21.09.2008 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Die Inszenierung der Langsamkeit

Pressespiegel

 

21.09.2008 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Die Inszenierung der Langsamkeit

Münster. Er sitzt mit dem Profil zum Publikum, die Knie angewinkelt, die Füße künstlich übereinander gestellt, dann zeichnet der Tänzer mit der Handkante die Form seines Körpers, seines Gesichtes nach. Das ist vielleicht der intimste Moment in Raimund Hoghes Tanzstück „L’Après-midi“, das jetzt im Theater im Pumpenhaus zur Deutschen Erstaufführung kam.

Inspiriert ist die Produktion von einer Choreografie, die wie keine andere Tanzgeschichte geschrieben hat: Zur Musik von Claude Debussy schockierte einst Startänzer Waslaw Nijinski (1912) als potenter Faun mit bebenden Lenden das Publikum. Hoghe, der im August durch eine unabhängige Kritikerumfrage der Zeitschrift „ballett-tanz“ zum Tänzer des Jahres 2008 ernannt worden ist, erinnert an dieses unvergessliche Tanzstück, indem er einzelne Posen einfriert. Mit einer Langsamkeit, die der Tänzer Emmanuel Eggermont souverän auf die Bühne bringt, zeigt er eine entrückte, kalte Schönheit, die nicht im entferntesten an die Erotik seines Vorbilds erinnert, wohl aber an die Figur des Faun. Etwa, wenn Hoghe Eggermont mit zurückgebogenem Oberkörper erhobenen Hauptes posieren lässt, oder wenn er ihn stets im Profil zeigt, die Füße parallel, die Hände flach ans Ohr gelegt, unbewegt wie eine griechische Statue.

Die kraftstrotzende, animalische Sexualität eines Nijinski kontrastiert hier mit einer Ästhetik, die durch klare, reine Linien besticht. Bewegungen einzelner Glieder, Arme, Beine, Kopf, erfolgen synchron und harmonieren ebenso mit der Musik Debussys wie mit Gustav Mahlers melancholischen Liedern. So wird die Langsamkeit nie langweilig, im Gegenteil: Es erstaunt, wie groß kleine Bewegungen wirken können, wenn sie mit Ruhe inszeniert sind. Dann etwa, wenn sich der Faun aus seiner Starre löst, indem er die Finger spreizt, oder plötzlich mit schwingenden Armen den Raum durchmisst.

Das sind Momente von zarter Lebendigkeit. Ansonsten wirkt Hoghes Faun eher wie ein Schatten seiner selbst, eine Erinnerung vielleicht, die dem Ende entgegengeht. Am Schluss gießt Hoghe, der die Bühne seines Tänzers bis dato durch zwei Gläser Milch begrenzt hatte, ebendiese auf den schwarzen Boden, um damit fliegende Vögel zu malen – das Ende eines außergewöhnlich sensiblen, poetischen Tanzstücks.

VON ISABELL STEINBÖCK