11.09.2006 – Pitt Hartmann wieder auf der Bühne

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11.09.2006 – Gerd H. Kock in den Westfälische Nachrichten
Pitt Hartmann wieder auf der Bühne

Münster. Leben ist immer gefährdet. Dass es Leben gibt, ist somit jeden Tag ein Wunder. Dies wird leicht vergessen. Umso größer ist das Erschrecken und zugleich die Freude, wenn ein Leben aus größter Gefahr gerettet wird. Pitt Hartmann wurde am 5. Juli vom Blitz getroffen. Der beliebte münsterische Schauspieler lag zwei Wochen im Koma, war vier Wochen in der Rehabilitation – und wird ab Freitag in Basel wieder mit seinem Erfolgsstück „W./W. Hiller“ auf der Bühne stehen. Bewundernswert. „Im sauerländischen Sundern wurde heute ein 57-jähriger Mann vom Blitz getroffen, als er mit seinem neunjährigen Sohn am Sorpesee unterwegs war“, meldeten am Abend des 5. Juli die Nachrichten- Agenturen. Dieser Mann war Pitt Hartmann. Er könne sich weder an das Ereignis selber noch an den Zeitraum davor erinnern, erzählte der Charakter-Darsteller gestern auf Anfrage den Westfälischen Nachrichten. Nicht mal an seinen Geburtstag am 29. Juni habe er noch Erinnerungen. Aber es war wohl so, dass Hartmann mit seinem Sohn zur Sorpetalsperre gegangen war, um Boot zu fahren. Am Himmel tauchte lediglich eine dunkle Wolke auf. Gleich der erste Blitz hat Hartmann getroffen. Das bedeutete Herzstillstand. Doch Pitt Hartmann hatte Glück und viele gute Helfer. Allen voran sein Sohn, der unverzüglich Hilfe rief. Und ein zweites Mal waren Glück und Helfer nah. Eine Rettungsmannschaft der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) lagerte direkt am See. „Die waren nur zwei Minuten von mir entfernt. Und der Rettungswagen war auch sofort da“, berichtet Hartmann. Dank seiner sportlichen Konstitution hat der gebürtige Sauerländer den Schlag überstanden und wird jetzt aus der Kur in Bad Oeynhausen entlassen, „Inzwischen bin ich 100 Prozent wieder hergestellt“, berichtet der Münsteraner. Rennen und Springen gehe zwar noch nicht so gut, aber er werde auf jeden Fall am Freitag, Samstag und Sonntag in Basel spielen. Und die gute Nachricht für Münster: „Auch im Messias bin ich wieder dabei.“ Das Kultstück im Pumpenhaus über ein humorvoll schräges Weihnachtswunder geht 2006 ins 17. Jahr. Die Wahrscheinlichkeit von einem Blitz getroffen zu werden ist äußerst gering. Sie beträgt nur 1 zu 6?000?000. Ein Lottogewinn liegt da fast näher. Und einen solchen Schlag weitgehend unbeschadet zu überstehen, setzt noch ein großes Wunder drauf. „Wer Pitt kennt, weiß, dass er selbst diese Situation mit trockenem Humor nimmt und sich voller Sportlerstolz wie ’Mr. 80?000 Volt’ fühlt“, heißt es auf der Homepage des Pumpenhauses. Als Gründungsmitglied der „Theaterinitiative Münster“ (TIM) hat er das Theater mit aufgebaut. Er gehört zu den festen Größen der Theaterszene. Der Schauspieler machte gerade eine Probenpause, als das Unglück geschah. Zusammen mit Andreas Ladwig hatte sich Hartmann der Befragung des so genannten Werwolfs von Hannover angenommen. Der Kriminalfall des Fritz Haarmann – verfilmt mit Götz George als „Der Totmacher“ – ist der Stoff für die neue Paraderolle. Die September-Premiere der neuen Produktion muss nun verschoben werden. Auf der Bühne spielt Pitt Hartmann alljährlich im Pumpenhaus das Weihnachtswunder in Patrick Barlows „Messias“. Jetzt überlebte er fast unbeschadet wie durch ein Wunder einen Blitzschlag.

31.05.2006 – Das Absurde im Klassiker

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31.05.2006 – 
Das Absurde im Klassiker

Tausende runder Papierfetzen tänzeln im Rampenlicht, sammeln sich auf dem grau marmorierten Bühnenboden und werden von zwei Schauspielern gnadenlos weggefegt. Blütenblätter sollen das sein, von Kirschbäumen. Denn nicht nur in der Natur schwebt zur Zeit allerlei Buntes durch die Luft – auch das Theater widmet sich dem Frühling. Mit dem “Kirschgarten” von Anton Tschechow bringt das Bonner fringe ensemble pünktlich zur hellgrünen Jahreszeit eine Adaption heraus, in dem viel von blühenden Bäumen die Rede ist, in Wirklichkeit aber nicht nur die Papierfetzen fliegen. Das fringe ensemble? So einfach ist die Sache nicht. Die Inszenierung (Regie: Frank Heuel) trägt den Untertitel “Eine deutsch-lettische Annäherung” und ist eine Koproduktion. Im Rahmen der landesweiten Veranstaltungsreihe “scene: estland lettland litauen in nrw” haben die Gruppe phoenix5 aus Münster und das Theater der lettischen Stadt Valmiera zusammen mit dem Ensemble eine ironisch-groteske, zweisprachige Version des Klassikers erarbeitet, die nach Aufführungen im Bonner Theater im Ballsaal noch im Düsseldorfer FFT, im Pumpenhaus Münster und danach in Lettland zu sehen ist. “Der Kirschgarten” von 1904 ist Tschechows letztes Werk. Der Autor nannte das Stück eine Komödie, doch wirklich witzig ist es in seinem Wechselspiel aus verzweifelter Heiterkeit und lähmender Lethargie nicht: Eine adlige Witwe kehrt aus Paris auf ihr Gut in der russischen Provinz zurück. Das Gut steht unmittelbar vor der Zwangsversteigerung, doch die Witwe und ihre Familie leben weiterhin auf großem Fuß. Eine Lösung wäre, den zum Haus gehörenden Kirschgarten abholzen zu lassen und das Land an Sommergäste zu verpachten. Doch das kommt nicht in Frage – schließlich ist der Garten so berühmt, dass er sogar im Lexikon steht. Andere Auswege werden vorgeschlagen, zerredet, verworfen, doch es passiert – wie so oft bei Tschechow – nichts. Außer dass am Tag der Versteigerung ein glanzvoller Ball im Gutshaus stattfindet. Dann kommt die Nachricht: Ein Geschäftsmann hat das Gut ersteigert – der Sohn eines ehemaligen Leibeigenen der Familie. Draußen fällen Arbeiter die ersten Bäume. Tschechows wenige Jahre vor der russischen Revolution entstandenes Drama enthält Sätze von großer sozialer Sprengkraft. Der in unzeitgemäßen Ritualen erstarrten Adelswelt, deren poetisches Symbol der Kirschgarten ist, stellt der Dichter die Sphäre eines Besitzbürgertums gegenüber, das die Regeln der neuen Zeit bestimmt. Das Thema der zwei Welten bietet sich an für eine Theaterproduktion, die zwei Länder verbinden soll. Bei Tschechow sprechen Adel und Bürgertum nur metaphorisch verschiedene Sprachen – die Akteure bei Frank Heuel tun es tatsächlich: Vier deutsche und vier lettische SchauspielerInnen kommen zum Einsatz in dieser bewusst ins Grotesk-Komische verzerrten Inszenierung, die den angestaubten Klassiker mit Wucht in die moderne Welt des Regietheaters katapultiert. Übertitel begleiten das zweisprachige Bühnenspiel, auch wenn mitunter simultan übersetzt wird oder die Sprachen sich vollends mischen. Feste Rollen gibt es nicht: Passagenweise tragen die Akteure den Text aller Figuren vor, nur der Zusammenhang verrät, wer gerade spricht. Ansonsten lebt die Inszenierung von allem, was zeitgenössisches Theater so ausmacht: geschickt choreografierte Bewegung, schrille Kostümen, der effektvollen Beleuchtung und den immer wieder neuen Kapriolen in der Intonation. Die Zweisprachigkeit ist für die Schauspieler eine riesige Herausforderung, die sie mit Bravour meistern: Stimmig und als Bild sehr beeindruckend wirkt es, wenn der Text die idyllische Vergangenheit auf dem Gut beschwört, während Intonation und Bewegungen die Szene in ein Gebet verwandeln. Ein Abend also, der regietechnisch originell und schauspielerisch ausgezeichnet daher kommt – und der trotz all seiner Sinnlichkeit eher den Intellekt anspricht. Denn ein Sich-hinein-Versetzen ist kaum möglich, wo es keine festen Figuren gibt. Aber vielleicht soll der Zuschauer ja auch eher denken als fühlen. Immerhin geht es um Geld und nicht um Blüten. taz NRW vom 10.5.2006, HOLGER MÖHLMANN

31.05.2006 – Tschechows Kern

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31.05.2006 – 
Tschechows Kern

Im dunklen Gewand begrüßt der Schauspieler David Fischer die Zuschauer. Er erklärt, welchen Kunstgriff sich die Theatermacher ausgedacht haben. Die Darsteller haben nicht die Rollen von Tschechows Kirschgarten untereinander verteilt, sondern den puren Text, egal, wer gerade spricht. Der Gedanke ist kaum gesackt, da ist Fischer schon mittendrin im Stück, spricht die Gutsbesitzerin Ranjewskaja und den Kaufmann Lopachin, die Jungen und die Alten, die Gäste und den Diener. Im präzis pointierten Plaudern entsteht das dichte Bild einer Gesellschaft, die ihre Angst und Lebensunfähigkeit wegplappern will. Gerade durch den Verzicht auf psychologisch nachvollziehbares Personal dringt die Inszenierung zum Kern Tschechows vor. David Fischer beginnt, im Kreis zu laufen, die Stimmung erhitzt sich, schließlich schießt aus den Ärmeln seines Mantels Konfetti, das wie Kirschblüten aussieht. Oder auch wie Sägespäne, die aus einer kaputten Puppe rieseln. Nach diesem großartigen Solo, mit dem Frank Heuels Inszenierung des Kirschgartens beginnt, müsste die Spannung eigentlich abfallen. Doch das geschieht nicht. Acht Schauspieler – die Hälfte vom Bonner fringe ensemble, die andere Hälfte vom Stadttheater im lettischen Valmiera – sprechen die Tragikomödie weiter, konzentriert, ganz bei sich und jederzeit auch im Kontakt zu den anderen. Die Bühne von Lisa Witzmann ist bis auf acht Stühle fast leer. Samoware stehen im Hintergrund und hängen in der Luft, sie sind die einzige optische Erinnerung ans alte Russland. Es geht um die Gegenwart. Ein lettischer Schauspieler geht auf das Publikum zu. Er hat eine Konfetti-Kirschblüte in der Hand. “Kirschgarten so klein”, sagt er, “und Russland…” Nur ganz kurz verharrt er. In diesem Augenblick steckt ein ganzes Lebensgefühl. Der lettisch-deutsche Kirschgarten ist Teil des Festivals “scene: estland lettland litauen in nrw”, das auf mehrere Städte zersplittert ist und wenig mediale Beachtung findet. Die Zusammenarbeit des fringe ensembles mit lettischen Schauspielern, die bisher fast ausschließlich Sprechtheater in der Stanislawski-Tradition gewohnt waren, ist ein Beweis, was für Potenzial in solchen Projekten stecken kann. Tschechows Text klingt wie ein großes Gedicht, durch die Zweisprachigkeit entsteht eine ganz eigene Musikalität. Die Konflikte treten deutlich hervor in einer leichten, spielerischen aber niemals sinnlos verspielten Ästhetik. Im kleinen Raum schafft Regisseur Frank Heuel immer wieder überwältigende Bilder, die Samoware dampfen, das Ensemble tanzt, der Mond geht auf. Und alle leben weiter. Forum Freies Theater, Düsseldorf: 12. und 13. Mai. Theater im Pumpenhaus, Münster: 17., 18., 19., 20. und 21. Mai. Valmieras Dramas teatris: 28., 30., 31. Mai. Jaunais Rigas teatris: 2. Juni. www.fringe-ensemble.de www.scene-festival-nrw.de

22.05.2006 – Kirschblütenkonfetti aus dem Ärmel

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22.05.2006 – 
Kirschblütenkonfetti aus dem Ärmel

David Fischer plappert und plappert und plappert. Egal, wer gerade spricht am Anfang von Tschechows ?Kirschgarten?: die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, der Kaufmann Lopachin oder sonst einer der vielen Gäste und Diener in diesem wortgewaltigen Drama zwischenmenschlicher Stille. Da ist Schwindel vorprogrammiert. Auf der Bühne wie in den Köpfen der Zuschauer. Wenn Frank Heuel vom Bonner Fringe-Ensemble gemeinsam mit Schauspielern des Lettischen Stadttheaters Valmiera Tschechows Kirschgarten im Pumpenhaus blühen lässt, dreht sich alles. Auch David Fischer. Erst im Kreis, dann um die eigene Achse. Immer schneller. Bis aus den Ärmeln seines dunklen Mantels das weiße Kirschblüten-Konfetti flattert wie die Sägespäne aus einer alten Puppe. Keine Frage: Deren Blütezeit ist längst vorbei. Wie die der anderen abgehalfterten Mottenkisten-Gestalten mit ihren zerzausten Haaren und den langen Roben, deren Aufmarsch ein einziger großer Abschied ist. Die dem Erschöpften irgendwann das Wort abnehmen, sich ebenfalls um feste Rollenverteilung einen feuchten Kehricht scheren, immer wieder erfolgreich aneinander vorbei reden und spielen, Identifikation nicht zulassen und auch ansonsten alles tun, Heuels Spiel mit den Identitäten immer wieder neu auf den Prüfstand zu stellen, kurz: immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Zweisprachig klappt das wunderbar. Hier, wo lediglich ein gutes Dutzend brodelnder Samoware im Bühnenhintergrund halb ironisch an den Bühnen-Realismus des Russen erinnern, ist alles ein grotesker Tanz am Abgrund. Das kleine Lettland als unlukratives Auslaufmodell? Da werden Tschechows Worte zum orthodoxen Singsang, mit Harald Redmer als Hohepriester und einem Weihwasser-Kessel im Schleudergang. Da wird munter zwischen Deutsch und Lettisch hin- und hergezappt, mal übertitelt, mal direkt live auf der Bühne synchronisiert oder gar in der Person des Schauspielers Januss Johansons ein zweisprachiges monologisches Kabinettstückchen auf das marmorierte Bühnenparkett gelegt. ?Kirschgarten so klein?, sagt er dann, hält ein winziges Kirschblütenblättchen in seinen Händen und schiebt seufzend ein traumverlorenes ?Russland so groß? hinterher. Fast droht Heuels altbekanntes Repertoire der theatralen Mittel sich abzunutzen, da geht der Scheinwerfer-Mond auf. Die Samoware dampfen und der Versuch, aus der Reihe zu tanzen, bleibt ein krampfiges Solo. Natürlich fallen bei Heuel keine Bäume. Dafür lassen es alle am Ende reichlich Kirschblüten aus der Papiertüte regnen. Das Spiel ist vorbei, die Fußstapfen bleiben. Wie mahnende Abdrücke im Schnee zurück. Auch wenn sie schon gestorben sind, so leben wir noch heute Markus Küper

22.05.2006 – “Der Kirschgarten“ im Pumpenhaus

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22.05.2006 – Münstersche Zeitung
“Der Kirschgarten“ im Pumpenhaus

Münster – Die Gutsherrin Ranjewskaja hat einen prächtigen Kirschgarten, der nicht mehr rentabel ist. Also bietet ihr der geschäftstüchtige Unternehmer Lopachin an, die Bäume abzuholzen und das Areal an Sommergäste zu verpachten. Damit formuliert er den Grundkonflikt, an dem sich die Protagonisten in Münsters Pumpenhaus anderthalb Stunden lang abarbeiten: Ist die Schönheit nichts weiter als ein überkommener Wert, der sich dem Zweckdenken einer neuen Zeit unterordnen muss? Diesen Konflikt treibt Frank Heuel durch einen Kunstgriff auf die Spitze. In seiner ebenso radikalen wie amüsanten Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ gibt es keine festen Rollen. Jeder der acht Schauspieler übernimmt abwechselnd den Part von mehren Figuren und trägt deren Dialoge wie in einem inneren Streitgespräch vor. Dadurch wird die jeweilige Weltanschauung von der Psyche der Person abgetrennt, und die Ideologien können in Reinform gegeneinander antreten. Ein solches Vorgehen könnte das Stück kopflastig machen. Aber das wissen Heuel und sein Ensemble durch allerlei absurde Brechungen zu verhindern. Es gibt gregorianische Gesänge, groteske Tanzszenen und geniale Sprachverwirrung. In einer längeren Passage lassen sich die Protagonisten in einem deutsch-lettischen Kauderwelsch über den desolaten Zustand von Mütterchen Russland aus, während im Hintergrund der Samowar melancholisch vor sich hin brodelt. Die Koproduktion des Bonner fringe ensemble mit phoenix5 aus Münster und dem Valmieras Dramas teatris aus Lettland ist originell inszeniertes und hervorragend gespieltes Regietheater, das Tschechow zertrümmert, um ihm auf den Grund zu gehen. Dabei entstehen nicht nur Bilder von faszinierender Schönheit, sondern auch überraschende Einblicke. So kommt beispielsweise heraus, dass der alte Konflikt zwischen schön und zweckdienlich keineswegs veraltet ist, sondern nach wie vor seltsame Blüten treibt. Helmut Jasny

12.05.2006 – Inszenierung mit Glanzlicht

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12.05.2006 – 
Inszenierung mit Glanzlicht

Bonn. Tschechows große Dramen handeln von Abschieden. In “Der Kirschgarten” legt sich der alte Diener Firs am Ende zum Sterben hin, während die Kirschbäume abgeholzt werden, um lukrativen Sommerhäusern Platz zu machen. In Frank Heuels Inszenierung “Der Kirschgarten.2006”, die im Ballsaal Premiere hatte, gibt es – wie bei diesem Regisseur üblich – keine festen Rollenzuordnungen. In dieser “deutsch-lettischen Annäherung” wird die historische und dramatische Verschiebung von Identitäten auf den Prüfstand gestellt. Vier Schauspieler vom Bonner fringe ensemble und seinem Münsteraner Partner phoenix5 untersuchen zusammen mit vier Ensemblemitgliedern des renommierten Stadttheaters Valmiera den Zusammenprall zweier Welten im modernen Europa. Aus den kulturellen Reibungsflächen bezieht die zweisprachige Produktion ihren Reiz. David Fischer erzählt anfangs mit atemberaubendem Tempo die ersten Szenen. Harald Redmer entwickelt aus Anklängen an russisch orthodoxe Gesänge ein Spiel mit Worten, in das alle einstimmen, bevor sie wieder auseinanderdriften. Justine Hauer und Christine Steinemeier sind die Spielerinnen zwischen fremd gewordener Heimat und heimatlicher Fremde. Das lettische Darstellerquartett Girts Ravins, Imants Strads und die bezaubernde Elina Vane berichtet vom Leben im Haus, das längst nicht mehr das eigene ist. Aus den ins Leere laufenden Diskussionen der ganzen Gesellschaft macht Januss Johansons ein zweisprachiges monologisches Kabinettstück. Dieser “Kirschgarten” ist ein Glanzlicht des Landesprojekts “scene: estland lettland litauen in nrw”. Von Elisabeth Einecke-Klövekorn

12.05.2006 – Deutsche und Letten spielen Tschechow

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12.05.2006 – 
Deutsche und Letten spielen Tschechow

“Der Kirschgarten ist so klein, und Rußland ist so groß.” Ein lettischer Schauspieler bricht aus dem Tschechow-Text aus. Auf der Bühne wird gerade ein Lebensgefühl verhandelt, das er aus seiner Heimat kennt. Seit zwei Jahren ist Lettland Mitglied der EU, die Gesellschaft verändert sich. Zwischen den mächtigen Konzernen aus dem Westen und der Hegemonialmacht von einst fühlt man sich unbedeutend. Vielleicht wird Lettland niedergemacht wie der Garten, der keinen Profit abwirft und Sommerhäusern für Touristen weichen muß. Lettische und deutsche Schauspieler bringen zusammen den “Kirschgarten” auf die Bühne. Tschechow hat das Stück eine “Komödie” genannt, und so wird es von Frank Heuel auch inszeniert, voller Ironie und Leichtigkeit. Es ist eines der interessantesten Projekte des jetzt startenden Festivals “scene: Estland, Lettland, Litauen” in mehreren Städten Nordrhein-Westfalens. Denn hier prallen sehr verschiedene Theatertraditionen und Denkweisen ganz direkt aufeinander, in einer wochenlangen Arbeit, die am Schluß doch in einen “gemeinsamen Klang” (Heuel) münden soll. Den ersten Akt haben die deutschen Schauspieler des Fringe-Ensembles in Bonn erarbeitet, den zweiten die Letten in Valmiera, einem regionalen Zentrum 120 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Riga. Dort gibt es ein Stadttheater, aus dessen Reihen sich vier Schauspieler auf das ungewöhnliche Projekt einließen. Sie haben nach der Stanislawski-Methode gelernt, spielen naturalistisch, wollen sich in psychologische Abgründe hinein arbeiten. “Im lettischen Theater herrscht ein großer Glaube an das gesprochene Wort. Die Schauspieler wechseln vom Stand- aufs Spielbein, bewegen vielleicht mal die Arme, und das Publikum folgt ihnen mit aufgerissenen Augen”, sagt Heuel. Anders arbeitet das Fringe-Ensemble. Heuel löst die Charaktere auf, hat die Texte auf die Schauspieler neu verteilt. Zwölf Samoware brodeln auf der Bühne vor sich hin. Sonst gibt es keinen Tschechow-Realismus. Und natürlich keine durch das Fenster schemenhaft erahnbare Baumstämme, keinen traditionellen “Kirschgarten”, der abgeholzt werden könnte. In der Inszenierung des Fringe-Ensembles geht es vielmehr laut Regisseur Frank Heuel um innere Vorgänge, um Seelenzustände. Sehr offen, berichtet Heuel, hätten die lettischen Schauspieler auf unbekannte Arbeitsweisen reagiert. Dennoch: “Ich will sie nicht in unsere Spielweise zwingen”, sagt Heuel, “ich lasse die Stile nebeneinander stehen.” -Premiere am 3. Mai im Theater im Ballhaus Bonn. -Weitere Aufführungen: 4., 5., 6. und 7. Mai, Theater im Ballhaus Bonn, Karten: 0228 / 79 79 01. 10., 12. und 13. Mai Forum Freies Theater Juta Düsseldorf, Karten: 0211 / 87 67 67 18 17., 18., 19., 20. und 21. Mai, Theater im Pumpenhaus Münster, Karten: 0251 / 23 34 43.

29.03.2006 – «Die Geliebte Stimme» von Jean Cocteau (Sursum Corda)

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29.03.2006 –
Pressestimmen: «Die Geliebte Stimme» von Jean Cocteau (Sursum Corda)

„Beate Reker fasziniert in der Rolle der verlassenen Frau… und entwickelt unter der Regie von Martin Jürgens ein feines Gespür für den Schmerz und die Demütigung, die zurückbleiben…“ (Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung, 24.03.06)

„Thema ist auch die körperliche Nicht-Mehr-Verfügbarkeit des Geliebten, die so das Telefon zum Fetisch werden läßt… Beate Reker brilliert dabei in der Rolle der nicht mehr jungen Frau zwischen Verlustangst, Sarkasmus, Verzweiflung und ‚Vernunft’ inmitten der auch materiellen Trümmer der Beziehung…“ (Markus Termeer in der TAZ, 24.03.06)

29.03.2006 – Westfälische Nachrichten. Le Cadeau: Das Geschenk.

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29.03.2006 – Westfälische Nachrichten
Le Cadeau: Das Geschenk.

Münster. Ein Hund liegt auf der Bühne. Er heißt Pinky und wurde als Geschenk nach Afrika geschickt. Aber braucht man in Afrika Hunde? Und ist es eklig, wenn die Menschen dort das mitgeschickte Hundefutter einfach selbst essen? Diese und andere Fragen werden in „Le cadeau: das Geschenk“ gestellt – beantworten muss sie der Zuschauer selbst, und viele werden auf dem Rückweg vom Pumpenhaus darüber nachgedacht haben. Nach einer fulminanten Premiere bei der RuhrTriennale 2005 war nun die kongolesisch- deutsch-französische Koproduktion als einmaliges Gastspiel auch in Münster zu erleben. So exotisch wie die Herkunft sind auch der Inhalt und die Medien, mit denen gearbeitet wird. Neben den sechs Schauspielern spielen Marionetten eine nicht unwichtige Rolle – Pinky ist ebenfalls eine der Strippen gesteuerten Holzpuppen, lebensecht hüpft und tollt er über die Bühne. Auch die Dialoge sind alles andere als herkömmlich, die Übersetzung der teilweise französischen und lingalischen Dialoge geschieht auf der Bühne als Teil der Handlung, witzig und mit Augenzwinkern. „Das Geschenk“ ist eine Satire auf das Kolonialherren-Denken Europas; Kritik, die es in sich hat. Es wird eine kleine Geschichte über eine französische Prinzessin und ihren afrikanischen Brieffreund erzählt. Sie schenkt ihm zum Geburtstag per Post einen Hund, und er weiß nicht, wie er ihn ernähren soll, hat er doch selbst kaum zu Essen. Zwischendurch schaltet sich eine selbst ernannte Expertenrunde in die Erzählung ein, und erörtert die Handlung. Diese Diskutanten halten den eigentlich Hohlspiegel in der Hand: Eine Strickjacken-Ethnologin, die afrikanische Spiritualität wirtschaftlich nutzen möchte, übersetzt den flammenden Unabhängigkeitsappell einer Afrikanerin, wird dann jedoch unterbrochen, weil man ja den Klang der fremden Sprache gerne ohne Zwischentöne genießen möchte. Wenn die französische Königin dann noch in die nickende Runde die Lage beurteilt, bleibt bei den Worten „Als wir noch Kolonien hatten, liefen die Sozialsysteme wunderbar!“ manches Lachen kratzend im Halse stecken. Satire, die ins Schwarze trifft – nichts ärgert mehr.

29.03.2006 – Münster Connection aus der Filmwerkstatt

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29.03.2006 –
Münster Connection aus der Filmwerkstatt

Sie sind kurios, bizarr, voller künstlerischem Anspruch oder einfach ein Urlaubsmitschnitt: Die Filme der Münster Connection haben Klasse. Alle elf Streifen junger Filmemacher aus der Region, die jetzt von der Filmwerkstatt im Pumpenhaus auf die Leinwand gebracht wurden. Als eine Fortsetzung des Filmfestivals 2005 im Kino Stadt New York gedacht, ist es mehr geworden, als schlichte Nachwehen des großen Bruders mit internationalen Gästen: In den jungen Köpfen aus Münster steckt Potenzial. Es sind Filme wie Revue von Sven Stratmann, die beeindrucken. Das Thema Sprache umspielt er in seinem schwarz-weißen Kurzfilm, ohne vieler Worte zu bedürfen. Hier lernen sich zwei in einem Café kennen, schnell lieben, doch dann weicht dem persönlichen Kontakt gesprochener Text auf einer Kassette. Das Paar spricht sich auf Band und geht mit großen Kopfhörern durchs Leben. Aus den Lautsprecherboxen kommt kein Ton. Rückfahrt heißt der Film von Paula Lichte, die Alkohol und Autofahrt kritisch in einen spielerischen Unfalltraum verwandelt, in dem sie den Kippschalter zwischen Realität und Vision umlegt. Protagonist Lars feiert Party mit seinen Freunden alle sind betrunken. Seine Freundin tanzt auf der Tanzfläche und winkt ihn herüber. Ein Traum beginnt: Lars lässt seine Freundin sitzen und fährt mit seinen trunkenen Freunden nach Hause. Auf der Landstraße gibt es einen schweren Unfall, Lars rinnt Blut aus dem Mund. Die Realität beginnt: Auf der Party winkt seine Freundin ihn herüber, er folgt ihr. Alle fahren nach Hause. Sie ist es, die den Fahrer warnt und den Unfall verhindert. Das Publikum im völlig überfüllten Pumpenhaus ist begeistert, zollt den Nachwuchs-Regisseuren reichlich Beifall. Oscar Stiebitz benötigte für seinen Film Promenaden kein Drehbuch. Er schwang sich aufs Rad, kurvte auf der Promenade um die Stadt. Der Zuschauer erlebt Wetterwechsel, eine rasante Fahrt zwischen Fußgängern und psychedelische Münster-Ansichten in grelle Farben. Humor gibts auch. Stefan Kreis setzt auf die Pointe: Take the money and run heißt sein Kurzfilm über eine Geldbörse, die nach einem Diebstahl dreimal den Besitzer wechselt, bevor sie durch Zufall wieder beim Eigentümer landet. Die Film-Abspanne verraten, wie eng verbunden die Münster Connection ist. Filmemacher tauchen als Regieassistenten oder Kameramann wieder auf.Sven Betting Freitag, 24. Februar 2006 | Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)