13.12.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Keine Spur von Trance

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13.12.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Keine Spur von Trance

Ein Tänzer (Mark Sieczkarek) steht in schwarzem Jackett und Rock auf der Bühne, lässt Hände und Arme sprechen. Seine Bewegungen wirken weich und bedeutungsschwer, als wollte er die melancholisch-schöne brasilianische Musik in Zeichensprache übersetzen. Dann treten Paare auf, präsentieren sich dem Publikum in hübschen, schwarz-weißen Abendkleidern, gemustert mit Blüten und Blättern, passend zum Bühnenbild.

„Eu estive aqui“ (Ich war hier) ist der Titel von Mark Sieczkareks Produktion, die im Pumpenhaus zur Vorpremiere kam; eine Koproduktion der Wuppertaler „Mark Sieczkarek Company“ und der „Porto Alegre Tanzkompanie“ aus Brasilien. Für sein Tanzstück, das laut Programm die „Ewigkeit, die jedem noch so kurzen Moment innewohnt“, darstellen soll, hat sich der Choreograf unter anderem vom brasilianischen Rhythmus des Maracatu inspirieren lassen wie auch von nächtlichen Besuchen des Candomble-Kultes, einer afro-brasilianischen Religion, die Tänzer in Trance versetzt.

 Sieczkareks Tänzer allerdings wirken als Interpreten dieser rhythmisch-klangvollen Musik keinesfalls wie in Trance, sondern sehr kontrolliert, wenn sie sich dem Publikum mit geraden Rücken präsentieren. Als dann Tanz-Elemente aus dem afro-brasilianischem wie auch aus dem asiatischen Raum folgen, kommt durch die musikalische Choreografie zwar Bewegung in das Ensemble, authentisch wirkt das jedoch nicht. Im Gegenteil: In den bodenlangen, feinen Kleidern und mit dem halbherzigen Ausdruck wirkt der Tanz seltsam stilisiert und aufgesetzt. Und wenn die Choreografie auch dank synchroner, genau aufeinander abgestimmter Bewegungen schön anzusehen ist, sind es doch immer wieder dieselben gebeugten Arme und Beine, die den Takt nachzeichnen. So fließt der Tanz ohne nennenswerte Höhen und Tiefen dahin. Alles in allem ein Tanzstück, das zwar hübsch anzusehen ist, aber ohne ersichtlichen Tiefgang daherkommt.

13.12.2010 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Die Schöpfung meint es gut mit dem Menschen

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13.12.2010 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Die Schöpfung meint es gut mit dem Menschen

Tanz: Mark Sieczarek wärmt das Herz

Wenn die Tage kürzer werden und das Wetter demonstriert, wie ekelhaft es sein kann, dann zündet man im Theater die Lichter an, hängt helle Tücher an die Wände und spielt Sommer, damit der Mensch wieder ein bisschen Freude hat. Mark Sieczkarek, der als Schotte auch nicht gerade sonnig sozialisert wurde, hat sich dafür mit der brasilianischen Tanzgruppe Porto Alegre zusammengetan. Herausgekommen ist “Eu estive aqui (Iwas here)”, ein von südländischer Leichtigkeit geprägtes Tanzstück, das am Freitag im Pumpenhaus Vorpremiere feierte.
Nach einem etwas eurythmiehaften Solo des Choreografen strömen acht Tänzer auf die Bühne und formieren sich zu Paaren und kleinen Grüppchen, die auf sanfte, aber auch bedeutungsvolle Weise miteinander in Kontakt treten. Zur Musik der Gruppe Cordel do Fogo und anderen lateinamerikanischen Klängen legen sie sich gegenseitig die Hände auf die Schultern, streben voneinander weg und finden sich wieder. Dann strecken sie die Arme abwechselnd nach oben und unten, als wollten sie den Himmel darauf aufmerksam machen, dass es neben seiner Herrlichkeit auch noch so was wie eine Erde gibt.
Als der Gesang bald darauf in Perkussion übergeht, mischen sich afrikanische Bewegungselemente in den Tanz, der dadurch etwas Rituelles bekommt. Nicht mehr Individuen sind es, die hier ihren Weg durchs Leben suchen, sondern eine Gemeinschaft, die sich im vollkommenen Einklang befindet. Als dann auch noch ein Mädchen mit einem Windrädchen aus Goldpapier auf die Bühne stürmt und die Tänzer weiße Luftballons durch die Lüfte schweben lassen, macht sich die Gewissheit breit, dass es die Schöpfung gut mit den Menschen meint.
Die Welt draußen ist grau und düster, aber bei Sieczkarek auf der Bühne geht es hell und freundlich zu. Das ist zwar nicht die Art von Transformation, die man vom Pumpenhaus gewöhnt ist, aber man muss auch nicht unbedingt was dagegen haben, wenn alles einfach nur nett und schön ist. Zumal dann nicht, wenn es, wie hier gut gemacht ist.

30.11.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Adam-Riese-Show: Schwaben können Masematte

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30.11.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Adam-Riese-Show: Schwaben können Masematte

Auf die Frage, was er in einem Formular als Berufsbezeichnung eintragen wurde, antwortet er nach kurzem Zögern „Kaufmann“ und fügt erklärend hinzu, „weil das nicht geschützt ist“. Tatsächlich treibt sich Ralf Plaschke in unterschiedlichen Metiers herum, seit er in Münster sein Studium an den Nagel gehängt hat.Von Helmut Jasny

Zunächst war er Sänger der Punkband R.A.F.Gier, mit der er es noch vor dem Mauerfall zu einem Auftritt in Ostberlin geschafft hat. Dann hat er in Köln die Popkomm mitbegründet, einen Internetauftritt für die Kelly Family gebastelt und ein Fachbuch über Tischfußball geschrieben. Eine Band hat er heute auch wieder, die Silk Rabbits, die bekannte Songs covert, was er mit einer schwungvollen Interpretation von „Hurt“ dann auch unter Beweis stellt – begleitet von Markus Paßlick und seinen Original Pumpernickeln. Denn ohne Musik geht gar nichts bei der Adam Riese Show am Sonntag im Pumpenhaus.

Als ähnlich umtriebig erweist sich der zweite Gast. Der gebürtige Sauerländer Oliver Pauli kam zu Studium nach Münster und machte hier nicht nur als Unternehmensberater Karriere, sondern auch als Protagonist des Improvisationstheaters Placebo, bei dem er gerne mal barfuß in Mausefallen tritt.

Kleine Mäxe im Zoo
Außerdem versteht er es, auf Spanisch, Japanisch und Niederländisch zu plaudern, ohne diese Sprachen wirklich zu sprechen. Auch beim Münster-Quiz macht er eine gute Figur, ganz im Gegensatz zu Plaschke, der die Kabarettgruppe „Die Kleinen Mäxe“ als Affenzwillinge im Allwetterzoo einordnet.

Aus dem Münster-Tatort kennt man Friederike Kempter als Kommissaranwärterin Krusenstern. Bei Adam Riese auf dem Sofa lernt man die zierliche Frau als große Faxenmacherin vor dem Herrn kennen. Einen Sketch aus Anke Engelkes „Ladykracher“, wo sie auch mitmischt, erzählt sie so anschaulich, dass die Nacherzählung lustiger ist als der Sketch selbst. Singen kann sie auch, und wenn sie den Text vergisst, überspielt sie das mit einer kessen Tanzeinlage.

Sogar beim Masematte-Test ist die gebürtige Schwäbin erfolgreich, indem so solange zwischen den Antworten hin und her springt, bis die richtige dabei ist. Und als die Show nach drei Stunden mit einer Improtheater-Einlage zuende geht, war das wieder so ein richtig schöner Abend.

30.11.2010 – Torben Zimmermann / Westfälischen Nachrichten: Heiterkeit bis der Bauch schmerzt

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30.11.2010 – Torben Zimmermann für die Westfälischen Nachrichten
Heiterkeit bis der Bauch schmerzt

Friederike Kempter in der Adam-Riese-Show im Pumpenhaus

Wer wusste schon, dass Wolfgang Clement für sein Bier nur eine Sekunde braucht, weil er in der Lage ist, seinen Kehlkopf wegzuklappen? Oder dass Schauspielerin Friederike Kempter beim Dreh von “Beischlaf-Szenen” überlegt, was abends im Fernsehen läuft? Wer kann sich vorstellen, wie ein Bier schmeckt, das ein “kölscher Kubaner” nach Familienrezept gebraut hat? Die Zuschauer im Pumpenhaus dürfen nach der Adam-Riese-Show nicht nur das bittere “Colinka”-Bier probieren, sondern vor allem eines – sich prächtig amüsieren.

“Er ist einfach Brillant”

Das haben sie insbesondere Adam Riese zu verdanken, der gleichermaßen eloquent wie charmant durch den Abend führt. Markus Paßlick, mit seiner “Original-Pumpernickel”-Showband für die musikalische Begleitung zuständig, kündigt den Gastgeber als “Meister der gepflegten Unterhaltung” an. Jutta Mell-Wolny (58), die ihn erst einmal als Moderator erlebt hat, war sofort von ihm begeistert. Ihr Zwischenfazit in der Show-Pause fällt entsprechend positiv aus: Er ist einfach brillant!”

Die Gäste, die Adam Riese auf dem grauen Sofa begrüßt, tragen zur heiteren Stimmung bei. Musikmanager Ralf Plaschke erzählt, wie Wolfgang Clement ihm auf einer Japan-Reise stolz seinen Trink-Trick vorführte. Anschließend verteilt er mit Show-Assistentin Isabelle kölsch-kubanisches Bier und berichtet, wie er in den 80er Jahren mit seiner münsterischen Punkband ” R.A.F.Gier” im Osten Berlins ein Konzert spielte.

 Oliver Pauli, Impro-Schauspieler beim Placebotheater und Kommunikationstrainer, beginnt seinen Auftritt mit Stand-Up-Comedy und beeendet ihn mit einem Lied über “Rebeccas Triebe”, einer Frau bei der sich die Frage stellt: “Wer will noch mal, wer hat noch nicht?” Zwischendrin stellt er mal eben seine Improvisationsfähigkeiten unter Beweis: Auf Zuruf des Showmasters spricht Pauli Spanisch, Chinesisch, Holländisch. Obwohl Oliver Pauli keine dieser Sprachen tatsächlich erlernt hat, klingt es, als sei er viersprachig aufgewachsen. Man könne eben auch das Improvisieren lernen.

Die dritte auf der Gästeliste ist Friederike Kempter, den Zuschauern bestens bekannt aus dem Münster-Tatort. Offen plauscht sie mit Adam Riese über das öde Gefühl, eine “Beischlaf-Szene” zu spielen und verrät, wie viel vom hiesigen Tatort in Köln und im Studio gedreht wird. Das die Leser des Männer-Magazins “GQ” sie zu den zehn attraktivsten Frauen der Welt zählen, ist der zierlichen Blondine angenehm unangenehm: Spontan verschanzt sie sich hinter einem Sofakissen. Als sie beim Singen den Text vergisst, bleibt sie positiv: “Ich habs verkackt, aber es macht trotzdem Spaß!”

Wie sympathisch den Zuschauern der Patzer ist, zeigt sich am Ende: Als die Schauspielerin unter dem finalen Dauer-Applaus an der Reihe ist, ihren Blumenstrauß entgegenzunehmen, schwillt der Lärmpegel für Friederike Kempter deutlich an.

26.11.2010 – Tobias Schröter für come-on.de : „Somnia“: Theaterstück über Langzeit-Patienten

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26.11.2010 – Tobias Schröter für come-on.de (unter: Kultur NRW – Kultur – Nachrichten)
„Somnia“: Theaterstück über Langzeit-Patienten im Pumpenhaus Münster

Angestrengtes Atmen, lautes Schnarchen, ab und an mal ein Schmatzen: Auf der Intensivstation herrscht eine unangenehme Geräuschkulisse. Drei Patienten liegen da nebeneinander, aufgebahrt auf unbequem aussehenden Liegen. Ein vierter kommt wenig später live dazu: Dietmar Pröll bricht auf der Bühne zusammen, wird ruckzuck der Einheitskleidung mit entwürdigendem OP-Kittel angepasst und in die Bettenreihe verfrachtet, wo er sich fortan zwischen ächzenden Beatmungsmaschinen, piependen EKG-Kurven und vor allem zwischen grübelnden Gedanken wiederfindet.

Das Stück „Somnia – Auf der Intensivstation“, das im Münsteraner Pumpenhaus uraufgeführt wurde, ist bereits der zweite Bühnen-Ausflug von Regisseur Tugsal Mogul ins medizinische Metier, was angesichts seines beruflichen Werdegangs wenig verwundert: Der in Neubeckum geborene Sohn türkischer Einwanderer ist nicht nur Diplom-Schauspieler, sondern besitzt auch eine abgeschlossene Anästhesisten-Ausbildung und eine Halbtags-Stelle in der Münsteraner Raphaelsklinik. Nachdem sich das Multitalent in seinem vorangegangenen Werk „Halbstarke Halbgötter“ auf die Perspektive der Ärzte zwischen Stress, Familien-Spagat und Glücksgefühl beim Retten von Leben fokussiert hatte, beleuchtet Mogul in „Somnia“ das Innenleben der Patienten.

Als textliche Basis dienten ihm dafür Interviews mit realen Langzeit-Gästen der Intensiv-Station, die mit Schädelhirn-Traumata und anderen schweren Verletzungen Monate lang im Krankenhaus behandelt werden mussten. Szenen aus diesen Gesprächen werden zwischendurch immer wieder als Intermezzi auf einer Leinwand eingestreut und untermauern die abenteuerlich anmutenden Aussagen der Bühnenfiguren durch Erzählungen von eigenen Grenz-Erlebnissen.

Denn in „Somnia“ steht eines im Mittelpunkt: die gestörte Wahrnehmung der Patienten. Ausgezehrt durch das monotone Liegen, die Sinne durch Medikamente benebelt, fallen sie in einen verwirrten Zustand zwischen Nachdenklichkeit und Wahnvorstellungen.

Die meisten sind sich noch nicht einmal mehr sicher, wie sie überhaupt ins Krankenhaus gekommen sind. So hält sich Patient Pröll mit der Zeit für das Opfer eines Schmuggler-Rings, der ihn zum rektalen Transport von Drogen missbraucht und mit Kokainstaub gefügig macht, Zimmernachbar Stefan Otteni wähnt sich nicht in einem deutschen, sondern einem tunesischen Krankenhaus. Und Carmen Dalfogo spürt eine Hand, die ihre Eingeweide durchwühlt.

So absurd sind die Gedankengänge der Figuren jedoch nicht ständig: Durchaus klar im Kopf durchdenken sie die eigene Existenz und monologisieren über Leben, Liebe und Tod, was auch den Zuschauer zum Denken anregt. Aufgelockert wird dies durch humorige Szenen aus dem Krankenhaus-Alltag, in denen die melancholischen Patienten von der überschwänglichen Schwester aus dem Schlaf gerissen oder zu fröhlich-lateinamerikanischer Tanzmusik „aktiviert“ werden. Was die Ernsthaftigkeit des Stücks jedoch nicht untergräbt, sondern die Darstellung der schizophrenen Situation nur noch verstärkt.

Ganz auf die Patienten beschränkt bleibt „Somnia“ dann aber doch nicht: Auch die Überlastung der Krankenschwester Agnieszka Barczyk wird thematisiert: Unter der schrecklichen Kakophonie aus nervigen Maschinen und noch nervigeren Patienten kann sie ihre freundliche Maskerade nicht aufrecht erhalten und reagiert erst mit Geschrei, dann schließlich mit Gleichgültigkeit. Während das weitere Schicksal der Bühnen-Patienten am Ende offen bleibt, schließt „Somnia“ versöhnlich mit Bildern der realen Interviewpartner, die den Sprung zurück ins Leben geschafft haben. Mehr noch: Als lebender Beweis kommen sie zum langen Schlussapplaus persönlich auf die Bühne.

26.11.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung – Theater Operation: Fantasien im Klinikbett

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26.11.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Theater Operation: Fantasien im Klinikbett

Sie sind noch nicht richtig wach, da träumen sie schon vom Frühstück. Einer beschreibt in poetischen Worten, die sonst höchsten Liebeswonnen vorbehalten sind, die Freuden von Milchkaffee, Marmelade und frischen Brötchen.

Dann ist es so weit. Während Nana Mouskouri ihr „Guten Morgen, Sonnenschein“ aus den Lautsprechern trällert, verteilt die Schwester mit forcierter Fröhlichkeit Zahnbürsten, Rasierer und Schnabeltassen. Sie weiß, dass sie ihre Patienten jetzt für ein paar Minuten sich selbst überlassen kann. Es ist einer der wenigen ruhigen Momente, die ihr der anstrengende Dienst lässt.

In „Somnia“, das am Mittwoch im Pumpenhaus uraufführt wurde, beschäftigt sich das „Theater Operation“ von Arzt und Regisseur Tugsal Mogul mit Patienten auf der Intensivstation. Zwei Männer (Stefan Otteni, Dietmar Pröll) und zwei Frauen (Carmen Dalfogo, Bettina Lamprecht) liegen in den kippbaren Klinikbetten und buchstabieren ihr Leid, während sie von der Schwester (Agnieszka Barcyk) verkabelt, gewindelt und gewaschen werden und im Hintergrund die Gerätemedizin stoisch vor sich hin oszilliert.

Das Stück basiert auf Interviews mit Intensivpatienten, die in kurzen Videoeinspielungen auch zu Wort kommen. Eigentlich müsste das eher bedrückend sein. Ist es aber nicht. Denn Mogul räumt den krankheits- und medikamentenbedingten Fantasien der Patienten großen Raum ein, sodass sich deren Nöte zuweilen in eine Art Komik verwandeln, wie man sie aus dem absurden Theater kennt.

Mit dem Motorrad im Tunnel
So glaubt einer der Patienten, er liege nicht in einer Klinik in Köln, sondern in Tunesien, und freut sich, dass seine Angehörigen jeden Tag ins Flugzeug steigen, um ihn zu besuchen. Eine Patientin träumt, wie sie mit ihrem Motorrad durch einen schier endlosen Tunnel fährt und auf halber Strecke umkehrt, weil sie Angst hat, dass das Benzin nicht reicht. Damit ist sie dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Als Dank lädt sie Ärzte und Schwestern zu Bratwurst und Bier ein.

90 Minuten lang bekommt der Zuschauer einen unterhaltsamen, aber auch aufschlussreichen Einblick in eine Welt, die er meist nur in arg trivialisierter Form aus Arztserien im Fernsehen kennt. Dabei ist es weniger der Klinikbetrieb, der das Stück interessant macht, als vielmehr die hier aufgezeigten psychischen Zustände von Menschen, die sich auf der Schwelle vom Leben zum Tod bewegen oder bewegt haben. Eine sehenswerte Inszenierung.

ZUR SACHE

Weitere Termine von „Somnia“: heute und morgen sowie 1. bis 4. Dezember (Mittwoch bis Samstag) jeweils um 20 Uhr. Karten unter Telefon (0251) 23 34 43 oder im Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123.

26.11.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Dem Wahnsinn nahe

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26.11.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Dem Wahnsinn nahe

Tugsal Moguls neue Produktion “Somnia – Auf der Intensivstation”

Sie liegen in OP-Hemden auf Krankenbetten; eine Beatmungsmaschine pustet Luft in Kunststoffsäcke, ab und zu piepst es irgendwo. An der Bühnen-Seite sitzt die Schwester und checkt die Werte ihrer Patienten am Computer. Der Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft; als Bühnenbild sind Monitore projeziert, die Herzschlagfrequenzen abbilden. Tugsal Mogul, Schauspieler, Theaterregisseur und im zweiten Berufsleben Anästhesist an der Uni-Klinik Münster, fängt Krankenhausatmosphäre wieder einmal authentisch ein. Nach seinem Regiedebüt von “Halbstarke Halbgötter”, einer Schauspielproduktion, die den Klinikalltag aus Ärztesicht wiederspiegelte, widmet er sich nun den Intensivpatienten.

“Somnia” ist der Titel seines Dokumentarstücks, das sein “Theateroperation” im Pumpenhaus uraufführte und dessen Texte auf Interviews mit ehemaligen Intensivpatienten beruhen. Mal werden sie zitiert, mal sieht man sie in kurzen Videosequenzen selbst erzählen. Auch deshalb weil es so gnadenlos realistisch ist, hört man mit Spannung zu, was diese Menschen zu berichten haben, die einmal dem Tode nah waren.

Dagegen wirkt es befremdlich, wenn sich die vier Schauspieler als Patienten so wach geben, als seien sie fast wieder gesund, wenn auf der Intensivstation genörgelt wird oder eine die ganze Zeit Quasselt. Das gehört zum Krankenhausalltag, entbehrt auch nicht der Realsatire, passt allerdings wenig zu Intensivpatienten an der Beatmungsmaschine.

Bedrückend dagegen sind Szenen halluzinierender Koma-Patienten, die mal amüsieren, dann wieder schockieren. Etwa, wenn Patient Stefan Otteni steif und fest glaubt, er sei in Tunesien im Krankenhaus; wie er, hilflos ans Bett gefesselt, Pläne zur Rückkehr schmiedet und seiner gesamten Umgebung misstraut. Und schmerzhaft, wenn derselbe von einem Leben mit seiner Geliebten träumt, während die Krankenschwester den Mann wickelt und bettet wie ein Baby.

Die vier Schauspieler haben in liegender Position kaum Freiraum zu agieren, füllen die Texte, in ihren Betten vertikal  nach oben geklappt oder horizontal vor dem Mikrofon, durch Mimik und Stimme mit Leben. Umso stärker wirken Szenen in Bewegung, wenn Patienten zum ersten Mal wieder gehen lernen, oder wenn eine von ihnen schalkhaft durch die Intensivstation geister, als letzter Gruß einer Toten.

Weitere Vorstellungen von “Somnia” im Pumpenhaus, Gartenstraße 123: am 26., 27. November und vom  1. bis 4. Dezember. Rücklaufkarten gibt es ab 19.30 Uhr an der Abendkasse.

23.11.2010 – Andreas Rickert / Westfälischen Nachrichten: Zur Skulptur kommt Kultur

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23.11.2010 – Andreas Rickert für die Westfälischen Nachrichten
Zur Skulptur kommt Kultur

„Kulturhauptstädte kommen und gehen, Kulturgebiete bleiben.“, verkündete Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe am Samstag auf der Abschlussfeier des künstlerischen Großprojektes Kulturgebiet Münster 2010 unter Anwesenheit der Ideengeber, künstlerischen Leiter, vieler Sponsoren und Unterstützer.

Damit betonte er zum einen, dass sich Münster als Kulturgebiet im Jahr 2010 neben der Kulturhauptstadt Ruhr behauptet hat. Zum anderen verwies er er auf die Möglichkeit, das Großprojekt im regelmäßigen Dreijahresrhythmus zu wiederholen. Somit würde das Kulturgebiet Münster zu einem festen Bestandteil des Stadtgeschehens, wie es bisher nur in Form der seit 1977 im Zehnjahresrhythmus veranstalteten Skulpturprojekte existiert. Über die finanzielle Realisierbarkeit äußerte sich Lewe nicht eindeutig.

 Unter Moderation von André Boße wurde an diesem Abend auf die großen Kulturprojekte des ausklingenden Jahres zurückgeblickt. Der Intendant des Theater im Pumpenhaus, Ludger Schnieder, hatte eine vielseitige Bilanz zum Jubiläumsfestival „Statements“ vorzuweisen: 58 Tage Programm, 317 im Rahmen des Festivals bestellte Döner, 60 Rechtschreibfehler pro Tonne gedrucktem Werbematerial, aber auch null Nervenzusammenbrüche und null Tränen, mithin ein großer Erfolg.

Auch die Leiterin des Internationalen Holzbläser Festivals „Summerwinds“, Dr. Susanne Schulte, erinnerte sich lachend an die irrtümliche Sorge, die Öffentlichkeit könne an Holzblasinstrumenten nicht interessiert sein: „Über dem Ganzen stand der ,Fluch der Blockflöte´“.

23.11.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Aus: “Zwei Premieren sind dabei”

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23.11.2010 – Gerhard H. Kock für die Westfälischen Nachrichten
Aus: “Zwei Premieren sind dabei”

Zitat aus einem Artikel zu Münster Kultur in der Weihnachtszeit:

“Und die traditionellen Kindertheatertage der lokalen Szene gehören für die kleinen 
Münsteraner zur Jahreszeit wie für die großen der „Messias“ im Pumpenhaus und die
Weihnachts-Impro­show im Kreativ-Haus.”

18.11.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Heilige Johanna: Brecht badet in Eiswürfeln

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18.11.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Heilige Johanna: Brecht badet in Eiswürfeln

Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“, 1929/30 als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entstanden, ist gerade heute wieder hochaktuell.Von Helmut Jasny.

Man muss die Ochsen und kanadischen Jungbullen, die an der Chicagoer Börse verschoben werden, nur durch Derivate, Hedgefonds und ähnliche Tricks ersetzten, die sich Finanzhaie in den letzten Jahren ausgedacht haben, um ihre Gewinne zu maximieren. Nur eine heilige Johanna für die kleinen Leute gibt es heute nicht mehr. Aber das würde auch nichts bringen, wie Brecht schon damals gezeigt hat und wie das Bonner Fringe Ensemble im Verein mit Phoenix 5 im Pumpenhaus in Münster erneut demonstrierte.

Fleischige Intrigen

Und zwar auf höchst eindrucksvolle Weise. Erzählt wird die Geschichte eines Börsencoups, bei dem der Chicagoer Fleischkönig Mauler mit Hilfe von Insider-Informationen eine Krise auf dem Fleischmarkt herbeiführt, um seine Konkurrenten auszubooten und die Arbeiter zu drücken. Johanna, Soldatin der Heilsarmee, will sich für die arbeitslosen Schlachter einsetzen und wird von Mauler für seine Machenschaften instrumentalisiert.

Obwohl Regisseur Frank Heuel weitgehend werktreu inszeniert, kommt er mit nur sechs Schauspielern aus. Diese sind nach bewährter Fringe-Manier nicht fest zugeordnet, sondern wandern gewissermaßen zwischen den Rollen. So spricht der Fleischkönig als Chor von mehreren Personen, und die Schauspieler, die gerade noch mächtige Fleischfabrikanten waren, treten im nächsten Augenblick als hilflose Soldaten der Heilsarmee auf. Nur Johanna, glänzend besetzt mit der hochschwangeren Justine Hauer, ist immer sie selbst und so der einzige Mensch unter all den gesichtslosen, rein auf ihre Funktion reduzierten Akteuren.

Bad in Eiswürfeln
Brechts Verfremdungseffekt bekommt hier noch eins draufgesetzt, wenn sich die Darsteller mit Blut übergießen, nackt in einem Bad aus Eiswürfeln wälzen oder ein frisch gebratenes Steak an die Wand nageln. Die Verhandlungen zwischen Fleischfabrikanten und Viehzüchtern gehen als groteskes Ballett über die Bühne, und die hoffnungsvollen Gesänge der Heilsarmee werden so zuckersüß intoniert, dass von vorneherein klar ist, wie wenig sie ausrichten.

Neben den originellen Regieeinfällen und der ironischen Distanz ist es das virtuose Spiel des Ensembles, das diese „Johanna“ zu einen Erlebnis macht. Der alte Brecht erfährt hier eine Verjüngungskur, die dafür sorgt, dass das Stück bei allem aufklärerischen Impetus auch noch Spaß macht.