19.01.2009 – VON MARIA BERENTZEN, Westfälische Nachrichten: Tosender Applaus für Unsagbares

Pressespiegel

 

19.01.2009 – VON MARIA BERENTZEN, Westfälische Nachrichten
Tosender Applaus für Unsagbares

Münster. Es gibt Situationen, da ist jedes Wort verloren wie ein Schiff weit draußen auf dem Meer – und doch zu nah an der Küste. Es gibt Dinge, die sich gegen eine Beschreibung sperren, weil jedes Wort zu viel und zugleich zu wenig über sie auszusagen scheint. Und doch: Die Dinge sind nur mit Worten zu greifen. In diese Kategorie gehört das Stück „Der Lauf zum Meer. Ein Idyll“ von William Carlos Williams, das am Sonntag im Pumpenhaus seine Preview feierte.
Phyllis (Katharina Schüttler), ein junges Mädchen, kommt als Masseurin nach New York, findet Arbeit bei der verschrobenen Corydon (Viviane De Muynck) – und hat in Paterson (Charly Hübner) einen verheirateten Liebhaber. Phyllis und Corydon nähern sich im Lauf des Stückes an, unternehmen schließlich eine Schiffsreise miteinander, und auch Paterson schafft es, die harte Schale von Phyllis zu knacken. Soweit der äußere Rahmen. Im Inneren verhaken sich die Figuren, stolpern bei ihrem Streben nach Glück über die Ungewissheit. Verzehren sich vor Sehnsucht und ertrinken in dem undefinierten Mehr von Allem, das sie herbeiwünschen. Suchen ihre Identität und verlieren sich in Bruchstücken. Wollen die Nähe und sind in ihrer Nacktheit einander gegenüber befangen.
Die Leerstellen und Widersprüche im Stück sind nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass „Der Lauf zum Meer. Ein Idyll“ aus Dialogen, Briefen und lyrischen Passagen besteht, aus Fragmenten – eine Herausforderung für das Theater T1, das sich vor allem solche Stücke vornimmt, die als nicht inszenierbar gelten. Und so finden sich auf der Bühne viele Versatzstücke, die offen lassen, welches Bild sie ergeben wollen, geschweige denn, ob die Teile überhaupt vollständig sind.
Es ist nicht nur der Klang der Worte, vor allem ist es der Klang der Musik, der den Reiz des Stückes ausmacht: Die Musiker Jean Paul Bourelly (Gitarre), Gilbert Diop (Sabar) und Willi Kellers (Schlagzeug) schafften eine Klangatmosphäre, die Emotionen Ausdruck gab, die sich dicht wie ein Netz durch den Raum gewoben hatten – und dabei doch kaum greifbar waren. Mal bespielten die drei ihre Instrumente konventionell, mal schafften sie ungewöhnliche Töne in Percussion-Manier. Alles, was Geräusche machen konnte, wurde einbezogen, gern auch der eigene Körper, wenn sich Kellers über den nackten Arm rieb, während Corydon Phyllis über ihren Liebhaber ausfragte.
Diese Verzahnung schaffte eine seltene Intensität. Das Stück ist konsequent, ist ein Alles oder Nichts – und es hat eingeschlagen: Minutenlange Beifallsstürme, Fußgetrappel, tosender Applaus für Schauspieler, Musiker und das Regieduo Thorsten Lensing/ Jan Hein erfüllten das Pumpenhaus.

Karten für die Vorstellungen am heutigen Dienstag und morgigen Mittwoch 20 Uhr gibt es im Pumpenhaus 233443.