18.02.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung: Theater T1 inszeniert grandiosen „Onkel Wanja

Pressespiegel

 

18.02.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Theater T1 inszeniert grandiosen „Onkel Wanja“ im Pumpenhaus

Diese Bühne ist ein Schlachtfeld. Herzen werden hier zerfetzt, Ideale, Liebe, billige Strümpfe. Sehnsucht, Gefühle, sogar die letzte Hoffnung werden ertränkt in Rotwein und Wodka. Literweise. Diese Bühne ist hässlich, eklig und stinkt nach Fusel. Und es wäre eine Schande, sie sich nicht anzusehen.

Denn in diesem Sumpf aus Zerstörung und Tristesse wühlen sich die neun Schauspieler des Theaters T1 durch Anton Tschechows „Onkel Wanja“, als gelte es, ihre eigene Seele zu retten. So viel Überzeugungskraft, so viel böses, lakonisches Sprechtheater, das Desinteresse am Text vorgaukelt, um die Figuren umso härter herauszuschälen: Das hat man in Münster lange nicht gesehen. Ein hervorragendes Ensemble, das dreieinhalb Stunden lang das Theater im Pumpenhaus zum Sirren bringt. Begeisterter Applaus, Standing Ovation.

Und das nicht nur, weil Devid Striesow als Arzt Astrow blank gezogen hat. Weil er nackt, rotzig, rauchend und hackenstramm komplett aus der Rolle fällt, improvisiert zum Steinerweichen, Anspielungen auf Münsters Spießigkeit macht, ein überlegenes Macho-Schwein mimt, eine Rampensau. Ja, diese One-Man-Show allein ist es schon wert, sich das Stück anzuschauen.

Aber das ist es eben nicht nur. Das Stück begeistert vor allem, weil das Regie-Duo Thorsten Lensing und Jan Hein es schafft, den richtigen Rhythmus für die dreieinhalb Stunden zu finden. Den richtigen Rhythmus für Tschechow zu finden. Sie lassen schwanken zwischen brüllender Komik und brüllender Verzweiflung, leisem Nichts und lautem Alles, leisem Alles, lautem Nichts.

Striesow ist ein paar Minuten später wieder klein und armselig. Er weint sich an Onkel Wanjas Schulter aus. Weil er Elena (Ursina Lardi) liebt, und es nicht schafft, sie von ihrem alten hustenden Molch-Gatten (Rik van Uffelen) loszueisen. Und seine Tochter Sonja (Ursula Rennecke) hat das gleiche Problem mit dem Arzt: Sie liebt ihn heiß, doch hoffnungslos. Denn er weiß davon nichts. Schlimmer noch: Als er es weiß, ist es ihm egal. Nur eine der vielen Gemeinheiten des Stückes.

Onkel Wanja (großartig: Josef Ostendorf) vereint all diese Nicht-Leidenschaften und Leidenschaften in sich. Er ist die traurigste aller traurigen Figuren in diesem Spiel. Alles Männer und Frauen ohne Eigenschaften.

Es scheint, als sei diese Inszenierung ein Spiegelbild des heutigen Russlands: zerrissen, oberflächlich, auf der Suche nach einer Identität, die längst zerflossen ist, die nur noch traurige Pfützen bildet, so wie der Rotwein, dessen Pfützen zum Schluss der Inszenierung hässlich übrig bleiben. Und sie werden nicht weggehen, die Flecken, diese hässlichen Flecken der Hoffnungslosigkeit.

Termine: 22., 23., 24. 2., 20 Uhr, Pumpenhaus. Karten: (0251) 592-5252.