26.10.2007 – Hochhaus: Umgekehrte Evolution

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26.10.2007 – Hochhaus: Umgekehrte Evolution
Markus Küper in den Westfälischen Nachrichten 26.10.07

Münster. So langsam und unerbittlich die Dämmerung den monumentalen Wohnblock zunächst ins kitschigste utopische Dämmerlicht hüllt, um es dann klaustrophobisch nah an die kuschelige Matratzengruft der Zuschauer heranzuzoomen, so unaufhaltsam nimmt auch das Grauen aus dem Lautsprecher seinen Lauf. Auch du, lieber Zuschauer, kannst dich ihm nicht entziehen, scheint es zu sagen. Lange bevor die Unheil dräuende Stimme aus dem Off zum ersten Mal „Und vergiss nicht: Auch du bist Hochhaus!“ raunt.
Sie raunt es dreimal in Paul Plampers auch visuell zum Horror-Triptychon aufgemotzter Hörspiel-Adaption von James Graham Ballards fatalistischem Science-Fiction-Roman „High Rise“. Dort degeneriert eine wohlanständige Groß-WG mit vermeintlich besten Vorsätzen im Zeitraffer zu einem Biotop für primitive Lebensformen: Umgekehrte Evolution als einzig mögliches Untergangsszenario in einer derart lebensfernen Umgebung. 

Und auch Plamper seziert den Rückfall seiner Berliner Gettobewohner in die sozialen Strukturen menschlicher Frühzeit als so gnadenlos poetische Klang-Apokalypse, dass sich die wenigen „Mieter“ im Pumpenhaus ihrer perversen, gut dreistündigen Faszination kaum entziehen können. So unmittelbar zieht Plamper sie hinein in die Zimmerfluchten, leeren Flure und Dächer seiner hermetischen Hochhaus-Welt – und erkundet dabei auch die dunkle Seite in jedem von uns.

Was lustig beginnt, muss blutig enden: Und so zelebriert Plamper vom getöteten Vierbeiner bis zum Stammeskrieg entfesselter Kannibalen, vom ersten schnippisch-gereizten Tonfall bis zur infernalischen Gewalt-Orgie den Untergang, das Ende der Zivilisation und der Aufklärung.

Vor den Kulissen von Albert Speers verwahrlostem Germannia-Utopia wird klar: Hier feiert eine dem Untergang geweihte Zivilisation ihr letztes großes Abschiedsfest.

Der Mensch genießt die Katastrophe, in der seltsamen Faszination eines brutalen, primitiveren Lebens, in dem am Ende nur der Stärkste überlebt: die Natur. Dann zoomt sich die Kamera an den Betonklotz heran, zeigt schließlich die „grüne Mütze“ auf dem Dach. Das ist dann doch irgendwie tröstlich.

18.10.2007 – Nacht ein – Nacht aus

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18.10.2007 – Westfälische Nachrichten, Markus Küper am 19.10.07
Nacht ein – Nacht aus

Nacht ein – Nacht aus
Münster. Nachts sind schon längst nicht mehr alle Katzen grau. Auch wenn die Konturen verschwimmen unter Manna Horstings gedämpften Mollklängen am Klavier. Unter ihrer besänftigenden Serenade der verträumten Töne erwachen drei Geschöpfe wie Nachtschattengewächse und machen die Nacht zum Tag. Sie wachen, während das Haupt der Pianistin im nachtschwarzen Tüllkleid längst erschöpft auf die Tasten geplumpst ist.

Schlaflos im Pumpenhaus: Dank „VierPlus“ bekommt die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang eine Stimme, eine Melodie, einen Soundtrack. Traum und Wirklichkeit, Fantasie und Realität – sie verschwimmen in „Nacht 3_6_9“ wie die Trennungslinien zwischen den von nächtlichen Großstadt-Bildern illuminierten Gazestreifen. Denn zwischen boomender Nachtkultur, liberalisierten Öffnungszeiten und der Flexibilisierung unserer Arbeitszeit wird der Alltag mehr und mehr auch zur Allnacht. Davon können der Nachtschwärmer, die Nachtschichtlerin und die Schlaflose wunderbar tagträumen. Nachts, wenn Fantasie und Realität verschwimmen wie Traum und Wirklichkeit in der Scheinwelt jener Schundromane, mit denen sich die immerwache Bankangestellte (Silvia Schwab) allabendlich vergeblich in den Schlaf zu träumen versucht.

Mit geradezu somnambuler Sicherheit taucht das Theaterensemble um Regisseurin Nelly-Thea Köster ein in eine faszinierende Dämmerzone. Wo fledermausartige Sinnsucher (Carsten Bender) sich experimentierend in die Nacht flüchten und einsame Nachtwächterinnen (Vera Molitor) beim allnächtlichen Rundgang mit der Taschenlampe von Zweisamkeit und Sonne träumen. Nacht ein, Nacht aus.

Dass dieses Nachtstück aus den Dämmerregionen menschlicher Psychen nicht zum verschnarchten Tagtraum wird, dafür sorgt vor allem seine aufgeweckte Komik. Denn düstere Melancholie liegt diesen Nachtwandlern ebenso fern wie die Sonne dem Mond. Erst recht, wenn sich ihre Schicksale am Ende auf seltsame Weise in bizarren Phantasmagorien begegnen.

Dann wird die groschenromansüchtige Graumaus vom Bankschalter zum engelsweißen Ritter der unverwundbaren Gestalt und der in die Nacht hinein lebende Sohn eines Würstchenbarons verkauft statt Würstchen Wissenschaft.

Dann steigert sich „Nacht 3_6_9“ ganz und gar ins Hyperbolische. Für soviel Traumtheater tauscht selbst der Tagmensch gern einmal das Sonnenlicht mit dem Kunstlicht. Also ab ins Kreativhaus, wohin sich das Nachtstück von „VierPlus“ am 17. November umbetten lässt.

16.10.2007 – Skol – Cactus Junges Theater

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16.10.2007 – 12.10.2007
Skol – Cactus Junges Theater

Es ist eine gängige Praxis, Missstände mit klugen Sprüchen wegzureden. „Alkohol macht die Birne hohl“ ist ein solcher Spruch. Das ist gut gemeint, funktioniert in der Regel aber nicht, weil solche Sätze ihre Pädagogik wie eine Fahne vor sich hertragen. Und billige Pädagogik ist so ziemlich das Letzte, wofür Jugendliche, die zur Flasche greifen, empfänglich sind. Insofern ist es konsequent, wenn sie den Spruch durch endlose Wiederholung ins Absurde treiben.
In „Skol“ setzt sich das Cactus-Theater mit Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen auseinander. Regisseur Harald Redmer hat Betroffene interviewt und aus den Texten ein Theaterstück gemacht, das in seiner Ausführung ungemein witzig daherkommt, dem Thema aber trotzdem nicht den Ernst nimmt. Dass diese Gratwanderung gelingt, liegt zum einen an der unorthodoxen Herangehensweise, zum anderen am herrlich ironischen Spiel der jungen Darsteller.
Falsches Pathos, das den Zugang zur Wirklichkeit verstellen würde, kommt hier ebenso wenig vor wie ein moralisch erhobener Zeigefinger. Die Schauspieler sprechen die Texte teils im Chor, teils in verfremdeter Rhythmik und immer ohne feste Rollenverteilung. Dadurch entsteht eine kritische Distanz, die den Kopf für sein eigentliches Geschäft freimacht: das Verstehen. Berichte vom Alkohol als Schrittmacher in Sachen Liebe oder als Problemlöser in Zeiten der Globalisierung bekommen so eine ganz andere Dimension.
Da Theater aber auch eine sinnliche Angelegenheit ist, glänzt das Ensemble mit musikalischen und tänzerischen Einlagen. Die Theke wird zur Puppenbühne, aus den Namen von Cocktails machen sie konkrete Poesie und aus Gene Kelly’s „Singing in the Rain“ eine gymnastische Übung.

30.09.2007 – Synchronisation der Fluchtwege – Festival Beyond Belonging im HAU (Hebbel am Ufer, Berlin)

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30.09.2007 – Irene Grüter in den “Nachtkritiken”
Landschaften – Synchronisation der Fluchtwege – Festival Beyond Belonging im HAU (Hebbel am Ufer, Berlin)

Wieviel Inszenierung verträgt die Wirklichkeit?  
Mit dokumentarischem Theater ist es wie mit Kriegsfotografien: Meist geht es um Inhalte, die nur ein Minimum an Inszenierung vertragen. In „Landschaften – Synchronisation der Fluchtwege“ erzählen eine Frau und zwei Männer aus Bosnien und Herzegowina über ihre Flucht nach Deutschland, als vor 15 Jahren überraschend der Krieg begann.

(…) Drei Mikrophone plus Notenständer stehen vor einer breiten Leinwand. In Videoaufzeichnungen treten die Akteure in den Zeugenstand und erzählen in ihrer Muttersprache (…) über die Zeit Anfang der 90er Jahre. Unter diesen filmischen Porträts stehen die leibhaftigen Protagonisten und übersetzen simultan ins Deutsche. Der Kunstgriff dieser Anordnung: Die Live-Übersetzung stammt nie von demjenigen, der gerade im Video erzählt. Das schafft eine angenehme Distanz zum sehr Persönlichen dieser Geschichten und umschifft (…) die Klippen des Betroffenheitstheaters (…) Wann haben sie erkannt, dass der Krieg tatsächlich begonnen hat? Als bei einer Demonstration erstmals auf Menschen geschossen wurde, sagt Branko Simic, damals Schauspiel-Student in Sarajevo. Als die Einberufung zum Wehrdienst kam, sagt Jons Vukorep, der gerade an seiner Mappe für die Kunsthochschule arbeitete. Als der Lippenstrift „Samantha Nr.17“ nicht mehr erhältlich war, sagt Vernesa Berbo. Im Zentrum aller Berichte steht das ungläubige Staunen darüber, dass es tatsächlich zu einem militärischen Zusammenprall kommen konnte. Die Zerstörung des pulsierenden Sarajevos war für die damals Jugendlichen unvorstellbar. Überstürzt verließen sie ihre Heimatstadt, kamen über Umwege nach Deutschland und brauchten eine Weile, um zu begreifen, dass sie hier als Flüchtlinge galten.
Lachen statt Melo
Inhaltlich gleichen sich diese Geschichten, nicht aber die Art, darüber zu erzählen. Branko Simic, der den Abend konzipiert hat, berichtet zurückhaltend, Jons Vukorep fast abwehrend. Vernesa Berbo hingegen schildert die Ereignisse, als wäre sie die Protagonistin eines Schelmenromans. Die professionelle Schauspielerin präsentiert die schicksalhaften Momente ihrer Flucht so komisch wie die abenteuerlichen Höhepunkte eines Jugendbuchs (…) Einerseits schafft der schwarze Humor eine wohltuend unsentimentale Atmosphäre, andererseits schürt ihre Art, Spannung in die Erzählung zu bringen, ein Gefühl von unlauterer Sensationslust. Gebannt wie ein Kind, das vor dem Einschlafen eine Gruselgeschichte erzählt bekommt, hört man ihren Berichten über Blutflecke auf den Straßen und Hungerattacken zu (…)

26.09.2007 – Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau

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26.09.2007 – Rührende Debatte in der Rabatte. Ein Theaterstück über die Willensfreiheit.
Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau

Die Neurophysiologie liefert im Augenblick die beste Unterhaltung. Ihr fällt es zu, all jene mit Argumenten auszustatten, die von ihrer Anschauung des Lebens zu dem Schluss geführt wurden, dass menschliches Verhalten festgelegt ist – und insoweit die Atomisierung der Vorstellung von Willensfreiheit begrüßen. Oder um es mit Michael Gazzaniga zu sagen: “Wir sind die letzten, die erfahren, was unser Gehirn vorhat”. Was auch immer man Deterministen entgegen hält, es klingt nach Pfeifen im dunklen Wald.

Auf Reizworte dieses Kulturstreits reagiert Heike Scharpff in ihrer mit dem Künstlernetzwerk “klimaelemente” in den Frankfurter Mousonturm gebrachten Produktion “kopf oder zahl”. Zum abschlägigen Bescheid in den Raum gestellt wird eingangs die Frage: “Ist der Mensch wirklich ein freies Wesen?” Die Protagonisten scheinen aus einem von Inna Wöllert angelegten Kunststoffpflanzenfeld herauszuwachsen. Die Debatte in der Rabatte läuft nicht zuletzt auf eine Überprüfung der Klangwerte einer Pioniersprache hinaus. Die Rede ist vom limbischen System und von Basalganglien. “Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun”, heißt es. Eine Hacienda-Schönheit (Manuela Weichenrieder) spielt dazu Gitarre. “Es kann nicht sein, dass alles nur Chemie und Physik ist”, barmt eine Kringelglatze (Philipp Sebastian).
Nun findet eine Verschiebung der Pflanzenbatterie statt. Immer wieder legt man aufeinander an, mit Zündplättchenpistolen. Ständig wechseln die Schauspieler ihre Rollen, so dass der grasgrün auftretende Klaus Gramüller sich einmal auch als US-Präsident in der (als klassisches Dilemma bekannten) Lage befindet, über die zur Rettung vieler erforderliche Inkaufnahme des Todes einiger entscheiden zu müssen. Beate Reker assistiert, mit neurotronisch aufgerüsteter Badekappe.
Das Thesenstück verbindet die Ratlosigkeit und Abwehr der Seelentaucher auf intelligente und widerständige Weise mit neuen – eine metaphysische Dimension des menschlichen Seins auch nur wieder neuronalen Prozessen zuordnenden – Einsichten. Berührend ist der vom Ensemble kunstvoll und halb im Verborgenen aufgebaute Abstand zum Bioautomatentum. Zwar zweifelt man am alten Menschenbild, doch mag man es nicht aufgeben, und sei es nur der Liebe wegen, die in die neurophysiologische Tonne zu kloppen man ganz einfach nicht fertig bringt.

10.09.2007 – Spielzeiteröffnung mit Diskothek

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10.09.2007 – Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger vom 27. August 2007
Spielzeiteröffnung mit Diskothek

Von Achim Lettmann
MÜNSTER Dumpf dröhnen die Bässe. Hart drängen die Beats. Dunkel lockt der Theaterraum des Pumpenhauses in Münster, der von Techno-Musik erfüllt ist. Hier im Schattenreich wohnen die Hoffnungen, die Sehnsüchte, die die Disco in den 70er Jahren kommerzialisiert hat. Wer kennt sie nicht, die Lichter über der Tanzfläche, den DJ, der die Menge aufmischt, die Schönen der Nacht und die heftigen Abstürze am Rand der Vergnügungshöhle?
Elf Jugendliche des Jungen Theater Cactus haben mit Regisseur Alban Renz eine Collage zum Thema Nachtschwärmer erarbeitet: „Diskothek“. Statt linearem Erzählstrang, der unweigerlich auf irgendein Paar zuläuft, hat das Junge Theater Cactus Eindrücke gesammelt. Typen konturieren das Spielfeld: Die Alleinerziehende mit wippendem Tanzstil, der nette Gläsersammler, die besoffene Tusse, das schlampige Handygirl, der Sonderling im Jackett (ohne Freundin, natürlich). Das ist gut beobachtet und wird mit hohem Wiedererkennungswert gespielt.
Regisseur Renz verzichtet auf eine straffe Dramaturgie. Die Jugendlichen formieren sich immer neu. Die Bühnentreppe (Kaspar Wimberley, Reiner Holthues) lässt sich schnell zerlegen. Mal als Podest, mal als Aufgang fürs ganze Ensemble. Das Junge Theater Cactus setzt zu kurzen Dialogen an und persifliert Musikstile: Bei „Gothik“ liegen sie am Boden und stöhnen, „Reggae“ versetzt alle ins Schaukelkoma und „Hip-Hop“ wird zum Motherfucker-Battle. Mit Inbrunst und Ironie werden diese Spiel-Intros dargeboten. Dazu bieten Monologe Wissenswertes über die Musikrichtungen. Ein Teil unserer Musikkultur wird so lässig aufgespießt und wie im Quiz (oder Schule) behandelt.
Eine Geräusch-Kulisse klingt zum Thema Toilette an (Gürtelschnalle klappert, Strullgetöse, Kotz-Gedröhne), das es schon ein bisschen riecht. Aber was wird hier getuschelt? Trennung, Verrat, vergebliche Liebe, Ignoranz – die Elf von Cactus halten die Spannung hoch und machen neugierig auf ihre Nachtschwärmer-Szenen. Das ist ulkig, gewagt, nachdenklich, sensibel und erstaunlich. Die „Diskothek“, wie wir sie kennen, mit ein paar sehr authentisch menschlichen Augenblicken.

30.07.2007 – Richard Nawezi mit Mutoto Chaud im InselCircus auf Sylt zu Gast

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30.07.2007 – 
Richard Nawezi mit Mutoto Chaud im InselCircus auf Sylt zu Gast

Mit ihren akrobatischen Pyramiden reißen 15 junge Afrikaner die Zuschauer im InselCircus in diesen Tagen zu Begeisterungsstürmen hin. Viele Artisten und Musiker aus der Demokratischen Republik Kongo lebten jahrelang unter elenden Bedingungen auf den Straßen der Millionenstadt Lubumbashi. Durch das Projekt Mutoto e.V. erhalten sie nicht nur ein Zuhause, sondern auch Bildung und eine Perspektive. Der Initiator des Sozial- und Kulturprojekts ist Richard Nawezi (50), der die Artistengruppe „Mutoto Chaud“ nach Sylt begleitet hat. Sie sind mit vielen Geschwistern in einem kulturell ambitionierten Elternhaus in Lubumbashi aufgewachsen, haben in Belgien und Münster studiert. Wie wurden Sie wieder in Ihrem Heimatland initiativ? 
Richard Nawezi: Als ich die Demokratische Republik Kongo verließ, gab es Armut, aber kein wirkliches Elend. Bei meiner ersten Reise zurück in den Kongo 1998 hatte sich die Situation dramatisch verschlechtert. Das Phänomen der Straßenkinder war mir aus meiner Jugend nicht bekannt. Jetzt trat es vehement auf. Ich wusste, ich wollte etwas tun. 
Der Kongo gehört zu den ärmsten Ländern, private Entwicklungshilfe-Projekte gibt es nur wenige. Wie hat es mit Mutoto e.V. angefangen? 
Nawezi: Ich lebe in Münster, bin dort in der Theater- und Tanzszene aktiv. Ich habe alle Freunde, Arbeitskollegen und Bekannten mobilisiert, etwas für die Kinder im Kongo zu tun. Zunächst haben wir Heime unterstützt, dann wurden Fischteiche gebaut, die die Ernährungslage verbesserten. Heute haben wir auch ein eigenes Kinderheim. Perspektivisch wird auf dem Gelände ein Schul-, Ausbildungs- und Kulturzentrum entstehen. Dafür brauchten wir natürlich noch dringend Geld. Doch damit nicht genug. „Mutoto e.V“ ist kulturell jetzt schon sehr aktiv. Welche Projekte gibt es? 
Nawezi: Neben der Artistengruppe gibt’s eine Theatergruppe, die beide zum zweiten Mal in Deutschland auf Tournee sind. Der kulturelle Austausch ist ein wesentlicher Gedanke unserer Philosophie. 
Ihre Artisten zeigen ein spektakuläres Können und bekommen sehr viel Applaus. Wie geht es für die Kinder im Kongo weiter? Nawezi: Bodenakrobatik hat im Kongo eine große Tradition und wird noch atemberaubender betrieben als wir es hier zeigen. Unsere begabtesten Artisten unterrichten Kinder in anderen Heimen und werden vom Verein dafür bezahlt. Unsere Kleinsten sind sechs und neun Jahre alt und leben in unserem Heim. Sie werden begleitet, damit sie die Rückkehr in den Kongo verkraften. 
Im InselCircus arbeiten in diesen Tagen Nicaraguaner, Deutsche und Afrikaner auf engstem Raum zusammen. Was bedeuten diese zwei Wochen für Sie alle? Nawezi: Ich bin davon überzeugt, dass solche Begegnungen Welten bewegen. Menschen von drei Kontinenten machen gemeinsam Zirkus… das ist fantastisch! Für meine Leute ist es auch wichtig zu sehen, dass Leben in Deutschland auch einfach sein kann wie hier auf dem Zirkus-Platz. 
„Mutoto Chaud“ ist heute, Dientstag und Donnerstag um 18 Uhr sowie am Mittwoch um 15 und 19 Uhr im InselCircus zu erleben. Mehr Infos über Mutoto e.V. gibt es unter www.mutoto.de. Wer die Arbeit unterstützen möchte: Sparkasse Münsterland Ost, Kto. Nr. 66597, BLZ 40050150.

25.06.2007 – Einmaliger Erstschlag – Die taz über den Manga-Klassiker

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25.06.2007 – 
Einmaliger Erstschlag – Die taz über den Manga-Klassiker

Warum uns die Bombe nicht zusammenbringt, zeigt im Düsseldorfer FFT das Theater-Ensemble “half past selber schuld” mit seiner Inszenierung des Manga-Klassikers “Barfuss durch Hiroshima”. “Brechtianisch”, das haben Sie vermutlich schon mal gehört. Immer wenn es auf der Bühne mal ein bisschen undurchsichtig zugeht und eine politische Aussage transportiert werden soll, geht dieses Wort über die Tastatur. Auch wenn es manchmal ein wenig unpassend erscheint. “Barfuss durch Hiroshima” im Düsseldorfer Forum Freies Theater (FFT) ist so ein Fall. Ein Lehrstück ist es trotzdem. “Seid stark wie der Weizen, wenn man euch niedertritt”, spricht Vater Nakaoka zu seinem sechsjährigem Sohn Gen. Leicht zu beherzigen ist das nicht. Die Nakaokas sind Pazifisten im Japan zur Zeit des 2. Weltkriegs und leiden unter Repressalien der Polizei und willkürlichen Anfeindungen einer den Krieg heroisierenden Bevölkerung. Doch am 6. August 1945 verändert sich das schwierige Leben der Familie Nakakoa erstschlagartig. “Barfuss durch Hiroshima” ist der dritte Bühnencomic des deutsch- israelischen Autorenduos “half past selber schuld” und eine Adaption des gleichnamigen Mangas von Keiji Nakazawa. Der 68-jährige Japaner hat darin den Atombombenabwurf auf Hiroshima verarbeitet – autobiographisch und gleichzeitig allgemeingültig. Durch die Darstellung im Pop-Medium Comic bekommt die Erfahrung der atomaren Zerstörung einen angemessen Platz, anstatt in den Bunkern der Hochkultur für eine erhabene Gänsehaut zu sorgen. Schließlich ist der atomare Schrecken immer noch alltäglich, nicht nur in Japan, wo Zeichner Nakazawa seit langem mit der Leukämie kämpft. Umso besser, wenn die fünf DarstellerInnen sich nicht in letztlich ohnmächtiger Betroffenheit suhlen müssen, sondern eine Stunde lang zu unterhalten verstehen. “Wir sorgen für Frieden und Sicherheit”, singen die beiden Atombomben Fat Man und Little Man im Duett und nur allzu gerne möchte man ihren Harmonien Glauben schenken. Fast so, als hätte es Stanley Kubricks “Dr. Strangelove” und die Pershing II-Debatte nie gegeben. Und wenn Gen für seinen Tenno- kritischen Schulaufsatz Prügel vom Lehrer kassiert, dann nicht ohne passenden Soundeffekt. Die multimediale Umsetzung des Comics mit Cartoons, historischem Filmmaterial und kulleräugigen Puppen ist dabei auch dringend notwendig, um die tragische Geschichte des jungen Gen, der durch die Atombombe nicht nur Vater und Bruder, sondern auch seine neugeborene Schwester verliert, nicht in Rührseligkeit enden zu lassen. Denn eine simple Schuldzuweisung ist nicht das Anliegen der Theatergruppe um Ilanit Magarshk-Riegg und Sir ladybug beetle, sondern die Auflösung manichäischer Denkmuster. Wer dabei nicht mit ihnen ist, ist deshalb noch lange kein Gegner. Präsident Trumans Bekanntgabe des Atombombenabwurfs erscheint angesichts des dargestellten Schreckens zwar als die berechnende Propaganda, die sie war, doch die unnachsichtige Darstellung der japanischen Kaiserherrschaft in den Minuten zuvor macht es schwierig, die Verantwortung für den Atombombenabwurf allein auf Seiten der Vereinigten Staaten zu suchen. Dank dieser Überwindung vermeintlicher Gegensätze ist “Barfuss durch Hiroshima” ein gelungenes Lehrstück – nicht nur handwerklich, sondern auch politisch. “half past selber schuld” wünschen der Welt nicht ganz uneigennützig Frieden” lässt das Ensemble am Ende des Abspanns auf die Leinwand projizieren. Wort drauf. taz NRW vom 11.5.2007, CHRISTIAN WERTHSCHULTE

10.06.2007 – Das doppelte Türmchen

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10.06.2007 – 
Das doppelte Türmchen

“Versunkenes Dorf” heißt Wolfgang Bradens Dokumentarfilm über den selbst ernannten “Totalkünstler” Timm Ulrichs. Der war von 1972 bis 2005 Professor an der Münsteraner Kunstakademie. Der Film zeigt die Realisation von seiner gleichnamigen Architektur-Skulptur in München- Fröttmaning (2004 bis 2006) und wurde am Wochenende in Münster uraufgeführt. Das war kein Zufall. Nach wie vor beschuldigt Ulrichs den belgischen Künstler Guillaume Bijl des Plagiats. Der ist seit 2001 ebenfalls Professor in Münster und ist bei den “skulptur projekten münster 07” vertreten, die Mitte Juni eröffnet werden. Bijls “Archeological Site (A Sorry Installation)” am Aasee nahe des Freilichtmuseums “Mühlenhof” ist eine gefakte archäologische Grabungsstätte als ironisch- poetischer Kommentar auf die Inszenierung von Öffentlichkeit, Kulturtourismus und Freizeitindustrie. Zu sehen ist ein acht Quadratmeter Loch, gut fünf Meter tief in einem Hügel. Darin steht ein versunkener Turm mit Schieferdach und Wetterfahne. Das passt recht gut zu Münster mit seinem nach 1945 pseudo- historisch wieder errichteten Prinzipalmarkt. Als ein spielerisch- künstlerisches “Täuschungsmanöver” kündigen es die Kuratoren der “skulptur projekte” an. Ein Täuschungsmanöver sieht auch Ulrichs, meint das aber ganz anders. Er habe nach seinem Sieg im Wettbewerb des Münchener Baureferats 2004 eine Beschreibung seines “Versunkenen Dorfs” in alle Briefkästen der Kunstakademie Münster gesteckt – auch in den Bijls. Im Schatten der “Allianz Arena” in Fröttmaning errichtete Ulrichs einen Beton-Zwilling der romanischen “Heilig-Kreuz-Kirche”. Die sollte ebenso verschwinden, wie das ganze restliche Dorf, das in den 1950er Jahren einer Müllkippe weichen musste. Die Kirche konnte nach Protesten gerettet werden. Der Atheist Ulrichs errichtete ihren Zwilling als melancholisch-ironisches Abbild eines Fortschritts, der als Müll alte Kultur unter sich begräbt. Die Kirchenskulptur versinkt als “Menetekel” im Berg, tritt aber ebenso als Wiedergängerin des Dorfes aus ihm heraus. Seit gut einem Jahr beklagt Ulrichs in öffentlichen Briefen und einem ergebnislosen Gespräch mit dem Kuratorium der “skulptur projekte” Bijls Skulptur als illegitime Doppelgängerin. Bijl habe schon sein Reitparcours-Hindernis (Schöppingen 1998) abgekupfert und 2000 in Dronten wiederholt. “Das ist auch eine menschliche Enttäuschung”, sagt Ulrichs der taz. Die KuratorInnen der “skulptur projekte”, Kasper König, Brigitte Franzen und Carina Plath, lassen ausrichten: “Keine Stellungnahme von unserer Seite.” Im August 2006 hatte Franzen versinkende Türme noch als “allgemeine künstlerische Ideen” bezeichnet, auf die es kein Copyright gebe. So sieht es auch der angegriffene Guillaume Bijl. Ulrichs Anwürfe seien “langweilig und falsch. Das ist billiger Klatsch”, sagt er der taz. Ulrichs sei in der Kunstszene bekannt dafür, alles immer schon zuerst gemacht haben zu wollen. Seine “Sorry Installation” sei in Kontext, Konzept und Ausführung komplett anders, als Ulrichs “Versunkenes Dorf”. Er habe dessen Pläne nicht gekannt. Ulrichs Arbeit interessiere ihn auch gar nicht genug. Die Filmpremiere am Wochenende war Auftakt einer Reihe im Münsteraner Pumpenhaus mit taz-Autor Andreas Zumach und der Tanzcompagnie “Club Guy & Roni”, die sich ab Anfang Juni mit dem Thema “Öffentlichkeit” beschäftigt. Der Film wurde umrahmt von einem Revival der “legendären” Kunstakademie-Weihnachtsparties mit Timm Ulrichs als DJ. Eine Idee von Pumpenhaus-Chef Ludger Schnieder, um das Ganze augenzwinkernd zu gestalten.

10.06.2007 – „In Münster steht nur der Abklatsch“

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10.06.2007 – Gerhard Heinrich Kock in den Westfälischen Nachrichten
„In Münster steht nur der Abklatsch“.

Münster. Timm Ulrichs ist ohne Zweifel einer der originellsten Köpfe der Kunstwelt und der Akademie. Jetzt macht er Party im Pumpenhaus und „Party“ in der Kunstwelt. Denn der Totalkünstler und emeritierte Professor eben jener Lehrstätte am Leonardo Campus fühlt sich als Opfer eines Plagiators und von Missachtung – ein Opfer mit Selbstbewusstsein . . . „In München ist das Großprojekt – in Münster steht nur der Abklatsch.“ Gemeint ist seine große Architekturskulptur „Versunkenes Dorf“. In Fröttmaning (Nähe Allianz-Arena) platzierte Ulrichs einen Doppelgänger aus Beton der allein verbliebenen romanischen Dorfkirche so im Müllberg, dass das Bauwerk teilweise im Erdreich verschwindet. In Münster hat Guillaume Bijl einen Turm in ein Erdreich versenkt. Dass ausgerechnet Bijl auch einen Turm einbuddelt, wurmt Ulrichs besonders: „Er hat mich bombardiert mit Briefen als er Professor werden wollte, und jetzt kennt er mich nicht mehr . . . Wenn das bei der Bundeswehr passierte wäre, würde man das Kameraden-Diebstahl nennen.“ Er sei maßlos enttäuscht. „Ich habe nie jemanden wissentlich kopiert“, hält er sich zugute. Es könne Gleichzeitigkeiten geben. Aber wenn beide Künstler aus dem gleichen Haus kommen und die Ateliers sogar nebeneinander liegen . . . Sein Selbstbewusstsein gegenüber seinem mutmaßlichen Plagiator hat Ulrichs nicht verloren: „Künstlerisch tangiert mich Bijls Projekt nicht. Mein Projekt ist nicht zu toppen.“ Aber es scheint ihn zu wurmen, dass nun die internationale Kunstwelt nach Münster kommt und Bijls Werk für originär hält. Auch die Beteiligung zweier Professoren an den Skulptur-Projekten findet er befremdlich. „Ich muss nicht dabei sein. Aber früher wurde immer gesagt, es darf kein Künstler aus Münster teilnehmen“ – wegen des klüngeligen Beigeschmacks. Dass seine Kontaktbemühungen mit Bijl vergeblich sind und der Rektor der Akademie Maik Löbbert ihn quasi der „Nestbeschmutzung“ bezichtigte, schmerze. Er arbeite seit fast 50 Jahren als Künstler, engagiere sich seit 30 Jahren für den Künstlernachwuchs und habe wohl mehr als 300 junge Künstler ausgebildet. Einige davon werden sicher zur Wiederauflage der legendären Timm- Ulrichs-Party mit der Uraufführung des Films „Versunkenes Dorf“ kommen – am morgigen Freitag ab 20 Uhr im Pumpenhaus, Gartenstraße 123. Der Eintritt ist frei.