02.03.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Wunderbar, wie das Leben selbst

Pressespiegel

 

02.03.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Wunderbar, wie das Leben selbst – Mark Sieczkares ausdrucksstarkes Tanzstück „Symphonia“ im Pumpenhaus

Die Bühne wirkt wie ein Tempel der Vergänglichkeit: Vorn stehen getrocknete Blumen; Papierbahnen aus Blüten und Blättern bilden die Kulisse. Eine Tänzerin tritt auf, bleibt lange ruhig im offenen Eingang stehen. Ihr Blick scheint nach innen zu gehen, wenn langsam Bewegung in den Körper kommt, sie die Hände wie zum Schutz über Kopf und Augen legt oder den Oberkörper meditativ nach vorn beugt, so, als wolle sie sich vor diesem heiligen Ort verneigen.

„Symfonia“ ist der Titel von Mark Sieczkareks neuer Choreografie, die er mit vier Tänzern im Pumpenhaus ausdrucksstark auf die Bühne brachte. Musikalische Grundlage ist die 3. Sinfonie des polnischen Komponisten Henryk Górecki, katholisch gefärbte Todesvariationen für Sopran und Orchester, die auf grandiose Weise Melancholie und Trauer transportieren. Im Zusammenspiel mit den Tänzern entfaltet die Musik tatsächlich die im Programm beschriebene, „universelle Kraft“, denn Sieczkarek entwickelt hier eine ganz eigene Spiritualität, jenseits konkreter Glaubensrichtungen. Zwei junge und zwei ältere Tänzer setzen die Musik in poetischen, emotionalen Tanz um. Neben Tsutomu Ozeki begeistert vor allem Ruth Amarante durch herausragenden, tänzerischen Ausdruck. Am Ende der Sinfonie scheint sie sämtliche Höhen und Tiefen erlebt und durchlitten zu haben, mit einer konzentrierten Spannung, die keine Ruhe kennt. Eine fantastische Tänzerin, die nicht ohne Grund auch in Pina Bauschs legendärem Wuppertaler Tanztheater engagiert ist. Mark Sieczkarek gelingt es in seinem einstündigen Tanzabend, neben Wehmut und Abschied, auch die Liebe zum Leben darzustellen. Wie von unsichtbarer Hand geleitet, scheinen die Individuen ihre Wege zu gehen, wenn sie, dicht nebeneinander, in einer Reihe Kreise ziehen, einander behutsam die Richtung weisen oder mit schwingenden Armen und fliegenden Röcken Schönheit zelebrieren. Harmonisch, geradezu organisch, verbindet sich Siecz­kareks ästhetischer Tanz mit Góreckis Musik, fließt ohne Unterlass dahin – wunderbar, wie das Leben selbst.