27.02.2012 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Düsterer Beginn des Tanzfrühlings im Pumpenhaus

Pressespiegel

 

27.02.2012 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Düsterer Beginn des Tanzfrühlings im Pumpenhaus

Zwei Tänzer rennen gegen Wände, rotieren horizontal in der Luft, fliegen durch den Raum: Kraftvolle Dynamik zeichnet die Choreografie von Alexis Fernandez und Julio César Iglesias aus, Bewegungen, die mitunter auch an Breakdance erinnern. Wer Wim Vandekeybus und seine Kompanie „Ultima Vez“ kennt, wird unweigerlich an den kompromisslos waghalsigen Tanzstil des berühmten Belgiers erinnert. Iglesias war bis vor kurzem in seinem Ensemble engagiert, wie Fernandez stammt er aus Kuba, und beide sind seit Jahren in der europäischen Tanzszene aktiv. Im Pumpenhaus hat das Duo eine trashige Tanzproduktion auf die Bühne gebracht, düster in der Grundstimmung, witzig in Details, virtuos im Tanz.

„Drown the Road“ („Überflute die Straße“) ist der Titel ihrer Uraufführung, die, produziert von Samir Akikas Kompanie „Unusual Symtoms“, den Tanzfrühling im Pumpenhaus eröffnete. Elf Arbeiten hochkarätiger Kompanien sind hier bis Mai zu sehen, Alexis Fernandez begeisterte bereits im vergangenen Sommer, als er mit Caterina Varela (La Macana) eine betörend schöne Kurzchoreografie auf die Bühne brachte. Die neue Tanzproduktion macht es dem Publikum nicht so leicht. Julio Iglesias verbreitet Endzeitstimmung, wenn er auf düsterer, leerer Bühne das menschliche Dasein als nichtig und unbedeutend erklärt. Ausgestattet mit Motorradhelmen schwanken die Tänzer über die Bühne, kriechen mit verdrehten Gliedern über den Boden oder sitzen einander wie Babys in Windelhosen gegenüber und hauen grobmotorisch aufeinander ein. Die Spezies Mensch: lächerlich, skurril und dem (Größen-)Wahn nahe. Irre wirkt Iglesias, wenn er sich mit grellen Scheinwerfern blendet oder sich für Jesus, ja Gott selbst hält. Der chilenische Surrealist Alejandro Jodorowsky hat sie inspiriert zu solchen Szenen, in denen es auch darum geht, einen sinnvollen Weg durchs Leben finden, etwa in Nähe und Zuneigung. Es hat etwas Anrührendes, wenn Alexis Fernandez seinen Kopf in Julio Iglesias’ Bauch bohrt, sich durch seine Beine schlängelt, ihn umkreist und beide in fließend-dynamischen Bewegungen miteinander vereint sind. Starke Momente, in denen sich die beiden wüsten Gestalten als poetische Tänzer erweisen.