10.02.2012 – Westfälische Nachrichten: „Finnland“ begeistert im Pumpenhaus

Pressespiegel

 

10.02.2012 – Westfälische Nachrichten
„Finnland“ begeistert im Pumpenhaus

Münster – Vier Schauspieler sitzen vor einer schäbigen Wand und verkörpern ein und dieselbe Person. Jeweils zwei leihen Rolf im Wechsel ihre Stimme, mal ist er fast neun, mal knapp 55. Rolf ist der kleine Bruder von Stiefschwester Lena, die Mutter Sabine nach dem Zweiten Weltkrieg aus Finnland zurück nach Deutschland nahm. Seit Jahren wird das Mädchen von Vater Günther missbraucht, und der Junge leidet mit, hört nachts im Bett ihr Keuchen, Schreien und sein pochendes Herz.

„Finnland“ ist eine Theaterproduktion des Bonner Fringe Ensembles in Kooperation mit Phoenix 5 aus Münster. Regisseur Frank Heuel hat ein spannendes Experiment gewagt: Er gab vier Autoren – Ivo Briedis, Jens-Martin Eriksen, Lothar Kittstein und Andreas Vonder – den Auftrag, auf Basis einer realen Familiengeschichte voneinander unabhängige Texte zu schreiben, die je eine Figur in den Mittelpunkt rücken. Entsprechend lässt sich die Handlung wie ein Puzzle zusammensetzen: Da ist der kriegsgeschädigte Vater und Kinderschänder Günther, der sich seine Verbrechen schönredet und immer verrückter wirkt. Die Mutter flüchtet sich ins Reinemachen, Rolf träumt sich in den Weltraum hinein. Die traumatisierte Lena schließlich bringt ihren Peiniger mit 20 um, und lebt noch 40 Jahre später in der Psychiatrie; für das gemeinsame Kind konnte sie nie sorgen. Der Enkel leidet unter der unbewältigten Vergangenheit. Eine harte Geschichte, die Frank Heuel mit originellen Regieeinfällen, guten Texten und einem versierten Ensemble facettenreich auf die Bühne bringt. Der Regisseur hält sein Publikum auf Distanz, indem er die Figuren mehrfach besetzt, Verfremdungseffekte einbaut und auch Komik immer wieder zulässt. So etwa in der Realsatire zur Familienaufstellung am Anfang, mit einer wunderbaren Justine Hauer als Psychotherapeutin. Oder in der Darstellung von Mutter Sabine: Bettina Marugg spielt die Frau fantastisch, wenn sie den Wahnsinn ihres Mannes beschreibt, mit dem Rücken zum Publikum, wild auf die Tasten einer Orgel einhämmernd, als sei sie selbst verrückt. Ein weiterer Kunstgriff sind Szenen, die live, schwarz-weiß gefilmt, auf eine Leinwand projiziert werden: Die Stimmung der Nachkriegszeit könnte kaum besser auf die Bühne kommen in diesem spannenden, vielschichtigen Stück, das man nicht so leicht vergisst.