04.04.2008 – Gerd H. Kock in den Westfälischen Nachrichten Schöner Realitätsverlust

Pressespiegel

 

04.04.2008 – Gerd H. Kock in den Westfälischen Nachrichten
Schöner Realitätsverlust

Münster. Man möchte dazwischenrufen „Moment mal, da stimmt doch was nicht“. Doch schon spricht der Mann weiter. Und spricht. Und spricht. Und spricht. Ein fast ununterbrochener, gleichmäßiger Strom an Worten saugt und drückt die Aufmerksamkeit mächtig an sich. Dabei heißt das Stück „Still leben“.

Immerhin der Anfang ist „still“ – optisch zumindest. Das Licht im Keller des Pumpenhauses geht aus, bleibt – je nach Gemütslage – beruhigend oder beängstigend lange aus. Und dann ist der Mann da. Der spricht den Text des Briefromans „Still leben“ von Jan Peter Bremer. Den hat das Theater „Loco Mosquito“ als Monolog eingerichtet.

Die Ausgangslage hört sich total öde an: Ein Mann mit seiner Familie allein auf einer Hütte in schönster Natur – das klingt nach langweiliger Idylle. Bühnenverson nach Buchvorlage – das klingt nach langwieriger Rezitation. Ein Schauspieler monologisiert – das klingt nach langem Atem. Aber plötzlich sind gute 70 Minuten vorbei. Wie kommt’s?

Der Text ist perfide und die Inszenierung auch. Minimal-Irritationen allüberall. Patrick Wildermann hat in seiner sorgsamen Inszenierung nicht das Selbstgespräch eines Briefe schreibenden Zivilisationsflüchtlings geschaffen. Die Zuschauer sind keine Voyeure, die der simplen Story einer psychosozialen Eskalation beiwohnen. Sie werden durch die Sprache des Autors und die Ansprache des Akteurs zu einem Teil des schönen Spiels rund um den Realitätsverlust. Denn in „Still leben“ ereignet sich keine Geschichte, sondern es ereignet sich Sprache.

Jan Peter Bremer hat feine, anscheinend scheinbar falsche Fäden in die Erzählung gelegt, Fährten, die auch Leitfäden sein könnten. Der Hörer versucht Zusammenhänge herzustellen. Die aber zerbröseln unmerklich, aber stetig und vor allem an einer Figur, die ständig präsent, aber nicht anwesend ist: „Mein lieber Freund“.

An diesen Freund richten sich die Briefe. Er hat ebenso wenig einen Namen wie die Frau, die Tochter und der Sohn. Die Familie lebt auf einem namenlosen Berg, in einem namenlosen Tal – ein vielsagendes Überall, ein omnipräsentes Nirgends.

Gian-Philip Andreas gestaltet den prosa-lyrischen Text bewundernswert sicher. Aber vor allem bringt Andreas das irre idyllische Glück zum Leuchten. Und er treibt die zunehmende Verwirrung, die Wut, den Wahn nicht ins Psychopathische. Andreas kreiert gespenstische Magie, die schon der Text verspricht: „Ich bin ein Wunsch. Du bist mein Freund.“ „Wenn man sich so lieb hat wie wir, ist Enge der größte Reichtum.“ Wenn das keine Drohung ist . . .?

Das Publikum (darunter der Berliner Autor und Ingeborg-Bachmann-Preisträger Jan Peter Bremer selbst) nahm die Uraufführung mit begeistertem Applaus auf.

Weitere Aufführungen: 16., 24. und 27. April jeweils 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten: 23 34 43.