16.01.2012 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Western „Reverend Kreon“: Frauen schießen schärfer

Pressespiegel

 

16.01.2012 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Western „Reverend Kreon“: Frauen schießen schärfer

In der griechischen Mythologie geht es nicht zimperlich zu. Am schlimmsten treibt es wohl Medea, die ihre eigenen Kinder umbringt, um sich an ihrem treulosen Gatten Jason zu rächen. Modernes Regietheater inszeniert diese Tat gerne als Schlachthaus. Nicht so das Junge Theater Cactus.

Regisseur Alban Renz und sein zwölfköpfiges Ensemble machen aus dem klassischen Stoff einen feministisch angehauchten Mädchenwestern, bei dem zwar geballert wird, aber kein Tropfen Blut fließt. „Die Frau, die Reverend Kreon erschoss“ heißt die rundum gelungene Inszenierung, für die Regina Laudage die Textvorlage lieferte. Am Samstag hatte das Stück im Pumpenhaus Premiere. Auftakt eines kleinen Festivals zum 20-jährigen Bestehen von Cactus.

Grausame Rache

Grob zusammengezimmerte Bretter und alte Whiskyfässer markieren eine Westernstadt, in der Reverend Kreon das Sagen hat. Medea betreibt den örtlichen Saloon, der deutlich ins Bordellhafte lappt, während Jason sich bei Kreon als Sheriff verdingt. Als er mit dessen Tochter Aphrodite anbandelt, wird Medea sauer und ersinnt mit Hilfe eines Orakels einen grausamen Racheplan.

Die jungen Darstellerinnen bringen die Geschichte mit farbenfrohen Kostümen (Bettina Zumdick), eindrucksvollen Tanzeinlagen (Choreografie: Jennifer Ocampo) und einer guten Portion Ironie auf die Bühne. Sprachduktus und Gestik sind an die raue Gangart des Westerns angelehnt, und natürlich fällt mit den Worten „Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide“ irgendwann auch der Satz, der in diesem Genre nicht fehlen darf. Als inszenatorischen Kontrapunkt setzt Renz dem cowboymäßigen Treiben einen klassischen griechischen Chor entgegen oder lässt die Huren im Saloon Tango tanzen.

Keine Angst vor starken Worten

Alle Rollen sind weiblich besetzt, auch die der Männer. Das führt anfangs zu leichten Irritationen, aber bald gewöhnt man sich daran und hat seine Freude am großspurigen Getue, mit dem die Mädchen die Eitelkeiten des starken Geschlechts entlarven. Allen voran Hannah Neffgen, die Kreon zuweilen wie Hitler schnarren lässt, sodass sich sein Gottesdienst wie eine Mischung aus Reichsparteitag und Monty Python ausnimmt. Mareike Fiege legt als Medea überlegenes Temperament an den Tag und kann auch mal ausfallend werden, wenn sie von der Geliebten ihres Mannes sagt, sie sei „dumm wie vollgepisstes Stroh“.

Knapp zwei Stunden dauert die höchst unterhaltsame Inszenierung, die den klassischen Stoff in ein fremdes Genre überführt, ohne ihn zu entfremden, und kurz vor Schluss sogar noch die Wende von der Komödie zur Tragödie schafft. Zweifellos eine der originellsten Medea-Adaptionen zwischen Texas und Tecklenburger Land.