27.02.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Tanz mit dem Motorrad

Pressespiegel

 

27.02.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Tanz mit dem Motorrad

Der Anfang gestaltet sich eher unheimlich. Aus den Boxen erklingt schaurige Musik, und das Licht wirft gespenstige Schatten an die Wand. Langsam steigt einer der Tänzer die Treppe herauf, die vom Keller auf die Bühne führt – fast nackt.

Auf seinem Kopf hat er einen Motorradhelm, der ihn wie eine Figur aus einem Science-Fiction-Film aussehen lässt. Perry Rhodan in Unterhosen? Oder ein intergalaktisches Insekt, das einen Blick auf den seltsamen Planeten Erde wirft? Wie auch immer. Was er sieht, scheint ihm nicht zu gefallen. Denn kaum hat er das Ende der Treppe erreicht, macht er umgehend wieder kehrt. Ein ebenso kurzer wie skurriler Auftritt, den sein Kollege mit einer an spastischen Bewegungen orientierten Tanzeinlage beantwortet.

Bei ihrer 50-minütigen Tanzperformance „Drown the road“ haben sich Julio César Iglesias und Alexis Fernandez von den Arbeiten des chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky beeinflussen lassen. Herausgekommen ist eine Reise durch das Leben, die sie mit einem innovativen Mix aus zeitgenössischen Tanzstilen in Szene setzen – ein Motorradtrip auf einer „fucking road“, wie Iglesias es an einer Stelle formuliert. Die Uraufführung fand am Freitagabend im Theater im Pumpenhaus statt.

Dieser Trip wird nicht ohne Witz umgesetzt. Zum Lachen reizt vor allem der Part, in dem sich die beiden Tänzer in Windeln gegenübersitzen und mit Händen und Füßen auf den behelmten Kopf des anderen einschlagen, tapsig wie Babys. Dann wechselt die Stimmung, wird auf eine gewisse Weise fast zärtlich, wenn Fernandez sich wie eine Schlange um den sich ankleidenden Iglesias scharwenzelt und ihm so seine Aufwartung zu machen scheint.

Der Tanz der beiden ist kraftvoll, akrobatisch an einigen Stellen, und führt die Gangart des Streetdance in Kunst über, ohne ihm seinen anarchischen Impetus zu nehmen. Vieles spielt sich dabei erdnah ab. „I’m in love with the floor“, schreit Iglesias und schmeißt sich auf die Bühnenbretter, als wolle er sie begatten. Dann wieder wirken die Bewegungsabläufe merkwürdig gehemmt, als würden die Tänzer gegen etwas anrennen, das sie in ihrer Freiheit behindert. Insgesamt eine sehenswerte Inszenierung des Lebens als Kampf, die vom Publikum mit langanhaltendem Applaus bedacht wurde.