04.06.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten – Wie ein klärendes Gewitter: Das Soap-Finale

Pressespiegel

 

04.06.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten
Wie ein klärendes Gewitter: Das Soap-Finale

Münster. Es ist kein normales Gewitter. Ein letzter tosender Sturm fegt durch das Pumpenhaus. Orkanartige Böen peitschen aus den Lautsprechern, Blitze zucken durch die Scheinwerfer, die Soap-Charaktere bäumen sich auf, stemmen sich gegen ihr Schicksal, ein letztes Mal – dann ist alles vorbei. Das „Grand Finale“ der zweiten und letzten Soap-Staffel von „Cactus Junges Theater“.
„Das gibt Aquaplaning ohne Ende.“ Trotz weiser Vorahnung macht sich Visagist Johann in Regencape und Rollstuhl auf die Suche nach Ex-Freundin Melissa: „Ich habe Melissa im Regen kennen gelernt, da werde ich sie wohl noch im Regen retten können!“ Johann will zum Held werden. Doch das Unwetter ist stärker – und alles gerät ins Schlingern . . .

Nach und nach entwirren die Regisseure Alban Renz und Pitt Hartmann die ineinander verwobenen Handlungsfäden der Fortsetzungs-Geschichte. Was passierte mit Melissas Baby? Was bedeutet die wiederkehrende Zahl „43“? Was plant der schmierige Dr. Kobald? Intrigen und Lügen werden schamlos aufgedeckt. Endlich gibt es Antworten. Zum Beispiel die: Melissas Junge lebt. Die über die letzten vier Folgen aufgebaute Spannung entlädt sich dramatisch über der Soap-Gemeinde.

Auf eine filmreif inszenierte Zeitlupen-Reanimation folgt ein kommentarlos-trockener Mord durch Halsbruch, dazwischen gibt es immer mehr Küsschen. Die Bühnen-Soap bleibt sich in der Abschlussfolge treu, als „geheuchelte Hommage“ an ihr Genre – meist überzeichnet, manchmal absurd, stets keck. Längst haben die Soap-Charaktere eigene Persönlichkeiten entwickelt. Ihre Bewegungen, ihre Sprache, ihr Stil – die Schauspieler brillieren, sie leben ihre Rollen. Was sollte Pater Claudius nach einer ersten Sofa-Nacht mit Praktikantin Bine auch sagen, wenn nicht: „Das war göttlich – Amen“?

Liebe oder Verdammnis – bei der Auflösung der Geschichte bekommt schließlich jeder sein verdientes Schicksal. Endlich Gerechtigkeit – das freut die treuen Soap-Fans, das Klatschen nimmt kein Ende. Doch, o weh, die Soap-Gemeinde verflüchtigt sich vor den Augen der Zuschauer. Die Einen zieht es mit Esoterik-Tante Cosima nach Indien, die Nächsten gehen mit einem Kindermusical auf Welttournee und Johann meldet sich per Videobotschaft vom Strand in Hawaii.

Die WG-Freundinnen Bine und Helena tauschen eilig zugeschniefte Taschentücher. Der Abschied fällt schwer. Wehmütige Blicke im Publikum. Nach zwei Staffeln, zehn Folgen und 20 Stunden Soap geht eine Ära zu Ende. Einsam bleibt Emil in der WG zurück, doch (nicht nur) er klammert sich an eine letzte Hoffnung. „Wer weiß, vielleicht geschieht irgendwann ein Wunder – und wir sehen uns wieder!“

Für die letzte Aufführung am heutigen Donnerstag, 20 Uhr, gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.