21.01.2008 – Markus Küper, Westfälische Nachrichten Horvaths „Ein Kind unserer Zeit“

Pressespiegel

 

21.01.2008 – Markus Küper, Westfälische Nachrichten
Horvaths „Ein Kind unserer Zeit“:

Münster – Wenn Damir Avdic im harschen Kommisston „Willkommen im Land der Schmerzen!“ ins Mikro krakelt, ahnt das Publikum noch nicht, wie ernst es ihm damit ist. Dann haut der bosnische Psycho eines seiner verzerrten Gitarren-Riffs in die Saiten, als wollte er mit seiner Stromgitarre Gewehrsalven abfeuern. Die klingen zunächst mindestens so schräg wie sein Aufzug aussieht, dessen vom Schlips bis zum Beinkleid kariertes Einheitsmuster allein schon einer ästhetischen Kampfansage gleichkommt.

Keine Frage: Wenn der bosnische Regisseur Branko Simic Ödon von Horváths späten Exil-Roman „Ein Kind unserer Zeit“ im Pumpenhaus auf punkig pimpt, herrscht Krieg! Zumindest ein audiovisueller. Im Vergleich zu Avdic, diesen penetranten Punk’n’Roller, wirkt Schauspieler Pedrag Kalaba, Horváths namenloser Soldat, jedenfalls wie ein braver Statist in Uniform. Auch wenn er von Simic auf ein Podest gestellt wird. Kleiner Mann ganz groß? Ein Kind unserer Zeit eben. Ein naiver Mitläufer, der gerne in Reih und Glied steht. Einer, der die geordneten Dinge liebt, die das Denken überflüssig machen. Einer, der eben aus Leidenschaft Soldat ist. Ein mit Phrasen voll gestopfter, schuldlos schuldig gewordener Statthalter des Teufels auf Erden. Ob für Führer, Volk und Vaterland oder im Bosnien-Krieg.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Auch ohne Simics postpubertäre Bühnen-Sperenzchen. Ohne die infantil anmutenden, vom Laptop an die Leinwand gebeamten Kritzeleien, mit denen die Künstlerin Biljana Milkov die Lebensbeichte des zumindest verbal vom willfährigen Instrument kriegslüsterner Mächte zum armselig verstörten, nachdenklichen Krüppel mutierenden Protagonisten zu untermalen versucht. Vom Wolkenkuckucksheim bis zur Hölle auf Erden. Ohne das monotone, von allzu gewollt grotesker Gestik begleitete Dauerfeuer von Avdics Gitarre, das den von allerlei Wiederholungen und Ellipsen getragenen, immer wieder aus dem Off gedoppelten Selbstzerstörungs-Monolog bis an die Schmerzgrenze zur Langeweile konterkariert. So sehr, dass selbst der pazifistischste Zuschauer sich fragt, warum nicht Avdic statt des armen, verirrten Soldaten in diesem lähmend langen Theaterkrieg seinen Arm verliert.

Wie eingefroren kauert dieser schließlich auf seinem Podest der zerstörten Träume. Ein desillusioniertes, geistig gebrochenes Häufchen Elend, über das sich wohltuend lautlos das Eis des Vergessens schmiegt. „Paradies?“, kritzelt Milkov noch bedeutungsschwanger fragend an die Wand. Für das längst ermattete Publikum auf jeden Fall.