10.03.2008 – Schamlos, nicht verrückt / Uschi Körfer in der GIG

Pressespiegel

 

10.03.2008 – Schamlos, nicht verrückt
Uschi Körfer in der GIG, März 2008

Kisten ohne Aufschrift – ein hysterisches Zirpen von MAKE im Pumpenhaus

Ein ungewöhnliches Duett. Eine Frau lacht, lacht mit jeder Faser ihres Körpers und ansteckend. Eine andere Frau antwortet ihr, in einem anderen Universum, mit Trommelwirbeln ihrer blanken Fußsohlen auf dem Boden. Die lachende Frau ruft: „Ich will nicht lachen! Ich will nicht!“ Aber ihre formulierte Gegenwehr hat kaum die Kraft durch die Konvulsionen ihres herzlichen, qualfreien Lachens durchzudringen.
Regisseur Manfred Kerklau, der sich, um sie zu öffnen, Themen gern von vielen Seiten nähert, bringt mit der großartigen Choreografien und Tänzerin Tamami Maemura und mit der umwerfenden Schauspielerin Gabriele Brüning außergewöhnlich ergreifendes, poetisches und anrührendes Tanztheater ins Pumpenhaus. Ausgehend von – im konkretesten Sinne – alten Klischees, nämlich den Geschichte machenden Hysteriebildern des Dr. Charcot der Pariser Salpêtrière, schaffen die drei ein schleierleichtes Gewebe von Text, Raum und Bewegung, das von allen Begriffen, Bezeichnungen, Gewissheiten, allem Wissen befreit ist – daher die „Kisten ohne Aufschrift“. Das Zirpen – die zwischen Insekten- und Maschinenklängen, sphärischen Störungen, sanftem Pizzicatowalzer und melancholischem Piano oszillierende Live-Musik – wird kongenial von Kai Niggemann beigesteuert. Maemura und Brüning befinden sich im ständigen Dialog, antworten auf Tanz und Bewegung, Regungslosigkeit und Stille, getrennt durch eine zarte Gazehaut in der Mitte der Bühne, einen Reichtum von Assoziationen, Gefühlen und Erinnerungen freisetzend. Tamami Maemuras Tanz ist ausdrucksstark, schlicht, intim und kristallklar; sie wischt den Gilb von den „hysterischen Klischees“ und legt darunter eine zarte Welt frei. Mit atemberaubendem Timing und sekundenschnellen Stimmungs- und Tonwechseln lässt Gabriele Brüning eine endlose Zahl von Frauentypen aufscheinen.  Die Kisten bleiben am Ende selbst ohne die Aufschrift „Frau“: Was bleibt, ist eine Herzen, Augen, und Ohren öffnende Universalerfahrung dessen, was es bedeutet ein fühlendes Wesen in einer verrückten Welt zu sein.
Aufführungen:  Fr. 29. Februar, Sa. 1. + So 2. März
Fr. 14, Sa. 15. So. 16. März, jeweils 20.00 Uhr