12.03.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Wilder Tanz in den Tod

Pressespiegel

 

12.03.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Wilder Tanz in den Tod

Münster. Als Igor Strawinskys Stück „Le Sacre du Printemps“ 1913 in Paris uraufgeführt wurde, kam es zu Tumulten. Das Publikum war auf die expressionistische Wucht der Musik nicht vorbereitet und reagierte mit Unverständnis.
Spöttisch wurde das Wort „Sacre“ (Weihe, Salbung) zum „Massacre“ verballhornt. In gewissem Sinn hatte man damit nicht ganz Unrecht. Schließlich geht es in dem Ballett um ein heidnisches Ritual, das für die Jungfrau, die dem Frühlingsgott geopfert wird, tödlich endet.
Diesen Ritualcharakter betont der Kanadier Daniel Léveillé in seiner bahnbrechenden, 1981 entstandenen Choreografie, die am Wochenende in Münsters Pumpenhaus gezeigt wurde. Die Musik kommt aus den Lautsprechern, und das Personal ist auf vier Tänzer reduziert, die mit ihren grauen Hosen und nackten Oberkörpern auf den ersten Blick wie Arbeiter auf einer Baustelle wirken.
Archaische Kraft
Sanft kreisen sie zur lyrischen Einleitung über die Bühne, bis sie von den Vorboten des Frühling in einen expressiven, maschinenhaften Rhythmus getrieben werden. Ihren Bewegungen wohnt eine archaische Kraft inne, die sie zu einer perfekten Einheit mit der Musik verschmelzen lässt.
Die Erde wecken
Mit den Tönen geraten sie ins Taumeln, werden erneut von einer rhythmischen Lawine erfasst und stampfen mit nackten Füßen der noch im Winterschlaf liegenden Erde den aufrührerischen Takt heidnischer Gottheiten ein. Kurze, ballerinahafte Posen deuten den Tanz der Jungfrauen an, der sich schließlich mit wilden Akkorden zur Ekstase des Todes steigert.
Eingeleitet wurde der Abend mit der „Demonstration No. I“ von Martin Belangér. Der kanadische Tänzer und setzte die Gedanken eines Menschen unterhaltsam in körperliche Bewegung um. In Léveillés anschließendem „Les Traces No. II“ verwandelte sich die Tänzerin Louis Bédard in eine menschliche Maschine kurz vor der Selbstzerstörung. Abwenden konnte sie die Katastrophe, indem sie als „Girl From Ipanema“ über die Bühne watschelte.