13.10.2009 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Traurige Lieder aus Palästina

Pressespiegel

 

13.10.2009 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten
Traurige Lieder aus Palästina

Münster. Ihr Gesicht ist ein Spiegel der Musik. Ganz so, als hätten die Töne sich in Stirn, Wangen, Kinn und Mund eingegraben. Denn wenn Kamilya Jubran in arabischer Sprache singt, übersetzt ihre Mimik den Inhalt deutlicher, als jedes Wörterbuch es könnte: Mal ziehen sich die Brauen tief nach unten, die Mundwinkel sinken und geben dem Mund ein „u“-förmiges Aussehen: Trauer. Mal blitzen Augen und breites Lächeln auf, zeigen Freude und Hoffnung.

Der Auftritt in der Reihe „Klangkosmos“ begann mit einer Überraschung: Die Sängerin aus Palästina sprach scheinbar fließend Deutsch, begrüßte die Zuschauer – um dann zu warnen: „Denken Sie nicht, dass ich Deutsch spreche.“ Wie ein Papagei wiederhole sie die Worte, verriet Jubran lächelnd ihr Geheimnis. Ganz in schwarz gekleidet hatte sie die Bühne im Pumpenhaus betreten. Darauf: eine Bank, ein Betonstein als Fußhocker, ein Zettel auf dem Boden, ein Glas Wasser. Mehr benötigte die Sängerin nicht für ihren Auftritt – außer ihrem Oud, dem elfsaitigen arabischen Instrument, das an eine Laute erinnert.
Wenn sie singt, beugt sie sich tief über ihr Instrument, sackt bei traurigen Stellen in sich zusammen, um an derer Stelle wild mit den Händen zu gestikulieren, den Gesang mit dem Körper zu unterstreichen. Mal wiegt sie sich zum Klang des bauchigen Instruments. Erstarrt, sitzt aufrecht, wippt mit den Füßen – sie ist ganz versunken in ihre Musik. Eine graue Haarsträhne löst sich, rahmt ihr Gesicht ein. Jedes ihrer Lieder beginnt mit einem längeren Vorlauf, bei dem sie die Saiten des Ouds zupft. So lange, bis irgendwann der Gesang aus ihr hervorplätschert und sich mit den Tönen der Saiten mischt. Viele ihrer Lieder sind „dark, sad“, wie sie sagt – weil das die Zeit sei, in der man lebe, jedenfalls in der arabischen Welt. Ihre Lieder tragen Titel wie „Spiegel aus Stein“ oder „Wohnwagen“ und sind Vertonungen zeitgenössischer arabischer Gedichte aus Ländern wie Irak, Palästina, Marokko oder Syrien, auch ein französisches Lied hat sie eigens ins Arabische übersetzt.
Ganz ohne Mikrofon füllte sie den Raum im Pumpenhaus mit ihrer markanten Stimme aus. Seit neun Jahren lebt Jubran in Europa. Ihre Wurzeln hat sie nicht vergessen, im Gegenteil: Sie scheinen sie zu nähren.