25.03.2012 – Ursula Decker-Bönniger / Online Musik Magazin: Keine Angst vor Demenz

Pressespiegel

 

25.03.2012 – Ursula Decker-Bönniger für das Online Musik Magazin
Keine Angst vor Demenz

Helena Waldmann ist Tanzregisseurin. Ihr vorletztes Stück aus dem Jahre 2010 „Revolver besorgen“, war kürzlich im Theater im Pumpenhaus in Münster zu sehen. Es ist eine beeindruckende ästhetische Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz – ein Kunstwerk aus Licht, Musik, O-Ton-Einspielungen und virtuosem Solotanz, für den Brit Rodemund von der Zeitschrift Tanz als Tänzerin des Jahres 2011 ausgezeichnet wurde.

Bis auf die linke Ecke, in der sich ein Berg aus luftig aufgehäuften, transparent orangefarbenen Plastiktüten befindet, ist und bleibt die Bühne leer. Bis auf eine Vergrößerungsscheibe, die dem Körper in einer Szene zerrspiegelartig immer neue Gesichter verleiht, gibt es keine Requisiten. Was an mitreißenden Bildern zu sehen ist, lebt ganz von der unglaublichen, Stepptanz, Pantomime und klassisches Ballett gleichermaßen beherrschenden Verwandlungskunst der Solistin. Sie führt uns das irritierend widersprüchliche, selbstvergessene Spiel mit Erinnerungsmotiven und dem eigenen Körper vor Augen, lässt erahnen, wie nahtlos Erinnern und Vergessen, Leid und Freud, Schmerz und Lust etc. beieinander liegen.

So wird bspw. zu Beginn das am Boden Robben im nächsten Moment mit soldatischem Stechschritt, militärischem Gruß, freundlichem Blick und lärmenden Gewehrsalven beantwortet. Nach einem kurzen Innehalten folgt unerwartet ein Spiel mit sich verselbstständigenden  Körpergliedern, ein pantomimisches Gespräch mit ausgezogenen Schuhen. Sie unterhalten sich, fangen an zu streiten, werden handgreiflich, schlagen auf Oberschenkel und Hand ein. Dazu erklingt Gustav Mahlers romantische Sehnsucht verkörpernde Rückert-Vertonung „Ich bin der Welt abhanden gekommen, mit der ich sonst so viele Zeit verdorben“ Und in der dritten und letzten Strophe heißt es: „Ich bin gestorben dem Weltgetümmel (…) Ich leb’ allein in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied.“

Oft stellt Helena Waldmann in ihrem einfallsreichen Stück dieser romantischen Sehnsucht nach Entgrenzung eine Art triebhafter Selbstzerstörung gegenüber. Bilder überschwänglicher Lebensfreude und kindlicher, grenzüberschreitender Fantasiewelten kontrastieren mit Bildern körperlichen Verfalls und Kontrollverlust. Walzerseligkeit und swingende Jazzklänge im Dialog mit stepptänzerischen Einlagen wechseln mit dem rauschenden Kratzgeräusch einer abgelaufenen Platte oder etwa den medizinisch nüchternen Beschreibungen der anatomischen Gehirnveränderungen bei Demenz.

Und doch überwiegt der positive Blick auf das ständig wechselnde, neue Gesicht des Körpers. Ähnlich der Episode, in der Brit Rodemund sich mit kindlicher Neugier und Fantasie die Welt der Plastiktüte erobert, sie betrachtet, zerknüllt und wieder wachsen sieht, dem knirschenden Geräusch lauscht, sie wie einen Ball hüpfen lässt und zum Revolver formt, lebt das Erforschen und Versinken in die eigene Innenwelt von der durch Transformation, die unvermittelt eintritt und vorübergeht. In der letzten Szene hören wir Kinderlachen, der Körper krümmt sich und zieht sich in den Plastiktütenhaufen zurück, um vergraben unter Tüten in einem letzten Zucken zu ersterben.