01.06.2010 – Helmut Jasny/ Münsterschen Zeitung: Optimismus aus der Dusche

Pressespiegel

 

01.06.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Optimismus aus der Dusche

Skurrile Performance im Stadtweinhaus

Mit dem Optimismus ist ein bisschen wie mit dem Glauben. Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht. Jakob Wren hat ihn eher nicht, wenn er von sich sagt, er sei “not exactly” ein Optimist. Anders sein Kollege Pieter De Buysser, der den Pessimismus als modische Haltung eines satten Bürgertums geißelt und damit ex negativo seinem Hang zum Optimismus Ausdruck gibt.

Allerdings würde auch er nicht so weit gehen, alles himmelblau zu sehen. Vielmehr gelte es, einen kritischen Optimismus zu entwickeln. Und genau das versuchen die beiden in ihrer englischsprachigen Performance “Anthology of Optimism”, die sie am Sonntag beim Statements- Festival im Stadtweinhaus aufführten. Im Beisen mehrerer Vertreter des Kulturausschusses, die extra eingeladen wurden, schließlich habe das Thema politische Relevanz.

Als Grundlage dienen Bilder und kurze Texte von Künstlern, Politikern und Managern, die auf Anfrage ihre Sicht einens kritischen Optimismus eingeschickt hatten – unter ihnen der ehemalige belgische Premier Verhoefstadt, für den Optimismus eine moralische Pflicht ist, weil ohne ihn kein Fortschritt möglich sei. Ein anderer hat das Bild eines Vaters geschickt, der stolz seinen Jungen in die Kamera hält. Sind Kinder ein Grund optimistisch zu sein?

Wren und De Buysser behandeln das Thema durchaus seriös, brechen die Ernsthaftigkeit aber immer wieder durch satirische Einlagen auf. So macht das Publikum mit einer Optimismus-Maschine Bekanntschafft und mit einer Duschvorrichtung, die Optimismus in Form von Konfetti auf die Darsteller regnen lässt. Es gibt einen literarischen Gegenentwurf zu Voltaires “Candide”, optimistische Aphorismen und skurrile Hüpftanz-Einlagen.

Am Ende der ebenso unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Performance haben Wren und De Buysser tatsächlich reale Beispiele für kritischen Optimismus ausgemacht. Mikrokredite gehören ihrer Meinung nach dazu, alternative Energien – und Barack Obama.

 

01.06.2010 – Marieluise Jeitschko / theater pur: “Das Publikum für seine Lieblinge erwärmen”

Pressespiegel

 

01.06.2010 – Marieluise Jeitschko in theater pur
“Das Publikum für seine Lieblinge erwärmen”

25 Jahre Theater im Pumpenhaus Münster mit “Statements”

Wenn Samir Akika kommt, gehts laut, schrill und garantiert auch fröhlich zu. Wenn Raimund Hoghe eine neue Choreografie aufführt, wird es ganz leise. Wenn das Theater Titanick probt, türmen sich Gestänge und Baldachine, Kostüme, Kothurne und Masken – künstlerisch kreatives Chaos bricht aus. Wenn Pitt Hartmann im Keller den schrulligen berliner Transvestiten “W.W. Hiller” mimt, sitzen alle bei ihr/ihm um eine festlich gedeckte Tafel, kichern und schmunzeln wehmütig.

Wenn das Folkwang-Studio oder Anna Teresa De Keersmaekers Rosas angekündigt sind, stehen die Leute Schlange. Olga Pona hat eine treue Fangemeinde und die jungen Laien von “Cactus Junges Theater” eine große Anhängerschaft. Als Sasha Waltz, Helena Waldmann, Dumb Type aus Kyoto und Victoria aus Belgien hier zum ersten Mal auftraten, waren sie noch ebenso unbekannt wie Regisseur Thorsten Lensing, der im “Pumpenhaus” seine Theaterlaufbahn begann. In diesen Wochen bringt er wieder Stars wie Ursina Lardi (die gerade die “Goldene Palme” gewann) und Devid Striesow (berühmt durch seine Mitwirkung im oscarprämierten Film “Die Fälscher”) mit. Denn jetzt wird gefeiert und geklotzt statt gekleckert – mit dem größten Theater-Festival, das Münster bisher sah. Und das in einem der allerkleinsten Theaterhäuser in NRW, dem “Theater im Pumpenhaus”, Westfalens heimlichem “kleinen Tanzhaus”, wo jährlich rund 105 Vorstellungen über die Bühne gehen, je ein Drittel Tanz- und Theatergastspiele sowie rund 35 lokale Produktionen. In dem urigen 100-jährigen Backsteinbau pulste einst das Pumpenwerk für Münsters Abwasseranlage. Seit 25 Jahren ist es Theater, inzwischen ohne festes Ensemble, sondern überaus erfolgreiches, unabhängiges Produktions- und und Aufführungszentrum in städtischer Hoheit.

“Statements. Das Festival. Der Tanz. Das Theater. 25 Jahre Theater im Pumpenhaus” steht unten auf der Vorderseite der Programmzettel. Eingeladen hat der rührige Geschäftsführer des unabhängigen münsterschen Produktions- und Aufführungszentrums, Ludger Schnieder, ausschließlich Künstler und Produktionen, “die ich persönlich mag”. Zum Glück für Münster: Der Globetrotter und passionierte Kulturmanager “mag” nur oberste Liga. 

Der gebürtige Lüdinghausener studierte in Münster Publizistik, Germanistik und Soziologie , bereiste die Welt von New York bis Tokyo, gründete die Jugendtheatergruppe “Säge” (Selm/Dortmund), betreute Produktionen der Ruhrfestspiele, sprach im WDR und filmte. Höhepunkt seiner Schauspielkarriere war die Hauptrolle in Adolf Winkelmanns Film “Die Abfahrer”, der 1979 den Bundesfilmpreis bekam. 1985 schloss sich Schnieder der Theaterinitiative Münter (TIM) an, Keimzelle des Theaters im Pumpenhaus, und entdeckte sein organisatorisches Talent. Inzwischen ist das hauseigene Ensemble aufgelöst, aber Schnieder zum international geschätzten Kulturmanager avanciert. Regelmäßig wird der dynamische, unkomplizierte Theatermacher europaweit als Juror und Kurator eingeladen, nimmt in Japan und in den USA Beratertätigkeiten für Tanzproduktionen wahr. In NRW gehört er dem Vorstand des Landesverbandes Freie Darstellende Künste und der Tanzproduzenten-Konferenz an.

Den Tanz entdeckte Schnieder Mitter der 80er Jahre. “Damals tat siach im Theater nicht viel”, erläutert er, “wohl aber im Tanz”. Kleinformatige Experimente und Avantgarde ziehen ihn an, eignen sie sich doch besonders für die herbe Intimität des 100-jährigen, einstigen Abwasserpumpwerks. Sein hochkarätiges Programm kann er durch die Zusammenarbeit mit anderen Koproduktionsstätten verwirklichen, etwa den Berliner Sophiensälen, dem Tanzhaus NRW (Düsseldorf), Pact Zollverein (Essen), Kampnagelfabrik (Hamburg) und Mousonturm (Frankfurt). Auch mit Münsters Städtischen Bühnen arbeitet er zusammen, vor allem bei Festivals wie jetzt gerade den internationalen Tanztagen (bis 5. Juni).

Pünktlich zum Silberjubiläum stockte die Landesregierung ihren Zuschuss zum Pumpenhaus-Etat um 80 000 Euro pro Jahr für drei Jahre auf – jeweils zur Hälfte für die Sparten Theater und Tanz zu verwenden. Davon kann Schnieder auf lokaler Ebene Gruppen mit der Anmietung eines weiteren externen Proberaums fördern. Außerdem hofft er auf Verbesserung in der technik, um die mageren zweieinhalb Personalstellen zu entlasten.  Schnieders “Statement” einer Zukunftsperspektive: “Die nächsten 25 Jahre können nur so erfolgreich werden wie die ersten, wenn es Leute gibt, die daran glauben, die Künstler lieben und die das Publikum von ihren Lieblingen überzeugen können.

 

31.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Von strenger Gestalt

Pressespiegel

 

31.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Von strenger Gestalt

Drei Tänzerinnen geben Einblick in fernöstliche Tanztheaterszene

Berauscht durch die Begegnung mit drei sehr unterschiedlichen Protagonistinnen des asiatischen Tanztheaters verließen die Zuschauer am Samstagabend das „Pumpenhaus“-Theater. Berichte über vorherige einmalige Aufführungen innerhalb der „Internationalen Tanztage Münster“ hatten das Interesse regelrecht explodieren lassen. Was in Asien als unmöglich gilt, konnte durch die Einladung nach Münster erstmals verwirklicht werden: Ein Aufeinandertreffen von namhaften Künstlerinnen aus Japan und Korea in einer Veranstaltung. Gleichzeitig eine Berührung zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen in sich ruhenden Bewegungsabläufen. Wie etwa bei der faszinierenden Interpretation von Ravels Bolero durch die Koreanerin Kim Sun-mi oder den Regeln missachtenden Ausdrucksformen einer jungen wilden Performancekunst wie bei Yoko Higashino aus Tokio. Eine dritte Variante präsentierte die Japanerin Setsuko Yamada mit „Wearing Rose Pink“, das sich mit formaler Strenge an intellektuellen Einflüssen aus Kunst und Literatur orientierte. Das Publikum erlebte den seltenen Glücksfall, einen repräsentativen Einblick in die fernöstliche Tanztheaterszene zu erhalten. Industrialisierung und globale Märkte haben die Gegensätze zwischen fernöstlichen und westlichen Zivilisationen längst verwischen lassen. Dafür gibt es deutliche Unterschiede bei der Stellung von Mann und Frau in der Gesellschaft. Das sollte bedenken, wer eine Performance wie „E/G: Ego Geometria“ der japanischen Tänzerin Yoko Higashino und des Musikers Toshio Kajiwara einordnen will. Ein Mann sitzt stumm, mit einer Tüte auf dem Kopf und somit blind, auf einem Stuhl. Die Geräuschkulisse simuliert die Fahrt in einem überfüllten Nachtzug. Schlafwandlerisch stakst eine junge Frau durch die Szenerie, Bluse und Rock wirken brav, bedrohlich wie eine Waffe ihre hochhackigen Stiefeletten. Garderobenwechsel auf offener Bühne: enge Boxershorts (Hipster), auf dem grauen T-Shirt das aufgedruckte Wortspiel „Die Hipster Scum“ als Ausdruck von Rebellion. Die eben noch Schicksals-Ergebene fängt an sich zu wehren. Doch die Bemühungen enden bedauernswert. Ein Mikrofonständer wird vom dominanten Mann willkürlich hoch gezogen. So bleibt für die Frau das Mikrofon als Sprachrohr in die Welt unerreichbar. Der Tanz wird zu einem hilflosen Zappeln. Unbedingt erwähnen muss man die Leistung von Volker Sippel, dem es gelang, das in Asien konzipierte und für die Dramaturgie unerlässliche Lichtdesign kongenial auf die Bühne zu bringen.

 

31.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Bolero auf Koreanisch

Pressespiegel

 

31.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Bolero auf Koreanisch

Tanz: Verblüffende Choreografien aus Asien

In ihrem abgetragenen grauen Regenmantel irrt sie durch die Großstadt. Der rechte Ärmel hängt leer herab, ein Bein zieht sie mühsam nach. Der Eindruck eines Kriegsverletzten drängt sich auf, ausgespuckt von der letzten großen Schlacht und allein gelassen von einer Gesellschaft, die möglichst schnell vergessen will. So düster beginnt “Wearing Rose Pink”, eine ebenso sensible wie strenge Choreografie, die Setsuko Yamada in Münsters Pumpenhaus vorstellte.

Verwandlungen

Die Japanerin gehört in ihrer Heimat zu den führenden Butoh-Tänzerinnen und verbindet traditionelle östliche Formen mit modernen westlichen Ausdrucksmustern. Und sie schafft es, widersprüchliche Stimmungen in Einklang zu bringen. Kaum sind die Großstadtgeräusche verstummt, zieht sie ihren Mantel und die klobigen Schuhe aus – und zum Vorschein kommt eine elegante junge Frau im roten Kleid, die das Leben noch vor sich hat. 
Leichtfertig bewegt sie sich jetzt durch den in ein freundliches gelbes Licht getauchten Raum, legt sich auf den Rücken und beginnt, begleitet von Klaviermusik, ein Spiel mit ihren Füßen, das sich immer mehr verselbstständigt und die Tänzerin schließlich wieder in das geschäftige Treiben des Tages hineinzieht. Ein ebenso schöner wie fremdartig anmutender Spuk, den das Publikum mit reichlich Beifall belohnt.
Und noch zwei weitere Europapremieren standen am Samstag auf dem Pumpenhaus-Programm. Den Auftakt machte Yoko Higashino aus Tokio mit “E/G: Ego Metria”. Das knapp 20-minütige Stück ist eine bizarre Odysee durch eine Postmoderne Großstadtwelt, durch die die Tänzerin auf bedenklich hohen Absätzen stolpert und sich dabei zeitweise wie eine Marionette bewegt. Nach einer kurzen humoristischen Einlage, bei der ihr Partner das Mikrofon immer höher schraubt, sodass sie ihre Botschaft hüpfend verkünden muss, entdeckt sie einen roten Faden. In den sie sich aber hoffnungslos verheddert, statt das er ihr die Richtung weisen würde.
Aus Seoul kommt Kim Sunmi. Sie hat sich Ravels “Bolero” vorgenommen und gewinnt dieser unaufhaltsam vorantreibenden Musik überraschend Spielerisches ab. Streckenweise gestaltet sich ihr Tanz übermütig wie ein Reigen junger Mädchen. Obwohl er damit in deutlichem Widerspruch zum forcierten Temperament der Musik steht, wirkt er am Ende doch vollkommen stimmig. Möglicherweise ist es das Verschmelzen unterschiedlicher Kulturen, das dieses kleine Wunder vollbringt.

 

31.05.2010 – Andrew Johnson in Daily Info, Oxford John Moran And Saori… in Thailand

Pressespiegel

 

31.05.2010 – Andrew Johnson in Daily Info, Oxford
John Moran And Saori… in Thailand

They’re back! Stunningly original performance by New York composer and his neighbour Saori. 

John Moran has the incredible gift of finding beauty in everyday occurrences. Short portraits of people and events in his life are set to a rhythm with such tenderness and care that they reveal a profundity the rest of us mere mortals would probably have missed. When first considered, this sounds like a blessing – but dark hints in this work suggest that it’s often more of a curse. It’s certainly easy to believe there is something psychologically dangerous in this pursuit. Still, the fruits of his labour form a touring production which is truly magical and which fulfil that most special of theatrical traits: explaining something splendid that could never have been described with words alone.

Instead, Moran composes – and as the successful protégé of Philip Glass, you can be sure he is among the best around. A myriad different sounds are used to reconstruct every event – moving a chair, standing up – in minute detail. To this rhythm he and his partner, Saori, move with choreographed precision to physically describe a sequence of events in a moving tableau. Often the sequence will be looped, replaying identically or with subtle differences, to reinforce the emotion drawn from the audience. It is variably uplifting and crushing, wonderfully optimistic and then utterly mundane – but always totally honest and all the more revealing for it.

As the title of the show suggests the events are taken from Moran’s recent time in Thailand, including elegant portraits of him suffering culture shock in the vastness of Bangkok and his friendship with a Thai Lady Boy. The portraits have a particularly timely poignancy given the current political situation in Thailand. Indeed, one of the strongest passages in the show contrasts the purity of Buddhist values with the crass commercialisation of Christmas in an upmarket shopping centre, not unlike the one the Red Shirts burnt down. 

This sort of theatre is unique to John Moran and really must be seen to be properly understood. If you like your theatre to have meaning then you really should make an effort to see this. The other stops on the tour which are reachable from Oxford include The Tobacco Factory, Bristol and The Nightingale Theatre, Brighton.

 

29.05.2010 – Dominique Snjka / Münsterschen Zeitung: Installation, Hörspiel und Theater

Pressespiegel

 

29.05.2010 – Dominique Snjka in der Münsterschen Zeitung
Installation, Hörspiel und Theater

“Hablamos Hiltrup” feiert in der Alten Feuerwache Premiere

Deutsche will sie nicht sein. Über die sagt man, sie seien alle Nazis. Spanierin aber auch nicht: “Die Deutschen behaupten, Ihr seid alle Schweine, ihr wascht euch nicht.”
Gelächter in den Zelten und auf dem Rasen neben der Alten Feuerwache in Hiltrup, wo Bühne und Zuschauerraum verschmelzen: “Hablamos Hiltrup – Wir sprechen Hiltrup” ist begehbare Installation, Hörspiel, Tanz und Konzert zugleich, eine Zusammenstellung von Erinnerungen und Vorstellungen der ersten spanischen Gastarbeiter, die in den 1960ern nach Hiltrup kamen, um bei Glasurit zu arbeiten. Sie waren auch zur Premiere des Stücks eingeladen. Die Idee zu der mehrteiligen Performance hatten die Hamburger Künstler Ella Huck und Markus Lohmann. Die Musik ist in Zusammenarbeit mit Jochen Reich entstanden (wir berichteten).

Momentaufnahme

An einem knorrigen Baumstamm in der Mitte baumelt an einer Kordel ein Transistorradio, aus dem Stimmen kommen – sie erzählen von Jugend, Liebe Arbeitswelt und Kommunikationsproblemen: “Papa, bist du so viele Jahre hier, und du sprechen so schlecht Deutsch.”
Es ist eine Momentaufnahme aus dem Lebensgefühl der Gastarbeiter: eine Mischung aus Fremdsein, Erwartung, Enttäuschung, dem Gefühl, der alten Heimat entrissen und in der neuen noch nicht ganz angekommen zu sein. Später wird jemand klagen: “Meine eigene Sprache habe ich verloren, Deutsch kann ich nicht so gut.” Inmitten der Zuschauer, die auf dem Zeltplatz picknicken, beginnen drei Mädchen Flamenco zu tanzen.
“Die Frage ist, wie offen unsere Gesellschaft heute ist”, hat Ella Huck vor der Premiere gesagt. “Hablamos Hiltrup” ist der Versuch, eine Antwort zu finden, nachdenklich zu machen, ohne sentimental zu werden.
Die Zuschaeuer strömen in die Alte Feuerwache. Concha (gespielt von Ella Huck), heute 83 Jahre alt, sitzt mit halb geschlossenen Augen auf der Bühne.”Wenn wir in eine Kneipe gingen”, erzählt sie, “nannten sie uns Spaghettifresser, weil sie dachten wir seien Italiener. Als ich etwas Deutsch gelernt hatte, sagte ich Kartoffelfresser zu ihnen.”

Heimat

Auf einem Bildschirm ist die Schülerband der Musikklasse des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums zu sehen, die live im ersten Stock des Museums spielt. Die Rythmen eingängig, eine Mischung aus spanischen Klängen und Popmusik. Es sind eigene Stücke, in denen die Schüler greifbar machen, was Heimat aus ihrer Perspektive bedeutet – “Sonne, Meer Freunde”. Vor dem Museum singt der MGV 1848 Hiltrup: altes deutsches Liedgut neu interpretiert, mit fünf musikalischen Porträts der Gastarbeiter.
Weitere Aufführungen sind heute, morgen und am 4., 5. und 6. Juni jeweils um 19.30 Uhr.

 

28.05.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Freiheit zwischen Fesseln

Pressespiegel

 

28.05.2010 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Freiheit zwischen Fesseln

Der Traum vom Fliegen: Eine Tänzerin hängt mit ausgebreiteten Armen hoch oben unter Fallschirmseide und genießt für wenige Augenblicke ihre Freiheit. Wie ein Lenkdrache wird sie von ihrer Gespielin gesteuert und an der langen Leine gehalten. Nur noch wenige Momente, dann stürzt sie ab.

Es ist dies eine der zentralen Szenen in Helena Waldmanns Tanzstück „BurkaBondage“, das im Rahmen der Internationalen Tanztage Münster im Pumpenhaus zu sehen war. Die sexuell konnotierte Fessel – in der japanischen Tradition das Bondage, im Muslimischen die Burka – beschwört in erzwungener Abhängigkeit eine Sehnsucht nach Entgrenzung, wenn es sein muss, mit Gewalt.
Die Berliner Choreografin, die Theatererfahrungen unter anderem bei Heiner Müller, George Tabori und Gerhard Bohner sammelte, hat sich in der Vergangenheit bereits mehrfach mit der Situation von Frauen in muslimischen Gesellschaften auseinandergesetzt. Auch hier macht sie es sich nicht einfach.

Vielmehr beschwört sie bei aller Unterdrückung, die mal lustvoll, mal brutal zum Ausdruck kommt, leise emotionale Nähe herauf. Bondage und Burka können bei Helena Waldmann, die das Stück gemeinsam mit der afghanischen Künstlerin Monireh Hashemi entwickelt hat, nicht nur qualvolle Tradition, sondern auch erotische Hingabe oder gar Schutz bedeuten.

Dominierend allerdings sind Gewalterfahrungen in einer gesellschaftlichen Realität, die hin- und hergerissen ist zwischen Tradition und Moderne. Die Tänzerinnen Yui Kawaguchi und Vania Rovisco zwingen einander Fesseln auf, vergewaltigen, schlagen umarmen sich in starken Szenen. Verwirrend, wie ästhetisch und brutal es gleichzeitig sein kann, wenn Yui Kawaguchi zu Mohammad Reza Mortazavis peitschender Trommel-Percussion, weit zurückgelehnt, zum Schlag ausholt.

Und faszinierend ist das wandelbare, aus Fesseln bestehende Bühnenbild von Jochen Sauer, wenn es gleichzeitig als Plattform für den Musiker wie auch den Tänzerinnen als Boxring dient, und noch als Leinwand bereit steht für Acci Babas ausdrucksstarke Video-Animation. Dazu die bühnenbreite Fallschirmseide, in die versteckt und eingewickelt wird, von einer, die am Schluss gefesselt und verwundet, mit pfeifendem Atem über die Bühne wankt. Ein beklemmend zeitgemäßes Stück.

 

28.05.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: “BurkaBondage” fesselt

Pressespiegel

 

28.05.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
“BurkaBondage” fesselt

Die beiden Frauen betreten die Bühne unfrei. Yui Kawaguchi ist in einen Kimono geschnürt. Vania Rovisco ist komplett unter einer knallroten Burka versteckt. Doch vielleicht sind die beiden in der kommenden Stunde nie mehr so frei wie in dieser Eingangsszene von Helena Waldmanns Tanzstück „BurkaBondage“.
Den Körper mit einer Burka komplett verschleiert, erlangt eine Frau Freiheit. Ebenso, wenn sie nach der japanischen Fesseltechnik Bondage zu einem Paket verschnürt wird, kein Glied mehr regen kann und vor sexueller Lust schreit. Zu solchen Thesen ringt sich Helena Waldmann in ihrer schon im Titel provozierenden Tanzproduktion nicht wirklich durch. Aber sie nähert sich ihnen an, stellt unbequeme Fragen und liest in den Werkzeugen der Beschneidung und Unterdrückung unübliche Geschichten. Im vergangenen Herbst feierte die Choreografie Uraufführung bei den Berliner Festspielen, am Mittwoch war sie bei den Internationalen Tanztagen im Pumpenhaus in Münster zu Gast. Das Publikum war angetan.

Trommeln der Freiheit

Etwa in der Mitte der Bühne schwebt an robusten Gummistrippen ein Kasten, der mit elastischen Bändern bandagiert ist. Er wird als Projektionsfläche für die flackernden Videoanimationen von Acci Baba benutzt, ist aber eigentlich das Herz von Waldmanns brennender Suche zwischen Fesseln und Freiheit. Tatsächlich hüpft und pulsiert er, wenn die beiden Tänzerinnen ihre Körper verzweifelt durch die Bänder in die Freiheit schieben wollen, und Trommelschläge – laut wie Pistolenschüsse – sie wieder zurückreißen. Denn in dem Kasten sitzt, nur schemenhaft erkennbar, der begnadete Trommler Mohammad Reza Mortazavi. Sein Takt folgt sacht dem Erspüren von Grenzen – oder entzündet Seelenbrände. Er umschmeichelt die Körper der Tänzerinnen mit zartestem Pianissimo. Oder peitscht sie hart zu schmerzvollster, orgiastischer Lust.

Wünsche der Jugend

Der Produktion voraus gingen Reisen Helena Waldmanns nach Japan und Afghanistan. Trotz unterschiedlicher Kulturen, schreibt sie in einem Aufsatz über ihr Stück, fand sie bei den jungen Leuten beider Länder die gleichen Sehnsüchte. Da war der Wunsch nach Freiheit, die Suche nach Halt und das Gebundensein an feste Traditionen. Wie Drachen wollten die jungen Generationen sein. Hoch in den Lüften und doch in fester Hand.

Der Drache fliegt

Dieses poetische Bild findet sich auch auf der Bühne wieder. Die zierliche Yui Kawaguchi hängt unter der Decke. Die weiße, zerschlissene Fallschirmseide, die den Bühnenboden zuvor bedeckte, hat sie jetzt wie Drachenflügel ausgebreitet, gelenkt wird sie von Vania Rovisco. Man möchte mitfliegen mit ihr, so glückselig ist ihr Lächeln der Lüfte. Doch Rovisco holt sie aus dem Himmel herunter, lässt sie so weit abstürzen, dass sie nicht nur Halt, sondern auch ihr Gesicht verliert. Und dann bindet Kawaguchi den Körper von Rovisco mit geschickter Knotentechnik. Ein Bein vom Seil strikt nach hinten gezogen, über dem Boden pendelnd, füllt sich nun auch Roviscos Gesicht mit lustvollem Glück.

In immer stärkeren Gesten von Hingabe und Unterdrückung, von devotem und dominantem Verhalten, kreisen die beiden Frauen umeinander, demütigen sich, betteln um Zärtlichkeit, erniedrigen sich, kosten ihre Macht aus. Kawaguchi penetriert Roviscos Mund mit der Faust. Rovisco spuckt Kawaguchi an. Radikal gehen sie über ihre Grenzen, schenken dem Stück durch ihre extreme Körperlichkeit und ihre enorme Ausstrahlung noch mehr Energie und Strahlkraft.

Blutrote Lippen

Wenn Rovisco sich, eng geschnürt in korsettartige Verbände, die Lippen blutrot schminkt und sich in grotesk hohe Plastikplateaustiefel zwängt, wird sie zum geschundenen Tier. Im Takt ihrer hochfrequenten, schmerzverzerrten Wimmerlaute wickelt sie mit letzter Kraft Kawaguchi in die Fallschirmseide ein. Zentimeter für Zentimeter drehen sich die Tänzerinnen in die Unbeweglichkeit. Die Trommel dagegen explodiert und rast wie im letzten Rausch. Danach ist man der Frage, was Freiheit ist, ein Stückchen näher.

 

28.05.2010 – Julia Rox / Westfälischen Nachrichten: Die Suche nach dem Glück

Pressespiegel

 

28.05.2010 – Julia Rox für die Westfälischen Nachrichten
Die Suche nach dem Glück

Münster-Hiltrup – Gesprochen haben sie in Spanien. Gehört wird in Hiltrup. Einen kleinen Blick in ihr Seelenleben gewährten und gewähren sie. Weniger in das heutige, vielmehr beschäftigt die Vergangenheit, die sie geprägt hat. Mithilfe zweier verschiedener Sprachrohre werden ihre Gedanken, die sie in Interviews formuliert haben, transportiert.

Ella Huck und Markus Lohmann, die in und um das Hiltruper Museum die aufwändige multimediale Inszenierung „Hablamos Hiltrup“ durchführen (die WN berichteten), sind im Januar nach Spanien gereist, um ehemalige Gastarbeiter des Lackherstellers Glasurit zu interviewen.
Dort haben sie von den Zeitzeugen viel erfahren. Etwa über ihre Beweggründe, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre nach Deutschland zu kommen. Über ihre bei der Reise ins unbekannte Land gesammelten Erlebnisse. Über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Hiltrup. Auch ehemalige deutsche Mitarbeiter von Glasurit haben die aus Hiltrup stammenden Künstler zu ihren Erinnerungen an die ersten spanischen Gastarbeiter in Hiltrup befragt.
Aus sämtlichen Kommentaren hat der Hamburger Musiker Jochen Reich einen Zusammenschnitt erstellt. Dieser wird den Besuchern auf einem vor dem Museum installierten Campingplatz dargereicht. Biertische stehen als Sitzplätze bereit. Das Auditorium wird Teil des Projekts. Zwischen die Erinnerungen der Spanier und „Ur-Hiltruper“ ist deutsche Musik der Wirtschaftswunderzeit eingestreut. Eine beschwingte Atmosphäre macht sich breit.

Auf den Boden zurückgeholt werden sie durch teils bedrückende Einsichten der Spanier. Sie berichten von einer unwürdigen Anreise, Einsamkeit, harter Arbeit, Schwierigkeiten der Sprache und der Integration. So tönt es aus den alten Radios, die verstreut auf dem Zeltplatz stehen und Interviews und Musik mit einem dezenten Rauschen wiedergeben.

Doch es darf auch gelacht werden. Die Spanier beweisen Humor, berichten von schönen Begebenheiten. Eine spanische Arbeiterin: „Ja, für Amore brauchst Du keine Sprache!“ Schmunzeln im Publikum.

Später schlüpft Huck im Museum in die Rollen verschiedener Spanier, lässt sie berichten und aufleben. Zwischen Hucks Auftritten musizieren Achtklässler vom KvG: Sie spielen Stücke, in denen sie ihren Blick auf ihre Heimat darlegen. Abschließend folgt ein Auftritt des MGV Hiltrup.

Nach der Premiere sind viele Zuschauer angetan. „Sehr gut“, ist vielfach zu hören. Hablamos Hiltrup hat überzeugt. Auch Huck ist glücklich. „Es war ein super Publikum, extrem locker.“

Weitere Darbietungen zur Geschichte der spanischen Gastarbeiter gibt es dieses und nächstes Wochenende.

 

25.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Vorurteile werden weggetanzt

Pressespiegel

 

25.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Vorurteile werden weggetanzt

Standing Ovations für “Welle: Asphaltkultur” der Hamburger “Hip Hop Academy”

Fiebrige Vorfreude im Foyer. Weit über hundert Jugendliche sowie einige Erwachsene waren ins ausverkaufte Pumpenhaus gekommen. Im Rahmen des „Statements“-Festivals hatte sich die 20-köpfigeTruppe der Hamburger „Hip Hop Academy“ unter der Leitung des münsterschen Tänzers und Choreographen Samir Akika angesagt. An diesem Abend wurden einige gängige Vorurteile und Klischees über die heutige Jugend im Allgemeinen und die Hip-Hop-Kultur im Speziellen von der äußerst agil agierenden Theatertruppe geschlachtet. Natürlich mit friedlichen, künstlerischen Mitteln.

Selten reagierte die Öffentlichkeit mit solchem Misstrauen und massiven Vorwürfen auf eine Jugendbewegung wie beim Hip-Hop. Weltweit bekamen Eltern Panikattacken beim Anblick der Abziehbilder dieser Kultur in den Medien und bei der Wahrnehmung von ihren gereimten Botschaften. Dabei waren die Idole der Elterngeneration nicht weniger provokativ.
Die bunte Multikulti-Gruppe aus Mädchen und Jungen zwischen 13 und 19 Jahren, alle ausgestattet mit einer beachtlichen Spezialbegabung, tat gut daran, sich in ihrem Stück „Welle: Asphaltkultur“ inhaltlich nicht zu sehr aufzuhalten mit den Zerrbildern der Hip-Hop-Kultur. Sie zeigten einfach, wie sie denken und was sie können.

Das Stück war das Ergebnis aus der Arbeit des Sommercamps 2009. „Realness“, Echtheit, lautet ein eingefordertes Merkmal beim Hip­Hop. Und davon präsentierten die jungen Künstler sehr viel.

„Welle: Asphaltkultur“ spielt auf einer Straße, einem öffentlichen Platz. Von oben bedroht durch Überwachungskameras kauern die Jugendlichen auf dem Boden. Was man herumgehen lässt, ist kein Joint sondern ein Mikrophon, durch das jeder Mitwirkende die Vorstellung von seinem persönlichen Tod kundtut: „Ich werde sicher mal beim Shoppen tot umfallen“, vermutet eins der Mädchen selbstironisch. Ein Junge will sich lieber erschießen bevor er alt und krank wird. Der Kreis löst sich auf. Ab sofort gab es achtzig Minuten lang eine beeindruckende Performance aus Tanz, Rap und Gesang zu fetten Beats vom DJ. Solisten beeindruckten mit Beatboxing, Akrobatik, Scratching und Graffiti-Malerei. Ständig wechselnde Szenenbilder voller pulsierender Vitalität lösten sich ab mit Breaks, in denen offen geredet wurde über die zentralen Themen und Fragen von Heranwachsenden. In anderen Spielszenen brillierten die Darsteller mit parodistischen Einlagen. So viel Spaß und Realness belohnten die Zuschauer mit „Standing Ovation“.