21.09.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Der Horror, den das Leben liefert

Pressespiegel

 

21.09.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Der Horror, den das Leben liefert – Cactus Junges Theater serviert einen „Schrecklichen Abend“ im Pumpenhaus

Es ist dunkel auf der Bühne, ein polterndes Geräusch kommt langsam näher. Plötzlich geht das Licht an: Mit verrenkten Gliedern und verzerrten Mündern sitzen die Darsteller halbnackt auf kleinen Tischen. Dann begeben sich die Kreaturen mühsam zum Tatort: Übereinander geschichtet, bilden sie einen Berg aus Armen, Beinen, Köpfen – leblose Körper, wie im Völkermord.

Cactus Junges Theater zeigt Horror, der zwar selten erschreckt, dafür mitunter beängstigend realistisch wirkt. Unter der Regie von Alban Renz kamen im Pumpenhaus fünf Kurzgeschichten auf die Bühne; Edgar Allan Poe ist dabei und Howard Phillips Lovecraft, außerdem Fragmente aus moderner Horrorliteratur, verwoben mit eigenen Texten. Der Titel dieser knapp zweistündigen Produktion: „Ein schrecklicher Abend“. Ausgehend von Poe und Lovecraft zieht sich die amerikanische Geschichte wie ein roter Faden durch das Stück, dargestellt in großformatigen Bild-Projektionen, jeweils als Einleitung zu den Gruselstücken, die das sechsköpfige Ensemble als Hommage an das Pariser „Theatre du Grand Guignol“ (1897-1962) mit Bravour auf die Bühne bringt. Zum Auftakt beeindruckt Fabio Gunnemann als Mann mit zwei Gesichtern: Im beigen Anzug, die Knie zusammengepresst, wirkt er verklemmt. Doch bald rauscht es ihm in den Ohren; der Wahnsinnige wird zum Mörder. Überzeugend steht Gunnemann auch als brutaler Handlanger von US-Senator Joseph McCarthy auf der Bühne; auf der Jagd nach Kommunisten kennt er im Verhör keine Gnade. Eine große schauspielerische Leistung auch von Shaun Fitzpatrick, der zitternd, lautlos weinend, alles über sich ergehen lässt. Rica Hellige als Psychotherapeutin und Andy Strietzel als ihr Klient halten die Spannung im Gespräch um ein sogenanntes Schreckgespenst. Der Clou: Die Therapeutin mutiert am Ende selbst zum Monster. Surreal wird es in Lovecrafts Geschichte um eine Schiffbrüchige, ausdrucksstark dargestellt vom Ensemble, darunter auch Hannah Neffgen. Eine Horror-Persiflage rundet den Abend ab. Andy Strietzel amüsiert als übereifriger Schauspieler in einer Hörspiel-Produktion und reißt alle mit; sogar die genervte Regisseurin, gespielt von Julia Hoffmann, verspritzt schließlich hemmungslos Blut.