05.03.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Das Leben – ein Fest

Pressespiegel

 

05.03.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Das Leben – ein Fest; Folkwang Tanzstudio Essen beeindruck im Pumpenhaus mit zwei Choreografien von Mark Sieczkarek

Eine Blumentapete bildet die Kulisse, ein kleines Stück Idyll, mitten im dunklen Bühnenraum. Im Zentrum steht eine menschliche Silhouette; herausgeschnitten aus der grün gemusterten Wand, dient sie den Tänzern doch als Tor zur Welt – ins Dies- wie ins Jenseits. Die schwarze Öffnung stört die Harmonie, wie Regentropfen an einem perfekten Junitag.

Mark Sieczkarek hat „Drops of Rain in Perfect Days of June“ 1995 choreografiert, um sich mit dem Tod seines Lebenspartners, des brasilianischen Schriftstellers Caique Ferreira, auseinanderzusetzen. Im Pumpenhaus feierte das Stück jetzt Premiere, neu einstudiert mit dem durch Pina Bausch berühmt gewordenen Folkwang Tanzstudio. Am Anfang und Ende steht die Ruhe: Ein Tänzer sitzt auf dem Boden, lässt seine angewinkelten Arme langsam kreisen und bringt so eine Kette von Menschen in Bewegung. Spirituell, wie ein Yoga-Meister, wirkt das Individuum im Gewühl der tanzenden Gruppe: Bald formieren sich die Figuren zum Pulk, lassen mit den Fingern Regen tröpfeln, dann wiederum begeistern sie als Ensemble durch virtuosen Tanz. Faszinierend, wie im Gewirr fliegender Jacketts, wirbelnder Arme und Beine synchrone Bewegungsmuster entstehen. Mal atemlos, mal rührend wirken die Szenen, wenn Tänzer gegen imaginäre Widerstände kämpfen oder, verspielt wie Kinder, über die blumige Bühne hopsen. Wenn sie am Ende selbst zu Silhouetten werden, schließt sich der Kreis. Ein melancholisches Stück, als poetischer Abgesang auf das Leben. Die zweite Choreografie des Abends, „July“, sprüht vor Lebensfreude. Mark Sieczkarek lässt die Männer in kurzen Hosen und knallroten Hüten, die Frauen in knappen Rüschenröcken barfuß auftreten. Assoziationen von Sonne und Sand drängen sich auf, wenn die Kompanie zu afrikanischen Rhythmen über die Bühne wirbelt, mal im Solo, mal zu zweit oder in der Gruppe. Wie gelöst wirkt dieses strahlende Ensemble, wenn die Tänzer ihre Hüften schwingen lassen oder sich glücklich miteinander im Kreis drehen. Hier, so scheint es, hat sich der Choreograf der Tanzfreude ergeben, befreit von Dramatik oder negativen Emotionen. Das Leben, ein Fest – schön.