08.06.2010 – Britta Heithoff in Der Prinzipalmarkt PRINZIPAL-Verlosung: Geschenke der Geburtstagskinder

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08.06.2010 – Britta Heithoff in Der Prinzipalmarkt
PRINZIPAL-Verlosung: Geschenke der Geburtstagskinder

25 Jahre Theater im Pumpenhaus, 10 Jahre Graphikmuseum Pablo Picasso in Münster – derzeit feiern die münsterschen Kultureinrichtungen ihre Jubiläen mit Festivals und Ausstellungen. Bereits im April berichtete das Magazin PRINZIPAL über die Jubiläumspläne und -programme.

Unter dem Motto „Geschenke der Geburtstagskinder“ wurden nun Eintrittskarten, die die Kulturjubilare gestiftet hatten, unter den Lesern von PRINZIPAL verlost.

Leserin Doris Janßen etwa freute sich gestern über zwei Karten für die deutsche Erstaufführung des Tanztheaters „Ko Murobushi“ aus Tokyo, die sie nun am kommenden Samstag im Theater im Pumpenhaus genießen wird.

Das PRINZIPAL-Redaktionsteam ist derweil gedanklich schon wieder im Herbst und Winter zuhause: Die Planungen für die dritte Ausgabe, die im September erscheinen wird, laufen auf Hochtouren …
 

07.06.2010 – Johannes Wallat / Münstersche Zeitung: Apokalypse auf dem Aasee: Die Titanic sinkt

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07.06.2010 – Johannes Wallat für die Münstersche Zeitung
Apokalypse auf dem Aasee: Die Titanic sinkt

Tausende Zuschauer 

Die Wiese rund um die Aaseekugeln ist kaum noch zu sehen. Wohin man auch schaut, überall sind Menschen. Sie alle wollen sehen, wie die Titanic untergeht. 

Manche haben sich Decken mitgebracht, ein bisschen Proviant, einen Grill, eine Flasche Wein. Andere sitzen einfach im Gras oder stehen, um besser sehen zu können – sehr zum Unmut der Zuschauer weiter hinten, die lautstark fordern: „Hinsetzen! Hinsetzen!“ Die Atmosphäre erinnert an die Fußball-Feiern zur EM und WM auf dem Ludgerikreisel, als tausende Fans den kollektiven Ausnahmezustand zelebrierten. Die WM beginnt zwar erst in einer Woche, aber heute Abend herrscht schon hier der Ausnahmezustand. Die Open-Air-Theatergruppe Titanick zeigt ihren Klassiker „Titanic“, das Ur-Stück des Ensembles. 20 Jahre nach der Erstaufführung und nach 220 Aufführungen auf vier Kontinenten legt das Ensemble aus Münster und Leipzig wieder an den Aaseekugeln an, dort, wo der glorreiche Siegeszug der Künstlergruppe begann. 

Darsteller auf Tretbooten 

Das Rondell vor den Stufen zum Aasee ist dafür die perfekte Bühne. Die Darsteller kommen auf Tretbooten, und am Ende spiegelt sich das prächtige Feuerwerk im ruhigen Wasser des Sees. Die tragische Geschichte des unsinkbaren Schiffs, das auf seiner Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidiert und sinkt, wird in der Titanick-Inszenierung zu einer bizarren, bildgewaltigen Sinfonie aus Feuer und Wasser, aus Lärm und Effekten. Das ist schön anzuschauen, weil ständig irgendwo etwas passiert, eine Menge Dinge verbrannt oder unter Wasser gesetzt werden. 

Apokalypse auf dem Aasee 

Das Szenario ist apokalyptisch und düster, die Figuren sind skurril überzeichnet, grotesk und unförmig, über allem liegt ein Hauch von Wahnsinn. Wer möchte, kann auch eine Geschichte erkennen, eine Parabel über den Hochmut des Menschen und den blinden Glauben an Technik und Fortschritt um jeden Preis. 
Mit vereinten Kräften wird aus Schrott ein Schiff gebaut, der Triumph ist groß. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Während der arglose Kapitän mit seiner Geliebten noch ein dekadentes Dinner mit Spanferkel und Champagner genießt, dringt im Schiffsrumpf schon das Wasser ein. Mit vereinten Kräften versucht die Besatzung, die Katastrophe zu verhindern, doch natürlich ist es zu spät – der Traum vom Sieg der Technik über die Natur, er geht nicht in Erfüllung. Die Titanic geht mit großem Getöse unter, zerfällt wieder in ihre Bestandteile, wird wieder zu Schrott. Ein gewaltiges Spektakel.

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07.06.2010 – Chr. Schulte im Walde / Westfälischen Nachrichten: Darwins Reise ins Herz der Erkenntnis

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07.06.2010 – Chr. Schulte im Walde für die Westfälischen Nachrichten
Darwins Reise ins Herz der Erkenntnis

Spektakuläres Finale der Tanztage

Das war so etwas wie die kopernikanische Wende in der Evolutionslehre: Charles Darwin widerlegte mit einem einzigen Buch die Auffassung von der Unveränderlichkeit der Arten. Ein radikal neuer Ansatz, erwartungsgemäß begleitet von heftigem Widerspruch. Diese naturwissenschaftliche Revolution ist erst 151 Jahre alt.

Charles Darwin als Bühnenfigur, als Protagonist einer Performance, die schlichtweg alle Sinne berührt – damit machte das Hotel Pro Forma zum Abschluss der Internationalen Tanztage in Münsters rappelvoll besetztem Großen Haus unglaublich Furore. „Tomorrow, in a year“: das ist Musik, Gesang, Videoinstallation, betörendes Licht, überraschende Theatereffekte und natürlich virtuoser Tanz. Auf einer Bühne, die mit bescheidenen Mitteln auskommt: zwei Bewegungsebenen, ein Gazevorhang, ein paar Requisiten und viel Nebel. Dazu neun Akteure. Die inzwischen in der ganzen Welt herumgekommene dänische Produktion liefert einen Stilmix, der ganze Zeitalter mit- und untereinander verbindet. Elektropop und Rock, genauso gut aber auch Mittelalter-Sound und Neue Einfachheit. Da gibt es direkte Anleihen an Henry Purcells „Cold Song“, an die frühe Mehrstimmigkeit eines Guillaume de Machaut, an das meditative Narkotikum eines Arvo Pärt. „The Knife“ nennt sich das zweiköpfige Team, dem diese Musik eingefallen ist.

 

Darwins Entdeckungsreise ist sowohl Initialzündung als auch Roter Faden dieser Produktion. Eine Reise in die reale Welt, eine Reise aber auch ins Innere des Menschen, seine Herkunft, seine Zukunft. Da ist die Rede von geologischen Befunden, von Pflanzen und von Tieren, von Wasser, Wind und Wetter. Eher versatzstückhafte Gedanken, rhapsodisch aneinandergereiht.

„Tomorrow, in a year“ ist keine Darwin-Biografie. Punkthaft wie die auf die Bühne gerichteten grünen Laserstrahlen werden Sequenzen aus Darwins Reisetagebüchern deklamiert, auch zoologische Erkenntnisse oder Details über das Leben von Mikro-Organismen. Am Ende steht die unumstößliche neue Theorie: die Dinge ändern, sie entwickeln sich. Mehr scheint diese Performance auch gar nicht sagen zu wollen. Das immer wieder problematische Verhältnis von Natur und Kultur bleibt außen vor.

 

07.06.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Darwin im Nebel

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07.06.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Darwin im Nebel

Internationale Tanztage schließen mit der Elektropop-Oper “Tomorrow, in a Year”

Charles Darwin hat die Welt verändert, weil er herausgefunden hat, dass sie sich verändert. Vor 151 Jahren hat er mit seinem Buch über die Entstehung der Arten eine neue Weltsicht geschaffen. Die Elektropop-Oper “Tomorrow, in a Year” hat sich dem Erforscher der Evolution genähert.

Es war ein spektakulärer Abschluss der Internationalen Tanztage in Münster, ohne Frage. Die Performance-Künstler, die sich 1985 rund um Kirsten Dehlholm unter dem Label “Hotel Pro Forma” zusammengetan haben, zeigten am Samstagabend im Großen Haus der Städtischen Bühnen Münster eine fulminante Bühnenshow. Einziger Haken: Sie lebte mehr vom Effekt denn vom Inhalt. Es gab viel Nebel, Videoprojektionen, Worte aus Licht, Popmusik und Ariengesang, Tanz und Schauspiel. Ein aufwändiges Crossover-Kunstwerk, das alle Sinne angesprochen, aber sie nicht wirklich berührt hat. “Tomorrow, in a Year” blieb kühl.
Eigentlich kann man niemandem einen Vorwurf machen: Das Lichtdesign ist überraschend, die Tänzer sind hochprofessionell, auch die Sänger verstehen ihren Job. Das minimalistische Bühnenbild überrascht mit außergewöhnlichen Veränderungen, der Musik-Crossover zwischen Oper und Elektropop funktioniert. Klingt alles gut. Auf dem Papier. Doch nach 80 Minuten bleibt ein schales, leeres Gefühl. Worte, Bilder, Licht und Musik plätschern derart belanglos und beliebig, ohne inneren Zusammenhalt dahin, dass man weder Darwin noch seinen Theorien, weder der Menschheit noch Zeit und Raum auf die Schliche kommt.
Die Inszenierung wirkt wie eine Aneinanderreihung nur grob sortierter Assoziationen zu Mensch, Zeit und Raum. Kritische Auseinandersetzung? Reflektion? Eher nicht. Bilder von Tauben werden auf einen Gazevorhang projiziert, ihre Umrisse mit grünem Licht nachgezeichnet. Töne werden elektronisch verzerrt. Es knarzt und pocht, es gackert und plätschert. Eine Kamera zoomt sich in eine Pflanze hinein bis zur Zelle.

Staksende Vögel

Die neun Akteure bewegen sich dazu scheinbar ziel- und orientierungslos über die Bühne, die Tänzer staken wie Vögel, Darwin selbst wirkt wie hinausgerissen aus der Zeit. Seine Bewegungen sind langsam, als befinde er sich unter Wasser. Jonathan Johansson singt seinen Part wie ein junger Morten Harket, der Sänger von a-ha: Das ist schön anzuhören, doch das Libretto reißt sofort wieder raus. Es hilft als Orientierung wenig, ist sperrig, bedient sich bei Darwins Forschungen: Es geht um Gesteine, Schnabelformen, transozeanische Hülsen und Kapseln.
Normalerweise spielt ein solch ambitioniertes, avantgardistisches Ensemble vor einer Hand voll Zuschauern. Doch hier war es rappelvoll. Und nicht nur das: So viel junges Publikum gab es in den Städtischen Bühnen bei einer Opernaufführung noch nie. Woran das lag? Wahrscheinlich, weil die Kultband The Knife die Musik geschrieben hat. Das Geschwisterduo Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer aus Schweden ist mit Indie-Elektro-Pop bekannt geworden, zu ihren Songs (Pass this on”, “Heartbeats”) wird eher in Clubs getanzt, als dass man sie in Konzertsälen hört. Hier passte sie jedenfalls perfekt zur Show. Und das Publikum liebte die Show. Es gab begeisterten Applaus, auch wenn Darwin im Nebel blieb.

 

07.06.2010 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Feurig geht der Dampfer unter

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07.06.2010 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten
Feurig geht der Dampfer unter

Theater Titanick feierte mit dem 20 Jahre alten “Titanic”-Stück ein tolles Geburtstagsfest

Wie das mit der Titanic ausging weiß jeder: Sie ging unter. Die Kapelle soll bis zum Ende gespielt haben – doch ein fröhliches “Happy Birthday” bekam der echte Ozeanriese seinerzeit nicht zu hören. Das bekam das münstersche “Theater Titanick” vom Publikum gesungen, als das Erfolgsstück am Freitag- und Samstagabend vor viel Publikum und Prominenz aufgeführt wurde. 20 Jahre und 220 Aufführungen in vier Kontinenten hat der Klassiker und Namensgeber des münsterschen Erfolgstheaters nun auf dem Buckel. Das musste gefeiert werden, mit Mega Feuerwerk und Lust und Laune – dort, wo alles begann: am Ufer vor den Aasee-Kugeln.
Gegen 22 Uhr hatten sich Massen von Schaulustigen auf der Wiese versammelt; außerhalb der Umzäunung war das Spektakel gratis zu bewundern – da hatten die hinteren Reihen das Nachsehen: “Hinse-tzten!!” wurde fortwährend skandiert, sogar als das Spektakel schon begonnen hatte. Tretboote mit Schaulustigen zogen indes vor dem Ufer gemächlich ihre Kreise, wurden jedoch plötzlich verdrängt: “Feuer-Boote”, die eine Art brennendes Indianerzelt geladen hatten, strebten zum Ufer (ein Teil des neu hinzuerfundenen Prologs). Mächtig dräute das Dampfersignal über den Aasee. Es ist die Drei-Mann-Band, die mit ihren atmosphärischen, meist burlesken Klängen die Handlung unter Dampf setzten wird: Gundolf Nandico, Jörg Steffens und Olaf Dix.
Dann geht es rund: Der Heizer wirft die Öfen an, überall züngeln Flammen empor. Hammerschläge tönen metallisch wie in Dolby Surround über den Platz. Der bucklige Käpt´n brüllt Befehle, Kellner und Küchenbullen wuseln herum (auch Theaterchef Uwe Köhler ist darunter), und riesige Metallgestelle wachsen empor. Dann fährt noch eine dralle Mamsell im Knattermobil vor: Leinen los! Clair Howells, vor 20 Jahren eine “Titanic-Hebamme”, holt viel Slapstick aus der Rolle. Was nicht nur am angeklebten XXL-Gesäß liegt.
Kaum hat der Dampfer abgelegt, gellt schon der Warnruf “Eisberg!!” und “Titanick” protzt mit Pyrotechnik, die sich gewaschen hat. Immer stärker werden die Wassermassen, die der Heizer bändigen muss. Da kann die erste Reihe auch mal was abkriegen (“Iiiiih!”). Das ficht die Amüsiergesellschaft an Deck zunächst nicht an. Ein Spanferkel wird geschlachtet, in hohem Bogen fliegen Wurstscheiben ins Publikum. Dann kippt die Burleske in die Katastrophe: Rettungsboote klar! Die Takelage brennt, alle Darsteller sind klatschnass. Ein buckliger Kellner bringt die letzte Runde Sekt, und der Koch schneidet traurig sein letztes Gürkchen …

 

04.06.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Vier Frauen und das Mantra

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04.06.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Vier Frauen und das Mantra

Ein Klassiker auf der Bühne des Pumpenhauses. Bei den internationalen Tanztagen war “Rosas danst Rosas” von Anne Teresa De Keersmaeker eingeladen. 100 Minuten pure Energie. Und eine Choreografie, die den Zuschauer körperlich berührte.

Ganz zum Schluss, wenn die Bühne nach über 100 anstrengenden Minuten dunkel ist, sieht man auf dem Boden Markierungen leuchten. Die Stützpunkte für vier Tänzerinnen in einem Stück, das streng strukturiert ist, doch im Kopf nicht Ordnung erzeugt, sondern taumelnd macht. „Rosas danst Rosas“ ist ein Klassiker des zeitgenössischen Tanztheaters. Im Jahr 1983 machte es Anne Teresa De Keersmaeker aus Brüssel mit ihrer neu gegründeten Kompagnie namens Rosas schlagartig bekannt. Für die Internationalen Tanztage holte es Ludger Schnieder am Mittwochabend in sein Theater im Pumpenhaus nach Münster. Ein Stück, das heute noch fasziniert durch seine gewaltige Energie – und verstört durch seine extreme Sprache. Hier wird die Wiederholung und die Synchronität als ästhetisches Prinzip gefeiert – und bis zum Martyrium getrieben. Hässliche Halbschuhe Vier Frauen (Sandra Ortega, Tale Dolven, Elizaveta Penkova, Sue-Yeon Youn) tanzen. Alle sind gleich angezogen: Kleidchen, Pulli, Strumpfhose, hässliche Halbschuhe. Und sie alle führen simultan immer gleiche Bewegungen aus. Das klingt bestenfalls langweilig, eigentlich eher nervtötend. Doch es stellt sich nach einiger Zeit ein befremdlicher Effekt ein: Die Wiederholung zieht in den Bann, nimmt gefangen wie ein Mantra. Man schaut zu wie im Rausch. Anfangs wälzen sich die Frauen stöhnend auf dem Boden, wie in einem unruhigen, albtraumhaftem Schlaf, aus dem sie immer wieder hochschrecken. Dann löst sich eine von ihnen, wechselt die Position, die anderen folgen ihr nach. Dann bewegen sie sich auf Stühlen, die sie in Reih und Glied aufgestellt haben, drehen und strecken sich. Dazu stampft und dröhnt jetzt Musik (Thierry De Mey und Peter Vermeersch). Die Frauen scheinen Maschinen geworden, gefangen in der Uniformität. 

Hand durchs Haar 

Die längste Sequenz ist ein beständiges Wandern durch den Raum mit Haltepunkten, die von Licht und Tonhöhe bestimmt werden. Die Frauen fahren sich durchs Haar, ziehen das schlabberige Shirt halb frivol, halb gelangweilt von den mageren Schultern und wieder zurück. Das alles wäre nicht sonderlich aufregend, wenn es da nicht noch diese Blicke gäbe. Besonders in der Stuhlszene. Das aufreizende Lächeln, das liebevolle Nicken der Frauen, um sich abzustimmen. Man liest allzu gerne daraus einen individuellen Code, der die Gleichförmigkeit durchbrechen soll. Durch diese kleinen „Fehler“, diese kleinen emotionalen Gesten, blitzt plötzlich die Persönlichkeit, das Individuum hervor. Und je länger man zusieht, desto eher entdeckt man diese kleinen Unterschiede. Aber vielleicht wünscht man sich auch nur, sie zu entdecken. Weil es ohne sie nur schwer auszuhalten wäre. An diesem Abend. Und im Leben.

 

04.06.2010 – Esther Georg / Westfälischen Nachrichten: Die Inszenierung einer Inszenierung

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04.06.2010 – Esther Georg für die Westfälischen Nachrichten
Die Inszenierung einer Inszenierung

Die Bühne ist leer. Keine Kulisse, keine Requisiten, keine Musik. Dann stolzieren sie herein, die drei. Sie tragen coole Sonnenbrillen, ein Sektglas, einen geschniegelten beigen Anzug, dazu klobige Ketten. Sie posieren vor dem Publikum, ziehen ihre Unterhosen bis über den Bauchnabel, besprühen sich mit Parfum, schmecken ihre Schuhsohlen ab. 
Ihr großspuriges Getue erntet kräftiges Gelächter. Wer sind sie? Die Gruppe nennt sich „La Jet-Set“ und setzt sich aus jungen, in Paris lebenden Künstlern von der Elfenbeinküste zusammen. Sie agieren in den Pariser Nachtclubs, wo sie auffallen wollen. Protzen – das ist ihre Strategie. Auch im Pumpenhaus, wo die Produktion „Betrügen“ am Donnerstag zu Gast war. Das Spiel auf der Bühne ist Inszenierung – und Selbstinszenierung. Es geht um die Demonstration von Macht, Reichtum und Einfluss am Rande des Niedergangs. Der Zuschauer wird förmlich an der Nase herumgeführt. Was ist hier echt, was ist gespielt, wer hat welche Rolle? Die Jet-Sets behaupten für sich Rollen, „an die man niemals ran kommt“. 
Präsidenten, Botschafter und Banker: Sie trinken Champagner aus Schuhen, seifen sich damit die Haare ein, rauchen Riesenzigarren, tragen Prada und Gucci. Das Publikum wird mit Geldscheinen, Anzugjacke und Sekt beregnet und „darf“ dabei selbst Champagner aus einem Schuh trinken. So wird das Publikum in den Bann des Stückes gezogen, das keines ist. 
Denn hinter den Kulissen spielt sich die echte Welt ab. Mit dem Stück haben Monika Gintersdorf und Knut Klaßen die Inszenierung einer Inszenierung verwirklicht. Das verraten bereits die Namen, die immer wieder hervor gehoben werden. Douk Saga, der „président scénario“, ein Präsident der Szene, ein inszenierter Präsident, der 2006 ein Staatsbegräbnis an der Elfenbeinküste erhielt, wird begleitet von Boro Sanguy, dem „Geldgewitter“, Lino Versace und Solo Béton, abwechselnd von DJ Meko und Franck Edmond Yao verkörpert. Künstlernamen, die für das Tanzkonzept „Coupé Décaler“ stehen, dessen Name Programm ist. Es geht ums Betrügen, Bluffen, einen Schnitt machen. Arbeiten verstehen die „Jet-Sets“ als Geld ausgeben und eintreiben, mit welchen Mitteln auch immer. Auch die Zuschauer werden ermuntert, Geld zu geben. 
Die spärliche Bühne spricht Bände. Hinter dem Gehabe tut sich eine Leere auf, die selbst mit Tanz, Geschrei und Glamour nicht gefüllt werden kann. Tosender Beifall für ein nachdenklich stimmendes Stück, das Politisches mit Kunst verbindet, in dem Wirklichkeit und Spiel verschwimmen.
 

01.06.2010 – Klaus Baumeister / Westfälischen Nachrichten: Sag mir, wo die Politiker sind?

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01.06.2010 – Klaus Baumeister für die Westfälischen Nachrichten
Sag mir, wo die Politiker sind?

Lehrstunde über die “aufgeklärte Zuversicht” im Rathaus / SPD und Grüne sehr interessiert

Ratsmitglieder der CDU, der FDP sowie der Linken wurden am Sonntagabend beim Theaterstück „Anthology of Optimism“ nicht gesichtet. Von der SPD kamen Robert von Olberg und Philipp Gabriel, von den Grünen waren präsent Stephan Hense, Tim Rohleder, Anne Naegels und Dr. Ludwig Schipmann.

Diese Information wäre bei einer Kulturveranstaltung eigentlich nicht der Rede wert gewesen, aber in diesem Fall ist sie es. Denn die Optimismus-Anthologie im Rahmen des Pumpenhaus-Festivals Statements kennzeichnete eine doppelte Besonderheit: Zum einen hatte der Pumpenhaus-Chef Ludger Schnieder höchstpersönlich 19 Freikarten an die Fraktionen verteilt, und zwar exakt nach der Sitzverteilung in den großen Ausschüssen: Sieben Mal CDU, fünf Mal SPD, vier Mal Grüne, zwei Mal FDP und ein Mal Linke. Zum anderen fand die Veranstaltung im Hauptausschusszimmer des Rathauses statt. Also dort, wo ansonsten nahezu täglich die politischen Gremien tagen.

 

80 Minuten referierten hier die beiden Schauspieler Pieter De Buysser (Brüssel) und Jacob Wren (Montreal) über den Optimismus im Allgemeinen – und speziell natürlich über die Frage, was den Optimismus vom Pessimismus unterschiedet. Bei minimalem Aufwand in dem ohnehin nüchtern gehaltenen Sitzungssaal erzielten beide Künstler eine maximale Aussage – nämlich die, dass eine klare Definition schwer zu finden ist. Ist das Wasserglas nun halb voll oder halb leer?

Minutenlang etwa rief De Buysser dem hoch konzentrierten Publikum zu: „Ich glaube, ich glaube, ich glaube . . .“ Dann kam die Ernüchterung: „ . . . an nichts.“

Auch eine Maschine, die per Knopfdruck Konfetti regnen ließ, brachte nicht die erhoffte Wirkung, so dass Jacob Wren schließlich das Publikum befragte – und auch eine Antwort bekam: „Vielleicht sind sie ein Pessimist.“

Zumindest die Wahl (die Betonung lag auf dem Wort „Wahl“) von Barack Obama wollte De Buysser unbedingt als Erfolg der „aufgeklärten Zuversicht“ für sich verbuchen. Wren hielt dem als „Held“ den Kolumbianer Antanas Mockus entgegen. Antanas Mockus? Bei Wikipedia steht, dass sich der Philosoph 2004 um die Präsidentschaftswahlen 2006 bewarb: „Den ungewöhnlich frühen Zeitpunkt dieser Bekanntgabe begründete er damit, dass man den Weg genauso genießen solle wie das Ziel.“

Am Ende bleibt trotzdem die Frage, warum von 19 Freikarten nur sechs von den Ratsmitgliedern genutzt wurden? Zu banal? Zu wenig Zeit? Zu schlechte Erinnerungen an das Hauptausschusszimmer? Oder war die Abstinenz gar eine überzeugende Demon­stration gegen die Unsitte der Politiker-Freikarten?

Ach übrigens: Die Schauspieler sprachen ihre Texte in englischer Sprache. Aber bitte jetzt keine falschen Schlussfolgerungen . . .

 

01.06.2010 – Anja Quickert in Theater Heute: Temponauten mit Geschichte

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01.06.2010 – Anja Quickert in Theater Heute
Temponauten mit Geschichte

Theaterwissenschaftler Alexander Karschnia, Sängerin Nicola Nord und Musiker Sascha Sulimma sind das Performancekollektiv andcompany&Co.

“Man wird das Gefühl nicht los, man müsse noch mal zurück ins Jahr 2000 – haben wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen?”, fragt Alexander Karschnia im Webmagazin Berliner Gazette. – 2006 startete “Little Red”, titelgebende Protagonistin der Performance von andcompany&Co., ihre erste Bühnen-Zeitreise aus der Zukunft des 3. Jahrtausends direkt in die Nachwendezeit. Dabei ist history vor allem “herstory”: Die Geschichte der westdeutschen Pionierin Nicola Nord, die von ihren Eltern jeden Sommer ins Kinderferienlager hinter den antiimperialistischen Schutzwall geschickt wurde. Auf der Bühne rennt die Figur Little Red mit überdimensioniertem roten Kosmonautenhelm vergeblich gegen die Zeit an, im Rücken die Frage, was Kommunisten und Kommunistinnen nach dem Ende der Geschichte machen. Der Rest ist Zitat im großen Collagenbilderbogen, der sich in der Sonderzeitzone “Temponauten”-Theater entfaltet, während das Publikum im freien Fall durch Geschichtsfragmente des 20. Jahrhunderts rauscht. 

Gespensterprotokolle auf Zeitleisten

In der Gespensterstunde tauchen die alten Protagonisten des Märchenbuchs “Politische Utopien” auf: Lenin, Lennon. Pop-up. Harter Cut. Im Zitatenalbum steht Heiner Müller neben eigenen Texten, Gerichtsprotokolle der Mc-Carthy-Ära neben “Gespensterprotokollen auf Zeitleisten” aus dem globalen Chat-Room. Dabei rückt Sascha Sulimmas Musikalisierung den großen Ideen-Remix ganz in die Nähe des szenischen Pop-Konzerts. 

Mit “Run in Place”, dem auf der Stelle laufenden Körper, und der ebenso alt-futuristisch wie kindlich anmutendem Kosmonautenhelm-Ästhetik, waren bereits die Themenspuren für “Time Republic” angelegt: “Space Race” und Kuba-Krise als Schauplatz des Kalten Kriegs. Während auf der Bühne russisch-futuristische Mond-Fantasien der 1920er Jahre den Sputnik-Schock der USA auslösen, stirbt John Lennon zeitlos. Die physische Verausgabung im sowjetischen Sportprogramm ist kollektiv: “Run in place is an example für the community.” Am Ende zieht der einsame Kosmonaut im All seine Kreise, während sich das ganze sozialistische Konstrukt “Sowjet Union” unter ihm schon real aufgelöst hat. 

“Das utopische Moment liegt für uns eher in der Arbeitsweise”, antwortet das Kollektiv auf die Frage nach dem politischen Anliegen hinter so viel Utopieverlust. Und bezieht sich auf den &Co.-Teil des Namens, der programmatisch auch im gruppeneigenen “manifesto” verankert ist. In jeder Inszenierung “verschwört” sich das Kernteam mit anderen Künstlern zum Co.-Produzieren und -Performen: Musiker, Bildende Künstler und Autoren. “Oje, was machen die da, gehen auf diese Riesenbühne und nehmen all diese Leute mit”, schmunzelt Karschnia, wenn er an den allerersten Auftritt, die TAT-Bühne am Tag ihrer Schließung 2004, zurückdenkt.

Ein Zuhause im HAU

Kathrin Tiedemann vom FFT Düsseldorf, die sie 2006 dann mit “Little Red” ins “Freischwimmer-Festival” brachte, haben sie damit beeindruckt. Von dort ging es unmittelbar zum kunstenfestival nach Brüssel, direkt im Anschluss zum steirischen herbst. Auch Erfolg kann über einen hereinbrechen. “Danach war erst einmal alles unklar”, sagt Nicola Nord, die stadtübergreifend arbeitende Gruppe suchte ein gemeinsames Zuhause. Das bot ihnen dann Matthias Lilienthal am HAU in Berlin, wo man auch geografisch mit der Achse Ost-West ganz richtig lag. “Was mich an der Arbeit interessiert, ist die Rekonstruktion und gleichzeitige Austreibung von so etwas wie Kommunismus: dafür erfinden sie Rituale”, sagt Lilienthal, und sein Rat, sich bei “Mausoleum Buffo” – der ersten Arbeit mit Berliner Basisförderung, eigenem Produktionsbüroanteil und -leiterin Anne Schulz im HAU –, “selbst mehr einzubringen”, setzte das Kollektiv in einen disneyfizierten Schauprozess vorm Lenin-Mausoleum um.
Über ihrer “wichtigsten Arbeit bislang” beleuchtet der rote Stern am dunklen Bühnenhimmel die Frage, weshalb Kommunisten so viele Kommunisten getötet haben. Mit “Mausoleum Buffo” und der Einladung zum Impulse-Treffen 2009 war die Kommunismus-Trilogie dann zwar offiziell abgeschlossen, aber “West in Peace” drängte sich am Jahresende noch als Kapitalismus-Kommentar hinterher. Vielleicht hatte das “Mausoleum” als durchmusikalisiertes Gesamtcollagewerk auch die größtmögliche Form erreicht, ohne zu erstarren: Das kleine trashige Westernstadt-Setting EL DORADO ist ein Standbild aus dem Freizeitpark, das sich erst nach der 1-Euro-Spende durchs Publikum belebt.
Und die Zukunft? Fürs nächste Jahr haben auch kleinere Stadttheater angefragt: Beim “City Circus. Zero Work”, der Arbeit mit Jugendlichen für “Theaterformen” 2009, ist das Kollektiv erstmals seinen Mitteln von außen begegnet. Fortgesetzt wird die Kollektiv-Regie mit “Wir Wunderkinder” in Göttingen, der ersten Arbeit mit Ensemble auf großer Bühne. Und das aktuelle “Fatzer”-Projekt führt sie diesmal nicht ostwärts, sondern nach Brasilien, wo die sich bislang selbst zerfleischende revolutionäre Gruppe um Brechts Antihelden auf kannibalistische Traditionen stoßen wird. Nach dem Auslandsaufenthalt kehrt “Fatzer” aber nach Mülheim zurück, wo er laut Brecht ja auch hingehört. Und natürlich ins HAU, FFT und nach Münster: Genauer in die Reihe “Geschichten für ein neues Jahrhundert” im Pumpenhaus. Bei Temponauten kommt Neues nie ohne Altes.
 

01.06.2010 – Marieluise Jeitschko im Westfalenspiegel: Oberste Liga

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01.06.2010 – Marieluise Jeitschko im Westfalenspiegel
Oberste Liga

“Statements” zum 25. Geburtstag

“Statements. Das Festival. Der Tanz. Das Theater. 25 Jahre Theater im Pumpenhaus” steht unten auf der Vorderseite der Programmzettel. Eingeladen hat der rührige Geschäftsführer des unabhängigen münsterschen Produktions- und Aufführungszentrums, Ludger Schnieder, ausschließlich Künstler und Produktionen, “die ich persönlich mag”. Zum Glück für Münster: Der Globetrotter und passionierte Kulturmanager “mag” nur oberste Liga. Der gebürtige Lüdinghausener studierte in Münster Publizistik, Germanistik und Soziologie , bereiste die Welt von New York bis Tokyo, gründete die Jugendtheatergruppe “Säge” (Selm/Dortmund), betreute Produktionen der Ruhrfestspiele, sprach im WDR und filmte. Höhepunkt seiner Schauspielkarriere war die Hauptrolle in Adolf Winkelmanns Film “Die Abfahrer”, der 1979 den Bundesfilmpreis bekam. 1985 schloss sich Schnieder der Theaterinitiative Münter (TIM) an, Keimzelle des Theaters im Pumpenhaus, und entdeckte sein organisatorisches Talent. Inzwischen ist das hauseigene Ensemble aufgelöst, aber Schnieder zum international geschätzten Kulturmanager avanciert. Regelmäßig wird der dynamische, unkomplizierte Theatermacher europaweit als Juror und Kurator eingeladen, nimmt in Japan und in den USA Beratertätigkeiten für Tanzproduktionen wahr. In NRW gehört er dem Vorstand des Landesverbandes Freie Darstellende Künste und der Tanzproduzenten-Konferenz an.
Den Tanz entdeckte Schnieder Mitter der 80er Jahre. “Damals tat siach im Theater nicht viel”, erläutert er, “wohl aber im Tanz”. Kleinformatige Experimente und Avantgarde ziehen ihn an, eignen sie sich doch besonders für die herbe Intimität des 100-jährigen, einstigen Abwasserpumpwerks. Sein hochkarätiges Programm kann er durch die Zusammenarbeit mit anderen Koproduktionsstätten verwirklichen, etwa den Berliner Sophiensälen, dem Tanzhaus NRW (Düsseldorf), Pact Zollverein (Essen), Kampnagelfabrik (Hamburg) und Mousonturm (Frankfurt). Auch mit Münsters Städtischen Bühnen arbeitet er zusammen, vor allem bei Festivals wie jetzt gerade den internationalen Tanztagen (bis 5. Juni). International angesehen ist das Pumpenhaus durch Entdeckungen u.a. von heutigen Tanzstars wie Sasha Walz, Helena Waldmann, Samir Akika, Dumb Type aus Kyoto und Victoria aus Belgien. Das Theater Titanick, Regisseur Thorsten Lensing, Regisseurin Paula Artkamp und Schauspieler Pitt Hartmann wurden an der Gartenstraße groß. Das “Junge Theater Cactus” hat hier sein Domizil.
Pünktlich zum Silberjubiläum stockte die Landesregierung ihren Zuschuss zum Pumpenhaus-Etat um 80 000 Euro pro Jahr für drei Jahre auf – jeweils zur Hälfte für die Sparten Theater und Tanz zu verwenden. Davon kann Schnieder auf lokaler Ebene Gruppen mit der Anmietung eines weiteren Proberaums am Hoppengarten fördern. Denn ein Drittel Raum, Zeit und Geld der rund 150 Vorstellungen pro Jahr gehören der münsterschen Theater- und Tanzszene. Schnieders “Statement” einer Zukunftsperspektive: “Die nächsten 25 Jahre können nur so erfolgreich werden wie die ersten, wenn es Leute gibt, die daran glauben, die Künstler lieben und die das Publikum von ihren Lieblingen überzeugen können.