13.09.2009 – Tänzerische Kuriositäten: Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten

Pressespiegel

 

13.09.2009 – Tänzerische Kuriositäten
Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten

Münster. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, die Köpfe der Tänzer seien im Bühnenboden verschwunden, so akkurat ist der Schulterstand der drei Männer. Von Kopf bis Fuß silbern bemalt, sieht man jeden einzelnen Muskel. Beinahe unbemerkt bewegen sich die drei; in ex–tremer Langsamkeit schieben sie Arme und Beine in Richtung Kopf, bis nur noch die Rücken sichtbar sind – drei silberne Torsi stehen schmerzhaft im Rampenlicht.
„Death 1“ ist der Titel dieser herausragenden Performance, die im Theater im Pumpenhaus zu sehen war. Ko Murobushi brachte mit seiner Company „Ko & Edge Co“ japanischen Butoh-Tanz auf die Bühne, der seinesgleichen sucht. Fantastisch, wie die Tänzer um Atem ringen, wie ihr Zittern durch den ganzen Körper geht. Dramatisch, wie sie fallen und doch immer wieder aufstehen. Der Kampf um den letzten Atemzug könnte nicht kunstvoller dargestellt werden.
Ko Murobushi ist eine von drei Tanzentdeckungen aus Japan, die nun in Münster Premiere feierten – drei Tanzcompagnien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Tanztruppe der Regisseurin und Choreografin Yoko Higa–shino zeigte schnellen, zeitgenössischen Tanz und beleuchtete das Thema Geschlechterbeziehungen. Tänzerisch ist die Truppe „Baby-Q“ durchaus versiert, Dramaturgie und Choreografie überzeugten dagegen weniger. Die Produktion „I am aroused“ reduziert das ewige Thema „Mann-Frau-Beziehung“ weitgehend auf Sexualität, die bis ins Absurde überzogen dargestellt wird. Das ist zwar amüsant, aber bei weitem nicht so originell wie die dritte Produktion des Abends, „Zirkus“, des Natural Dance Theatres unter der Leitung von Shinji Nakamura.

Choreografin Mako Kawano jagt ihre Tänzer in wildem Tempo über die Bühne und zeigt dabei einen kuriosen Mix aus zeitgenössischem Tanz, Ballett, Akrobatik, Jazztanz und Kampfkunst. Eingebettet ist der Tanz, der durch schrille Kostüme und schwungvolle Dynamik geradezu Show-Charakter hat, in eine schmachtende Liebesgeschichte. Dass es um japanische Nachkriegsgeschichte geht, ist aus diesem bunten Treiben schwer ersichtlich. Dafür bringt das Natural Dance Theatre mit Leichtigkeit und Ironie Schwung auf die Bühne, der im verkopften zeitgenössischen Tanz europäischen Stils selten ist.