13.03.2008 – Heike Hänscheid in www.echo-muenster.de: Himmelskörper im Pumpenhaus

Pressespiegel

 

13.03.2008 – Heike Hänscheid in www.echo-muenster.de
Himmelskörper im Pumpenhaus

In ihrer russischen Heimat hat es lange gedauert, bis man die Arbeit von Olga Pona zu würdigen wusste. Zu sehr weicht das, was die studierte Traktormaschinenbau-Technikerin mit ihrem Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre ausdrückt, vom tief geprägten russischen Kultur- und Ballettverständnis ab.

Die Zuschauer im münsterschen Pumpenhaus allerdings wussten gestern Abend offenkundig, dass sie Werke einer wichtigen zeitgenössischen Choreografin sahen. Ihr neues Stück „Celestial Bodies“ (Himmelskörper) zeigt einen Tanzstil, der der jungen Truppe viel abverlangt. Rein körperlich – man fragt sich angesichts der verdrehten Beine und Wirbelsäulen zuweilen, ob die sieben Tänzerinnen und sechs Tänzer überhaupt an Schwerkraft und Knochengerüst gebunden sind. Moderner Tanz sicherlich, Bodycontact – und viel eigene Bewegungssprache der knapp 50-jährigen Choreografin, Dozentin und Tänzerin, die ihre Protagonisten in Soli, Pas de Deux oder Pas de Troix auf die Bühne schickt. Einen Zustand verschiedener Dimensionen gleichzeitig möchte sie dabei erschaffen, so sagt sie selber – unspektakulär erzählt, spektakulär getanzt.

„Die Verrückte aus Chelyabinsk“

Das einfache und harte russische Leben wird als ihr persönlicher Hintergrund deutlich – die Perestroika erst hatte ihr den Zugang zur westlichen Entwicklung des modernen Tanzes geöffnet. Den ersten Workshop von Merce Cunningham in Moskau sah sie als Zuschauerin – und er war die Initialzündung zur Gründung der eigenen Company. Das wiederum trug ihr den Titel „Die Verrückte aus Chelyabinsk“ ein. Doch inzwischen gastiert das Ensemble gefeiert bei Festivals und Tourneen zwischen Polen und Frankreich, Litauen und Korea.

Tanzende Äpfel

Und eben in Münster: Nach dem Gastspiel im vergangenen Jahr nahm das Publikum das neue Stück mehr als freundlich auf. Als Himmelskörper fungierten dabei durchaus auch tanzende Äpfel, wirkungsvoll an unsichtbaren Fäden im Dialog mit den Tänzern kreisend und auf und ab steigend. Die rotierende Spiegelkugel – nach dem abschließenden „Raumschiffstart“ – war ein unerwartet poetischer Schluss für den doch eher herben Bilderbogen.

Audrey wird lebendig

Im zweiten Teil des Abends präsentierte die 30-jährige Tänzerin Maria Greyf (Foto), seit 1997 Mitglied des Tanztheaters, eine eigene Choreografie. Sie basiert auf einer Idee von Olga Pona , die auch Kostüm, Videobeitrag und Soundtrack zusammenstellte. „Audrey“ entstand im Jahr 2005 und befasst sich mit der Schauspielerin Audrey Hepburn – einer Ikone der westlichen Welt für russische Frauen, als man sich hinter dem Eisernen Vorhang häufig nur per Spielfilm informieren konnte.

Knetgummi und Federberg

Sich dieser Frau zu nähern, ihrer scheinbaren Leichtigkeit, Kindlichkeit und gleichzeitig Eleganz nachzuspüren, ist das Ziel des gut 20-minütigen Solos. „Die Erinnerung an diese Person zu überprüfen und sich dabei ein eigenes Bild zu schaffen“ , darum gehe es. Mit Knetgummi-Kontur, mit milchiger Klebe als Kleister, mit wildem Winden an einem Gummiseil entlang der Wand und einem barbusigen Bad im Federberg auf dem Bühnenboden. Den lang anhaltenden Beifall der Gäste gab die Tänzerin bescheiden zurück.

Die Company wird auch heute Abend um 20 Uhr im Pumpenhaus noch einmal beide Stücke präsentieren. Es gibt noch Karten.

Heike Hänscheid