06.06.2007 – “Du sollst” in der ZEIT

Pressespiegel

 

06.06.2007 – 
“Du sollst” in der ZEIT

Wir Erwachsenen sorgen uns sehr um die Generation, die soeben ihre Geschlechtsreife erlangt. Die Zeitungen empören sich über den Sex der 14-Jährigen: Oralverkehr als Mutprobe vor versammelter Mannschaft, der Darkroom als Partykeller, die Orgie als Wochenendvergnügen. Die Alten fürchten und beneiden ihre Nachkommen: Wie man so hört, begreift diese Jugend Sex nur als eine Methode unter anderen, um auf Touren zu kommen. Wie man so hört, lebt sie nach dem Motto: Die besten Drogen lagern in unseren eigenen Drüsen. Was für eine frivole Generation! Wenn wir uns aber selbst ansehen, probehalber, mit dem Blick eines 14-Jährigen, so muss es uns vor uns selbst bang werden. Wirken die Menschen ab Mitte dreißig nicht wie Versehrte? Wie Veteranen, die nur noch aus ihrem persönlichen dreißigjährigen Krieg, dem Krieg der Geschlechter, heimkehren wollen? Wo die Jungen angeblich die Schwere der Liebe scheuen und sich ins Offene, Unverbindliche retten, da sind die Alten schon zusammengebrochen unter all der Last. Die Liebe ist ihre, unsere Kirche. Sie allein weckt in uns noch den Unsterblichkeitsschauder, der uns angeblich von den Tieren unterscheidet. Sie ist alles, was wir haben. Und so wirken viele Erwachsene, als seien sie im Lauf ihrer Jahre verzweifelt an der Lebensaufgabe, ein liebender und geliebter Mensch zu werden. Navid Kermani, 40, in Köln wohnender deutschiranischer Islamwissenschaftler und Schriftsteller, hat im Jahr 2005 im Ammann-Verlag einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, die von der unaufhörlichen Prüfungssituation handeln, in welche uns dieser Liebesbegriff versetzt. Der Band heißt Du sollst und spielt auf der Basis der zehn biblischen Gebote Situationen des alltäglichen Liebeslebens durch. Kermani wuchtet gleichsam die Gesetzestafeln Gottes in die Schlafzimmer von heute. Er zeigt, wie das Gesetz in unseren Liebesbeziehungen überlebt und unter uns wütet. Das erste Kapitel – Ich bin dein Gott – bietet den Dialog eines Liebespaares. Ein Mann macht sich zum Gott seiner Partnerin: »Sag, dass ich dich ficken soll.« – »Fick mich.« – »Sag, dass ich dein Mann bin.« – »Du bist mein Mann.« – »Sag, dass niemand so gut fickt wie ich.« – »Niemand fickt so gut wie du.« Das zweite Kapitel – Habe keine fremden Götter vor Meinem Angesicht. Mache dir keinen Götzen noch ein Bildnis – erzählt davon, wie ein Mann während des Liebesaktes mit seiner Partnerin sich im Kopf eben doch ein Bild macht: das Bild einer anderen Frau, mit der er eine irreale, aber tiefere Liebe erlebt. Das dritte Kapitel – Erhebe nicht Seinen, deines Gottes Namen zu Nichtigem – belauscht ein Liebespaar dabei, dass der Mann seiner Geliebten verbietet, das Wort »Liebe« zu sagen (denn es ist das höchste Wort, man muss es verschweigen). Kapitel fünf – Ehre Vater und Mutter – berichtet davon, wie Mann und Frau ein Kind zeugen – vorgeblich aus Liebe zu den Eltern, die in ihrem Enkelkind weiterleben sollen. Es kommt zu Verstümmelungen, symbolischen Morden, Folterungen. So untersucht Kermani die Kriegskunst und die Mimikry der Liebe. Nichts ist, wie es scheint; hinter jedem glücklichen Paar tut sich ein grausiges Hinterland aus Wahnsinn, Verrat, Missverständnissen und Einsamkeit auf. In der Liebe geschieht nichts ohne Eigennutz (»dass er sie begehre, hatte er wiederholt, damit sie es ihm endlich sagen würde«), die Umarmung ist eine Falle, und selbst der Orgasmus kann eine Lüge sein, ein Moment der Flucht und verzweifelten Notwehr. Peter Sloterdijk hat die modernen Menschen als »Orgasmusnarren« bezeichnet. Das sind Wesen, die ihr Leben nur noch meistern, wenn sie regelmäßig von Ekstasestromschlägen vorangepeitscht werden. Kermanis Leute sind noch schlimmere Narren: Sie wollen aus den Schlägen, die sie erhalten, eine Sprache herauslesen. Sie wollen den Orgasmus verstehen und sich seiner als würdig erweisen. Sie erkennen den ganzen Liebesbetrieb als ein uraltes Gleichnis, in dem sie nun eben selbst mitspielen und durch das sie hindurch müssen. Der strenge Ernst von Prüflingen ist ihnen anzumerken. Sie fühlen sich, während sie miteinander intim sind, von der ganzen Gattung beobachtet und auf die Probe gestellt. Der Regisseur Stefan Otteni hat mit seinen Dramaturginnen Ina Schott und Sonja Bachmann Kermanis Erzählungen ins Szenische aufgelöst, indem er sie von seinen fünf Schauspielern in verteilten Rollen und Portionen sprechen lässt. Die Figuren des so entstandenen Stücks heißen wie seine Schauspieler: Frank (Büttner), Carmen (Dalfago), Christian (Kerepeszki), Oktay (Khan) und Katharina (Linder). Ottenis fünf Spieler sind typische Vertreter des gängigen »So tun, als spielte man einen Schauspieler, der des Spielens überdrüssig ist«- Theaters: Es sind keine Darsteller mehr, sondern lebende Positionslichter auf einer Textfläche. Schauspieler stellen Figuren dar, die davon gehört haben, was andere Figuren erlebt oder erzählt haben. So entsteht ein Chor der Hörensager, der nicht dabei gewesenen Zeugen und Gerüchtestreuer. Anders lässt sich offenbar über diesen sagenhaften Zustand, die Liebe, nicht reden; spielen kann man ihn schon gar nicht. Was also geschieht? Raunende Rekonstruktion von Verstrickung und Liebesakt: Ein Koitus wird umrundet; ein Orgasmus wird besichtigt. »Dass ihr rechtes Knie zuckte, deutete er als Einladung, es zu liebkosen.« – »Dabei hatte ihr Knie in die Höhe gewollt, um seinen Lippen auszuweichen.« – »Sie ahnte, eine Elle unter seinem Geschlecht, wie es in der Hölle wäre.« So sprechen die zwei Frauen und zwei Männer, die in Unterwäsche auf einem Flokatiteppich lagern, der die Bühne bedeckt. Ein dritter Mann wandert voll bekleidet am Rande des Teppichs. Die Halbnackten haben sich wie Jäger niedergelassen auf die Knie, in die Hocke. Das Tier, dessen Spuren sie lesen und das sie erlegen wollen, ist von Botho Strauß als »das Tier mit den zwei Rücken« bezeichnet worden – es ist das menschliche Liebespaar. Sommernachtstraum, später. Im Zauberwald hat sich die Selbsterfahrungsgruppe niedergelassen. Fein sind die Tonfälle abgestimmt, fließend gehen die Bewegungen ineinander über; dies ist ein todessteriler, sterbensvernünftiger Abend über die Liebe. Körperliche Hitze wird mit den hitzeresistenten Backhandschuhen des Imperfekts angepackt. Nichts kommt mehr frisch aus der Küche, von der ein englisches Sprichwort sagt, man solle sie meiden, wenn man die Glut des Ofens nicht ertrage. Navid Kermani hat in seinen Erzählungen versucht, durch unerbittliche Genauigkeit so etwas wie eine höhere, jenseitige Erotik aufscheinen zu lassen: Wenn wir lieben, treten wir in einen uralten Zusammenhang, in einen heiligen Bezirk, den die Ahnen für uns gerodet und festgetrampelt haben. Verrat und Auslöschung sind bei Kermani so nah und plausibel wie Glück und Ekstase. Oft fühlt man sich, wenn man seine Szenen der Liebe liest, als erlebe man die Momente vor einem Mord. Beispielsweise hier: Mann und Frau liegen nebeneinander im Bett, beide tun so, als schliefen sie, beide sind auf trostlose Weise wach. Der Mann masturbiert, die Frau lauscht und hört seine leisesten Bewegungen. So belauern sich diese beiden nächtlichen Systeme und werden einander zu Feinden. Es herrscht die Diplomatie des angehaltenen Atems, das Elend der verstohlenen Ekstasen. In Stefan Ottenis Theaterversion erleben wir die verstohlenste Ekstase als öffentliche Verhandlung. Wollust wird zu einer schockierend freudlosen Angelegenheit. Umarmung, Kuss, Erguss – all das reiht sich zu einer Kette von weithin sichtbaren Weltraummanövern, zu Andockabenteuern zwischen Wesen, die frei in einem kalten All schweben und fürchten, sie könnten ins Bodenlose stürzen. Otteni macht Ensemblekabarett ein: Man sitzt nebeneinander und spricht lakonisch in den Saal. Zu hören sind vor allem Monologe, Paraphrasen des üblen Männerspruchs, Sex bedeute, in einen anderen Menschen hineinzumasturbieren. Ungefähr 100 Millionen Geschlechtsakte sollen zwischen den Menschen auf der Erde täglich stattfinden, so stand es kürzlich in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Im Lichte von Kermanis Texten las man diese Zahl mit einer gewissen Traurigkeit: 200 Millionen harte Arbeiter, die vergeblich um Erlösung schuften. Wenn man nun noch Ottenis Stück sieht, gewinnt die Zahl eine geradezu schauderhafte Dimension: 200 Millionen, ein Weltchor der nacherzählten Lüste! Was für ein höllisches Geschwätz! Am Schluss dieses Berliner Theaterabends schaltet sich auf dem Kunstrasen, den der fünfte Schauspieler, um einmal etwas Sinnvolles zu tun, im Bühnenhintergrund verlegt hat, ein Rasensprenger an. Eine Fontäne bäumt sich auf zu einem glitzernden, sprühenden Wasserbogen. Der Bogen ist in Ottenis Aufführung das Symbol und der letzte Rest der nichterzählten Welt, das Portal zu jenem Paradies, aus dem wir uns selbst vertrieben haben.

27.05.2007 – Mutoto Chaud: Die Akrobaten aus dem Kongo

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27.05.2007 – Mutoto Chaud: Die Akrobaten aus dem Kongo

Sabine Müller für die Münstersche Zeitung

Akrobatik, Theater und Musik aus dem Kongo: “Mutoto Chaud” zeigt im Pumpenhaus ein neues Bühnenprogramm. Es ist der Auftakt zu einer dreimonatigen Tournee durch Deutschland.

Die Kinder und Jugendlichen türmen sich zu Pyramiden, schlagen Salti. Einige trommeln, singen, tanzen. Ein junger Mann balanciert eine Flasche auf einem Stock, den er nur mit dem Mund hält. Das ist „Mutoto Chaud“.

Die Energie der Akrobatik- und Theatergruppe ist körperlich spürbar. Die 15 Akrobaten sind zwischen sechs und 26 Jahre alt, kommen aus dem Kongo, genau: aus Lubumbashi. Sie sind Ex-Straßenkinder. Die meisten haben ihre Eltern durch die Kriege und Unruhen im Land verloren, leben in einem Internat, das mit Hilfe des münsterschen Vereins Mutoto gebaut wurde. „Mutoto Chaud“ tourt jetzt zum dritten Mal durch Deutschland. Drei Monate lang zeigen sie ihre Künste in 25 Städten zwischen Sylt und Stuttgart. Tourstart ist Münster. Am 1. Juni ist im Theater im Pumpenhaus Premiere.

Körperkunst und Jonglage

„Das sind nicht nur ein paar Straßenkinder, die ein bisschen Theater machen“, sagt Richard Nawezi, Vorsitzender des Trägervereins Mutoto, der seit elf Jahren Kinder im Kongo mit kulturellen Projekten unterstützt. „Die haben richtig was drauf.“ Sie trainieren täglich auf dem Internatsgelände, wollen eine Akrobatikschule bauen.
Ihr neues Programm besteht aus der 40-minütigen Show „Mutoto Anasimama“ (Das Kind ist aufgestanden) mit Körperkunst, Jonglage, Tanz, Gesang und Musik sowie aus dem 40-minütigen Theaterstück „Waldbrand“, das ein ernstes Thema behandelt.

Erzählt wird die Geschichte von Anna, die seit ihrer Geburt Aids hat. Ihre Eltern verschweigen die Krankheit, Anna nimmt Medikamente, ohne zu wissen warum. Als sie 16 Jahre alt ist, wird sie sexuell aktiv, steckt andere an. Ihre Eltern wissen davon nichts.

Aufklären über Aids

Die Schauspieler sprechen auf der Bühne Swahili, es wird simultan übersetzt, doch auch ohne Sprachkenntnisse erschließt sich die Handlung. Basis des Stücks sind Interviews, unter anderem mit Aidskranken, Sozialarbeitern und Ärzten. „Das Stück will sensibilisieren für das Thema“, erzählt Nawezi. „Aids ist eine Krankheit wie jede andere auch, man muss darüber reden und offen damit umgehen“, sagt er.

In Nachbarstaaten des Kongos liegt die Quote der Erkrankten bei 25 Prozent, im Kongo wird es ähnlich sein, doch Krankheit und auch Sexualität sind tabu. „Aids ist aber nicht nur ein afrikanisches Problem“, sagt Nawezi. Auch in Deutschland tut Aufklärung Not. Bei einem Film- und Diskussionsabend im Cinema mit „Mutoto Chaud“ sollen sich Gespräche zwischen Jugendlichen aus dem Kongo und Deutschland entwickeln.

29.04.2007 – Der rote Elvis und sein Comeback

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29.04.2007 – 
Der rote Elvis und sein Comeback

Münster/Berlin (dpa). Die Erinnerung an den Amerikaner Dean Reed, den singenden Cowboy und Weltverbesserer, den “roten Elvis der DDR”, verblasste zuletzt zusehends. Von 1972 bis zu seinem Freitod 1986 lebte der US-Schauspieler und Sänger in der DDR, war Exot und Star zugleich. Derzeit erlebt der einst im Ostblock gefeierte vorzeige-Amerikaner in Drehbüchern und Dokumentationen eine Art spätes Comeback. Nach einem Dokumentarfilm über Dean Reed jüngst auf der Berlinale, dem für diesen Sommer angekündigten Kino-Streifen von und mit Oscar-Preisträger Tom Hanks hat sich nun das kleine Theater “Pumpenhaus” in Münster (Nordrhein-Westfalen) an den ungewöhnlichen Lebenslauf gewagt und am Freitagabend eine Uraufführung auf die Bühne gebracht. “OstCowboy – Das rote Wunder Dean Reed” erzählt die Geschichte des einst umjubelten Sängers, der sich der Liebe wegen in der DDR niederließ: wie er seinem Vaterland, das ihn später zum Deserteur erklärt, den Rücken kehrt, wie er als Sänger in Südamerika Fußballstadien füllt, an der Seite von Chiles Präsident Salvador Allende und später mit DDR-Staatschef Erich Honecker als “Bote für den Weltfrieden” auftritt. Das Zweipersonen-Stück (Inszenierung: Paula Artkamp, Harald Redmer) über den “unbekanntesten Superstar aller Zeiten” aber will mehr. Hauptdarsteller Roger Trash, Sänger, Komponist und Texter aus Münster, fühlt sich als “Seelenverwandter” Reeds und verfolgt schon seit Jahren dessen Spuren. In seiner Doppel-Bühnenrolle als nüchterner Erzähler der Vita und gleichzeitig Abbild des DDR-Mimen werden – musikalisch verstärkt – auch Zerrissenheit, Widersprüche und Tragik des US-Sonderlings im Sozialismus deutlich. “Die Kluft zwischen Anspruch und Realität, das verbindet Dean Reed mit der DDR – bis zum Ende”, heißt es in dem rund einstündigen Bühnenstück. Dem Duo Trash und Serge Corteyn an der E-Gitarre gelingt es, die Brüche des Künstlers “ohne Talent” (Trash) und romantisch verklärten Menschen Dean Reed aufzuzeigen: mit Übertreibungen, romatischen Statements und mehrfachen Wiederholungen ein und derselben Szene. Eingefasst werden die Dialoge, fiktiven Texte, O-Töne und alten Reed-Songs von einer Leinwand. Dort flimmern in schwarz- weiß mal der Stadienauftritt vor tausenden Fans in Argentinien und mal Reed Gitarre spielend mit Palästinenserführer Jassir Arafat. Eine weitere Hintergrund-Einspielung zeigt Reed als angehimmeltes Pop- Idol auf Berlins Straßen und die Fahnen schwenkende DDR-Jugend. Allerdings: In Münster – sehr weit westlich der einstigen deutsch- deutschen Grenze – dürfte es das Stück schwer haben. Der Name Dean Reed ist in den alten Bundesländern wohl nur wenigen ein Begriff. Auch war die Uraufführung in dem rund 130-Plätze-Haus nicht ganz ausverkauft. “Mehr Dean Reed-Songs wären schön gewesen. Die kennt man ja auch hier”, lautete so das Urteil einer Zuschauerin. Und vielleicht verhilft der weltweit bekannte Amerikaner Tom Hanks dem zuletzt kaum noch bekannten Amerikaner Dean Reed wieder ins Rampenlicht.

11.04.2007 – Hartmann ist der “Totmacher”

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11.04.2007 – 
Hartmann ist der “Totmacher”

Münster. Pitt Hartmann ist der „Totmacher“. Aber ist er auch „Der beste Mensch von Hannover?“ Was die schauspielerische Leistung angeht: ja, ohne Frage. Ansonsten kämpft die neue Produktion im Pumpenhaus vor allem gegen das Image an, ein Remake zu sein. Was ihr nicht immer gelingt. Acht Jahre nach dem sensationellen Erfolg der Freuynde-und- Gaesdte-Inszenierung spielt Hartmann erneut den Massenmörder Fritz Haarmann, der Anfang der 20er Jahre in Hannover 24 jungen Männern die Kehlen durchbiss. Textgrundlage sind damals wie heute die authentischen Protokolle jener Gespräche, die der Psychiater Prof. Ernst Schultze 1924 mit Haarmann führte – und auch die Spielorte sind nicht unähnlich: Der Keller des Pumpenhauses hat genug Gefängnisatmosphäre, und mit 25 Zuschauern ist der Raum so dicht wie damals der Zwinger. Also die gleiche Ausgangslage – und gerade deshalb versucht es Regisseur Andreas Ladwig mit einem ganz anderen Konzept: mehr Inszenierung. Kostüme, Frisuren und Requisiten im Stil der 20er Jahre, Musik und indifferente Klänge, dazu eine Abfolge zahlreicher Szenen: Mörder und Psychiater sitzen am Tisch und unterhalten sich, ein tiefschürfender Satz fällt, zack, Licht aus, neue Szene. Das wirkt mitunter wie in einer Sitcom, lachendes Publikum inklusive. Und man wünscht sich, der Regisseur würde seinen Hauptdarsteller öfter ausreden lassen. Denn Hartmanns Haarmann hat viel zu sagen. Zwar hat Andreas Ladwig eine andere, knappere Textauswahl getroffen, aber für ein solides Psychogramm reicht es. Beängstigend virtuos spielt Pitt Hartmann das winselnde Würmchen zwischen Mitleid heischender Armseligkeit und lauernder Dämonie. Und das Publikum sieht sich in der Haut des überforderten Psychiaters, der über die Zurechnungsfähigkeit eines netten Monsters befinden muss, mit seinen stochernden Fragen aber nicht weiterkommt. Andreas Ladwig spielt selbst den verklemmten Professor, und zwar mit erheblich höherem Textanteil als seinerzeit Zeha Schröder. Aus dem Monolog des Mörders wird ein Dialog, und das tut der Sache nicht unbedingt gut. Zwar gelingt es Ladwig überzeugend, eine Entwicklung darzustellen: Die anfängliche Schärfe des angewiderten Gutmenschen weicht allmählich einer resignierenden Sympathie. Aber bitte: Wer will wissen, wie es dem Psychiater Schultze geht? Die Rolle des „besten Menschen von Hannover“ wird beschnitten, und das ist schade. Nichts für ungut: Hartmann spielt Haarmann – das fordert zwangsläufig einen Vergleich heraus, der zugunsten der älteren Produktion ausfällt. Dennoch ist auch Andreas Ladwigs Fassung der Haarmann-Protokolle spannendes, professionell gemachtes, heftig beklatschtes Kammertheater. Hingehen! Von Mittwoch bis Sonntag (14. bis 18. März, 4. bis 8. April)

29.03.2007 – Begeisterungsstürme

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29.03.2007 – 
Begeisterungsstürme

ELENI MANDELLs Konzert im Frühjahr 2005 war das Erste in der Reihe “Musik, die unsere Techniker lieben” in Münsters feinster Theater location, dem “Pumpenhaus” an der Gartenstraße. Und es war nichts weiter als legendär, glaubt man allen Beteiligten. Selbst MANDELL äußerte in einem Interview mit der “Süddeutschen Zeitung”, dass dies das beste Konzert ihrer damaligen Tournee gewesen sei! Jetzt kommt die kalifornische Schönheit erneut an den Schauplatz ihres Triumphs zurück, mit im Gepäck ihr bis dato positivstes und zugänglichstes Werk “Miracles of five”, mit dem sie sich endgültig vonjeglichen Schubladen verabschiedet, in die man sie hat stecken wollen: Was zu Beginn ihrer Karriere noch deutlich rauh und gebrochen daher kam(in etwa vergleichbar mit P. J. HARVEY und LISA GERMANO), entwickelt nuneinen ganz eigenen Charme: Lasziver bar jazz, echter country (nix mit”alternative” oder “lo-fi” oder so), blues und Americana verquirlt MissMANDELL zu einer Mischung, die einfach jeden Zuhörer betört, wobei ELENI weiterhin zwischen allen Stühlen sitzt: Den JOANNA NEWSOM vergötternden indie kids ist sie gar nicht erst bekannt (weil zu “alt” und zu wenig “indie”), und der “Rolling Stone” lesende Rock-Machismo, der lieber eine gefügig-säuselnde NORAH JONES anglotzen möchte, kommt mit ihrer Diva-Attitüde erst recht nicht klar. Gut so. Denn hier tritt jemand vor das beste (weil aufmerksamste und leiseste) Konzertpublikum Münsters, der keinerlei durchgesessenen Stühlebraucht, um es sich bequem zu machen: Die zwischen TOM WAITS und der L.A.-Punk-Legende X aufgewachsene ELENI MANDELL ist schlichtweg eine Göttin, ausgestattet mit einer ungeheuer variablen Stimme, die über jeden Vergleich erhaben ist. Ihre background band ist ein mit zweiAusnahmemusikern besetztes Duo, bestehend aus dem in Fairbanks, Alaska(!!!), aufgewachsenen KEVIN FITZGERALD (seit 2000 Schlagzeuger bei der legendären Los Angeles-!!!hardcore!!!-Institution CIRCLE JERKS (ja, kein Scheiß!)) und dem aus Pendleton, Oregon, stammenden, wirklich überragenden, Kontrabassisten RYAN FEVES.

29.03.2007 – Eleni Mandell: Groß, großartig, grandios

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29.03.2007 – 
Eleni Mandell: Groß, großartig, grandios

Eleni Mandell Wer sich mit dem etwas sprunghaften Stil und dem mitunter nur mittelprächtigen Songs von Eleni Mandell noch nicht so recht anfreunden konnte, bekommt mit „Miracle of Five“, dem neuen Album der Singer-Songwriterin aus Los Angeles nun die unwiderstehliche Einladung, in ihr Fan-Lager überzulaufen. Okay, die Stimmung ist durchweg eine großer Ruhe und Bedächtigkeit, verhalten das Tempo, akustischer Bass treibt träge, Besen streichelt schlapp die Felle, eine Orgel dudelt verträumt vor sich hin , eine Geige segelt im Gleitflug, eine Pedal-Steel-Guitar schluchzt leise. Wunderschön. In diesem samtigen Ambiente aus sanftem Country- Balladentum, verzückten Americana-Sehnsuchtsmelodien und jazziger Elegance verströmt Eleni Mandell mit ihrem verführerischem Gesang ein so betörendes Charisma, das stille Schauer des Entzückens den Rücken runterrinnen.Große Songs, großartig gesungen, grandios gespielt. Hoffen wir auf einen bestuhlten Saal im Pumpenhaus. Da kann man besser träumen.

04.03.2007 – Menschen im Getriebe des tristen Alltags

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04.03.2007 – 
Menschen im Getriebe des tristen Alltags

Olga Pona und ihre Tänzer erzählen im Pumpenhaus von Liebe, Entfremdung und Angst Münster. Leise rieselt der Schnee. Wie eine tröstliche Decke legt er sich auf die zu Eissäulen erstarrten Tänzer. Mit ihren gehäkelten Kopftüchern und den riesigen Filzstiefeln sehen diese aus wie bunte Babuschkas. Russland – ein Wintermärchen? Ein Russland im Zauberschlaf des ewigen Wartens? Olga Pona wäre nicht Olga Pona, wenn ihr finales Schneekugel-Idyll im Pumpenhaus nicht frostig und wärmend zugleich hereingeschneit käme. Es trügt und tröstet zugleich. Wie immer, wenn die russische Choreographin vom Ural die Befindlichkeiten ihrer sibirischen Heimat in surreale Bilder bettet. Wenn sie den rauen Alltag poetisiert und transzendiert als blinzle Meisterregisseur Andrej Tarkowskij mit durch jenes Fenster, dessen Permafrost drei Frauen in einer früheren Szene mit fratzenhafter Attitüde von der Scheibe wischen. Komisch sehen sie dabei aus und dennoch schrecklich verloren. Wie die drei Tänzerinnen, die dem Bungee-Seil entfliehen wollen. Immer wieder schleift es sie zurück. Fliegen ist zwecklos, Bruchlandung programmiert. Vergeblicher Aufbruch in eine bessere Zukunft oder Flucht? Pona hält solche Fragen spielerisch in Schwebe. In „Waiting“, dieser Tanz gewordenen Überlebensstrategie, ebenso wie in „The other side of the river“. Auch hier spricht Pona weder von Hoffnung noch von Botschaften. Pona erzählt. Von Liebe, von Entfremdung und von Angst. Immer wieder wird der Warteraum zum Maschinenraum. Und die Tänzerinnen und Tänzer des Chelyabinsk Contemporary Dance Theater zu geheimnisvollen Automaten, deren Bewegungen, angetrieben von den hektischen Atemstößen, den mechanischen Rhythmen der Musik, wie Zahnräder ineinander greifen. Man fühlt sich erinnert an Charlie Chaplin, wie er in „Modern Times“ ins Getriebe der Neuzeit gerät, zerquetscht zu werden droht und dann auf wundersame Weise empor getragen wird. In Ponas janusköpfigem Kosmos, in dem nichts mehr zurück kann, wo es herkommt, aber auch nie dort anlangt, wo es hin will, scheint jede Zuneigung gleichzeitig Abstoßung, jede Umarmung ein Bekriegen, jede Hingabe Widerborstigkeit zu sein. Jede subtil sich wandelnde Gruppierung dieser ineinander verhakten Körper ist nur ein ebenso hartnäckiges wie vergebliches Aufbegehren. Auf Bügel- oder Rollbrettern fliehen die jungen Männer aus der Tristesse des Alltags. Doch es bleibt ein Ausbruch in der Fantasie, ein Wodka geschwängerter Traum. Wie jene Ballnacht in geborgten Kleidern, die aus den armen Schluckern in der Wäscherei enthemmte Partylöwen auf einem anachronistischen Relikt der Zarenzeit macht. Doch hinter dem feurigen Don-Kosakenritt rollt dampfend das Bügeleisen in den nächtlichen Spot.

25.01.2007 – Deutschland, uneinig Theaterland

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25.01.2007 – 
Deutschland, uneinig Theaterland

Münster. Was die beiden Herren über die Unterschiede zwischen Kino in Ost und West erzählen, ist klug, differenziert und aufschlussreich. Dass sie ihre Ausführungen mit unbeholfenen Tanz- und Gymnastikübungen begleiten, wirkt allerdings befremdlich. Was man sieht, will nicht so recht zu dem passen, was man hört. Aber das ist eben Theater. Ausgezeichnetes in diesem Fall sogar.Im Westen keine WendeFrank Heuel, Kopf des Bonner Fringe Ensembles, hat für „Geschichten+“ Menschen aus Ost- und Westdeutschland über ihre Wünsche, Hoffnungen und Ängste befragt und das Ergebnis als dokumentarisches Theater auf die Bühne gebracht. Vorgestellt werden sechs sehr unterschiedliche Lebensläufe, bei denen eines auffällt: Für die Protagonisten aus dem Westen hat die Wende so gut wie keine Rolle gespielt, während sie für alle Beteiligten aus dem Osten ein gravierender Einschnitt war.Die mit dem Theaterzwang- Preis 2006 ausgezeichnete Inszenierung bewegt sich zwischen Authentizität und Verfremdung. Das Knistern von Schallplatten untermalt die Kindheitserinnerungen einer älteren Dame, und ein arbeitsloser Werkzeugmacher kritzelt mit Kreide die Bühne voll wie ein Wissenschaftler, der die Weltformel herleitet. Ein Rentner-Ehepaar beschwört sein kleines Reihenhausglück, während ein ehemaliger Fremdenlegionär gut gelaunt von seinem Herzinfarkt erzählt und ein Bier bestellt.„Geschichten+“ zeichnet die Innenansicht einer Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet. Bühneneffekte wie überdeutliche Artikulation, chorisches Sprechen, optische Täuschungen oder die Aufspaltung einzelner Figuren in mehrere Schauspieler erzeugen eine eigenwillige Komik, die aber nie auf Kosten der Interviewten geht. Ein sehenswertes Stück, das Anspruch und Unterhaltung auf originelle Weise verbindet.Helmut Jasn

28.01.2007 – 4.48 Psychose. Von Sarah Kane

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28.01.2007 – 
4.48 Psychose. Von Sarah Kane

Es ist das letzte Stück der Engländerin, die ihr Manuskript zwei Tage vor ihrem Freitod im Februar 1999 im Alter von 28 Jahren dem Verleger schickte. Sarah Kane gehört zu den radikalsten Vertreterinnen des modernen britischen Dramas. Zeit ihres Lebens kämpfte sie mit ihrer manisch-depressiven Erkrankung. Besonders früh morgens machten ihr Wahnvorstellungen zu schaffen, gleichzeitig war dies ein klarer Moment, ganz ohne Einfluss von Medikamenten. Der Wahn in der Klarheit: Um 4.48 Uhr soll die Erlösung kommen. Obwohl sich viele Details ihres Suizids in ihrem Drama wieder finden, sollte es doch nicht zu biographisch aufgefasst werden. Denn das fünfte und letzte Stück ihres Werks steht in logischer Folge und Weiterentwicklung ihres zentralen Stoffes: Vom Krieg an sich zum Krieg in Beziehungen und dann zum Krieg des Bewusstseins. Es geht um Liebe in Zeiten der Zerstörung, um gegenseitige Manipulation und Abhängigkeit. Der Suizid also auch eine – logische – Folge? Der Dramatiker Edward Bond: „Die Mittel, das Unerbittliche herauszufordern, sind der Tod, eine Toilette und Schnürsenkel – und sie sind Sarah Kanes Kommentar zur Bedeutungslosigkeit unseres Theaters, unseres Lebens und der falschen Götter. Ihr Tod ist der erste Tod des 21. Jahrhunderts.“ Simic, 1968 in Tuzla (Bosnien und Herzegowina) geboren und dort schon als Zwölfjähriger in einer freien Theatergruppe, begann 1996 das Regiestudium bei Jürgen Flimm und studierte Schauspiel in Sarajevo. Seine privaten wie künstlerischen Kontakte zur Heimat sind nie abgerissen. In seinem Erzähltheater reflektiert er kritisch die Kunst und die Zeit. Er lässt sich von Neuen Medien und der europäischen Kunstfilmtradition eines Fellini und Tarkovskij inspirieren. 4.48 Psychose. Von Sarah Kane (Branko Šimic, Hamburg), Mittwoch, 31. Januar, 20 Uhr Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, 48147 Münster, Kartentelefon 0251/ 23 34 43, karten@pumpenhaus.de, www.pumpenhaus.de, Kartenvorverkauf MZ-Ticket-Corner, Drubbel 20, Tel. 592 52 52.

25.01.2007 – Gefangen im Dickicht des Lebensplans

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25.01.2007 – 
Gefangen im Dickicht des Lebensplans

Münster. „Ich glaube, wir sind bald durch“, eruiert Uwe mit dem selbstzufriedenen Blick eines Philisters, der seinen Unterrichtsstoff in Rekordzeit durchgepaukt hat. Seine riesige Kreidetafel ist mittlerweile vollgekritzelt. Mit skurrilen Diagrammen, Abkürzungen und Zahlen, mit denen Uwe zuvor nichts weniger als sein Leben zu strukturieren versuchte. Ein Lebensbericht im Schnelldurchlauf, raumgreifend reduziert auf jene „Lebenszeichen“, deren Logik den wild wuchernden Assoziationen seines deutsch-polnischen Schicksals zu folgen scheinen. Man muss stinknormalen Menschen einfach zuhören und sie plaudern lassen. Dann verraten sie einem zwischen all dem assoziativen Wildwuchs ihr Leben. Das wusste nicht nur Ute Diehl, als sie ihre „Fussbroich“-Doku drehte. Auch das Fringe-Ensemble ließ den kleinen Mann nach Herzenslust palavern. Genauer: den kleinen Mann zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West. Heraus kamen die mittlerweile preisgekrönten „Geschichten +“. Geschichten über Deutschland, wie es hofft und bangt. „Das Plus“, weil das Bonner Ensemble diese freimütigen Lebensbeichten auf der Pumpenhausbühne zwar wortwörtlich wiedergibt, diese aber in seine charakteristische Bühnensprache übersetzt. Mit jenen ins Groteske gesteigerten Verfremdungen und Doppelungen, die zu viel Authentizität auf der Bühne erträglich machen und die Konzentration aufs Wesentliche lenken. Und die aus einem kühl kalkulierenden Lebensplaner wie Uwe einen Gefangenen im Dickicht aus chaotischem Pfeildiagramm und streng umzirkelten Wohnungs- Grundriss macht. Dorthin zieht sich Uwe alias Georg Lennarz zurück, wenn er mal gerade keine Spuren auf der Tafel hinterlässt. Seine „Schüler“, die Besucher, folgen ihm und all den anderen Plaudertaschen auf Drehstühlen, wechseln also auch im wahrsten Sinne immer wieder die Perspektive, wenden ihre Blicke auf jene riesige Leinwand, auf der Uwe plötzlich in Vogelperspektive von einer Anekdote in die nächste Banalität zappt. Bis später Bettina Marugg und Laila Nielsen in der raffinierten Projektionskiste von Bühnenbildner Eduardo Seru die doppelte Else geben, die sich naiv ihr Leipziger Allerlei erklärt und dabei ausschaut wie eine geklonte Marionette. Zwischendurch schieben sich immer wieder David Fischer und Laila Nielsen als altes Ehepärchen ins Bild. Das bestärkt sich in seinen Erinnerungen stets mit einem synchronem „Ne“. Dennoch: Regisseur Frank Heuel macht sich nicht lustig. Stets bewahren seine Figuren ihre Würde. Tragisches schimmert durch diese sehr eindringlich und konzentriert dargebotenen biografischen Bruchstücke. Ohne die subtil choreografierten Doppelungen, ohne den wohl dosierten Slapstick, das chorische Durcheinander, ohne die kuriosen Subtexte der Körper wäre das gut zweistündige Geschwätz auch wohl kaum zu ertragen. Nur Hardcore-Fans schaffen schließlich vier Folgen „Fussbroichs“ nonstop?.?.?. Der kühl kalkulierende Lebensplaner Uwe macht aus sich einen Gefangenen im Dickicht aus chaotischem Pfeildiagramm und streng umzirkelten Wohnungs-Grundriss.