11.03.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: „The Kitchen“ im Pumpenhaus

Pressespiegel

 

11.03.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
„The Kitchen“ im Pumpenhaus

Getränke-Kisten dominieren auf der verspielt wirkenden, originellen Bühne. An der Decke sind sie fixiert, auf dem Boden gestapelt; dem Musiker Stefan Kirchhoff dienen sie als Podium für Schlagzeug und Gitarre. Mit seiner dynamischen Sound-Collage gibt er der Company den Takt vor: In großen Sprüngen jagen zwei Tänzer über die Bühne. An improvisierten Tischen und Stühlen vorbeilaufend, schnappt sich Gabrio Gabrielli Kakao, eine Schüssel und ein Ei, bis er schließlich auf Andy Zondags Schulter sitzt, mit den Zähnen eine Milchpackung aufreißt wie ein Tier, und alles zu einem Teig anrührt – skurrile Tänzer-Köche, reif für den Zirkus.

„The Kitchen“ (Die Küche) ist die erste eigene Produktion von Alexandra Morales. Seit Jahren arbeitet die Tänzerin erfolgreich mit Samir Akikas Kompanie „Unusual Symptoms“ zusammen. Im Pumpenhaus hat sie mit sechs Darstellern ein Tanztheater auf die Bühne gebracht, das so jung und schräg wirkt, wie man es von Akika kennt. Dabei gelingt es der Choreografin, die verschiedensten Facetten um Küche und Essen zu beleuchten, in einem energiegeladenen, dramaturgisch stringenten Stück. Bemerkenswert, dass hier, in „der Küche“, nur die Regisseurin weiblich ist, und „Mama“, die liebevoll zitiert wird. Vor dem Hintergrund von Tierquälerei, Gentechnik und Nahrungsmanipulation bereitet das Essen geradezu albtraumhafte Szenen. Zuckend und grimassierend liegen die Darsteller auf dem Boden. Johannes Fundermann lässt sich, nackt und mit roter Farbe beschmiert, an den Füßen kopfüber aufhängen wie ein totes Schwein und singt später in salbungsvoller Flower-Po­wer-Manier, dass er lieber Blumen isst als Fleisch. Komisch und ironisch wirken die Szenen, wenn Tänzer in Tierfellen eine Party feiern, einen Stoffleoparden einrahmen oder wie Prediger davon sprechen, dass jeder der Koch seines eigenen Lebens sei. Der kritische Anspruch ist dennoch unmissverständlich und nimmt für sich ein, ebenso wie die sympathischen, lebensnahen Erzählungen der Darsteller, die ihre Küche zum Schauplatz privater Geschichten machen. Erlebnisse, die geprägt sind von Liebe und Schmerz, so intim inszeniert, als säße man gemeinsam mit ihnen zwischen Kühlschrank und Herd – großartig.