15.10.2009 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Lebensfreude ohne Einschränkungen

Pressespiegel

 

15.10.2009 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten
Lebensfreude ohne Einschränkungen

Münster. Mit einem Tuch ist eine Spirale auf den Boden gemalt, rot, wie auch das Bühnenlicht. Nach und nach treten eine Tänzerin und drei Tänzer auf. Zur melancholischen Musik bewegen sie sich kriechend, strecken langsam die Beine vor, jeder auf seine Art, denn die Tänzer sind auf verschiedene Weise gehbehindert. In diesem schwermütig-blutroten Ambiente wirkt das zunächst beklemmend, doch es wird nicht lange dauern, und die vier entpuppen sich als faszinierende Darsteller – jenseits jeder körperlichen Versehrtheit und dem einzigen nicht-behinderten Tänzer dieser Produktion absolut ebenbürtig.

„Patterns beyond traces“ ist der Titel von Gerda Königs Tanztheater, das im Pumpenhaus gastierte. Seit 1995 arbeitet die Choreografin mit Darstellern, die „körperliche Besonderheiten“ aufweisen, wie sie es gerne nennt. Für die Tänzer dieser Produktion kann man kaum eine bessere Beschreibung finden – behindert, im eigentlichen Sinne ist hier niemand. Die Tänzer erstaunen durch Leichtigkeit ihres tänzerischen Ausdrucks, mit einer Körpersprache, die jede Einschränkung verdrängt.

Inhaltlich beschäftigt sich Gerda Königs Kölner „DIN A 13“-Tanzcompany, die das Stück in Kooperation mit der Dance Factory Accra in Ghana produziert hat, mit der Kultur Afrikas, dem Herkunftsland der Tänzer. Es geht um Tradition und Rituale unter dem Einfluss der Moderne. Die Darsteller sprühen vor Lebensfreude, wenn sie afrikanische Lieder singen, auf Blechschüsseln trommeln oder in herausragenden Solo-Darbietungen beeindrucken.

Breakdance und zeitgenössischer Tanz ist gekonnt mit afrikanischer Folklore verwoben, in einer Choreografie, die Stärken jedes Einzelnen betont. Erstaunlich, wie kraftvoll die Tänzer auf nur einem Bein über die Bühne wirbeln, wie selbstverständlich Krücken in den Tanz einbezogen sein können, wie sie mit sparsamen Bewegungen einen Zweikampf auf die Bühne bringen.

Mit der Zeit werden körperliche Besonderheiten nahezu unsichtbar. Was zunächst beklemmend wirkte, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Eine außergewöhnliche Leistung, die mit Recht für den diesjährigen Kölner Tanztheaterpreis nominiert worden ist.