07.10.2009 – Gerhard Heinrich Kock in den Westfälischen Nachrichten: Auf der Jagd nach der inneren Stimme

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07.10.2009 – Gerhard Heinrich Kock in den Westfälischen Nachrichten
Auf der Jagd nach der inneren Stimme

Münster. „Wer bist du? Habe ich gefragt. Und kurz darauf habe ich dieselbe Stimme sagen hören: Ich bin es! Du bist das? habe ich gesagt, wunderbar!“ – Wer die Grenzen zwischen Wahrheit und Illusion suchen will, der hat sich viel vorgenommen. Das neue Theater DNS will sich in diese verwirrende Welt begeben und das gleich mit dem ersten Stück. „Paradeiser“ heißt es, und die Uraufführung ist am morgigen Freitag im Pumpenhaus.

Hinter dem Etikett DNS verbirgt sich ein Trio. Hier treffen Tanz, Musik und Regie aufeinander: der neoklassisch/zeitgenössische Arbeitsansatz der Choreografin Malda Denana, die narrative elektroakustische Musik Kai Niggemanns und der minimalistische Inszenierungsstil der Regisseurin Ruth Schultz. In der ersten Produktion kommen auch noch Videos von Fabian Kollakowski hinzu. DNS will mit dieser „betörenden Mischung eine eigene Welt schaffen, in der die Grenzen zwischen innen und außen verschwimmen“.

In „Paradeiser“ (Der Österreicher denkt hier selbstverständlich an die Tomate) geht es um „P.“. Das ist die Hauptfigur aus Daniele Benatis surrealem Roman „Amerika gibt es nicht“, in dem alle Nachnamen der Figuren mit P beginnen. „P.“ hat es in die „Mystic Avenue 3847“ verschlagen. Wo genau und wie lange er sich schon dort befindet, gilt es dringend herauszufinden. Sein Weg führt ihn in ein Labyrinth aus Wendeltreppen, durch die Universität und McDonalds-Filialen vor fremde Türen.

In der Inszenierung springen die vier Darsteller (Tänzer und Sprecher) zwischen Innen und Außen, Realität und Scheinwelt hin und her, und jagen einer Stimme nach, die ihre innere sein könnte. Mit dieser Aufgabe betraut wurden Tim Gerhards, Ursina Hemmi, Leena Keizer, und Pascal Riedel.

» Karten gibt es im WN-Ticket-Shop ( ‘ 69 05 93) oder im Pumpenhaus. Uraufführung ist am Freitag (9. Oktober) um 20 Uhr. Nach der Vorstellung am Samstag (10. Oktober) liest Daniele Benati um 21.30 Uhr aus seinem Roman, die Übersetzung liest Pascal Riedel.

02.10.2009 – Von Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Lachen gegen die Angst

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02.10.2009 – Von Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung
Lachen gegen die Angst

Münster. Angst kann viele Ursachen haben. Der eine fürchtet sich vor der Einsamkeit, der andere vor der Dunkelheit, ein dritter vor dem Zahnarzt. Solche Ängste thematisiert das Theater Cactus in seiner neuen Produktion „Mich schaudert“, die in Münsters Pumpenhaus mit großem Erfolg Premiere feierte.
Unter der Regie von Alban Renz gehen acht junge Schauspielerinnen und Schauspieler der Frage nach, woher Angst kommt und wie man mit ihr umgehen kann. Herausgekommen ist eine aufregende Collage, die beim Zuschauer zuweilen Beklemmung auslöst, noch öfter aber befreiendes Lachen.
Ballett der Milben
Zu dramatischer Musik stellen die Akteure Szenen aus Zombie-Filmen nach und erzeugen ein Wechselbad der Gefühle, wenn sich ihre markerschütternden Schreie plötzlich in eine Schlagerparodie verwandeln. Ein anderes Mal formieren sich Schauspielerinnen zu einem komischen Ballett der Hausstaubmilben, bis jemand ihnen per Elektroschock den Garaus gemacht. Die Rolle der Medien bei der Erzeugung von Angst wird ebenso thematisiert wie Vorurteil und Aberglaube.
Ausdruckstanz und Schuhplattler
Die Verbindung von Sprache, Musik und Tanz ist bei Cactus eine bewährte Methode, ernste Themen in jugendgerechter Weise aufzuarbeiten. Bei „Mich schaudert“ funktioniert das besonders gut. Das liegt nicht zuletzt an Judith Suermanns Choreografie. Ihr gelingt es, so unterschiedliche Genres wie klassisches Ballett, modernen Ausdruckstanz und bayerischen Schuhplattler in Einklang zu bringen. K

18.09.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten: Raunen im Publikum: „Was Modernes!“

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18.09.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Raunen im Publikum: „Was Modernes!“

Münster. Tuchfühlung im Theater ist manchmal heikel: Sie kann ein Stück lebendig machen, die Schauspieler zum Greifen nah – aber sie kann auch verschrecken, verstören. Wenn Schauspieler auf Rollwänden durchs Publikum sausen, zentimeterknapp vorbei an den Zuschauern, die mitten im Geschehen auf rumpligen Umzugskartons hocken. Wenn blitzschnell Wege für die rollende Wand freigemacht werden müssen, die Zuschauer sich umpositionieren – immer wieder – und keine Ruhe einkehren kann.
Begonnen hatte es mit einer Box, begrenzt durch Holzwände, in die die Zuschauer eingelassen wurden bei der Premiere von „Blicke Strich Westwärts“ des Ensembles „Herz & Mund“. Unsicher drängten sich die Zuschauer an den Wänden entlang, suchten einen Stehplatz, das Licht verlosch, ging wieder an, das erste Gedicht prasselte von außerhalb der Wände auf die Zuschauer ein, flankiert von Schlägen an die Holzwände. „Was Modernes“, raunt einer der Zuschauer im Pumpenhaus noch – und dann hört das Gedicht einfach auf.
Die Wände öffnen sich, orientierungslos stehen die Zuschauer mitten im Raum, blicken auf ein weiteres Bühnenelement, auf dem die drei Schauspieler Ekkehard Freye, Tim Knapper und Anas Ouriaghli auf den „imaginären Bus 6“ warten – der einfach nicht kommt. Die drei spielen – vor allem sich selbst, denn: Ekkehard, Tim und Anas erobern Rom auf den Spuren Rolf Dieter Brinkmanns. Das Stück ist eine Collage aus Texten des Schriftstellers und Lyrikers, vermischt mit eigenen Eindrücken. Und die Zuschauer dürften sich endlich setzen – auf Umzugskartons, die verstreut mitten in den Raum zwischen die Bühnenelemente gewürfelt sind.
Was Ekkehard, Tim und Anas in dem Stück unter der Regie von Andre Sebastian in Rom erleben, ist ein Puzzle, das kein vollständiges Bild ergibt: Zu sehr nimmt sie die Hektik der Stadt ein, führt sie weg vom Eigentlichen. Derb sind die Bilder, die hier geschaffen werden, obszön und direkt: Ein düsteres Mosaik des Verfalls, der entstellten Erotik, wie ein Gang durchs Rotlichtviertel zeigt, bei dem die Darsteller nicht nur sehr genau beschreiben, was sie sehen, sondern wild Kondome im Publikum verstreuen. Garniert mit derben Begriffen, einer Deutlichkeit, die einen zwiegespalten zurücklässt, flankiert vom stakkatohaften Panik-Kanon der Darsteller, der alle möglichen Arten der Panik ins Gedächtnis ruft, bis hin zur Platzangst, die im Gehirn zerplatzt.
Nirgendwo erscheint der Verfall deutlicher als hier in der Stadt Rom, immer wieder ruft einer der Schauspieler: „Wo wollen sie denn hin?“, doch erwartungsgemäß gibt es keine Antwort, die Kommunikation läuft ins Leere. Andre Sebastian ist ein fragmenthaftes Stück gelungen, das eine wuchtigdüstere Atmosphäre schafft und das Unausgewogene, Zerfallende, Verlorene auf existenzielle Weise ins Leere laufen lässt – den Zuschauern gefiel der wilde Ritt durchs Nirgendwo, wie der rauschende Beifall zeigte.

13.09.2009 – Tänzerische Kuriositäten: Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten

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13.09.2009 – Tänzerische Kuriositäten
Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten

Münster. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, die Köpfe der Tänzer seien im Bühnenboden verschwunden, so akkurat ist der Schulterstand der drei Männer. Von Kopf bis Fuß silbern bemalt, sieht man jeden einzelnen Muskel. Beinahe unbemerkt bewegen sich die drei; in ex–tremer Langsamkeit schieben sie Arme und Beine in Richtung Kopf, bis nur noch die Rücken sichtbar sind – drei silberne Torsi stehen schmerzhaft im Rampenlicht.
„Death 1“ ist der Titel dieser herausragenden Performance, die im Theater im Pumpenhaus zu sehen war. Ko Murobushi brachte mit seiner Company „Ko & Edge Co“ japanischen Butoh-Tanz auf die Bühne, der seinesgleichen sucht. Fantastisch, wie die Tänzer um Atem ringen, wie ihr Zittern durch den ganzen Körper geht. Dramatisch, wie sie fallen und doch immer wieder aufstehen. Der Kampf um den letzten Atemzug könnte nicht kunstvoller dargestellt werden.
Ko Murobushi ist eine von drei Tanzentdeckungen aus Japan, die nun in Münster Premiere feierten – drei Tanzcompagnien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Tanztruppe der Regisseurin und Choreografin Yoko Higa–shino zeigte schnellen, zeitgenössischen Tanz und beleuchtete das Thema Geschlechterbeziehungen. Tänzerisch ist die Truppe „Baby-Q“ durchaus versiert, Dramaturgie und Choreografie überzeugten dagegen weniger. Die Produktion „I am aroused“ reduziert das ewige Thema „Mann-Frau-Beziehung“ weitgehend auf Sexualität, die bis ins Absurde überzogen dargestellt wird. Das ist zwar amüsant, aber bei weitem nicht so originell wie die dritte Produktion des Abends, „Zirkus“, des Natural Dance Theatres unter der Leitung von Shinji Nakamura.

Choreografin Mako Kawano jagt ihre Tänzer in wildem Tempo über die Bühne und zeigt dabei einen kuriosen Mix aus zeitgenössischem Tanz, Ballett, Akrobatik, Jazztanz und Kampfkunst. Eingebettet ist der Tanz, der durch schrille Kostüme und schwungvolle Dynamik geradezu Show-Charakter hat, in eine schmachtende Liebesgeschichte. Dass es um japanische Nachkriegsgeschichte geht, ist aus diesem bunten Treiben schwer ersichtlich. Dafür bringt das Natural Dance Theatre mit Leichtigkeit und Ironie Schwung auf die Bühne, der im verkopften zeitgenössischen Tanz europäischen Stils selten ist.

12.09.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Auswegloses Labyrinth

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12.09.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Auswegloses Labyrinth

Münster. Wendeltreppen führen ins Nichts, Türen verschwinden, Wände bauen sich plötzlich auf und versperren den Weg. Es ist ein Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint, ein kafkaeskes Szenario, von dem man nicht weiß, ob es real existiert oder dem Hirn eines Verrückten entsprungen ist. Das einzig Fassbare ist der Straßenname, „Mystic Avenue 3847“, und eine Stimme, die dem Protagonisten seinen Namen gibt: Joe. Doch ob es sich dabei um Selbstgespräche handelt oder ob das Gegenüber existiert, bleibt bis zum Schluss ungewiss.

„Paradeiser“ ist der Titel des Tanztheaters, mit dem die junge Compagnie „DNS“ im Pumpenhaus debütierte. Der Name setzt sich aus den Initialen der maßgeblich beteiligten Künstler aus Frankfurt, Münster und Essen zusammen: Malda Denana (Choreografie), Kai Niggemann (Musik) und Ruth Schultz (Regie). Zwei Tänzerinnen, ein Tänzer und ein Schauspieler bilden das Ensemble, zwei von ihnen studieren noch an der Folkwang Hochschule, ebenso wie die Regisseurin, Ruth Schultz, die sich für das Erstlingswerk von Daniele Benatis surrealem Roman „Amerika gibt es nicht“ inspirieren ließ.

Der Schwerpunkt liegt weniger auf dem Schauspiel von Pascal Riedel, der viel rezitiert, wenig darstellt, als auf Malda Denanas Choreografie. Immer wiederkehrende Gesten zeugen von Hilflosigkeit und Verwirrung; man rauft sich die Haare, tippt sich an die Stirn, marschiert, rennt. Die Tänzer rollen auf dem Boden, schlagen Haken, zeigen ästhetisch schöne Sprünge oder Pirouetten. Dass die vier Darsteller gleichzeitig den Protagonisten wie auch die ihn umgebenden Figuren mimen, ist klar. Videoprojektionen sorgen für Dopplungen und lassen eine virtuelle Gesellschaft entstehen.

Dramaturgisch lässt „Paradeiser“ an Spannung missen, dafür zeigt das Tanzensemble eine solide Leistung. Mit Abstand am stärksten, auch was Präsenz und Ausdruck betrifft, stellt sich die finnische Tänzerin Leena Keizer dar. Ihr gelingt es, die in Aufruhr begriffene Gefühlswelt des Protagonisten nicht nur in Bewegung, sondern auch in Mimik umzusetzen und sich dabei derart zu wandeln, dass sie mühelos von einer Rolle in die andere schlüpft.

09.09.2009 – Auf Fußhöhe mit den Tänzern: Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten

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09.09.2009 – Auf Fußhöhe mit den Tänzern
Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten

Münster. Das Gesicht der Tänzerin kommt einem so nah, dass man ihren Atem spürt. Sie blickt einem in die Augen, viel zu lange, bis sie sich schließlich dicht am Kopf des Zuschauers vorbei über den Bühnenboden schlängelt. Etwa einen Meter entfernt ragen weitere Köpfe aus dem Boden – einige unbewegt, die meisten kichernd oder zumindest schmunzelnd. Wann hat man so etwas schließlich schon mal erlebt? Auf einem Hocker zu stehen, den Kopf durch ein Loch zu stecken und unter einem Gitter Teil der Bühne zu sein; von Angesicht zu Angesicht mit Fremden, seien es nun Tänzer oder Publikum.
Das Bühnenbild allein reicht schon aus, um fasziniert zu sein von der israelischen Tanzcompany namens „Noa Dar Dance Group“, die im münsterschen Pumpenhaus gastierte. „Tetris“ ist der Titel dieser ungewöhnlichen Produktion aus Tel Aviv, kreiert von Tanzchefin Noa Dar in Zusammenarbeit mit der Künstlerin und Designerin Nati Shamia-Opher. In beispielloser Weise loten sie die Grenzen zwischen Publikum und Tänzern aus, konfrontieren die Zuschauer mit Nähe und Enge, so radikal und unberechenbar, dass der Besuch dieser Tanzvorstellung an Selbsterfahrung grenzt.
Dass es Noa Dar auch um die Durchdringung der Privatsphäre durch die Medien geht, passt zum Konzept, ist jedoch nicht vorrangig. Unvergessen dagegen bleibt das eigenartige Gefühl, instrumentalisiert zu sein. Sei es nun als Gegenstand, den es zu umgehen gilt, weil er wie eine Figur auf dem Schachbrett steht. Sei es als Dekoration oder gar als unbekannter Mitwisser von Beziehungen, die sich aus Liebe und Hass speisen.
Noa Dar lässt ihre sechs Tänzerinnen und Tänzer gewaltsam einander annähern, bis sie sich schließlich gegenseitig über die Bühne hetzen. Wenn das Ensemble mit Tempo über Zuschauerköpfe springt, werden Dynamik und Kraft erlebbar wie sonst selten. Dabei gewährt die Company dem Publikum immer wieder Pausen, wechselt die Perspektive, lässt die Zuschauer unter der Bühne Platz nehmen oder davor. Die Tänzer spielen mit dem Raum, dem sie so viele originelle Möglichkeiten abgewinnen, dass es eine Freude ist, zuzusehen. Auch wenn das Publikum da schon längst wieder auf Abstand gegangen ist.

18.06.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten: Schrägstrichtheater: “Und beim nächsten Mal sind wir bei Dir!“

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18.06.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Schrägstrichtheater: “Und beim nächsten Mal sind wir bei Dir!“

Münster. Auf Partys ereignen sich mitunter sonderbare Dinge. Gegen zu viel Remmidemmi hatten die Mitglieder des Schrägstrichtheaters mit Regeln vorgesorgt: „Keiner darf die Toilettenwände bekritzeln. Keiner darf einem anderen das Leben verleiden. Jeder muss sich vor dem Essen die Hände waschen.“ 13 Menschen mit und ohne Behinderung stehen bei „Um 4 bei Ihr“ auf der Bühne. Am Mittwoch hatte die skurrile Geburtstagscollage Premiere.
Tragik und Komik liegen in dem Stück, das Annette Knuf und Manfred Kerklau inszeniert haben, dicht beieinander. „Ich mag dich“, verkündet einer der Schauspieler mit einem Strahlen im Gesicht. Wieder und wieder. Doch der Adressierte fühlt sich bedrängt, weicht aus. Am Ende stürzen sich die beiden gar wie Stiere aufeinander – statt der Hörner tragen sie bunte Partyhüte. Zwischen allem Tumult stapeln sich die Geschenke, ertönen das Happy Birthday und eine Geburtstagsansprache in einer fremden Sprache.
Das Stück ist so schräg wie das Schrägstrichtheater: Da trägt jemand einen Ghettoblaster über die Bühne, hin und her. Eine andere müht sich mit Geschenkpapierrollen ab, die ihr unter den Armen durchrutschen. Wie Mikadostäbe fallen sie zu Boden, das Aufsammeln kommt einer Sisyphos-Arbeit gleich, fiebrig laufen die Vorbereitungen für den Geburtstag.
Es geht um Zwischenmenschliches, um Kontaktangebote, um die Freude am Miteinander, aber auch um die Reibung, die Gemeinschaft bringt. Annäherungsversuche der Männer an eine der Schauspielerinnen scheitern daran, dass sie nicht raucht und gleich vier Feuerzeuge ins Leere klicken. Ein Heiratsantrag droht im Getümmel unterzugehen, bis sich der Darsteller, der zuvor noch von seiner Turteltaube schwärmte, auf dem Boden wälzt und verzweifelt „bitte, süßer Hoppelhoppelhase“ trommelt – bis nur noch ein verzweifeltes „Hoppel!“ unter dem Tisch ertönt. 
Melodisch ist das Stück wunderbar eingebettet in die Klezmer-Klänge der Gruppe Klanc!, die passend zur Handlung Kontrabass, Akkordeon und Klarinette fröhlich-beschwingt bis tiefschwer-traurig erklingen lassen. 
Als die Darsteller, deren Spielfreude zu jeder Zeit ungebrochen ist, am Ende ihres Stücks dem Publikum verkünden: „Und beim nächsten Mal sind wir bei Dir!“, weiß man nicht so recht, ob man sich freuen oder Angst vor Chaos haben soll. Aber solche Gedanken gehen unter in den tosenden Beifallsstürmen, mit denen die zahlreichen Zuschauer die Premiere feierten.

18.06.2009 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung – Schrägstrichtheater: Nicht zaudern bei der Liebe!

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18.06.2009 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Schrägstrichtheater: Nicht zaudern bei der Liebe!

MÜNSTER Alle sind hektisch mit Festvorbereitungen beschäftigt. Ein Mädchen hantiert mit Dekorationsmaterial, eine ältere Dame hat schnell noch Geschenke besorgt, Kleider werden anprobiert, und zwei Jungs schleppen einen gigantischen Ghettobluster auf die Bühne. Nur das Geburtstagskind sitzt still und erwartungsvoll an der langen Tafel.
Noch ist sie allein und genießt die Ruhe vor dem Sturm. „Um 4 bei Ihr“ heißt die neue Produktion des Schrägstrichtheaters, die am Mittwoch im Pumpenhaus Premiere feierte. Das Besondere an dem Stück ist, dass hier geistig behinderte Darsteller zusammen mit Studierenden der Fachhochschule agieren. Unter der Regie von Annette Knuf und Manfred Kerklau ist so eine bunte, bisweilen ins Groteske reichende, manchmal aber auch anrührende Inszenierung entstanden.
Es beginnt ganz harmlos. Geschenke werden überreicht, die Damen stellen sich und ihren Putz zur Schau. Erste Irritationen treten auf, als die Festansprache in einem Idiom gehalten wird, das keiner versteht, und das Geburtstagskind in Gebärdensprache antwortet. Später spielt eine gut gelaunte Folkloreband zum Tanz auf und wird dabei immer wieder durch Rockmusik aus dem Ghettobluster gestört.
Party-Dynamik
Es ist die typische Party-Dynamik, die das Schrägstrichtheater hier mit Witz und Situationskomik auf die Bühne bringt. Verstärkt wird das Ganze durch Missverständnisse, die sich aus dem unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern von Behinderten und Nichtbehinderten ergeben. So übt einer der Darsteller mit viel Sorgfalt eine Liebeserklärung ein. Als er sie aber vortragen will, braucht er dazu dermaßen lange, dass sich die Angebetete gelangweilt abwendet.
Trotz solcher Szenen wird im Stück nicht mit erhobenem Zeigefinger gearbeitet. Vielmehr steht der Spaß an der Kreativität im Vordergrund. Und der führt unweigerlich zum Happyend. Die Geburtstagstorte bringt alles ins Lot.
Weitere Aufführungen am 20., 21., 23. und 24. Juni um 20 Uhr im Pumpenhaus.

18.06.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Cactus Junges Theater: Das Leben – eine Frage der Balance

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18.06.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Cactus Junges Theater: Das Leben – eine Frage der Balance

Münster – Es sieht aus, als hätten Zelte Beine bekommen. Die Oberkörper in ihrer mobilen Bleibe versteckt, laufen Jugendliche in einer langen Schlange durch Münsters Rathausinnenhof. Marimba-Percussion und treibende, afrikanische Rhythmen verleihen der Eröffnungsszene die passende Dynamik.
„Balance“ ist der Titel dieses interkulturellen Jugendtheater-Projekts, eine ambitionierte Produktion von Cactus Junges Theater unter der Regie von Barbara Kemmler und Alban Renz. In Koproduktion mit dem Theater im Pumpenhaus und der Jugendtheater-Werkstatt sind drei münsterische Hauptschulen beteiligt: die Waldschule, die Fürstenbergschule und die Geistschule, ergänzt durch die Steinfurter Marimbagruppe unter der Leitung von James Cassidy. Rund 65 Schülerinnen und Schüler wirken bei dieser Freiluft-Performance mit, die das persönliche, soziale und gesellschaftliche Gleichgewicht in Zeiten der Globalisierung thematisiert. 
Von der Trennung zwischen Arm und Reich ist die Rede und von Außenseitern. Mal wird ein Glücksrad in Sachen Wirtschaft gedreht, mal skandieren die Darsteller „Kaufen Sie Balance“ oder „Balance für die Welt!“, doch im Wesentlichen geht es um die Jugendlichen selbst. Wenn diese über „Stressmonster“ in der Familie sprechen oder wenn sie sich über falsche Freunde ärgern, können sie schon mal so außer Kontrolle geraten, dass sie die eigene Balance nicht mehr finden. Die Darsteller schauen aus den Fenstern des Rathauses und führen dort Problemgespräche, üben unten auf den Stufen Yoga oder kämpfen mit ihren Zelten im Sturm. Die Dramaturgie ist so quirlig wie die Beteiligten selbst; Cactus Junges Theater erzählt keine Geschichten, sondern wirft Schlaglichter auf die Gesellschaft und ihre jungen Menschen, die sich selbst augenzwinkernd nicht immer ganz ernst nehmen und das Publikum, allem Ernst zum Trotz, amüsieren. Den roten Faden bildet ein Kapitän mit seiner Mannschaft, der sich vorwärts kämpfen muss. Mal treibt es die Truppe nach links, mal nach rechts, mal vor, mal zurück. Und das Publikum geht mit, wandert einmal quer über den Rathausinnenhof und staunt über so viel Darstellungsfreude. Die Balance finden sie übrigens am Ende – durch Glaube und Hoffnung, vor allem aber durch Liebe.
„Balance“: 20. und 21.6., 20.30 Uhr, Rathausinnenhof.

04.06.2009 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: fringe ensemble/phoenix5: Protokolle der Wahrheit

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04.06.2009 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
fringe ensemble/phoenix5: Protokolle der Wahrheit im Pumpenhaus

MÜNSTER. Das Fringe-Ensemble hat im Pumpenhaus Premiere gefeiert mit dem Stück „I said the things you told me not to say“. Kein leichter Stoff.
Wer vor einem halben Jahr beim Fringe Ensemble im Pumpenhaus war, erkennt die schmucklosen weißen Tische vielleicht wieder. An ihnen saß das Publikum damals mit den Schauspielern zusammen, um das Problem der Versöhnung in Konfliktsituationen zu diskutieren.
Die Veranstaltung damals war als eine Art Brainstorming gedacht für die dokumentarische Performance „I said the things you told me not to say“, die am Mittwoch Premiere feierte. Das Stück stützt sich auf Protokolle der Wahrheitskommission in Südafrika, die von Nelson Mandela und Bischof Tutu ins Leben gerufen wurde, um einen Dialog zwischen Tätern und Opfern im Apartheidregime herzustellen.
Terror-Einheit
Es ist kein leichter Stoff, den Regisseur Frank Heuel hier auf die Bühne bringt. Beispielsweise wenn der ehemalige Kommandant einer Anti-Terror-Einheit die ihm nachgewiesenen Morde durch den Verweis auf seine Pflicht als Polizist zu rechtfertigen versucht. Oder wenn die hochschwangere Schauspielerin Laila Nielsen in die Rolle einer Mutter schlüpft, deren Sohn im Widerstand getötet wurde.
Trotzdem wird eine unkritische Emotionalisierung des Publikums verhindert. Das gelingt durch bewährte Mittel wie verfremdetes Sprechen und das Verteilen einer Rolle auf mehrere Darsteller. Justine Hauer bastelt sich einen Kopfschmuck aus Spaghetti, den sie nach und nach verspeist, und Bettina Marugg wirkt bei ihrer Forderung nach „Harmony“ wie eine Mischung aus Cheerleader und TV-Prediger. Für Distanz sorgen auch die an Computer und Harmonium erzeugten Klänge von Gregor Schwellenbach und die von Svenja Pauka pausenlos mit Schlagwörtern wie „Erzählen“, „Vergeben“ oder „Wahrheit“ beschrifteten Zettel.
Gerichtszeichner
Ebenfalls eine tragende Rolle kommt Eduardo Seru zu, der wie ein Gerichtszeichner die einzelnen Szenen auf die Tischplatten überträgt und so den dokumentarischen Charakter der Aufführung betont. Am Ende jedoch greift er zum Hochdruckreiniger. Die Tische, an denen so Furchtbares verhandelt wurde, erstrahlen wieder in unschuldigem Weiß und lassen Hoffnung auf einen Neubeginn aufscheinen.
Weitere Vorstellungen heute sowie am 6., 10., 11., 12. und 13. Juni um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten unter Tel. (0251) 233443.