25.10.2009 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten – Samir Akika: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Pressespiegel

 

25.10.2009 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten
Samir Akika: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Münster. Sie stecken sich Luftballons ins Dekolleté, stöckeln in kurzen Kleidchen über die Bühne oder versuchen sich bei Miss-Wahlen zu übertrumpfen. Wenn sie einander begegnen, kratzen sie sich gegenseitig die Augen aus wie wilde Katzen, dabei sind sie angeblich beste Freundinnen. Aber Freundschaft ist hier nicht das Thema. Es geht um Äußerlichkeiten wie Schönheit, Status und Prestige – darum, dem gesellschaftlichen Ideal gerecht zu werden.

Überall auf der Welt gibt es Menschen, die danach streben, einen solchen Zustand zu erreichen. Samir Akika findet diese Spezies vor allem in Venezuela vor. „Venezuela ist Plastikland“, so heißt es im Programmzettel, und meint damit den ungebremsten Konsum von Einwegverpackungen, Plastikflaschen, Kunststoffprodukten oder Schönheit aus Silikon.

In seiner Tanzproduktion „Plastikseele“, die im Pumpenhaus zur Uraufführung kam, analysiert Samir Akika dieses „Plastikland“, indem er sein Ensemble, das zum großen Teil selbst aus Venezuela stammt, erzählen lässt. Junge, sympathische Tänzerinnen und Tänzer stellen sich mit ihren Ängsten und Idealen vor und schlüpfen in Rollen von Möchtegern-Schönheitsköniginnen, hässlichen Entlein oder keifenden Konkurrentinnen. Ein Psychologe gibt auf einer Video-Leinwand erklärende Statements dazu ab, spricht von einer Gesellschaft, die im Hier und Jetzt lebt, von dominanten Frauen, die konkurrieren, um für die Männerwelt Sex-Symbole zu sein.

Wummernde Bässe liefern den musikalischen Background; dazu passen aggressiv-dynamische Choreografien, die geprägt sind durch Hip Hop und B-Boying (Breakdance), hervorragend getanzt von den jungen Männern des Ensembles, die sich den Damen gewaltsam nähern.

Zumeist wenig subtil und originell, jedoch plakativ und mit Wucht bringt Samir Akika seine Kritik an Konsum- und Schönheitsterror auf die Bühne und dürfte mit seiner poppig-schrillen Inszenierung vor allem ein junges Publikum ansprechen. Doch es gibt auch Momente, die tiefer gehen. Etwa, wenn der Choreograf am Ende seine einzige Darstellerin, die keinen gertenschlanken Körper hat, nackt über die Bühne tanzen lässt und gerade dadurch ein Gefühl von Freiheit vermittelt.