04.12.2006 – Orpheus Podcasting

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04.12.2006 – 
Orpheus Podcasting

Der eine war der Chartstürmer der Antike. Der andere gehört zu den besten Vokalartisten unserer Zeit. Orpheus und David Moss. Der Held der griechischen Mythologie und der große Improvisationskünstler aus New York. Regisseur Andreas Tiedemann führt die beiden Musikstars zusammen. Dem jungen Macher vom Musiktheaterlabel “Ohrpilot” ist es gelungen, einen der innovativsten Sänger der zeitgenössischen Musik für seine neue Produktion zu gewinnen: „Orpheus Audio Splatter“ zu begeistern. Der New Yorker, der mit Persönlichkeiten wie Sir Simon Rattle oder Hans Neuenfels arbeitet und auf den großen Bühnen zuhause ist, war sofort begeistert und ist der Protagonist dieser ungewöhnlichen Musiktheater-Produktion. Am 26. November ist Premiere im Theater im Pumpenhaus in Münster, eines der profiliertesten Häuser der freien Szene in NRW. Die Kraft des mythischen Orpheus trifft auf die akustischen Mittel der Moderne. Die Liebe von Orpheus zur Nymphe Eurydike ist mit einem Abstieg in die Unterwelt Hades verbunden. Der antike Mythos erzählt, wie der Sänger in die Unterwelt hinabsteigt, um seine verstorbene Gattin wieder ins Leben zurückzuholen. Dies gelingt ihm durch die Macht seiner Musik. Als er sich aber gegen das strikte Verbot auf dem langen Weg nach Eurydike umwendet, verliert er sie zum zweiten Mal. Vor allem in der Oper ist dieser Stoff stets lebendig geblieben wie in den Werken von Claudio Monteverdi (»Orfeo«, 1607) und Christoph Willibald Glucks (»Orfeo ed Euridice«, 1762). Statt einer Liebesgeschichte erzählt die Ohrpilot-Inszenierung aber von den menschlichen Abgründen in diesem Mythos, wie in den Beschreibungen von Ovid und Vergil. Von der anderen Seite der unsterblichen Liebe; von ist der Rohheit der Kunst und dem Kampf auf Leben und Tod. Die Musiktheaterbearbeitung der Sage wird zu einer Innenansicht von Orpheus. David Moss verkörpert mit Stimme und Klang das Leben des Orpheus: Die Stimme liebt und schreit, singt und leidet, trauert und stirbt. Orpheus in Konfusion und Selbstzerfleischung. Sprache und Klang erzeugen den akustischen Splatter. In einem speziell konzipierten Surroundformat fliegen Sprach- und Klangfetzen durch den Raum, bilden Strudel im Fluss Styx, der in die Unterwelt führt. Die Tiere, Pflanzen und Steine des Mythos wirbeln klanglich durch den Zuschauerraum. David Moss setzt alle Instrumente ein: Seine Stimme und seinen Körper, antike Trommeln und Kettensägen. Mit den Geräuschen der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie wie Kino und Computerspiele wird Orpheus in der Realität von heute erlebbar. Schon jetzt können Klangkunst- und Theaterbegeisterte über das Internet hinter die Kulissen schauen und sich ein Bild davon machen, wie die mythische Kraft auf die akustischen Mittel der Moderne trifft. Was der Protagonist und Extremvokalist David Moss mit seiner Stimme anstellen kann, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Umso besser ist es zu hören und zu sehen im täglichen Backstage Audio- und Video-Podcast der Ohrpilotmacher: Produktionsarbeit, Interviews mit Künstlern, Technikern und Organisatoren, Probenmitschnitte, Soundcollagen. Der Podcast kann über iTunes oder als RSS-Feed abonniert werden.  Die Redaktion des Audio- und Video-Podcasts sind die Regie-, Ton- und Produktionsassistenten der Produktion, Birte Jeschar, Michaela Wiesbeck und Jörn Leppper. Schon jetzt wird dieser Podcast bei iTunes an erster Stelle in der Rubrik “Neu und beachtenswert” genannt und hat sich einen Tag nach der ersten Folge auf Platz zwei der iTunes der Podcast-Charts im Bereich Darstellende Kunst katapultiert. Populärer ist nur noch der Playboy… Auch in der übergeordneten Kategorie Kunst ist Ohrpilot vorne dabei: Platz 21. In dieser Woche bezieht David Moss sein Quartier in Münster, so dass die Künstler in den Proberäumen des Theaters ihrer Produktion den Feinschliff geben können. Und zwar unter den Augen der Öffentlichkeit im Internet. www.ohrpilot.de/backstageblog www. phobos.apple.com/WebObjects

04.12.2006 – Orpheus Audio Splatter – ein Musiktheaterdialog von Andreas Tiedemann

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04.12.2006 – 
Orpheus Audio Splatter – ein Musiktheaterdialog von Andreas Tiedemann.

Zu groß scheint sein Leid, zu bitter sein Verlust. Was bleibt, ist Stammeln. Orpheus krächzt und gurgelt, er zischt und grunzt, röchelt und krächzt. Sprachfetzen, Phoneme und kehlige Laute – sie scheinen das einzige, was dem einstigen Chartstürmer der Antike nach dem endgültigen Verlust seiner geliebten Euridike geblieben ist. Das spätmoderne Musiktheater der Ohrpiloten erzählt keine Geschichte mehr. Es kennt nur noch die Gebrochenheit des mythischen Helden. Was zählt, ist die Innenschau des einsamen Individuums. Darum beginnt ihr Stück ?Orpheus Audio Splatter? gleich mit der Katastrophe: Ein von den Mänaden zerrissener und zerfleischter Orpheus bleibt auf der Pumpenhaus-Bühne zurück. Mit dem amerikanischen Vokalakrobaten David Moss hat Regisseur Andreas Tiedemann einen Orpheus gefunden, der dieser zerrissenen Seele Klang verleiht. Moss braucht keine Lyra. Er macht aus gestotterten Silben Musik. Ein lautmalerisches Lamento der fragmentierten Laute, ganz nah am puren Geräusch, das die Ohrpiloten dann zu dem Titel gebenden Splatter verstärken, verdoppeln oder verwandeln. Um den Zuhörer immer tiefer in die innere Unterwelt ihres gescheiterten Helden zu führen. Ganz ohne Charon, den mythischen Fährmann. Ihre inneren Monologe fügen sich zu düstren Gesten der Beklemmung und der Ausweglosigkeit oder schwingen sich sirrend auf zu einem Ton schmerzlichen Sehnens. Die im Mythos beschworenen Tiere, Pflanzen und Steine wirbeln in Dolby Surround durch den Raum. Sie strömen wie der Todesfluss Styx in die Gehörgänge. Über seine Abgründe schippert Moss auf seinem trapezähnlich stilisierten Floß. Über Wörter und Wortfetzen von Ovid bis Vergil, die immer wieder wie Wellen über den Bühnenboden irrlichtern. Immer mehr löst sich diese suggestive, nachtschattige ?Kammeroper? ins Gestaltlose auf. Bis Orpheus gebetsmühlenhaft den Namen seiner geliebten Euridike rhythmisiert. Dann kristallisiert sich aus dem Lautsalat ganz allmählich das ?Che farò senza Euridice? aus Glucks versöhnlicherem Schwesterwerk. Wenn auch nur als verzerrt raunendes Schallgewitter. Dennoch klingt es wie ein ferner Abgesang: ?Wohin nur ohne Euridike?? Wohin, wenn selbst die Stimme versagt? Der Rest ist Schweigen. Markus Küper

28.11.2006 – De Volkskrant vom 30.10.06: Schauderhafte akrobatische Lifts

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28.11.2006 – 
De Volkskrant vom 30.10.06: Schauderhafte akrobatische Lifts

Es beginnt mit Stille – eine andächtige bewegende Kuppel auf einem erhöhten Plateau mit Lampen darunter, ihre Formen sind träge, rund, kontrolliert. Schon bald entsteht dem gegenüber Lärm auf dem Theaterboden. Ein explosives Trio, das schnell und hart springt und herumrollt, scheinbar unkontrolliert, sogar agressiv. Tänzerinnen auf Zehenspitzen, die Gegenstand von Schauder erweckenden akrobatischen Sprüngen werden. Eine Gruppe, die schweigend ein dynamisches Spiel von umeinander drehenden, gegeneinander prallenden und voneinander weg gleitenden Körpern beobachtet. Verletzbarkeit scheint am wenigsten greifbar, also am flüchtigsten zu sein. Der größte Mund hat das Sagen. Und doch nehmen die sechs Tänzer ihre Arbeit wieder auf, unverbesserlich, wie Sysiphus vergeblich seinen schweren Stein den Berg hinaufrollt. Das Plateau, das plötzlich in Schräglage in die Höhe aufsteigt, verweist darauf. Schön ist der mysteriöse Hintergund von All is well, Tribut zollend an die unwirklichen und mythischen Welten des flämischen Choreografen Wim Vandekeybus. Die Gesichter sind bedeckt mit Schleichern aus schwarzem Haar. Augen, die an dir vorbeischauen in eine unbekannte Ferne. Dieses Theater führt an einen Knotenpunkt aus Welten, die die tägliche Sorge übersteigt. Übersetzt aus dem Niederländischen von Maike Lautenschütz

28.11.2006 – Trouw vom 02.11.06: Ein Spiegel für die moderne Gesellschaft

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28.11.2006 – 
Trouw vom 02.11.06: Ein Spiegel für die moderne Gesellschaft

Ein stilles abtastendes Duett auf einer kippenden Plattform wird gegenüber einem roh und brutal anmutenden Triotanz in Ketten positioniert. Dabei drängen sich Fragen auf wie: Wer führt hier wen und wohin wird unsere Aufmerksamkeit gelenkt? Die Gruppentänze geben die aktuelle Antwort: An denjenigen natürlich, der am lautesten ruft, während eindringliche Soli den Wunsch ausdrücken, leise und verletzbar sein zu dürfen. Tänzerinnen werden erhaben auf ihren Zehenspitzen als Tanzakrobatische Objekte eingesetzt, bleiben aber gesichtslos mit ihren schwarzen Perücken, die als Schleier das Gesicht verdecken. Sie scheinen gerade eben aus dem Horrorfilm The Ring entwichen zu sein, Angst einjagend und ebenso mysteriös. Dadurch, dass Motive in Choreografie und Bildformung als unvorhersehbare Hammerschläge ausgeteilt werden, ist es relativ schwierig, das Beklemmende von All is well aus deinem System zu schütteln. Übersetzt aus dem Niederländischen von Maike Lautenschütz

22.11.2006 – Am Ende ist die Bühne selbst das Buch

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22.11.2006 – 
Am Ende ist die Bühne selbst das Buch

Münster. Fünf beschriebene Plexiglasscheiben hängen wie futuristische Druckbögen oder überdimensionale Buchseiten links von der Bühne im Theater im Pumpenhaus. Ansonsten verweist nichts der kargen Ausstattung (Eduardo Seru) auf die Opulenz, die in den kommenden vier Stunden folgt. In Hundert Jahre Einsamkeit wird geliebt, gehurt, gezeugt, gemordet, gekämpft und gestorben. Um der Saga der Familie BuendÌa durch sieben Generationen hindurch folgen zu können, halten viele Zuschauer bei der Münsterpremiere am Samstagabend den im Programm abgedruckten Stammbaum auf dem Schoß. Der Roman von Gabriel GarcÌa Marquez ist ein Familienepos, das der Nobelpreisträger mit einer bildreichen, nahezu biblischen Sprache erzählt. Dieser barocken Opulenz setzt die Produktionsgemeinschaft fringe ensemble/phoenix5 unter der Regie von Frank Heuel eine bewusst schlichte Inszenierung entgegen. Die darstellerischen Elemente sind auf ein Minimum reduziert, die Sprache steht im Mittelpunkt des zumeist erzählten Geschehens. Symbolische Handlungen und gezielter Technikeinsatz unterstreichen den Vortrag, der mal einzeln, mal im Duett oder chorisch gesprochen wird. So schaukelt Laila Nielsen an einem Seil über der Bühne, während sie eine Braut verkörpert, die ob ihres ausbleibenden Bräutigams buchstäblich in der Luft hängt. Wenn von Bürgerkriegen oder Arbeiteraufständen erzählt wird, kommen die Stimmen vom Band oder werden elektronisch verstärkt, wodurch sie lauter und bedrohlicher werden. Die familiären Verflechtungen, die Marquez durch immer wiederkehrende Namen ins schier Undurchdringliche steigert, findet ihren Höhepunkt in den Zwillingen JosÈ Arcadio (David Fischer) und Aureliano Segundo (Georg Lennarz). In dieser Inszenierung stehen sie stets Hand in Hand auf der Bühne und verhaspeln sich wunderbar komisch bei den Personalpronomen. Bettina Marugg, die vor allem Mutterfiguren verkörpert, während Nielsen in leuchtend roten Gummistiefeln fürs Laszive zuständig ist, begeistert das Publikum mit eruptiven, fast geschriebenen Emotionsausbrüchen. Im Kontrast dazu steht JosÈ Arcadio BuendÌa (Harald Redmer), der Stammvater, der noch als Toter, aus einer Kunststoffröhre heraus, das Geschehen ruhig berichtet. Zum Ende des Stücks werden die transparenten Buchseiten in einem rituellen Akt auf die Bühne gelegt. Daraus lesen die Schauspieler die letzten Seiten des Romans vor die Bühne selbst ist zum Buch geworden. Von Frank Zimmermann in den Westfälischen Nachrichten ( 30.10.06)

27.09.2006 – Club-Karte für alle Folgen kaufen!

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27.09.2006 – 
Club-Karte für alle Folgen kaufen! Gerhard H. Kock über die Soap, WN, 14.09.06

Münster. Warnung! Wer nicht den Rest seines Lebens jeden zweiten Dienstag im Monat ins Pumpenhaus gehen will, sollte auf gar keinen Fall die neuste Produktion von Cactus Junges Theater ansehen. Nee, wat fies. Da ist das Theater zu Ende, und man weiß nicht, wies ausgeht. Das wäre Shakespeare und Schiller nicht passiert. Das gibts nur bei Soap. Und diese Schauspiel-Seife spielt jetzt auch noch im Theater. Hier wird der Zuschauer nicht getäuscht, hier ist er ganz nah dran. Nur eben ohne Fernbedienung. Das bedeutet zwei Mal 50 Minuten Hochspannung und am Ende quälende Fragen. Das sind die Nerven eines normalen Stadttheater-Zuschauers einfach nicht gewohnt. Woher kennt Aurelia Melissas Mutter? Wie wird Johann seinen Leichen-Freund los? Und wer von den beiden ungleichen Brüdern hat zum Schluss geschossen? Wurde jemand getroffen? Emil (Samuel Jurnatan), der tätowierte Mann an der Bar? Gasolina (Rebecca Sleegers), die Sozialhilfe-Sängerin mit Asylantrag? Oder die Leiche? In diesem Theater ist alles möglich. Harald Funke und Hermann Mensing als Autoren und Ulrike Rehbein als Regisseurin (zusammen mit Pitt Hartmann und Alban Renz) haben auf zwei simple, aber effektiv wandlungsfähige Dreh- und Roll-Bühnen (Hans Salomon) Figuren gestellt, deren Schicksal unvereinbare Seelenzustände sind Jekyll und Hyde sind kreuzbrave Waisenknaben dagegen. Ines Parkson ist eine Psychologin oder eine Psychopatin, wahrscheinlich beides. Vera Molitor spielt bestechend ambivalent. Moralapostel-Aktivistin Melissa (Judith Suermann trotzt so schön) verliebt sich ausgerechnet in den Leichen-Visagisten Johann Dipus (Carsten Bender versprüht noch mehr Charme als Ödipussi). Markanteste Figur ist Aurelia Patzke. Silvia Schwab ist als Geschäftsfrau ein rotes Gift, das Raureif lächelt und Eiswürfel lacht. Ein Wonneproppen zum Verlieben ist Marlena Keil als gelernte Steuerfachfrau Agnes Cornell. Wie kann man derart glaubhaft schüchternes Bambi und einen Augenschlag später ein Wollust-Weib sein? Und wie entwickeln sich Krankenpflegerin Cordula (Esther Kemna) und ihr Liebster, Weichei-Polizist Jürgen (Peter Grasemann)? Was wird aus dessen schönem Bruder Leichtfuß Ecke (Peter Eberst)? Wird Super-Nerve Gill (Ruth Gonschorrek) ihr Hirngespinst Magneto besiegen? Was ist auf den Fotos des Serben Matija (Zeljco Marovic) zu sehen? Seine Mutter, seine Frau, Schafe? Ist Dr. Scholz (Alban Renz) wirklich tot? Oder erwacht er unter der Dusche, und alles ist nur geträumt? Oh Fragen, welche Qual…Der Pilot ist zu sehen am Freitag, Samstag und Dienstag (15., 16. und 19. September). Aber auf keinen Fall hingehen, oder besser die Club-Karte für alle Folgen kaufen: 233443.

18.10.2006 – Shosholoza

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18.10.2006 – 
Shosholoza

Was bleibt, sind die Gummistiefel. Auch wenn diese jetzt wie Relikte in zerfetzten Netzstrümpfen stecken. Auch wenn sie jetzt gestreift sind wie ein Zebra. So gestreift wie die viel zu kleine Krawatte, die zwar vorzüglich zu den knappen Schulmädchen-Uniformen, aber so gar nicht zu den kraftmeierischen Gesten dieser südafrikanischen Township-Tänzer passen wollen. Gemeinsam mit den weiß geschminkten Gesichtern aber komplettieren sie das Outfit dieser jungen Männer zur grotesken Gestalt. An die Worker-Kluft des Anfangs erinnert nicht mehr viel, wenn Mandoza Redebes ?Corroboration? die Tradition des ?gumboot dance? im Pumpenhaus augenzwinkernd ins Hier und Jetzt übersetzt. Der Umgang mit der Vergangenheit ist ironisch geworden. Der Tanz zur Travestie. Die Apartheid zur Avantgarde. Der Gummistiefel-Tanz zum Folklore-Spektakel a là ?Lord of the Dance?. Dabei spannt ?ShoSholoza?, diese athletisch-rhythmische Schuhplattler-Invasion aus Johannesburg, eindrucksvoll die Brücke zu jener Zeit, in der diese spezielle Form des Ganzkörper-Morsens die einzige Möglichkeit der Kommunikation war, die den versklavten Minenarbeitern in den wassernassen Stollen der Goldminen blieb. Not macht bekanntlich erfinderisch. Wem das Sprechen versagt ist, der muss halt Steppen. Selten hat das mehr Magie als beim ?gumboot dance?, der tatsächlich ein bisschen so aussieht, als hätten missionarische Bajuwaren ihren berühmten Schuhplattler einst als Exportschlager für Südafrika entdeckt. Da stampfen die Stiefel in immer wilderen Rhythmen auf den Boden, die Hände klatschen wie Peitschenhiebe aufs Gummi. Der ganze Körper wird zum Instrument. Ob dieser lautmalerisch die Titel gebende Dampflok (ShoSholoza) zur Maloche oder den Aufbruchs- Zug in ein neues, freies Südafrika imitiert, in dem lustvoll der Hip- Hop-Beat der Township-Kids angeschlagen wird. Immer wieder mischen sich vereinzelt spitze Schreie unter den synchronen, in immer neuen Formationen vorbeirauschenden Sog dieser virilen Bewegungssprache. Oder sehnsuchtsvolle Lieder voller Schmerz und Hoffnung. Dann streuen Trommel und Akkordeon melancholische Klänge ein. Zwei Sängerinnen singen alte Zulu-Lieder. Die Tänzer machen den Chor. Die Welt scheint für einen Augenblick still zu stehen. Der Rhythmus dieses rituellen Rausches aber – er schlägt noch lange weiter. Markus Küper

03.11.2006 – Kolossale Machos, frömmlerische Frauen

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03.11.2006 – 
Kolossale Machos, frömmlerische Frauen

Das fringe ensemble bringt den Roman “100 Jahre Einsamkeit” im Theater im Ballsaal in Bonn-Endenich auf die Bühne – Regisseur Frank Heuel konzentriert das epochale Werk auf knapp viereinhalb Stunden Spielzeit Von Margit Warken Bonn. Allein die Menge an Text ist eine riesige Herausforderung, der sich das fringe ensemble mit seiner neuen Produktion stellt. Und eine, die die Truppe um Regisseur Frank Heuel eindrucksvoll stemmt Die freien Theatermacher haben sich den Roman “Hundert Jahre Einsamkeit” vorgenommen und feierten mit ihrer Bühnenumsetzung im Endenicher Ballsaal Premiere. Das Werk des Kolumbianers Gabriel García Márquez erzählt die Geschichte der Familie Buendía. Ein Wechselstrom von Siegen und Niederlagen, hochmütigem Stolz und Verzweiflung, unbändiger Vitalität und Untergang – häufig verstanden als Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Anekdotenreich zeichnet der 500-Seiten-Bestseller ein Panorama des fantastischen Örtchens “Macondo”, wo sich die Sippe niederlässt. Anstatt einer inhaltlichen Verknappung des prallen Buches ging es dem Ensemble, das verschiedene Kooperationspartner für das Projekt gewonnen hat, erklärtermaßen um die Gestaltung eines “Theaterabends der besonderen Art”. Ein gelungenes Vorhaben, denn außergewöhnlich ist die Inszenierung aus verschiedenen Gründen. Um sie genießen zu können, muss man sich darauf einlassen. So zum Beispiel auf eine Länge von knapp viereinhalb Stunden (inklusive zweier Pausen), auf die Heuel die wesentlichen Handlungsstränge konzentriert hat. Fünf Schauspieler erzählen die Geschichte der Buendías, einer “halb wahnsinnigen, unbändigen Meute von kolossalen Macho-Helden und hysterischen oder frömmlerischen Frauen”, wie es der peruanische Literaturwissenschaftler José Miguel Oviedo treffend beschreibt. Eine feste Rollenzuteilung gibt es nicht, allein schon deshalb, weil die auftretenden Figuren die Zahl der Akteure um ein Vielfaches übersteigt. Immer wieder erscheinen neue “Arcadios” und “Aurelianos” (David Fischer, Georg Lennarz und Harald Redmer) aus verschiedenen Generationen auf der Bühne. Denn so nennen die Frauen (Bettina Marugg und Laila Nielsen), einer geheimen Macht gehorchend, alle ihre Söhne. Um die Verwirrung, die aus der Häufung gleicher Namen resultiert, in Grenzen zu halten, gibt es im Programmheft einen Stammbaum der Familie. Strukturiert wird die enorme Stofffülle durch die Erzähler- Figur, die stärkste Rolle, die alle Akteure – mal solo, mal chorisch – ausfüllen. Archaische Mythen und verdeckte Wahrheiten bestimmen die Welt des Stückes. Diese wird häufig durch absurd-komische Bilder durchbrochen. Etwa, wenn tragische Helden aus vergangenen Jahrhunderten zu Barkeepern nach modernem Vorbild werden. Das Bühnenbild (Eduardo Seru) setzt auf die Fantasie der Zuschauer und kommt ohne viele Kulissen aus. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht der Text und die starke Leistung der Schauspieler. Das reicht vollkommen aus, um das Publikum in die Geschehnisse von “Macondo” hineinzuziehen. Nach so viel guter “Vorarbeit” ist die Schlussszene richtig berührend: Die Buendías legen Rechenschaft über ihr Scheitern ab, was bleibt ist die Zerstörung ihrer Welt – das Ende eines besonderen Theaterabends, nicht nur, was das Format betrifft.

27.09.2006 – 1:0 für die kunstinteressierten Deutschen

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27.09.2006 – 
1:0 für die kunstinteressierten Deutschen

Letztes Jahr wurden den Choreografen und Regisseur Hans Tuerlings mit seiner Gruppe Raz die Subventionen der Regierung gestrichen. Tuerlings aber schlug zurück mit zwei brillianten letzten Vorstellungen Nieuwe Blijdschap (2004) und Vrolijke opvattingen (2005), aber die Mühlen des Beamtentums drehten weiter. Jetzt ist Tuerlings zurück. Als Freelancer koproduziert er mit Theatern aus dem deutschen Münster, Krefeld und Herne seine neue Produktion Wunschlos glücklich. Jede Szene beginnt mit ein paar einzelnen Sätzen von Tänzer Jim Barnard. Manchmal sagt er etwas über alle Veränderungen, die Tuerlings durchstehen musste (er lässt lediglich die Einsamkeit aus), dann wieder kündigt er eine CD an oder rezitiert aus einem Film. Oder er erzählt von Tuerlings Besuch auf einer Kirmes, wo ihm ein Wahrsager prophezeit: The ones that are responsible will soon be all dead. Wunschlos glücklich ist wie eine philosophische Übung eines Zustandes, in dem man kein Verlangen mehr hat, nichts mehr muss und man alles so nehmen kann wie es kommt. Für das Theater wäre dies der Tod, schließlich sind Konflikte und unerfüllte Wünsche die Antriebskraft des Theaters. Tuerlings bespielt gerade das Paradoxum von Ernst und Ironie, NIchtssagenheit und Bedeutung, Form und Formlosigkeit. Wunschlos glücklich ist deshalb keine einfache Vorstellung wie aktuelle Vorstellungen von Raz. Der Zuschauer muss tief im düsteren und mysteriösen Universum, das aufgeworfen wird, graben. Und doch ist die Eigensinnigheit von Tuerlings wieder ein Beweis dafür, dass die niederländischen Politiker nicht hinterherkommen. 1:0 für die kunstinteressierten Deutschen.

13.09.2006 – Publikumsliebling Pitt Hartmann als „Hiller“ in Basel

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13.09.2006 – 
Publikumsliebling Pitt Hartmann als „Hiller“ in Basel

Münster/ Basel. Noch bis zum 9. September heißt es auf dem Theaterfestival Basel «Bühne frei für internationale Theaterkunst». Für das Land Nordrhein-Westfalen steht die Inszenierung aus dem Theater im Pumpenhaus „Zu Gast bei W./W. Hiller“ auf dem Festivalprogramm. Mit der preisgekrönten Produktion können die Besucher Theater mit kulinarischem Genuss verbinden. Neben den zehn internationalen Gastspielen finden diverse Podiumsdiskussionen und Vorträge statt zu aktuellen Themen wie die Notwendigkeit internationaler Netzwerke. Das Theater im Pumpenhaus ist Vorreiter in der Kooperation auf Landes- und Bundesebene und mit internationalen Theatern der freien Szene. Im Januar 1998 besuchte die Regisseurin Paula Artkamp gemeinsam mit dem Schauspieler Pitt Hartmann Frau Hiller in Berlin. Frau Hiller erzählte ihre Lebensgeschichte, die 1898 begann, über ihr Leben in zwei Jahrhunderten als Transvestit. Aus den Aufzeichnungen dieses Gespräches entstand das Stück. Der Münsteraner Schauspieler und Publikumsliebling Pitt Hartmann steht erstmals wieder auf der Bühne, nachdem er vor zwei Monaten während einer Mountainbike-Tour im Sauerland von einem Blitz getroffen wurde. Dank schneller lebensrettender Hilfe überlebte er die Naturgewalt und spielt nun nach nur wenigen Wochen Pause bereits an diesem Wochenende in Basel seine Glanzrolle „Hiller“. Auch hinsichtlich des Kultstücks „Der Messias“ im Dezember im Pumpenhaus dürfen die Fans aufatmen und sich auf das Wiedersehen im 18. Jahr freuen. Eine neue Produktion, die im September Premiere haben sollte, ist auf Anfang 2007 verschoben worden. Zusammen mit Andreas Ladwig hat sich Pitt Hartmann der mittlerweile berühmt gewordenen Befragung des sogenannten Werwolfs von Hannover angenommen. Der Kriminalfall des Hannoveraner Mörder Fritz Haarmann, verfilmt mit Götz George als Totmacher, ist der Stoff für eine neue Paraderolle des Schauspielers.