09.03.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Arroganz in der Armut als Notwehr

Pressespiegel

 

09.03.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Arroganz in der Armut als Notwehr

Münster. Sie rauchen riesige Zigarren, stylen sich mit Designer-Klamotten, trinken Champagner aus teuren Schuhen. Wenn sie ins Publikum blicken, schieben sie das Becken vor, lassen die Muskeln spielen. Die „Jet Set“ demonstrieren Statussymbole und Macht, die sie bis ins Absurde übersteigern auf die Bühne bringen – oder auf die Tanzfläche von Partys und Klubs. Diese beiden Ivorer von der Elfenbeinküste, die hier im Pumpenhaus auf der Bühne stehen, sind nämlich nicht nur Schauspieler und Tänzer, sie gehören zum Dunstkreis einer Gruppe, die es tatsächlich gibt, und die sie in ihrem Tanztheaterstück mit dem treffenden Titel „Betrügen“ verkörpern.

Franck Edmond Yao alias Gadonkon la Star erzählt die Geschichte ihres unglaublichen Erfolgs: Die „Jet Set“ kommen von der Elfenbeinküste, leben in besetzten Häusern von Paris, aber treten trotz Armut und Illegalität stolz, ja, arrogant auf.

„Man muss sie gut sehen“, sagt Yao und imitiert mit Jean Claude Dagbo alias DJ Meko einen der Auftritte, die sie berühmt gemacht haben. Mit großem Getöse und aberwitzigen Ideen stellen sie ihren Präsidenten als eine Art Gott dar, der, wie sie selbst, vorgibt im Überfluss zu leben und lässig Dollarscheine in die Menge wirft. Dazu passt der „Coupé-Decalé“, ein ihnen eigener Tanzstil, der sie mal als eitle Gockel, mal als brüllende Gorillas erscheinen lässt.

In der Regie von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen ist das zum Schreien komisch, vor allem dann, wenn Schauspieler Hauke Heumann, der ihre französischen Texte übersetzt, versucht mitzuhalten, und als afrikanischer Macho eine Rolle spielt, die ihm so fremd ist, dass er wie eine Karikatur der beiden ohnehin schon absurden Figuren wirkt.

Gintersdorfer und Klaßen amüsieren, aber sie verwirren auch, wenn sie die Afrikaner etwas spielen lassen, das diese nur allzugut aus dem eigenen Leben kennen. Authentizität und Schauspiel sind hier bis zur Unkenntlichkeit vermischt. Dass sie den Deutschen als europäisches Pendant Schauspieler entgegensetzen, spiegelt nicht nur kulturelle Gegensätze, sondern stellt auch den vermeintlich ernsthaften Künstler an sich in Frage, ganz abgesehen von Konsum-Terror und Marken-Fetischismus, der die „Jet Set“ erst zu dem gemacht hat, was sie sind. So vielschichtig, leicht und originell ist Theater selten.