließlich wollen sie gut dastehen nach so langer Zeit. „In zehn Jahren treffen wir uns bei den Pyramiden und rauchen was“, haben sich Casper, Nils und Olga damals geschworen. Drei verwandte Seelen, die jetzt überprüfen wollen, ob und wie das Leben sie verändert hat. Was mit großer Wiedersehensfreude beginnt, wird ohne Illusionen enden.

„Context“ ist ein Drama von Igor Bauersima. Der gebürtige Tscheche ist vor allem bekannt geworden durch „norway.today“, ein Stück, in dem zwei lebensmüde, junge Menschen durch das Internet zueinander finden, um gemeinsam Suizid zu begehen. Hier sind es dagegen verratene Ideale, mit denen sich die Figuren auseinandersetzen.

Caspar ist in der so genannten „Kommunikationsbranche“ tätig und textet, was gerade ansteht, Olga agiert als Journalistin mit unsauberen Mitteln, nur Nils schiebt Gepäckwagen am Flughafen und hängt, unter chronischem Geldmangel leidend, ihrem alten Traum von Unabhängigkeit und Freiheit nach.

Regisseur Philip Gregor Grüneberg, der das Stück im Pumpenhaus inszenierte, stellt die drei Charaktere nebeneinander und fügt mit Tänzerin Jennifer Ocampo Monsalve noch eine vierte Figur hinzu. Die ehemalige Goldin-Tänzerin illustriert das Geschehen wirkungsvoll, indem sie Emotionen in Ausdruck und Tanz übersetzt, etwa, wenn sie die Protagonisten überfällt wie die Wirkung einer Haschpfeife oder ausgelassen Partystimmung verbreitet. Dass sich die drei Darsteller darüber hinaus mit viel Bewegung darstellen, bringt Schwung in die Inszenierung. Im Laufe des Stücks wird die Tänzerin allerdings immer entbehrlicher. Und geradezu pathetisch wirkt es, wenn sie, geliebt und weggestoßen, wie die idealisierte Freiheit in persona auftritt. Auch dass Grüneberg seine Figuren nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich im Regen stehen lässt, wirkt dick aufgetragen. Das wäre bei diesem spannenden, zum Nachdenken anregenden Theaterstück gar nicht nötig gewesen.

Die Entdeckung des Abends ist allerdings Andy Strauß, der, besser bekannt als Autor und Poetry-Slammer, in der Figur des brotlosen Idealisten Nils sein Schauspiel-Debüt gibt. Spielfreudig und mit geradezu entwaffnender Authentizität spielt er sich ins Rampenlicht, als sei es eine Leichtigkeit.