11.11.2008 – Philip Isenbart in den Westfälischen Nachrichten: Alles wird sich hier verändern: Armut ist nun mal nicht erbaulich

Pressespiegel

 

11.11.2008 – Philip Isenbart in den Westfälischen Nachrichten
Alles wird sich hier verändern: Armut ist nun mal nicht erbaulich

Münster. Die gerade vorgestellte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigt es auf beunruhigende Weise: Die Armut wird zu einem immer dringenderen Thema. So ist auch die Frage nach der Darstellung von Armut im Theater durchaus konsequent. Doch ist dort die Darstellung von Armut überhaupt möglich? Ja, lautet die Antwort. Dies bewiesen am Mittwochabend die Regisseure Alexander Kerlin, Fabian Lettow und Mirjam Schmuck mit ihrer Inszenierung des Dramas „Die Schauspieler“ von Einar Schleef im Theater im Pumpenhaus.
Der Abend beginnt so wie er enden wird: mit bedrückender Stille. Die zunächst unbesetzte Holzplankenbühne strahlt trostlose Leere aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit erhebt sich einer der Schauspieler von seinem Stuhl und schleppt sich auf die Bühne, legt sich wie vor Schmerz verzerrt auf den Boden und stößt ein erschütterndes Seufzen aus. Allmählich erwachen auch die anderen Figuren aus ihrer Starre und verwandeln sich in winselnde, brüllende oder auch stampfende Wesen, die mit verstörender Obsession sinnlos erscheinende Tätigkeiten wiederholen, wie etwa das ständige Putzen des mit Wasser benetzten Bodens. Ein chorisches Kollektiv sorgt für weitere, in ihrer Wildheit zuweilen archaisch anmutende Dramatik.
Schleefs Theaterstück aus dem Jahre 1986 wurde durch die Aufzeichnungen des russischen Schauspielers und Regisseurs Konstantin Stanislawski über die Vorbereitung der Uraufführung von Maxim Gorkis „Nachtasyl“ inspiriert. Darin suchen Schauspieler ein Asyl auf, um die dort lebenden Ausgestoßenen für ähnliche Bühnenrollen zu beobachten. Doch das Experiment scheitert auf dramatische Weise, wie etwa die angedeutete Massenvergewaltigung einer Schauspielerin zeigt: Ehe sie es sich versehen, werden die Gäste selbst Teil des einstudierten Elends.
Die insgesamt 30 Akteure boten dem zahlenmäßig etwa gleichstark vertretenen Publikum im Pumpenhaus einen verstörenden Abend voller Schmerz, Wut und Gewalt. Keine Zweifel: Erbauliches Theater ist etwas anderes. Aber Armut ist nun mal nicht erbaulich.