10.09.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Fließende Energie

Pressespiegel

 

10.09.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Fließende Energie

Animalisch pirscht sich der Tänzer an, jagt pfeilschnell, mit kleinen Schritten, über die Bühne, zeigt atemberaubende Sprünge. Das Objekt seiner Begierde ist eine Frau, die wie ein kleines Tier neben einem Baum hockt, ihre Arme weich und fließend wie Vogelschwingen, die Hände kunstvoll gehalten wie zum chinesischen Tanz. Seiner wilden Zuneigung begegnet sie mit Ablehnung; zu unterschiedlich scheint ihr Wesen zu sein.

Sébastien Ramirez und Hyun-Jung Wang aka Honji setzen ihr Thema um Identitätssuche und Annäherung in Tanz um, der so kunstvoll wirkt, dass man kaum fassen kann, weshalb die beiden in der internationalen Tanzszene nur als Geheimtipp gehandelt werden. Für das „Pumpenhaus“ hätte es kaum eine stärkere Premiere zur Saison-Eröffnung geben können als diese herausragende Produktion der Kompanie Sébastien Ramirez, „Monchichi“. Vielleicht liegt es an der außergewöhnlichen Tanz­ästhetik, die sich zwischen B-Boying, klassischem und zeitgenössischem Tanz bewegt, an Sébastien Ramirez und Monji Wangs Choreografie, die sich jedem Schubladendenken verweigert. „Monchichi“ steht für die Exotik des Einzelnen, das Unverständnis zwischen den Kulturen. Ein streitlustiger Nachbar, erzählt Ramirez mit ironischem Unterton, habe ihn einmal so genannt. Ein Ex-DDRler, der auf seine Mittagsruhe pochte und über den unkonventionellen Künstler nur den Kopf schütteln konnte. Auf der Bühne setzt das Paar mit seinen koreanisch-deutschen Wurzeln auf der einen, sowie der spanisch-französischen Herkunft auf der anderen Seite Ablehnung und Unverständnis in furiosen Tanz um. Aufregend, wie Sébastien Ramirez seiner Partnerin an den Hals springt, in den Kopfstand gleitet oder auf einem Arm balanciert. Mit seinem außergewöhnlichen Tanzstil, den er als „sachte und kontrolliert“ beschreibt, gelingt es dem Tänzer, B-Boying die Härte zu nehmen, Ecken und Kanten abzuschleifen, bis hin zu einer Leichtigkeit, die vergleichbar ist mit klassischem Tanz. Im Tango übernimmt dennoch sie die Führung, manipuliert seine Schritte, tritt ihn weg. Umso stärker Momente, in denen die Körper zueinander finden, als seien sie eins, verbunden über wellenförmig tanzende Arme, wie Energie, die von einem in den anderen Körper fließt – großartig!