23.10.2009 – Choreograf Samir Akika und die „Plastikseele“ – Von Sabine Müller / Münsterschen Zeitung

Pressespiegel

 

23.10.2009 – Choreograf Samir Akika und die „Plastikseele“
Von Sabine Müller / Münsterschen Zeitung

Münster. Samir Akika gilt als der „Quentin Tarantino des Tanzes“. Seine Stücke sind genauso außergewöhnlich, eigenwillig und kreativ wie die des Ausnahmeregisseurs. „Plastikseele“ heißt das neueste. Es hat einen langen Weg bis in Münsters Pumpenhaus hinter sich. Entstanden ist es in Venezuela, es handelt von Venezuela – und seine Entstehungsgeschichte ist erstaunlich.
Samir Akika fing erst spät an zu tanzen. War 26, als er sich dazu entschied. Er war Tänzer bei der kürzlich verstorbenen Wuppertaler Tanz-Legende Pina Bausch. Sie wurde sogar seine Mentorin. Mittlerweile ist Akika ein erfolgreicher Choreograf. Ein Wort allerdings, das er nicht mag. „Macher“, meint er, treffe es besser. Seit zwei Jahren kooperiert er mit dem Pumpenhaus in Münster. Eine Zusammenarbeit, die immer enger und enger wurde, so dass er heute sagt: „Meine berufliche Heimat ist hier.“
Sprachgewirr
Samir Akika steht auf der Bühne des Pumpenhauses, hat einen Paillettenhut auf dem Kopf und einen teuflisch roten Dreizack in der Hand, hinter ihm ein Kronleuchter aus Plastikflaschen. Seine acht Tänzer aus Deutschland und Venezuela wuseln um ihn herum. Auch im Hintergrund ein internationales, zusammengewürfeltes Team. Es summt. Es surrt. Ein Sprachgewirr aus Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch. Heute Abend ist Europapremiere von „Plastikseele“.
Die Zeit der Kooperation mit dem Pumpenhaus war auch eine Zeit des Erfolges. Akikas Arbeiten wurden in großen Theatern gezeigt, er gewann Preise, war mit dem Stück „Extended Teenage Era“ eingeladen beim Theaterzwang-Festival in Dortmund. Im März dieses Jahres erhielt er die neue Spitzenförderung für freie Tanzkompagnien des Landes NRW. 65 000 Euro. Mittlerweile wird Akika weltweit gebucht. Dieses Jahr war er in Indien, auf Tour durch den mittleren Osten, in Skandinavien. „Es läuft wirklich gut“, sagt er. Das erste Projekt mit einem Goethe-Institut fand in Südafrika statt. Ein Kinderprojekt. Das nächste Goethe-Institut, das anklopfte, war – Venezuela.
Venezuela und das Silikon
Direktor Nikolai Petersen wollte ein Stück von Akika. Über das Plastikland. Das Land des Plastikmülls. Das Land des Silikons. Nirgendwo sonst boomt das Geschäft mit Schönheitsoperationen so sehr wie in der südamerikanischen Republik. „Sechsmal kam eine Miss Universe aus Venezuela“, so Akika. Auch eine seiner Tänzerinnen legte sich unters Messer. „Ich wusste zunächst nicht, ob ich sie darauf ansprechen darf, aber dann habe ich es getan. Und jetzt erzählt sie auf der Bühne davon, es ist Teil des Stücks geworden.“
Plastikseele heißt das neue Stück von Choreograf Samir Akika (r.). Pumpenhaus-Chef Ludger Schnieder (neben ihm) freut sich, dass die Europapremiere in seinem Haus in Münster stattfindet.
Foto: Müller
Eine Woche lang war Akika zunächst in Venezuela. Im Juli. Mit einem kleinen Team. Er wollte das Land erkunden, die Seele. Das Land verwirrte ihn. Hektik. Chaos. Überall Stau. „Fast jeder hat ein Auto. Weil eine Tankfüllung billiger ist als eine Flasche Wasser.“ Er fühlte sich verloren. Lost in the City. Eine fremde Kultur. Akika castete Tänzer. Darunter Jungs aus dem „Barrio“, dem Armenviertel von Caracas. Sie erzählten ihm von Zwölfjährigen, die Waffen tragen. Von Schießereien. Von täglicher Gewalt.
Im Ghetto
Tänzer Luis Bogado sitzt im Pumpenhaus und zeigt mit weit ausgebreiteten Armen, wie groß die Plasmafernseher sind, die in den Armenhütten stehen. „Niemand dort plant sein Leben, sie wollen gar nicht raus aus dem Ghetto“, sagt er. Er lässt die Hände fallen. „Wir haben zu viel Armut“, sagt er. „Und wir haben zu viel Reichtum.“
Erst vor einigen Wochen war Akika mit seiner Crew zum zweiten Mal in Caracas. Und die so unterschiedlichen, sich fremden Menschen fanden zusammen. Arbeiteten zusammen. Tanzten zusammen. Unter enormem Zeitdruck. Weil viele Tänzer mehrere Jobs gleichzeitig haben, um überleben zu können. In neun Tagen musste das Stück stehen. Eine absurd kurze Zeit. Doch es stand in neun Tagen. Feierte Premiere.
Akika ist stolz auf alle. Magisch sei es geworden. Ein Wunder. Er sagt: „Ich hoffe, dass wir den Regenbogen geöffnet haben.“