07.12.2007 – Wolfgang Halberscheidt in echo-muenster.de: Hommage an einen Club voller Paradiesvögel

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07.12.2007 – Wolfgang Halberscheidt in echo-muenster.de
Hommage an einen Club voller Paradiesvögel

Zwei Stunden lang: Nischen-Geflüster rauf und runter. Von einem Insider, der früher selbst zu den Wortführern zählte. Deshalb gibt es keinen Besseren, um die Geschichte(n) von damals nachzuerzählen. Damals – in den Achtzigern, als Adam Riese den Tanzpalast Odeon zum Zweitwohnzimmer umfunktionierte.
Dort gingen sie alle ein und aus – die Musiker, Schauspieler, Künstler, Paradiesvögel. Eine geradezu illustre Gemeinschaft. Am Mittwochabend im Pumpenhaus gewährte er einem dankbaren Publikum den Blick hinter die Kulissen der legendären Clubstätte. Viele waren der Einladung gefolgt, um sich von einem Protagonisten der ersten Stunde sagen zu lassen, was einst wirklich geschah. Der konnte, fürwahr, aus dem Vollen schöpfen, konnte jede Menge flotter Storys ausplaudern – etwa die über jenen hitzigen Jüngling, der zur Überraschung der Damenwelt auf den Bühnen stets gern die Hosen abstreifte. Und zum Abitur soll der Luftikus leicht alkoholisiert erschienen sein, trotzdem schnitt er mit Einser-Prädikat ab.
Formvollendeter Flamenco
Oder der andere Lebenskünstler: tanzte auf dem Tisch der Kronenburg-Kneipe formvollendet den Flamenco. So mancher trottete gar morgens nach dem Besuch der Disco gleich zur Schule, schlief dann jedoch übermüdet mit dem Kopf auf der Bank im Unterricht ein. Wilde, bewegte Zeiten.
Riese verstand aber nicht nur amüsant zu berichten: Anhand von Fotos, Cassetten, Schallplatten, Video-Clips rief er den Gästen schön unterhaltsam eine längst vergessen geglaubte Dekade in Erinnerung – und damit Personen, die Münsters Subkultur dominierten. So fuhren El Bosso & die Ping Pongs enthusiastisch auf der Ska-Welle ab, die Fidelen Schwager intonierten aus rauen Kehlen fröhliches Liedgut, Yvonnchen Berger träumte vom großen Karrieresprung, Schringo van den Berg durfte letztlich bei der singenden Herrentorte Helge Schneider anheuern.
Hansdampf in allen Gassen
Mittendrin im Getümmel: der Chronist höchstpersönlich. Punksänger, Discjockey, Showmaster, Hansdampf in allen Gassen – zufällig immer an Stellen präsent, wo just die Action tobte. Auf diese Weise bekam er natürlich die aufregendsten, interessantesten, originellsten Begebenheiten mit. Der Fundus seines schier unerschöpflichen Szene-Wissens.
Dass ein gewisser Götzi-Mausi vor zwanzig Jahren mit dem Depeche Mode-Gassenhauer „People are People“ eine glänzende Cover-Version ablieferte, Rock-Interpret Roger Trash von der berühmt-berüchtigten Schlüter-Truppe auf dem Send kurzerhand nieder gestreckt wurde, Promoter Ossi Münnig die Wolbecker Gymnasiasten-Truppe H-Blockx erfolgreich zu coachen begann, auch dies blieb den Freunden des multimedialen Rückblicks nicht vorenthalten.
Polizeipräsident als Duz-Freund
Darüber hinaus verriet Riese etliche nette Schmankerl: Bruderherz Stefan hat demnach den ehemaligen Polizeipräsidenten schwer beleidigt, duzt sich aber heute mit dessen Nachfolger, Alsmanns Perkussionist Markus Paßlick verdingt sich nebenher als Ideenstifter für das „Zimmer frei“-Bilderrätsel, Entertainer Dr. Ring-Ding gehört zu den wenigen lokalen Zugnummern, die bereits früh aus der „Bravo“ der Leserschaft entgegen grinsten.
Der Stadt-Schreiber hatte die Lesung bis ins kleinste Detail sorgfältig vorbereitet. Hatte das Programm daheim bei Bekannten getestet, die mit der „Ode ans Odeon“ vorher nur wenig anfangen konnten, die Anekdoten-Sammlung dennoch lobten: „Vergnüglich“, „kurzweilig“, „informativ“, lauteten die Kommentare. Das meinten zum Schluss wohl auch die Zuhörer: Sie spendierten Riese reichlich Applaus.
Wer zusätzliche Auskünfte wünscht: In dem von ihm akribisch zusammen getragenen Internet-Lexikon „Was macht eigentlich…?“ sind detaillierte Biografien nachlesbar.
www.echo-muenster.de

06.12.2007 – Ole Cordsen in den Westfälischen Nachrichten: Kuriose Chronik eines Jahrgangs

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06.12.2007 – Ole Cordsen in den Westfälischen Nachrichten
Kuriose Chronik eines Jahrgangs

Münster. Sein Bühnen-Outfit hat zwei Dekaden auf dem Buckel. Es passt noch immer. In erdbeercreme-farbenem Jackett und Rüschenhemd schlenderte Adam Riese am Mittwochabend auf die Bühne des Pumpenhauses. Unter dem Titel „Was macht eigentlich . . .“ warf er muntere Blicke auf Münsters Kultur-Szene der 80er Jahre und die Weiter-Entwicklung von deren markanten Köpfen. Es war ein Spagat zwischen Heute und der guten alten Zeit, als in den Nachbarwohnungen von Münsters legendärem Club „Odeon“ noch die Wände wackelten und das Pumpenhaus in schwer durchschufteten Monaten von Abwasser-Rohren befreit und zur freien Bühne umgebaut wurde.
Seit Jahren spürt Adam Riese in seiner Freizeit Hunderten von Werdegängen nach und sammelt sie im World Wide Web. Im Pumpenhaus durchsauste Riese fast 30 Lebensläufe. Erzählte von Chris Posch. „ChriPo“ mischte in den 80ern als freier Künstler und gefürchteter Kritiker den Kunst-Betrieb auf, heute lebt dieser in Berlin-Kreuzberg und bietet Buddhismus-Seminare mit hochrangigen Lamas an.
Von Josef Zutelgte wurde bekannt, dass der Künstler bis vor drei Jahren in seinem Restaurant „Pfiff“ die Gäste bekocht hat – direkt am einstigen World Trade Center in New York. Rossi Handsley hingegen verkaufe nun Bonsai-Bäume in Köln – nach Jahren als Kamerafahrten-Experte im Filmgeschäft.
Schringo van den Berg, die einst „langsamste Thekenkraft der Welt“ habe Drehbücher mit Helge Schneider geschrieben und erfinde als Gag-Schreiber heute viele der Bilderrätsel für die Sendung „Zimmer frei“. Oliver Froning, der als „DJ Raw“ die Plattenteller kreisen ließ, hat mit dem Techno-Pop-Projekt „Dune“ Ende der 90er Jahre weltweit fast eine Dreiviertel-Million Platten verkauft und ist nun Systemberater für Musik-Software in Ibbenbüren.
Längst vergessen geglaubtes Film-Material grub Adam Riese bei Yvonne Berger aus und zeigte einen Konzert-Werbestreifen für Bergers Band in dem sie mit Strumpfhose und Turnschuhen Rock’n’Roll durchs Wohnzimmer tanzt, in ihrem angeblichen Arbeitszimmer abgeschnittene Schlipse von Fans präsentiert und am Ende unter der Dusche frohlockt. Erst jetzt erfuhr Adam Rieses Mutter Christel, dass der Film einst in ihrer Wohnung gedreht wurde.
Viele der damaligen Galionsfiguren in Münsters Szene hatten sich höchstselbst eingefunden. So wandte sich der Showmaster wie eine lebende Zeitmaschine und Gedächtnis-Stütze grinsend unter anderem an den Schauspieler Pitt Hartmann im Publikum: „Falls Du Dein Leben vergessen haben solltest, ich habe es Dir mal aufgeschrieben.“|www.adamriese.info

30.11.2007 – Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten: Jung, chaotisch und originell

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30.11.2007 – Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten
Jung, chaotisch und originell

Münster. Mit weichen, fließenden Bewegungen durchmisst die Tänzerin den Raum. Schnell und spannungsgeladen ist die Choreografie, die ihr Partner mit rasanter Akrobatik kommentiert. Auf raumgreifende Sprünge folgen auf dem Kopf gedrehte Pirouetten, Tanzstile vermischen sich in einem rasanten Mix aus B-Boying (Breakdance) und dynamischem, zeitgenössischen Tanz.

„Extended Teenage Era“ heißt die Produktion von Samir Akika, die im Pumpenhaus uraufgeführt wurde. Der ehemalige Pina Bausch-Tänzer und Absolvent der Folkwang-Schule widmet sich in seinem Tanztheater, das unter anderem mit dem Pumpenhaus koproduziert wurde, der jungen, westlichen Generation. Besetzt mit hochkarätigen Tänzern erzählt sein Renegade Theatre von (Alb-)Träumen und Visionen Jugendlicher, die, komisch-verzweifelt, nach Handlungsanweisungen und Ordnungsprinzipien suchen, um ihr Leben in den Griff zu bekommen. Was dabei künstlerisch mit Tanz, Theater und der Einspielung von Videosequenzen entsteht, ist ein Potpourri von absurden Szenen, das die junge Generation mit einer großen Portion Selbstironie ins Visier nimmt, gesellschaftliche Schwächen ebenso wie wirtschaftliche Probleme entlarvt und gerade dadurch amüsiert. Etwa, wenn von den „Frühstückern“ die Rede ist, die den Brunch zum Kulturgut erheben – natürlich nur mit Laptop. Oder wenn Ulrike Reinbott von ihrem rudimentären Bad schwärmt und Dawna Dryhorub mit übertriebenem Sprachgestus und Lehrer-Miene erklärt, wie man sittsam und ordentlich an einem viel zu kleinen Tisch sitzt.

Den Rahmen bildet die Selbstdarstellung der Tänzer als sympathisch-chaotische Künstler, die ihre Bühne im Stil einer Wohnungsrenovierung permanent umbauen und dem Publikum als so genannte „B-Besetzung“ einen vergnüglichen Abend jenseits bedeutungsschwerer Sinnzusammenhänge wünschen. Langweilig wird es tatsächlich nie: Schauspielerische Komik wechselt mit hervorragendem Tanz, der zu wummernden Bässen ebenso passt wie zu Franz Schuberts klassischer Musik. Für das Bühnentanzprogramm, das Jugendliche anzieht gab es begeisterten Applaus.

28.11.2007 – Helmut Jasny in der MZ – Tanztheater: Bloß nicht erwachsen werden

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28.11.2007 – Helmut Jasny in der MZ
Tanztheater: Bloß nicht erwachsen werden

Wenn jemand während der Vorstellung fotografieren, den Platz wechseln oder mit seinem Nachbarn flirten wolle, möge er sich keinen Zwang antun. Nur, bitte schön, solle man auf keinen Fall versuchen, irgendeinen Sinn in dem zu finden, was sich auf der Bühne abspielt.

Darauf weist Samir Akika im Prolog zu seinem neuen Tanztheater „Extended Teenage Era“ ausdrücklich hin. Am Wochenende wurde es mit großem Erfolg in Münsters Pumpenhaus uraufgeführt.

Auf der Bühne sieht es aus wie im Hobbykeller eines Heimwerkers. Während ein Teil der Darsteller sich in Tanz und Schauspiel ergeht, bastelt der Rest aus Pappe und Brettern die Requisiten für die nächste Szene. Es sind Sandkastenspiele, bei denen es um die Verteidigung der Jugendkultur gegen die Welt der Erwachsenen geht. Das macht sich auch in der Musik bemerkbar, wenn Klassik mit Reggae konkurriert oder wenn der Papst beim Ratespiel gegen Michael Jackson antritt.

Anti-Tomaten-Demo

Jedes Alter ist ein gefühltes und die daraus resultierenden Lebensentwürfe sind zwangsläufig relativ. Das verdeutlichen die Darsteller, indem sie mit großartiger Geste Szenarien entwickeln, um sie dann in einem Akt von Banalität ad absurdum zu führen. So können sich zwei im zärtlichen Paartanz bewegen, während ein dritter mit monotoner Stimme Arbeitsanweisungen für die Bühnentechniker vorliest. Auch ein unermüdlich kreisender Demonstrationszug gegen Kordhosen und Tomatenschalen zielt in diese Richtung.

Samir Akika und sein hochkarätig besetztes Ensemble verbinden zeitgenössischen Ausdruckstanz mit Breakdance und lateinamerikanischen Standards und führen das Ganze zu einer aufregenden Synthese. Mit hinterhältigem Witz und sich ständig steigernder Betriebstemperatur demonstrieren sie, was modernes Tanztheater vermag, wenn man keine Angst hat, Genres zu überschreiten, und sich auch sonst nicht um Konventionen kümmert.

22.11.2007 – Gerhard H. Kock, Westfälische Nachrichten Pumpenhaus steht atemberaubendes Tanzereignis bevor

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22.11.2007 – Gerhard H. Kock, Westfälische Nachrichten
Pumpenhaus steht atemberaubendes Tanzereignis bevor

Münster – Wenn die vier Filmchen auf „Youtube.com“ nur halbwegs das halten, was sie versprechen, steht dem Pumpenhaus an diesem Wochenende ein atemberaubendes Tanzereignis bevor. Denn im Internet finden sich unter dem Suchwort „Extended Teenage Era“ Szenen, die ab Freitag Live an der Gartenstraße 123 zu sehen si

Samir Akika hat nicht nur Pina Bausch als Mentorin, er gilt als „Tarantino der zeitgenössischen Tanzregisseure“. Für seine neuste Produktion „E.T.E. – Extended Teenage Era“ hat er ein hochkarätig international besetzten Ensemble um sich geschart: den Sieger des Battle of the Year 2007, eine Tänzerin aus dem Wim-Vandekeybus-Ensemble, den Deutsche Meister des Electric Boogie und eine Reihe erstklassiger Schauspieler.

Das Tanztheater geht mit der Frage „Teenager forever?“ dem Peter-Pan-Syndrom nach: Wie viel Jugendlichkeit bleibt beim Erwachsenwerden erhalten, wie viel geht verloren, wie viel will man lassen? In dem Stück geht es um die verunsicherte „Ich-AG-Generation“ der über 20-Jährigen.

„E.T.E“ will ein zeitdiagnostisches Tanztheaterstück sein, will mehr Fragen stellen als Antworten geben. Dieses Offene im Inhalt spiegelt sich in den Formen wider: Die Musik reicht von Franz Schubert über HipHop bis zu italienischem Pop und deutschen Volksliedern. Die Tanzstile sind ähnlich verwirrend vielfältig: Straßentanzstile wie „B-Boying“ (besser als Breakdance bekannt) oder „Popping“ (Roboter-Bewegungen) treffen auf fast schon klassische zeitgenössische Tanzformen der Folkwang-Schule.

Das Bühnenbild und die Objekte entstehen während der Vorstellung im Street-Art-Stil aus Pappe und Baumarkt-Materialien. Überhaupt haben die Tänzer und Darsteller Autobiografisches in die Produktion eingebracht. Das Renegade Theatre von Samir Akika zeigt „E.T.E – Extended Teenage Era“ als Uraufführung am Freitag (23. November) um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen sind am Samstag und Sonntag ( 24. und 25. November) um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten: 23 34 43.

20.11.2007 – Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten „Wir müssen uns bewegen!“

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20.11.2007 – Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten
„Wir müssen uns bewegen!“

Münster. „Hallo, ich bin’s“ – „Wie geht es dir?“ Ein Mann und eine Frau sitzen sich an Schreibtischen gegenüber und kommunizieren via Internet. Per E-Mail offenbaren sie einander gesellschaftspolitische Sorgen, persönliche Obsessionen und sonstige Beschwerden. „Gibt es irgendwelche Heilmittel?“, fragt er. „Wir müssen uns bewegen!“, lautet die Antwort.

„Tonic“, das neuste Tanztheaterstück von Simone Aughterlony, das im Theater im Pumpenhaus als Gastspiel zu sehen war, widmet sich physischen wie psychischen Problemen, die der Mensch heutzutage haben kann. Aughterlony, die sich als charismatische Tänzerin von Meg Stuarts renommierter Company „Damaged Goods“ einen Namen gemacht hat, gilt mittlerweile europaweit als choreografischer Nachwuchsstar. Mit „Tonic“ beweist sie erneut Originalität und Witz. Sie bleibt auch hier ihrem Markenzeichen treu, sprachliche Gedankenspiele mit Mimik und Tanz zu visualisieren.

Mit einer großen Portion Ironie zeichnet die Neuseeländerin, die in ihren Stücken auch stets selbst auf der Bühne steht, ein tragikomisches Gesellschaftsbild, das den Einzelnen hilflos wie orientierungslos zurücklässt.

Die Szenen, die entstehen, wenn Simone Aughterlony ihren Bühnenpartner Nic Lloyd auffordert, den Schreibtisch zu verlassen und aktiv zu werden, sind so absurd wie metaphorisch treffend. Etwa, wenn sie den geltungsbedürftigen Mann dazu bringt, sich von einer hochnäsigen Giraffe in ein putziges Eichhörnchen zu verwandeln oder wenn sie selbst in der Darstellung „emotionaler Inkontinenz“ eine wilde Mischung aus Ballett-Parodie, Fitnesswahn und mächtiger Triebhaftigkeit auf die Bühne bringt. Zum Schreien komisch, wie sie mit weit aufgerissenen Augen ihre Sprudelflasche schüttelt, jederzeit bereit, sie zu öffnen, und dem Publikum dabei bedrohlich nah kommt.

Beeindruckend ist das schauspielerische Talent dieser androgynen Tänzerin. Scheinbar mühelos wechselt sie die Rollen, wandelt sich von einer kühlen, ihren Partner manipulierenden Frau zum schüchtern um Zuspruch heischenden Mädchen, das, wenn es sein muss, mit strahlendem Lächeln wie ein Model posieren kann. So gut das Zusammenspiel mit Nic Lloyd funktioniert, sie bleibt die stärkere Darstellerin, von der man nie genug sehen kann.

14.11.2007 – Ole Cordsen in den Westfälischen Nachrichten UNDERCOVER aus Rotterdam

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14.11.2007 – Ole Cordsen in den Westfälischen Nachrichten
UNDERCOVER aus Rotterdam

Münster. Hinter der Fassade herrscht das Grauen. Im Verborgenen türmen sich Probleme und brutale Entwicklungen. Doch lassen sich die dunklen Geheimnisse nicht endlos wegschminken. In seinem Theaterstück „Undercover“ wirft das Rotterdamer Wijktheater Schlaglichter auf Leben junger Menschen, die unschuldig schuldig wurden. Hilflos verheddert haben sie sich bei dem Versuch, ihre wuchernden Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.
Das niederländische Jugendtheater gastierte auf Einladung des befreundeten Ensembles „Cactus Junges Theater“ im Pumpenhaus zum Auftakt des grenzübergreifenden Theater-Projekts „Neighbourhood – theatre exchange D/NL“.
Gemeinsam mit Jugendlichen aus Problembezirken und der psychologischen Betreuungs-Einrichtung „Riagg Rijnmond“ hat Regisseur Hans Lein „Undercover“ entwickelt. Erzählt werden wahre Lebensgeschichten: das von Shiva zum Beispiel. Mitten in der Pubertät wird sie schwanger. Von einem Arbeitslosen. Ihr Vater holt den Knüppel. Sie büxt aus. In tiefstem Winter. Verliert ihr Kind im Mutterbauch. In völliger Geldnot verrät sie einem Fremden leichtgläubig den PIN-Code ihrer Scheck-Karte, der ihr dafür 15 000 Euro verspricht. Pustekuchen. Plötzlich ist ihr Konto kilometerweit in den roten Zahlen. Willkommen in der Schuldenfalle. Trotzdem umgibt sie sich mit Luxus-Artikeln. Herkunft? Zweifelhaft.
Sie wird erneut schwanger, bekommt die Wehen mitten in einem Coffee-Shop, gebiert auf der Straße, wird von einem Junkie mit seinem Regenmantel zugedeckt. Wenig später sieht man sie nur noch ohne ihr Kind. Sie umgibt sich mit einem schillernden Gewebe aus Lügen. „Ich hab doch nichts Schlechtes getan! Es ist Leben!“, ruft sie aus. Weitere Schicksale werden eingeflochten. Elem kifft sich aus dunklen Gründen um Kopf und Kragen, isst kaum noch. Ihre dunklen Punkte am Hals sind keine Knutsch-Flecken. Merel brüstet sich damit, einer „Freundin“ abartige Mails zu schicken und scheitert beim Versuch, Wundmale zu überschminken.
Hans Lein inszenierte die Geschichten als lose verknüpfte Mischung aus dialogischen Szenen und Monologen, Film-Schnipseln, lebendigen Tanz-Einlagen und selbst gesungenen Songs. Das eigentliche Grauen wurde dabei angedeutet – die konkrete Gewalt blieb der Zuschauer-Fantasie überlassen. Schwierig war mitunter, dem Bühnen-Geschehen und der fremden Sprache zu folgen, deren Übersetzung als Übertitel auf eine Leinwand projiziert wurde. Doch das intensive Spiel des jungen Ensembles ließ die Schicksale auch über Sprachbarrieren hinweg spürbar werden.

01.11.2007 – Die Stille ist ein Geräusch

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01.11.2007 – Thomas Schmitz über das Kurt Wagner-Konzert
Die Stille ist ein Geräusch

„Lambchop“-Frontmann Kurt Wagner betörte das Pumpenhaus

Münster. Wahrscheinlich konnte Parkettverleger Kurt Wagner sie einfach nicht mehr ertragen, all die bigotten Country Songs, die ständig aus den Kofferradios seiner Kollegen quollen. Aber man war schließlich in Nashville, Tennessee, der Welthauptstadt des Country. Unmöglich, dieser Musik ausgerechnet dort zu entgehen. Und doch ist es nun schon mehr als 20 Jahre her, dass Kurt Wagner das vielköpfige Band-Kollektiv „Lambchop“ ins Leben rief, mit seiner Melange aus Country, Rhythm’n’Blues, Soul und Kammermusik die warm-sympathische Alternative zur Folklore-Industrie seiner Heimatstadt.

Kurt Wagners Solo-Konzert zum Auftakt seiner ersten Deutschland-Tournee ohne seine Band wurde somit fast schon zwangsläufig zum Gegenentwurf zum schrillen Halloween-Fest. Fast 300 Zuschauer im ausverkauften, weil bestuhlten, Theater im Pumpenhaus waren zu einem weiteren Konzert der Reihe „Musik, die unsere Techniker lieben“ gekommen und sollten es nicht bereuen.

Auf Wunsch von Wagner eröffnete sein langjähriger musikalischer Freund Nils Koppruch, Sänger der inzwischen aufgelösten Hamburger Alternative Country-Band „Fink“, den Abend. Gewohnt schwarzhumorig, mit ein paar alten Liedern seiner ehemaligen Band und neuem eigenen Material im Gepäck, verlas Koppruch außerdem Nonsens-Gedichte des amerikanischen Kult-Autors Richard Brautigan und coverte Helge Schneider. Kein anderer hat bisher geschafft, was Koppruch so auszeichnet: Den lässigen Duktus eines Johnny Cash ohne Substanzverlust in die deutsche Sprache übertragen zu haben. Unpeinliche deutschsprachige Country- und Folk-Musik ist nicht nur möglich, sondern ergibt tatsächlich Sinn, vor allem dann, wenn man so hinreißend vom Leben der Wanterkant-Bohème erzählen kann wie Nils Koppruch.

Kurt Wagners Konzert stand dann ganz im Zeichen von, wie er selbst nicht müde wurde zu betonen, „neuem und obskuren“ Material. Nur wenige Songs vom letzten „Lambchop“-Album „Damaged“ verirrten sich in sein frenetisch bejubeltes, knapp zweistündiges Set. Neben einer Cover-Version von Leonard Cohens „Chelsea Hotel No. 2“ gab es vielmehr   unveröffentlichte Stücke zu hören, einerseits brandneu und möglicherweise auf dem Weg aufs nächste „Lambchop“-Album. Andererseits aber auch von ihm selbst vergessenes Material aus seinem Singer/Songwriter-Schatzkästchen, das er wie gewohnt sitzend, nur mit seiner halbakustischen Gibson-Gitarre vortrug. Während über ihm eine Wäscheleine baumelte, an die er nach und nach die abgesungenen Songtexte klammerte.

So wurde der Papierstapel vor ihm immer kleiner und die Atmosphäre immer intimer, zumal es sich der ansonsten als wortkarg und zurückhaltend geltende Wagner nicht nehmen ließ, persönliche Anekdoten in sein Programm einzuflechten. Das Publikum dankte ihm mit besonders am Anfang ehrfürchtiger Stille, den Atem anhaltend lauschte man einem atemberaubenden Konzert. Teilweise hätte man nicht nur Stecknadeln, sondern Schneeflocken fallen hören können.

Dass diese unfassbar zarte Kammer-Country-Musik von einem im nächsten Jahr ein halbes Jahrhundert alt werdenden Südstaatler kommt, der mit seiner gewaltigen Hornbrille und tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze aussieht wie ein leicht debiler Trucker, das aber ist das eigentlich Erstaunliche.

31.10.2007 – Fremd und fremdbestimmt

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31.10.2007 – Isabelle Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Fremd und fremdbestimmt

Münster. Glühbirnen an langen Kabeln beleuchten den Boden. Auf ihm liegen Tänzer gekrümmt, beinahe regungslos. Asiatische Musik erklingt. Da versucht einer von ihnen aufzustehen. Wie ein Käfer liegt er auf dem Rücken, reckt Arme und Beine in die Höhe, kämpft, bis es ihm schließlich gelingt, sich schimpfend und würgend zu erheben. Angetrieben wird der Chinese von seinem Oberkörper, der sich Wellen schlagend und zuckend selbstständig zu machen scheint. Seine Bewegungen beginnen sich erst zu kanalisieren, als er auf ein weibliches – europäisches – Gegenüber trifft, an das er sich zu assimilieren sucht. Doch die Anpassung fällt schwer.

„Outlanders“ ist der Titel der deutsch-chinesischen Koproduktion, die im Pumpenhaus gastierte. Antje Pfundtner erarbeitete das Stück im Rahmen eines mehrwöchigen Workshops gemeinsam mit Wen Hui und deren „Living Dance Studio“ in Peking, wo sie sich mit dem Thema des Fremden, Ausländischen auseinandersetzte. Was die Gruppe nach Wochen interkulturellen Austauschs auf die Bühne bringt, sind sowohl ins Komische verzerrte Stereotype wie auch beklemmende Bilder von Unterdrückung und Repression.

So lassen Wen Hui und Antje Pfundtner einen Europäer auftreten, der, anstelle eines Kopfes, einen mit Alltagsgegenständen gefüllten Trichter auf den Schultern trägt. Regenschirm, Zeitschriften und eine elektrische Zahnbürste gehören zu den Dingen, die ihn prägen und die Sicht auf Neues versperren – eine groteske Gestalt, die Chinesen in Erstaunen versetzt und amüsiert. Die Hand vor dem Mund versuchen sie, gewaltsam ihre Emotionen zu unterdrücken, bevor sie sich am Ende auf Knien rutschend und künstlich lächelnd von ihrem Publikum verabschieden und damit gängige Klischees bedienen.

In Kontrast dazu stehen Szenen, die eindrucksvoll an Chinas rigide Verordnungen gemahnen. Unfreiheit und Unterdrückung des Individuums werden deutlich, wenn Toyomi Yusuke mit gebeugtem Rücken immer wieder zu Boden fällt oder Wen Hui ihr Gesicht mit einer Plastikfolie bedeckt und sie geradezu inhaliert. Eine andere Tänzerin stopft sich Mund, Nase und Ohren mit Papiertüchern zu; nur mit Zwang lässt sich Gleichheit erzeugen – bis hin zum stumpfen Lächeln.

28.10.2007 – Zurück in die Zukunft

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28.10.2007 – Markus Küper in den Westfälischen Nachrichten 28.10.07
Zurück in die Zukunft

Münster. Wir schreiben das Jahr 1957. Ein Piepen erschüttert die Welt. Gesendet von einem kleinen künstlichen Weggefährten der Erde, auf Russisch „Sputnik“ genannt. Mit riesigen Cowboyhüten und jeder Menge explosivem Fiction-Trash bewaffnet, machen sich nun sieben Temponauten auf, die Geschichte zurückzudrehen. Ihr Weg führt zurück in die Zukunft. Weil gestern Heute noch Morgen war und der Kalte Krieg noch eine böse Ahnung.
Weil sie auf ihrer Suche nach positiven Zukunftsentwürfen in der Gegenwart nicht fündig werden, erforschen „andcompany & Co.“ die Utopien der Vergangenheit. Das war schon in „Little Red: Herstory“, ihrer cool designten Zeitreise durch die gescheiterten Visionen des Kommunismus so. Und es ist bei „Time Republic“, diesem zeitgemäß zerfaserten Ideologie-Jogging zurück in den Orbit des Kalten Krieges, so. Auch diesmal geht es um die vergessenen Versprechen einer vergangenen Zukunft. Erneut werden jede Menge Fakten und Fiktionen durch den retro-futuristischen Raum gebeamt, dass sich die Pumpenhaus-Bühne krümmt. Und sogar die planetaren Kugelhelme blinken wieder im Takt der ein- und ausgeknipsten Glühbirnen, mit denen sich das Ensemble von einem Zeitzeugendokument zum nächsten sprachmusikalischen Nuklear-Brainstorming buzzert.
Fiktive Besprechungen im Weißen Haus werden da verlesen oder Chruschtschows Erinnerungen. In sehr eigenen Worten erzählen die sieben Performer die Geschichte von Lenin und seiner dreibeinigen Hündin Leika, die beim Gassigehen ballonartig über ihm schwebt und deren Gekläffe wie Sternengesang klingt: Leika in the Sky with Diamonds!

In ihrem politischen Panoptikum aus tanzenden Atomraketen und singenden Kosmonauten schauen sich Kennedy und Yoko Ono, Nixon und Elvis gegenseitig in die Logbücher. Und wenn der gesampelte Ronald Reagan gar seine Rede zum Columbia-Unglück hält, flennt sogar der Mann im Mond silbrige Konfettitränen. Spätestens unter dem discobunten Schein des Lichtorgel-Sputniks aber wird die Raum- und Zeitreise zur artistischen Sprachmusik. Natürlich bleibt auch von dieser „nur“ ein Piepen. Aber immerhin klingt das so schräg wie die sich spiralförmig in den Bühnenhimmel schraubenden Kugellampen leuchten.

Fiktive Besprechungen im Weißen Haus werden da verlesen oder Chruschtschows Erinnerungen. In sehr eigenen Worten erzählen die sieben Performer die Geschichte von Lenin und seiner dreibeinigen Hündin Leika, die beim Gassigehen ballonartig über ihm schwebt und deren Gekläffe wie Sternengesang klingt: Leika in the Sky with Diamonds!

In ihrem politischen Panoptikum aus tanzenden Atomraketen und singenden Kosmonauten schauen sich Kennedy und Yoko Ono, Nixon und Elvis gegenseitig in die Logbücher. Und wenn der gesampelte Ronald Reagan gar seine Rede zum Columbia-Unglück hält, flennt sogar der Mann im Mond silbrige Konfettitränen. Spätestens unter dem discobunten Schein des Lichtorgel-Sputniks aber wird die Raum- und Zeitreise zur artistischen Sprachmusik. Natürlich bleibt auch von dieser „nur“ ein Piepen. Aber immerhin klingt das so schräg wie die sich spiralförmig in den Bühnenhimmel schraubenden Kugellampen leuchten.