29.05.2009 – Westfälische Nachrichten – Isabell Steinböck: Kann eine Mutter den Mördern vergeben?

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29.05.2009 – Westfälische Nachrichten – Isabell Steinböck
Kann eine Mutter den Mördern vergeben?

Münster – Sie springt auf und ab, reißt den Arm hoch und ruft hysterisch: „Harmony“ – forgive!“, später nur noch: „Nie – forgive!“ Kann eine Mutter den Mördern des eigenen Kindes vergeben?

Es geht um die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, die 1995 unter Nelson Mandela in Kraft trat. Ziel war es nicht nur, Menschenrechtsverletzungen des Apartheid-Regimes und seiner Gegner aufzudecken, sondern Opfer und Täter einander nahe zu bringen. Man wollte eine Grundlage dafür schaffen, die zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu versöhnen. Wie schwer das ist, zeigt die Produktion „I said the things you told me not to say – Living pictures of agony“ im Pumpenhaus auf beeindruckende Weise. Das Bonner Fringe-Ensemble, das hier in Kooperation mit Münsters Phoenix 5 agiert, hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt dem dokumentarischen Theater gewidmet. Für dieses Stück studierten die Schauspieler unter der Regie von Frank Heuel den Bericht der Wahrheits- und Aussöhnungskommission und zitieren Täter wie Opfer. Die Szenen finden in der formellen Atmosphäre eines Gerichts statt. Drei Schauspielerinnen übernehmen sämtliche Rollen, das Bühnenbild besteht aus umgekippten, weißen Tischen, auf denen nach und nach Bilder entstehen. Bühnenbildner Eduardu Seru agiert ähnlich einem Gerichtszeichner, wenn er während des Stücks die Personen noch einmal mit schwarzem Stift abbildet. Am Ende wird er alles wieder weiß waschen – vergeben und vergessen? So einfach ist das nicht, wenn man Bettina Marugg zuhört, die auf großartige Weise die Rollen wechselt und dabei auch als eine Mutter auf der Bühne steht, die die Leidensgeschichte ihres tapferen Sohnes mit erstickender Stimme herauskrächzt. Oder wenn man die schwangere Laila Nielsen als Mutter eines erschossenen Kindes trauern sieht.
Frank Heuel lässt seine Schauspieler zurückhaltend agieren, als Sprachrohr für all jene, die tatsächlich dahinter stehen. Das hebt den dokumentarischen Charakter des Stücks hervor und berührt. So wird in jedem Fall ein unfassbarer Schmerz deutlich, der die Opfer wie betäubt hinterlässt. Ein wertvolles Theaterstück, dem man ein zahlreiches Publikum wünscht. 

» Weitere Vorstellungen: 5., 6. und 10. bis 13. Juni, jeweils 20 Uhr

21.05.2009 – Die Eröffnung. Von Peter Turrini: Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten

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21.05.2009 – Die Eröffnung. Von Peter Turrini: Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten.
Ohne sie wird er sterben

Münster – „Ich will nicht sterben.“ Da fängt der Unsinn schon an. Dieser Jedermann, den Peter Turrini in seinem Spiel vom Sterben eines hysterischen Mannes vorstellt, ist nicht an seinem Seelenheil interessiert, sondern an spektakulären Auftritten. Je theatralischer, umso besser. Für ein Theater oder einen Darsteller ist also „Die Eröffnung“ ein Paradestück, um sich vorzustellen. Im Pumpenhaus-Keller stellte sich jetzt Carsten Bender mit seinem Theater „gloster!“ vor.
Turrinis Stück ist kurzweilig, und so wird es auch von Barbara Kemmler in Szene gesetzt. Vom Handy-Freisprechanlagen-Verkauf im Bahnhof über das Theater selbst bis in die Psychiatrie geht es Schlag auf Schlag. Dabei kommt kaum Hektik auf, was auch an der Musik von Kai Niggemann liegt, der mit seinem beiläufigen Radio-Sound dem Monolog einen wohltuenden Parlando-Faden verleiht.
Turrinis Stück bietet Darstellern die Gelegenheit, ihr Können in unzähligen Facetten leuchten zu lassen – ein bisschen wie eine Discokugel. Carsten Bender nutzt diese Chance, die Vielfalt seiner Talente als Mime und Sprecher aufblitzen zu lassen – ein Darsteller mit einem reichen Repertoire an Ausdrucksformen, eine markante Stimme, die den Körper auch mal hysterisch posieren lässt (Choreographie Tamami Maemura).
„Die Eröffnung“ von Turrini erzählt von einem Mann, der ständig ein neues Schauspiel eröffnet: Er verliebt sich in eine Frau, doch die oder er verändert sich. Und tschüss. Er kümmert sich um sein Kind, das sich nicht beruhigen lässt. Und tschüss. Er geht in ein buddhistisches Kloster, aber die Erleuchtung kommt nicht. Und tschüss. Dieser Mann ist eine permanente Eröffnung, dieser Mann kommt zu keinem Schluss. Von der Alltags- wechselt er in die Theaterrealität. Keine Wirklichkeit, nicht mal der Tod seiner Tochter, scheint ihn einholen zu können.
Die Absurdität dieser Rampen-Existenz des Mannes offenbart sich am Schluss. Denn der Mann wäre längst tausend Theater-Tode der Peinlichkeit und Panik gestorben, wenn Carsten Benders wortkarger Gegenpart nicht gewesen wäre: Janina Blohm-Sievers. Als unermüdliche Universalhandlangerin hält sie dem Mann den Rücken frei. Sie ist die Souffleuse. Sie liefert (Theater)-Leben aufs Zeichen. Ohne sie droht Tod.
Das Theater „gloster!“ zeigt im Pumpenhaus Turrinis „Eröffnung“ als eine Parabel auf die Autonomie des Menschen, die Lächerlichkeit seines Anspruchs, die Welt kontrollieren zu können. Dabei ist jeder zweite Satz, den wir sagen oder denken, nur Einflüsterungen aus dem Dunkel zu verdanken. Der Rest ist Show.

19.05.2009 – Noch einmal: Halbstarke Halbgötter. von Martina Döbbe, Westfälische Nachrichten

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19.05.2009 – Noch einmal: Halbstarke Halbgötter. von Martina Döbbe, Westfälische Nachrichten
Ungeschönter Blick in den Arzt-Alltag

Münster. Es gab ein erstes Mal. Es gab auch ein zweites Mal. Und es gibt jetzt ein drittes Mal. Doch das, daran lässt Tugsal Mogul, keinen Zweifel, das ist gleichzeitig (in Münster) auch das letzte Mal. Der Mann mit den vielen Gesichtern – er ist Arzt an der Raphaelsklinik und zudem Schauspieler – ist auch der Vater der „Halbstarken Halbgötter“. Sein Stück, seine Inszenierung, seine erlebten und gesammelten Geschichten aus dem Mediziner-Alltag, sie waren ein Riesenerfolg. „So viele Resonanz, Mails, Gespräche, so viel Interesse für dieses Thema, das hat uns alle gefreut und auch ein bisschen stolz gemacht“, sagt er bescheiden.
Neun Vorstellungen, neunmal ausverkauft – das freute im Mai und Dezember vergangenen Jahres auch die Verantwortlichen im Pumpenhaus. Und immer noch Schlangen an der Theaterkasse, immer noch Theaterfreunde, die ohne Karte wieder nach Hause gehen mussten. Deshalb gibt es jetzt noch in drittes Mal (und letztes Mal). Wohlgemerkt: für Münster. Bonn und auch die Medizinische Hochschule Hannover haben Interesse an den Halbgöttern angemeldet.
Dieser Blick hinter die Kulissen des Arztberufes, der ist eigentlich kein Theater, der ist Realität – das sagt nicht nur der Schauspieler, der gleichzeitig Arzt ist. Das haben ihm auch viele Kollegen und Mitarbeiter aus Kliniken und Krankenhäusern bestätigt. Denn das, was für viele mit viel Idealismus und Einsatz für kranke Menschen beginnt, endet nicht selten in persönlichen Krisen.
Carmen Dalfogo ist eine der Schauspielerinnen im „Theater Operation“ – und freut sich mit den anderen Ensemble-Mitgliedern riesig über den Erfolg. Sie hat sich sehr mit dieser Rolle als Medizinerin beschäftigt – sie hat ihr auch einen eigenen, neuen Blick auf den Beruf des Arztes vermittelt. „Wir wollen kein Arzt-Klischee bedienen“, betont sie. Die Ernsthaftigkeit und die Wahrhaftigkeit sei wahrscheinlich auch ein Schlüssel für die positive Resonanz bei den Zuschauern.
Wer diesen ungeschönten Blick in den Arzt-Alltag noch einmal erleben möchte, der kann dies am 26., 27., 29., 30. und 31. Mai um 20 Uhr im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, tun. Die Vorstellungen beginnen um 20 Uhr, Karten gibt es im WN-Ticket-Shop ( Tel. 69 05 93) am Prinzipalmarkt, beim Pumpenhaus ( Tel. 23 34 43).

18.05.2009 – Ssempeke-Amadinda-Quartett von Heike Eickhoff, Westfälische Nachrichten

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18.05.2009 – Ssempeke-Amadinda-Quartett von Heike Eickhoff, Westfälische Nachrichten
Uralte Klänge farbenfroh serviert

Münster – Alte Musik kämpft hierzulande manchmal gegen ein irrendes Vorurteil: Sie sei der Tummelplatz von staubgrauen Spezialisten, die am allerliebsten tief unten in Archiven wühlten. Am „zweitliebsten“ stellten sie ihre Funde auf rekonstruierten historischen Instrumenten einem kleinen Kreise von ergebenen Eingeweihten vor. Alte Musik aus Afrika – genauer vom Königshofe im ehemaligen Buganda (heute Uganda), komponiert im 14. Jahrhundert – gab es mit dem Ssempeke-Amadinda-Quartett am Montagabend im Pumpenhaus zu erleben. Die vier Musiker, zu Gast in der Reihe „Klangkosmos“, spielten auf historischen Instrumenten. Aber: Diese Musik klang kein bisschen angestaubt.
Das afrikanische Xylofon (Amadinda) gibt diesem Musikstil, laut Ssempeke einem der wichtigsten in Uganda, sowie dem Ensemble den Namen. Auf der Bühne war es selbstverständlich auch vertreten und wurde von mehreren Musikern gleichzeitig bedient. Mit dem oberen Drittel der kopflosen Schlägel wurden die über den Instrumentenkorpus herausragenden hölzernen, nicht lackierten Klangstäbe angespielt. Heraus kamen weiche Klangkaskaden in pentatonischer Melodik, entfernt an moderne karibische Klänge erinnernd. Kleine, vertrackte, sich stetig wiederholende rhythmische Figuren lösten einander immer wieder ab, überlappten und verflochten sich zu groovenden, mitreißenden und zugleich meditativen Klängen. Dazu kamen Bogenharfen (die mit ihrem eleganten Hals jede Folkband bereichern könnten), eine in der Armbeuge gehaltene kleine Fiddle mit winzigem, halbrunden Bogen, ein Paar Rasseln, ein überraschend klangstarkes Daumenklavier und die Leier Endongo. Deren sehr kurze klingende gezupfte Töne nahmen sich etwas kokett im weichen Ensembleklang aus.
Die Instrumente sind allesamt aus natürlichen Materialien gefertigt. Jeder Musiker des Quartetts spielte im Wechsel mehrere Instrumente und so ergaben sich immer wieder erstaunliche Klangfarben in anderer Kombination. Der WDR schnitt dieses interessante Klangkosmos-Konzert mit. Es wird demnächst gesendet.
Das Ssempeke Amadinda Quartett (Albert Bisaso Ssempeke, Jimmy Ssewakilyanga, Lutwama Moses und Naggita Prosy) gefiel mit sympathischer Natürlichkeit. Lange instrumentale Vorspiele, im Wechsel vorgetragene Gesangspartien und die ausdrucksvolle Tanzeinlage von Lutwama Moses, der einzigen Dame in diesem Quartett, machten das Konzert zur spannenden Reise in eine uralte Musikkultur.
Albert Bisaso Ssempeke moderierte in knappen englischen Sätzen und führte das Publikum durch dieses von weichen Klängen, polyphonen Rhythmen und Pentatonik geprägte Programm. Diese Musik sei authentisch, betonte er. Eine Bogenharfe war ihm besonders ans Herz gewachsen: er habe das Instrument, dass fünf Mal so alt sei wie er, von seinem Vater übernommen.
Am Ende gab es zwei Zugaben. Hier zeigten sich die kultivierten Hofmusiker als flotte Tanzbodenkünstler und ließen die Trommeln mit in die Füße gehenden Rhythmen sprechen. Selbst Ssempeke ließ sich am Ende zu einem kleinen Tanz dazu hinreißen.

16.05.2009 – Rebel Dance-Company von Heike Eickhoff, Westfälische Nachrichten

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16.05.2009 – Rebel Dance-Company von Heike Eickhoff, Westfälische Nachrichten
Manchmal traurig, doch immer wunderschön

Münster – Die Musik, die die sizilianische Musikerin Etta Scollo zu arabischen Gedichten geschrieben hat, ist manchmal unendlich traurig, doch immer wunderschön. Immer steht ihre sehr expressive Stimme im Vordergrund, teils unbegleitet, teils von sinfonischen Klängen umgeben: „Il Fiore Splendente“ ist ein hervorragend gesungenes und gespieltes Meisterwerk. Die RebelDance-Company choreografierte dieses musikalische Werk und stellte es am Freitagabend im Pumpenhaus erstmalig vor.
Das gelungene Tanzprojekt lotete die Musik in ihrer vollen Tiefe in Bewegung und Ausdruck aus. Die Technik des Pumpenhaus sorgte für den optischen Kick mit passendem Licht zur klaren Akustik. Günther Rebel, seit nunmehr 35 Jahren Chef der Rebel-Dance-Company, setzte den emotionalen Gehalt der Lieder in Bewegungen um, vermied aber das pantomimische Umsetzen konkreter Ereignisse und schaffte so ein Gesamtkunstwerk aus Bewegung und Musik.
Schwarz und rot sind die kontrastierend verwendeten Farben der Kostüme. Lange Röcke und gewickelte Tücher lassen die Tänzerinnen in eine archaische, fast mystische Vorzeit eintauchen. Das Licht verstärkt den Eindruck. Ganz allein oder mit dem gesamten Ensemble, immer jedoch von dieser fantastischen Musik inspiriert, wirbeln die Tänzerinnen und Tänzer über die dunkel gehaltene Bühne, verharren manchmal auf dunklen Quadern. Schon die Titel der einzelnen Szenen, die denen der arabischen Gedichte oder Lieder entsprechen (etwa „Ein einziger Kuss“ oder „Ich laufe mit dir“), lassen viele Assoziationen entstehen. Zudem bereicherten Breakdance-Elemente die oft klassische Choreografie.
Nach der Pause standen Katrin Banse, Christina Heckersbusch, Bruno Augusto de Carvalho, Jens Siebeneicher und Tobias Völker in „Love is in the Air“ auf der Bühne. Irgendwo zwischen Heavy Metal und lyrischer Ballade bewegte sich die Musik. Die Tänzer träumten ein paar nicht allzu unzüchtige Männerfantasien, von den Tänzerinnen durch Soli dazu angeregt.
Zwei gelungene Programme an einem Abend: Die RebelDance-Company zeigte sich anlässlich ihres 35. Geburtstags von der allerbesten Seite. Und bekam verdient viel Beifall.

10.05.2009 – Die Eröffnung von Peter Turrini – Gerd H. Kock, Westfälische Nachrichten

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10.05.2009 – Die Eröffnung von Peter Turrini. Gerd H. Kock, Westfälische Nachrichten
Neues Theater “gloster!”: Am Puls von Sprache und Bewegung

Münster – Münsters freie Theaterszene ist innovationsfreudig wie wohl kaum eine andere. Hier wurden erfolgreiche Konzepte entworfen, wie das Vor-Ort-Theater von Freuynde und Gaesdte oder das Straßentheater-Spektakel à la Theater Titanick. Jetzt tritt ein neues kleines, aber feines Label in Erscheinung. Das neue Theater heißt „gloster!“.
„Gloster!“, das ist Carsten Bender. Kein Unbekannter in Münsters Theaterlandschaft. Der Mann ist Mitte 30 und hat schon ein breites Spektrum: Er war sowohl einer der Stars in der einzigartigen „Theater-Soap“ im Pumpenhaus und arbeitet auch als Sprecher für die Blindenhörbücherei. Sprach- und Schauspielkunst will Bender jetzt mit Bewegung kombinieren. Dafür wird er sich für jede Produktion eine Choreographin engagieren. Den Auftakt macht Tamami Maemura. Die Textarbeit hat Günter Rohkämper-Hegel begleitet. Einen pulsierenden Sound unterlegt Kai Niggemann. Die erste Inszenierung besorgt Barbara Kemmler. Und als erstes Stück wird gleich ein Parade-Monolog zu sehen sein: „Die Eröffnung“ von Peter Turrini.
Turrini lässt hier einen Mann vor der wirklichen Welt in die Welt des Theaters flüchten. Dort glaubt er im totalen Wahn, alle Gefühle, alle Rollen beherrschen zu können: „Das Theater ist der einzige Ort, das Leben zu überleben.“ Neben Carsten Bender als „Der Mann“ wird Janina Blohm-Sievers alle weiteren Rollen übernehmen – von der jungen Frau bis zu den Aufsehern der Psychiatrie.
Vom ersten Satz „Ich eröffne Ihnen mein Leben“ bis zur skurrilen Theater-Rettung will Bender den Kunstraum-Rausch des dramatischen Spiels in Worten und in Bewegung ausloten.
Premiere von Peter Turrinis „Die Eröffnung“ ist am Mittwoch (20. Mai) um 20 Uhr im Pumpenhaus-Keller. Die Platzzahl ist begrenzt, eine Reservierung wird empfohlen. Weitere Aufführungen sind ab 21., 22., 23., 24. und 28. Mai sowie am 4., 18. und 25. Juni jeweils um 20 Uhr. Karten: 0251-690593.

10.05.2009 – Raw Like Sushi #3 von Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten: Sehen wie die Kinder

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10.05.2009 – Raw Like Sushi #3 von Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten
Sehen wie die Kinder

Münster – Leuchtende Kugeln tauchen aus einem Fernseher auf, rote Lichter erscheinen auf der Bühne und ein kleines, Salto schlagendes Püppchen, das aussieht wie ein Embryo. Zwei Figuren treten auf, finden und knutschen sich. Susanna Morales Carreras „Microscopia Teatro“ ist ein kleines, liebevoll gestaltetes Puppentheater, das augenzwinkernd von der wichtigsten Sache der Welt erzählt, der Liebe. Das ist kunstvoll gemacht und leicht zu verstehen, so dass man sich fast fragen kann, ob das „Microscopia Teatro“ nicht auch etwas für Kinder sein könnte.
Susanna Morales Carreras Vorstellung ist paradigmatisch für den dreiteiligen Abend, der im Rahmen der dritten Edition von „Raw like Sushi“ im Pumpenhaus auf die Bühne kam. Es wird hemmungslos gespielt, und kindliche Gedankenwelten nehmen dabei eine nicht zu übersehende Rolle ein.
Dies vor allem in „Ja Ja der Jodok“ des Pogoensembles aus Köln. Da sitzen drei Tänzerinnen auf der Bühne, die Beine in den Armen, und sprechen mit den Füßen. Aus dem Off ertönen Peter Bichsels Kindergeschichten, Gedankenexperimente, die die Welt ähnlich auf den Kopf stellen, wie diese Tänzerinnen ihre Körper.
Was wäre, wenn man die Bezeichnungen von Dingen einfach vertauschen würde? Oder wenn man sich einen Onkel Jodok ausdenken würde, um ihn zum Mittelpunkt des Lebens, zum Zentrum der Sprache zu machen? Dilan Ercenk, Denise und Tessa Temme setzen Bichsels Prosa gekonnt in Bewegung um, treten mit Gummipuppen alias „Jodoks“ auf und werden selbst zu welchen, wenn sie ihre Kinderkleidchen im Takt zum Rhythmus der Sprache aufblähen oder die Oberkörper hin- und herkippen lassen.
Vom absurden Anfang bis zum traurig-komischen Ende ist dieses Stück stimmig, die Synchronität der drei Darstellerinnen und ihre beinahe mechanischen Bewegungen passen zur Sturheit von Bichsels Protagonisten – eine gelungene Produktion, mit der diese Nachwuchscompagnie kürzlich den dritten Internationalen Choreografiewettbewerb Ludwigshafen gewonnen hat. Und dann war da noch Lotte Rudhart mit ihrer Choreografie „Frank Z“, eine Hommage an Frank Zappa, die jetzt schon zum zweiten Mal auf die Bühne des Pumpenhauses kam und durch ihre quirlige, tänzerisch versierte Art wiederholt begeisterte.

10.05.2009 – Cécile Proust in Raw like Sushi #3, Friedemann Bieber in den WN

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10.05.2009 – Cécile Proust in Raw like Sushi #3, Friedemann Bieber in den WN
Morgen mal Mann sein

Münster – Cécile Proust will über Sex reden. Deshalb stapelt sie Bauklötzchen. Kleine, hölzerne Scheite, die sie konzentriert auftürmt zu kühner Architektur. Sobald die Türme zu schwanken beginnen, haut Proust sie – wütend wie ein Kind – kaputt; und versucht eine neue Konstruktion. Es geht nicht um Zerstörung – es geht um die Freiheit, Neues zu errichten.
Die Geschlechter- und Rollenbilder in Kunst und Gesellschaft richtig durcheinander wirbeln und dadurch Freiheit eröffnen – das ist das Anliegen der Pariserin Cécile Proust und ihrer Kunst-Projektreihe „femeuses“. Den Abschluss der vierjährigen Serie bildet das einstündige Stück „femmeusesaction #19 final/ment/seule“: Es vereint Videodokumentationen der achtzehn vorausgegangenen Projekte mit einem historischen Abriss über Geschlechterrollen und Feminismus zu einer Kunst-Performance – und ist radikale Provokation zugleich. Die Zuschauer werden aufgefordert, einen Sexualitätsvertrag zu unterschreiben, in dem es eingehend heißt: „Ich verzichte freiwillig auf mein natürliches Mann- bzw. Frausein . . .“ Uraufgeführt vor einem Jahr in Paris, wurde das Stück nun erstmals außerhalb Frankreichs gezeigt: Im Rahmen des Festivals „raw like sushi“ kam Proust ins Pumpenhaus.
In ihrer rasanten Darbietung, einer Melange aus Tanz, Schauspiel und Performance, schreckt Proust vor wenig zurück. Sie schmiert mit weißer Farbe eine Parole an die Wand, parodiert Arnold Schwarzenegger. Die Bühne ist als Installationsfläche gestaltet, Bildschirme dienen als Projektionsfläche.
Die Kommunikation funktioniert jedoch nicht. Cécile Proust präsentiert ihr Programm auf Französisch – für eine internationale Produktion nicht unüblich. Problematisch sind jedoch die Untertitel, denn die Übersetzung ist entweder gar nicht sichtbar oder nicht synchron. Zuschauer fühlen sich vor den Kopf geschlagen. So nehmen sich nur wenige Zeit, in Ruhe die Installation zu erkunden und mit Proust zu diskutieren.

07.05.2009 – Von Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Wilde Meow Meow. Sängerin darf gestreichelt werden

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07.05.2009 – Von Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Wilde Meow Meow. Sängerin darf gestreichelt werden

Berührungsängste scheint sie nicht zu kennen. Sie holt unbescholtene Familienväter auf die Bühne, die ihr beim Umkleiden helfen müssen. Dann lässt sie sich durch die Zuschauerreihen reichen und wie ein gestrandeter Frosch zurück auf die Bühne hieven. Für ihre herzzerreißende Interpretation von „Ne me quitte pas“ besorgt sie sich wieder ein paar Mannsbilder, die sie während des Vortrags umarmen und streicheln sollen.
Spielt mit den Männern: Meow Meow. Ja, sie geht schon auf Tuchfühlung mit dem Publikum, sofern man bei Netzstrumpfhosen und dem knappen Fummel, den sie trägt, noch von Tuch sprechen kann.
Meow Meow (sprich: Miau Miau) ist eine ziemlich exzentrische Person. Als Melissa Madden Grey in Australien geboren und heute in New York lebend, hat sie sich der Kleinkunst mit verschärften Mitteln verschrieben. In ihrem Programm „Beyond Glamour“, mit dem sie am Mittwoch in Münsters Pumpenhaus gastierte, bewegt sie sich irgendwo in der Grauzone zwischen Avantgarde und Ulknudel.
Brecht und Brel
Dabei kann sie wunderbar singen. Mit ihrer kraftvollen und wandlungsfähigen Stimme gibt sie Lieder von Brecht/Weill, Chansons von Jacques Brel, argentinische Tangos und amerikanische Liebesschnulzen zum besten. Allerdings kann sie es auch hier nicht lassen, Quatsch zu machen. So legt sie sich bei einem Brecht-Song mit dem Rücken zum Publikum auf den Boden. Damit die Männer zuhören, statt ihr auf den Busen zu starren, wie sie erklärt.
Videos auf dem Bauch
Später benutzt sie ihren nackten Bauch als Projektionsfläche für ein Video, auf dem sie sich neutönerisch präsentiert, bevor ein gnädiger Bühnennebel alles in friedliches Grau taucht.
Wie immer man zu solchem Spektakel stehen mag – langweilig ist Meow Meow ganz bestimmt nicht. Dafür sorgt schon ihre Unberechenbarkeit. Am besten ist sie allerdings, wenn sie auf Klamauk verzichtet und sich, wie in den Zugaben, aufs Singen konzentriert. Dann bekommt man einen Eindruck davon, was sie wirklich kann. Insbesondere wenn sie am Flügel so virtuos begleitet wird wie von Grammy-Preisträger Lance Horn.

26.03.2009 – Von Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung – Compagnie Flak im Pumpenhaus: Die Körper-Maschine

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26.03.2009 – Von Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Compagnie Flak im Pumpenhaus: Die Körper-Maschine

Bewegungslos wie Statuen stehen sie sich gegenüber, zwei Männer und drei Frauen, alle nur mit einem knappen Höschen bekleidet. Es ist der reine Körper, der hier in Erscheinung tritt. Dann ertönt eine Stimme aus dem Off: „Anatomie eins“, und in die Akteure kommt Leben.
Arme werden gehoben, angewinkelt, die ersten Schritte folgen. Noch wirken die Bewegungen seltsam asynchron. Doch schon bald fügen sie sich in die Abläufe einer perfekt arbeitenden Maschine. Bei dem Tanzstück „Anatomies“, mit dem José Navas und die Compagnie Flak aus Kanada am Mittwoch in Münsters Pumpenhaus gastierten, steht die Komplexität des Körpers im Mittelpunkt. In fünf Durchläufen lotet das Ensemble die Möglichkeiten des Bewegungsapparates aus und erreicht dabei eine Dimension, die tief ins Poetische reicht. Es ist die Geburt des Tanzes aus den Gesetzen der Mechanik.
Schubsen in Zeitlupe
Jeder der Durchläufe beginnt wie eine Lektion aus einem anatomischen Lehrbuch. Allein oder im Zusammenspiel führen die Tänzer die Funktionsweise ihres Körpers vor und steigern sich dabei in immer komplexere Figuren. So vertieft eine der Szenen den Bereich Schultern und Arme, eine andere demonstriert in Zeitlupe die reflexartigen Bewegungen, wenn der Körper angestoßen wird. In Lektion fünf formieren sich die Akteure zu einer Art Laokoon-Gruppe, die langsam zum Leben erwacht.
Das größte Verdienst von Navas’ Choreografie besteht aber darin, dass diese Vorgänge nicht im Abstrakten stecken bleiben. Zusammen mit der Musik des kanadischen Komponisten Alexander MacSween, der elektronisches Rauschen durch abgehackte menschliche Laute rhythmisiert, erzeugen die Tänzerinnen und Tänzer eine stark emotionale, teils ans Mystische grenzende Stimmung.