22.03.2008 – Markus Küper in den Westfälischen Nachrichten: Tierischer Beifall für eine Zoogeschichte

Pressespiegel

 

22.03.2008 – Markus Küper in den Westfälischen Nachrichten
Tierischer Beifall für eine Zoogeschichte

Münster. Wo die Gitterstäbe fehlen, ist die Grenze zwischen Tier und Mensch oft fließend. Jerry alias Andreas Ladwig jedenfalls, dieser ausgesetzte Streuner im „Bahnhof Zoo“ des Pumpenhaus-Kellers, wirkt wie ein trauriger Hund in Lauerstellung. Penetrant zieht der Typ im Muskelshirt seine unruhigen Kreise, beschnuppert Peter (Pitt Hartmann), den arglosen Herrn auf der Parkbank, mit vorsichtiger Neugier, hockt sich in sicherer Distanz vor ihn hin und geht forsch zum verbalen Angriff über: „Ich war im Zoo“.
Das Publikum, durch die U-Bahn-Geräusch-Installation von Gregor Droste in die klaustrophobische Enge dieser aus grünen Leuchtstoffröhren und Wellpapp-Quadern stilisierten Parklandschaft gelotst, ahnt sofort: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser nervige, indiskret herumschawenzelnde Kläffer in diesem Mikrokosmos des Lebens zum Sprung auf Peters Territorium ansetzt und Edward Albees auf ebenso sanften wie absurden Satire-Pfoten stromerndes Konversationsstück in der Tragödie endet. Bis dieser zufällige „Dialog“, diese harmlose Plauderei zweier sehr ungleicher Menschen in die tätliche Katastrophe kippt. Weil Jerry mit verbaler Arglist an Peters goldenen Biedermann-Käfig knabbert, dessen wohlanständiges Leben mit den Wellensittichen in seiner Tragik entblößt und auch ansonsten alles tut, die unsichtbaren Gitterstäbe zwischen ihnen zu durchbeißen, den Verleger in Verlegenheit zu bringen.
Mit viel Gespür für subtile Stimmungswechsel haben Andreas Ladwig und Peter Hartmann Albees „Zoogeschichte“ in Szene gesetzt, pendeln die Spannung ihrer traurigen Gestalten aus zwischen Drohgebärde und Zweikampf, zwischen Ignoranz und Arroganz. Man spürt die Unsicherheit hinter Hartmanns konventionell-unverbindlichem Gehabe, hinter seiner Fassade wohlwollender Höflichkeit, wenn er ungemütlich auf seiner Bank herumruckelt und verkrampft in seinem Textbuch blättert.
Wenn Ladwigs Jerry sich in Rage redet, wird aus dem lauernden schnell ein tollwütiger Hund, der nicht nur bei seiner „Hundeparabel“ mit den Zähnen fletscht und den ohnehin leicht verschreckten Peter noch schwerer in die Parkbank sinken lässt. Ruhelos zwischen Soziopath und Menschenfreund flirrt dieser Jerry, der sich veralbert fühlt, wenn die Tragikomik von Peters Existenz sich in einem Lachkrampf entlädt. Am Ende ist einer tot, und für den anderen nichts im Leben mehr wie vorher. Tierischer Beifall!