05.03.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Folkwang Tanzstudio zwischen Liebe und Tod

Pressespiegel

 

05.03.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Folkwang Tanzstudio zwischen Liebe und Tod

Die hintere Wand ist mit Blüten und Blättern bemalt und hat in der Mitte ein Loch in Form eines aufrecht stehenden Menschen. Durch diese Aussparung strömen die Tänzer nach und nach zu einer Art Requiem auf die Bühne.

Das Andenken gilt dem brasilianischen Schriftsteller Caique Ferreira, der Mitte der 1990er Jahre an Aids starb. Er war der Freund des Choreografen Mark Sieczkarek und hat ihm eine Sammlung von Gedichten hinterlassen, die sich mit dem Leben, der Liebe und den Tod auseinandersetzen. Auf Grundlage dieser Texte entwickelte Sieczkarek 1995 seine Choreografie „Drops of Rain in Perfect Days of June“, die jetzt in einer Neuinszenierung mit dem brillanten Ensemble des Folkwang Tanzstudios im ausverkauften Pumpenhaus in Münster zu sehen war.

Das Stück besticht durch eine große Bandbreite an Stimmungen. Von zärtlich verspielt über todtraurig bis hin zu Komik reicht das Spektrum, mit dem das 13-köpfige Ensemble das Publikum in Atem hält. In einer Szene liegen zwei Tänzer parallel auf dem Boden und bewegen synchron Arme und Beine. Aber kurz darauf verwandelt sich die Harmonie in Hektik. Der Strudel des Lebens erfasst die Tänzer und treibt sie in heftigen Zuckungen über die Bühne.

Als sie schließlich erschöpft zu Boden sinken, wird ein Tänzer aufrecht über die Liegenden getragen, während er mit den Beinen Gehbewegungen macht – eine schaurig-schöne Szene, die Assoziationen an Gespenstergeschichten weckt. Aber auch diese Stimmung wird wieder gebrochen, wenn die Protagonisten den Tanz mit slapstickhaften Bewegungen ins Groteske steigern oder wenn sie mit flatternden Händen wild durcheinander laufen und so an einen Schwarm aufgescheuchter Vögel erinnern.

Zug in die Unterwelt

Die stärkste Wirkung erzielt die facettenreiche Meditation über Liebe und Tod aber in der Schlussszene. Alle Tänzer haben die Bühne verlassen und bewegen sich in einer langen Kette hinter der Aussparung in der Wand vorbei. Wie durch ein Schlüsselloch beobachtet der Zuschauer den Zug in die Unterwelt und erkennt, dass der Tod etwas ist, das man akzeptieren muss, weil er sich naturgemäß und damit völlig folgerichtig aus dem Leben ergibt.

Nach der Pause stand Sieczkareks neuste Arbeit auf dem Programm. „July“ erweist sich als kurze, aber äußerst temperamentvolle Choreografie, die mit lateinamerikanisch und afrikanisch beeinflusstem Tanz das Leben feiert. Ethno, Erotik und Ritual verschmelzen hier zu einer ausgelassenen Party, bei der klug gesetzte Momente der Verzögerung die Stimmung nur noch stärker anfachen. Das Ergebnis ist gute Laune pur, die schnell auf das Publikum übergreift und so einen herrlich unbeschwerten Gegenpol zum ersten Teil des Abends bildet.