10.04.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Die Frau als Freiwild?

Pressespiegel

 

10.04.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Die Frau als Freiwild?

Eine weiße, rechteckige Fläche gestaltet die Bühne als Raum der Begrenzung. Vier nackte Tänzerinnen bewegen sich darin wie in einem Bilderrahmen, drehen sich Arm in Arm im Kreis, bilden mit ihren Körpern ästhetische Figuren. Parallel dazu sind Filmaufnahmen zu sehen, die das Geschehen von oben abbilden. Mal simultan, mal zeitversetzt aufgenommen, dient diese Technik auch der Multiplikation von Körpern, in einem Tanzstück, das mitunter wie eine Kunst-Performance wirkt.

„The Dry Piece“ ist der Titel von Keren Levis neuer Produktion, die im Pumpenhaus als „Work in Progress“ zu sehen war. Seit Mitte März arbeitet die gebürtige Israelin im Probezentrum Hoppengarten an ihrer Video-Performance. Koproduziert mit dem Pumpenhaus soll das Stück im Mai das „Festival a / d Werf“ in Utrecht eröffnen und Anfang kommenden Jahres dann auch in Münster zu sehen sein. Eine gute Stunde ließ die Choreografin, die ihre künstlerische Heimat schon lange in den Niederlanden gefunden hat, Einblick nehmen in den derzeitigen Stand ihrer Produktion. Bedauerlicherweise fanden sich zum anschließenden Gespräch gerade einmal knapp eine Hand voll Zuschauer bereit. Anders als in Publikumsgesprächen sonst stellte die Choreografin die Fragen und machte deutlich, dass sie hier nicht nur Ästhetik, sondern auch Ethik thematisiert. Dabei geht es ihr räumlich um ein Zentrum, als Mittelpunkt der Choreografie. Gegen Ende des Stücks etwa ist eine Zielscheibe auf den Gazevorhang projiziert. Die Frau als Freiwild? – Vielleicht. Keren Levi hat sich für ihre Performance von Filmemacher Busby Berkely inspirieren lassen – in den 1930er Jahren inszenierte er Musicals mit weiblichen Körpern auf großartige Weise – und von Naomi Wolf, die in ihrem Buch, „The Beauty Myth“, das Frauenbild westlicher Gesellschaften kritisch hinterfragt. Provokant wirkt Levis Arbeit trotz Nacktheit (noch) nicht, dazu scheint die Inszenierung zu distanziert und schematisch, wenn auch spannend, in fließendem Gleichklang der Individuen, die sich hinter ihrer auf Nacktheit reduzierten Körperlichkeit selbst aufzulösen scheinen.