21.09.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung Tanz: Debussy, Hoghe und der Nachmittag eines Fauns

Pressespiegel

 

21.09.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Tanz: Debussy, Hoghe und der Nachmittag eines Fauns

MÜNSTER Sich fallen zu lassen, das Gefühl über den Verstand zu stellen: Einen solchen Zustand erreicht ein Mensch in wenigen Situationen. Beim Sex. Oder bei einem Tanztheaterstück für zwei Männer und zwei Gläser Milch.

Es ist die deutsche Erstaufführung von Raimund Hoghes Interpretation des berühmtes Ballettstücks „L’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy. Der Nachmittag eines Fauns. Bei der Uraufführung im Jahr 1912 löst es einen Skandal aus, wegen seiner strotzenden Erotik. Im Theater im Pumpenhaus in Münster sieht man am Freitagabend davon fast nichts mehr. Hoghe reduziert den Tanz, bis er fast gar kein Tanz mehr ist.

Rituale

Nur noch langsame Bewegungen, die im Laufe der guten Stunde zu Ritualen werden. Sein Tänzer Emmanuel Eggermont setzt das phänomenal zurückgenommen, mit eiserner Disziplin, Körperbeherrschung und Präzision um. Er zeichnet mit einer Hand seine eigenen Körperkonturen nach, spreizt seine Finger, fächert seine Hände auf und wieder zusammen, baut mit seinen Armen rechte Winkel, stellt einen Fuß über den anderen, schreitet die Bühne in exakten Linien ab – rückwärts, nur auf den Hacken gehend. Er formiert seinen Körper in einer langen, fließenden Bewegung immer wieder neu. Ein menschliches Mobile, das vom Nachmittagswind sanft bewegt wird. Das Gesicht ist ausdruckslos. Geschichten werden hier nicht erzählt.

Liebe und Tod

Auch Debussys Musik tut das nicht. Das sinnliche Motiv ist reines Gefühl. Hoghe will aber auch erzählen – und fügt drei Gustav-Mahler-Lieder ein. Die Worte sind da. Liebe, Einsamkeit und Tod.Wären nicht die zwei Gläser Milch mit Eggermont auf der Bühne, von Hoghe höchstpersönlich eingeschenkt und immer wieder akkurat umgestellt, wäre die Spannung nur halb so groß. Von Beginn an, als Eggermont noch am Boden zwischen den Gläsern liegt, wartet man darauf, dass die Milch verschüttet wird. Und endlich ist der erlösende Moment da. Beide Männer tun es. Die Milch fließt – und mit ihr kommt das Chaos. Weiße Laachen, in denen die beiden rühren, die sie mit der Wange fast berühren. Dann stehen sich beide Männer gegenüber. Es gab keinen Sex, keine offene Erotik, keinen ekstatischen Tanz. Und doch hat man das Gefühl, bei etwas Unerhörtem, Großem dabei gewesen zu sein.