18.04.2008 – Christian Steinhagen, Westfälische Nachrichten: Dem Prekariat sein Denkmal

Pressespiegel

 

18.04.2008 – Christian Steinhagen, Westfälische Nachrichten
Dem Prekariat sein Denkmal

Münster. „Prekarier aller Länder, vereinigt euch!“ Laut schallt die Durchhalte-Parole durchs Pumpenhaus. Denn durchzuhalten und auszuhalten haben sie mehr als genug; Emily und Esther, die sich trotz Ausbildung durch ständige Praktika, Projekte und Gelegenheitsjobs quälen müssen. Und das ohne jegliche Aussicht auf eine reguläre Anstellung wie in den goldenen Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Konsequent hat sich das Frauenduo auf die Notlage eingestellt: Da eine Wohnung unbezahlbar geworden ist, ziehen sie in einem gammeligen Wohnwagen den Primitivjobs hinterher. Daher stammt der Name des Stückes „White Trailer Park Trash“, das mit „Wohnmobilparks für den Abschaum der Weißen“ übersetzt werden kann, und mit dem sich Theatermacher Ralf Hinterding in Münster vorstellt.
Im Winter ist es darin eiskalt, im Sommer wie im Brutkasten: „Total naturverbunden – man kriegt die Jahrezeiten direkt mit!“, so der angewandte Sarkasmus der beiden Entwurzelten. Besonders schön dabei ist der dringende Gesichtsausdruck von Emily Kraus und Esther Urbanski.
Intelligent wurde diese Zwangsmobilität dramaturgisch umgesetzt. Neben den Bühnenszenen wird auch live aus dem Wohnwagen übertragen, der hinter dem Pumpenhaus steht. In dem Pappwagen fühlen sich die beiden Frauen ungeschützt und suchen sich daher noch einen männlichen Mitbewohner – zu zeitgemäßen Konditionen: „Er ist Afrikaner und Asylant – wenn er nicht tut, was wir sagen, melden
wir ihn beim Amt, und er wird ausgewiesen!“
Dann dämmert den Damen eine unternehmerische Idee. Einen Security-Service – in „Gievenbeck, der Einfamilienhaus-Hölle“. Schnell wird noch etwas nachgeholfen und einige „Hartz-eleven-Bezieher“ als fanatische Islamisten mit schwarzem Rollkoffer umgestylt, um den Gievenbeckern die akute Bedrohung zu simulieren. Aber es hapert mal wieder am Finanziellen: Beschützen lässt sich jeder gern, aber dafür zahlen . . ..
Und weiter ziehen die Frauen den Wohnwagen mühsam durch den real existierenden Siemens- und Nokiastaat. Dabei fällt ihnen wieder etwas zum Durchhalten entgegen. Von dem Buch mit dem dynamischen Titel „Auf den Straßen des Sieges“ erhoffen sich Emily und Esther weitere Anregungen. Leider vergeblich, denn der Untertitel verweist auf einen sehr speziellen Unternehmensberater: „Mit dem Führer in Polen“. Eine Kostensenkung in eigener Sache gelingt ihnen dann doch noch auf bizarre Weise: Durch die kulinarische Verwertung eines Leidensgenossen lassen sich die Essensrationen beträchtlich erhöhen.
Ein Kompliment gebührt Andi Umpfenbach, der die Tücken von Kamera, Video und Außenübertragung komplett im Griff hatte.